Das Erdzeitalter des Anthropozäns und die Notwendigkeit der großen Transformation. Welche Rollen spielen Umweltpolitik und Umweltrecht?

Erst mal vorab: Ja, seit gestern (11.7.2023) ist der Vorschlag der Anthropocene Working Group zur exakten geologisch-stratigraphischen Definition des Anthropozäns öffentlich – ein Bohrkern aus dem Crawford-Lake, Ontario/Kanada wurde als Standardprofil und Standardpunkt von uns dazu (als GSSP, Global boundary Stratotype Section and Point, auch als “Golden Spike” bezeichnet) vorgeschlagen, das Anthropozän würde damit global um 1950 beginnen.  Demnächst wird hier auch noch ein erläuternder Beitrag von mir zum Thema kommen. Bis dahin findet sich viel zum gestrigen Vorschlag in den Medien ( z.B. GEO hier, DER SPIEGEL hier , SÜDDEUTSCHE hier ,FAZ hier, mein Langinterview für FU-Campusleben hier oder mein Radiointerview für Bayern 2 hier

 Und ja, es ist erst ein Vorschlag und immer noch ein langer Weg bis zur eventuellen formalen Einrichtung auf der chronostratigraphischen TimeChart (derzeit aktuelle Time Chart siehe hier). 

Aber ich dachte, es könnte von Interesse sein, hier mal kurz mögliche, auch rechtliche Wege zur Transformation hin zu einem stabileren Erdsystem zu diskutieren. Denn gerade wenn das Anthropozän mit stratigraphisch exakt definierter isochroner Untergrenze und weiteren isochronen “Events” überwiegend sogar in jährlichen Zeiteinheiten differenzierbar wird, steht ein sehr exaktes sedimentäres Archiv menschlicher Tätigkeiten zur Verfügung, welches im Unterschied zu anderen, sog. historischen Archiven eben nicht vom Menschen eingerichtet wurde. (der in historischen Archiven bestimmt, wo und was er überhaupt registrieren will, seien es zB. Buchtitel, jährlicher Düngemittelverbrauch, bürokratisch archivierte Fischfangzahlen, gemeldete Versicherungsdaten zu Unwetterschäden, ausgewählte Flugbahnen von Erkundungssatelliten etc etc.).  Das Umweltarchiv der anthropozänen Sedimente wurde und wird im Unterschied dazu von der Natur (Lithosphäre, z.T. Pedosphäre) zur Verfügung gestellt und archiviert menschliche Aktivitäten und deren sedimentärer “Fußabdrücke” weltweit und in allen Ablagerungsräumen. Was für ein Gewinn, solche Daten gemeinsam mit Daten aus der Archäologie und den historischen Archiven interdisziplinär auszuwerten und auch Fortschritte bei den Bemühungen zur Transformation hier automatisch aufgezeichnet zu bekommen.

Da die Transformation, die dann auf der “Konsequentiellen Metabene” (siehe diesen Anthropozäniker-Beitrag, Abb. 1) allerdings nur durch uns Menschen gelingen kann und dazu eine Vielfalt von Änderungen notwendig ist, im Nachfolgenden nun ein Auszug aus meinem Artikel in der Zeitschrift für Umweltrecht von 2017, bei dem ich derartiges kurz anreiße (Hier wiedergegeben ist die Kurzfassung und das Diskussionskapitel).


Nachfolgend ein kurzer Auszug aus: Reinhold Leinfelder, 2017, Das Zeitalter des Anthropozäns und die Notwendigkeit der großen Transformation. Welche Rollen spielen Umweltpolitik und Umweltrecht? – Zeitschrift für Umweltrecht, ZUR 2017/5, 259-266. Nomos 

Kurzfassung:

Das Anthropozän-Konzept kann, richtig verstanden, ein wertvolles wissenschaftliches und normatives Leitprinzip zur Beförderung einer großen Transformation zur Nachhaltigkeit sein. Es kann in drei Ebenen unterteilt werden. Aus den ersten beiden Ebenen, der Analyse der anthropogenen globalen Veränderung des Erdsystems und dem daraus resultierenden global veränderten sedimentären Niederschlag ergibt sich zum einen eine Notwendigkeit zur Etablierung einer neuen erdgeschichtlichen Epoche, zum anderen eine komplexe Metaebene der Zukunftsverantwortung aller gesellschaftlicher Gruppen. Ähnlich wie Technologien haben Umweltrecht und Umweltpolitik einen enormen Anteil an der Entstehung des Anthropozäns, können nun aber auch einen wesentlichen Teil dazu beitragen, Wege zur Erreichung eines funktionsfähigen Erdsystems im zukünftigen Anthropozän zu ebnen, das der Menschheit dauerhaft ein würdiges und selbstbestimmtes Leben ermöglicht. 

Diskussion

Der Anthropozän-Ansatz ist gleichermaßen Bestandsaufnahme der Umweltsituation, dynamische Analyse des dahinter stehenden dynamischen und komplexen Prozesses, Mahner der Verbindung und Interaktion aktuogesellschaftlicher, historischer und erdgeschichtlicher Skalen sowie dringliches Signal zur Änderung vieler Verhaltensweisen, gesellschaftlicher Prozesse und vieler Wirtschaftsweisen. Damit dieser Gesellschaftsvertrag aber nicht nur virtuell bleibt, sondern Aussicht auf Umsetzung hat, müssen auch die Rechtssysteme, wiederum auf allen Ebenen, also vom Privatrecht über kommunale Verordnungen bis hin zum internationalen Recht unter diesem Blickwinkel überdacht und ggf. angepasst bzw. ergänzt werden. Dies ist Aufgabe der Rechtswissenschaften, welche hier wiederum in vielen Bereichen interdisziplinär und trans- disziplinär mit anderen Wissenschaftssparten sowie mit gesellschaftlichen Stakeholdern zusammen- arbeiten sollten. Nur wenige Anregungen aus Sicht eines interdisziplinär arbeitenden Geowissenschaftlers sollen [basierend auf dem weiter oben Aufgeführten] nachfolgend gelistet werden. 

Sektorale Wissenschaften werden weiterhin notwendig bleiben, müssen aber durch inter- und transdisziplinäre Wissenschaften wieder deutlich besser miteinander verbunden, zu systemischen Ansätzen befähigt und damit auch insgesamt gesellschaftsrelevanter werden. Hierbei sind insbesondere die Transformationswissenschaften und transformative Wissenschaften auszubauen und dafür geeignete Förderungs- und Governance-Strukturen, ggf. auch für verbesserte Bürgerwissenschaften, wie partizipative Co- Science, Co-Design und Co-Governance aus-  bzw. aufzubauen. 

Im Bereich der Kommunen könnten u. a. Dämmungsvorhaben, Nutzgärten auf Dächern in urbanen Gebieten (ggf. in Kombination mit Solarpanellauben), weitere Subventionsanreize für Heizungsaustausch (sofern aus erneuerbaren Energien gespeist), erleichterte Wohnungstauschmöglichkeiten, Mietwohnungsumbauten (ggf. via modularer Systeme), die Nutzung von ÖPV und Fahrrädern u.v.m. durch Anreize und Abbau innovationsbehindernder Regelungen beflügelt werden und die Stadtplanung ihre starre sektorale Aufteilung der urbanen Flächen in exklusive Wohn-, Büro-, Erholungs-, Shopping- und Industrieräume flexibilisieren. Eine integrierte und flexible Stadtplanung, sowie generell eine gesetzliche Vorgabe zur Berücksichtigung systemischer Aspekte in Verwaltung, Bildung, Ausbildung, Universitäten und sonstiger Governance (Länder, Bund, EU, UN) wären ebenfalls dringend angebracht. 

Umfangreiche weitere transformative Maßnahmen in Politik und Gesellschaft betreffen ebenfalls juristische Sachverhalte. Zur Erprobung möglicher Zukunftslösungen sowie deren Akzeptanz müssen experimentelle transformative Projekte ermöglicht werden. Um die dafür notwendige Risikobereitschaft sowie den Ausbau einer Kultur, welche auch aus Scheitern einzelner Projekte positive Lehren zieht, zu fördern, sollten Innovationshemmnisse abgebaut werden, wobei selbstverständlich Haftungsfragen abzuwägen und Externalitäten zu berücksichtigen sind. Im Bereich der Umweltgesetzgebung existieren viele grundsätzlich gute nationale wie internationale Regelungen, welche jedoch oft an der Implementierung, zu geringer Reichweite, dem Monitoring oder den fehlenden Sanktionsmöglichkeiten kranken. Hier wären rechtliche Ermöglichungs-, Kooperations-, Unterbindungs- und ggf. Sanktionsregelungen zu erarbeiten. Auf nationaler, europäischer und UN-Ebene könnten Zukunftsfolgenabschätzungsprüfungen für gesetzliche Regelungen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen implementiert werden, was auch [dem oben formulierten] Commons-Ansatz befördern würde. Nationen oder Länderverbünde könnten zum Sachwalter des gemeinsamen Anthropozäns werden. Das Ziel, Klimaschutz bzw. höchstmögliche Erdsystemstabilität ggf. als verfassungsrechtliches Ziel oder gar als Menschenrecht zu verankern, sollte dabei ebenfalls weiterverfolgt werden. Rein wirtschaftsbasierte Freihandelsabkommen sollten von Transformationsabkommen abgelöst werden. Hierbei sollte der Langzeitkompass einer globalen Kreislaufwirtschaft durch Besteuerung von Ressourcenverbrauch und Schadstoffemissionen auch rechtlich die Richtung weisen. 

Die Umweltrechtswissenschaften sind hier auf gutem, jedoch wohl noch langem Wege. Etliche Grundsatzarbeiten zum Umweltrecht im Kontext des Anthropozäns sind bereits vorhanden. Das Internationale Recht basiert allerdings im Wesentlichen auf der Stabilität des holozänen Erdsystems. Dies erlaubte die Festlegung fest definierter Staaten und Staatsgrenzen sowie Handel über die vorhandenen stationären Ressourcen. Staatsrechtler konnten bislang davon ausgehen, dass sich das Erdsystem nicht bereits über politische Zeiträume ändert. Da das Internationale Recht hier allerdings auf dem kolonialen Erbe aufbaut, ist es auch mitverantwortlich am Entstehen des Anthropozäns. Das Anthropozän-Konzept macht deutlich, dass alles mit allem zusammenhängt, also lokales mit globalem, heutiges mit vorhergehendem und zukünftigen, und Natur mit Kultur. „From the core to the periphery“, vom Kern zur Peripherie zu denken, kann nicht mehr funktionieren, dazu ist die Konnektivität zwischen Mensch und Erdsystem, aber auch vom Individuum zu allen Menschen inzwischen zu groß geworden. 

Dem Umweltrecht stehen im Anthropozän komplexe Aufgaben bevor. Wie verknüpfen wir lokales und globales, nationales und supranationales, Tierrechte und Menschenrechte, Selbstbestimmung und Maschinenabhängigkeit, Urnatur und zukünftig vielleicht auch stark biotechnisch veränderte Neonatur? Inwieweit kann dies wissensbasiert und transformativ basierend auf größerem V erständnis menschlicher Gesellschaften als integrativer Teil des gesamten Erdsystems geschehen? Müssen auch im Anthropozän doch eher wieder dualistische Konflikte des richtig oder falsch ausgetragen werden? Oder ist auch hier ein sowohl als auch möglich? 

Die notwendige Offenheit der Zukünfte zur vorsorgenden, systemischen und gerechten Gestaltung eines auch menschliche Gesellschaften dauerhaft tragenden anthropozänen Erdsystems ist also nicht nur durch Risikokapital, Experimentierklauseln sowie Effizienzsteigerungen möglich, sondern umfasst auch die philosophisch-rechtliche, normative Frage, was ist richtig, was ist falsch, was gehört mir und was gehört allen? Vielleicht ist diese normative Neubewertung die größte, aber auch spannendste Aufgabe nicht nur für die Ethik, sondern auch für die Rechtswissenschaften im Anthropozän. 

R. Leinfelder ist Mitglied der internationalen Working Group on the „Anthropocene“ (AWG) (eingesetzt von der International Commission on Stratigraphy der IUGS), 

Kurzauszug aus: Reinhold Leinfelder, 2017, Das Zeitalter des Anthropozäns und die Notwendigkeit der großen Transformation. Welche Rollen spielen Umweltpolitik und Umweltrecht? – Zeitschrift für Umweltrecht, ZUR 2017/5, 259-266. Nomos 

Anthropozäniker-Version v. 12.7.2023; Linknachträge v. 15.7.2023.

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Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Er ist Professor an der Freien Universität zu Berlin (Arbeitsgruppe Geobiologie und Anthropozänforschung) sowie (seit Okt 2018) zusätzlich Senior Lecturer am Institut Futur der FU. Seit April 2022 ist er formal im Ruhestand. Seit 2012 ist er Mitglied der Anthropocene Working Group der International Stratigraphic Commission. Von 2006-2010 war er Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, von 2008-2013 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), von 2011-2014 Research Fellow und affiliate Carson Professor am Rachel Carson Center an der LMU, München, von 2012-2018 Principal Investigator am Exzellenzcluster "Bild-Wissen-Gestaltung" der Humboldt-Universität zu Berlin, von 1. Sept. 2014 bis 15. Sept. 2016 Gründungsdirektor der Futurium gGmbH in Berlin. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen beim Anthropozän, Korallenriffen, neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers und Museologie | Homepage des Autors | blog in english, via google translate

11 Kommentare

  1. “Dem Umweltrecht stehen im Anthropozän komplexe Aufgaben bevor. Wie verknüpfen wir lokales und globales, nationales und supranationales, Tierrechte und Menschenrechte, Selbstbestimmung und Maschinenabhängigkeit, Urnatur und zukünftig vielleicht auch stark biotechnisch veränderte Neonatur?” 🥴

    Geht es nicht noch komplizierter, wo wir doch erstmal nur eine klärende Kommunikation für ein globales Gemeinschaftseigentum OHNE wettbewerbsbedingte Symptomatik brauchen!?

  2. Also einerseits ist die Datenlage noch nicht klar, seit vielleicht 1880 ist es auf diesem Planeten etwas mehr als 1 K wärmer geworden und andererseits sind die zugrunde liegenden naturwissenschaftlichen CO2-zentrierten Theoretisierungen erst anleitend für Maßgaben einer so erkannten Klimapolitik und die Maßnahmen, die u.a. auch die Mitigation, die Anpassung oder gar die Nutzung derartiger Veränderung meinen könnten, wenn klarer wird, dass sie zutreffen, empirisch adäquat werden.
    Also die so gemeinten Theoretisierungen.

    Von ökosozialistischen Ansätzen wird hier streng abgeraten, denn der Verfall in kollektivistisches Sein wird die Unflexibilität der Menge bedeuten und die Unfähigkeit sich so auseinander- und gegenzusetzen.

    Dr. W mag die Idee des sog. Anthropozän, nicht aber Idee und Leutz, die hier klare Meinung haben und auf eine bestimmte derart passende Umsetzung pochen, dabei vielleicht gar Andersmeinende diskontieren.

    Zeitgenössische AI, neue Robotik, neues Auftauchen im Weltall, Elon Musk, der “kleine Spinner” darf womöglich an dieser Stelle erwähnt werden, werden absehbarerweise alsbald Optionen bereit stellen, die, äh, noch nie ein Mensch gesehen hat. [1]
    Dr. W mag die Idee eines per Geo-Engineering geschaffenen Erd-Thermostats, der auch dann Sinn machen, wirtschaftlich erträglich wäre, wenn es keine wie annoncierte und plausible terrestrische Erwärmung geben täte.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

    [1]
    -> ‘Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise dabei in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.’ [“StarTrek”]

  3. Hihihi… Allein die Vorschlagsliste zeigt, dass das Anthropozän wohl der falsche Name ist. Die ganze Geschichte der Menschheit ist wohl nur eine Übergangsphase in das Zeitalter der Maschinen. Wir waren nie mehr als ein Katalysator. Unsere Gesellschaften sind bereits jetzt Maschinen, in denen wir Maschinenjobs machen – ein Schaffner ist ein Schauspieler, der einen Roboter spielt, eine austauschbare Komponente der großen Anlage, die durch Programme und Algorithmen kontrolliert wird, die wir Gesetze und Regeln nennen, es denken CPUs aus Kollektiven, wie Regierungen und Kommissionen und soziale Netzwerke. Das Äffchen in uns ist halt für so was Komplexes nicht geeignet, es muss überschrieben werden und ist nur in der Freizeit frei. Wir sind die Borg, längst assimiliert, denn ohne die Maschine sind wir nicht überlebensfähig. Und was liegt da näher, als uns nach und nach durch zuverlässigere Komponenten zu ersetzen? Uns nach und nach in den Zoo zu verbannen, der ganz allein von Maschinen versorgt wird, die die Evolution allein fortsetzen?

    Warum sollte ein Mensch etwas machen, was eine Maschine besser kann? Was machen wir, wenn sie alles besser können? Wir gehen in Rente. Kann auch jede machbare Form von Paradies sein, die Maschine wird die Macht haben, uns einiges zu bieten. Aber ein Erdzeitalter werden wir nicht prägen. Es sei denn, wir leben im Zeitalter der Bakterien – streng genommen, wäre die Behauptung deutlich fundierter.

    Ich will jetzt nicht (nur) pingelig sein. Der Trend geht zum Roboglobe, dem Cyborg-Planeten, und dass die weitere Entwicklung und Vernetzung der Institutionen und Programme, die Sie vorschlagen, um ein globales Betriebssystem zu schaffen, ist nur natürlich. Der Mensch verzieht sich sowieso immer mehr in die Matrix – heute sind Staaten möglich, die aus Netzwerken bestehen, Australier, Thailänder, Klingonen und Mongolen können im selben Haus als Nachbarn wohnen, sich auf der ganzen Welt nur mit Landsleuten unterhalten, und nichts voneinander wissen, Sprache, Kultur, Gewohnheiten: Solange sie genug Information teilen, um als Borg gemeinsam das Haus und ihre Leben zu erhalten, denn die physische Existenz macht Territorialstaaten immer noch unerlässlich. Deswegen werden sie trotzdem noch in selbem Bus, selber Kneipe, selbem Fitness-Studio, selbem Bett miteinander auskommen müssen, eine gemeinsame Zweitsprache haben und die lokale Gemeinschaft bleibt bestehen. Irgendwann hängen Sie nach Feierabend in Gummiseilen mit einer VR-Brille auf dem Kopf, in einem Anzug, der Ihnen auch taktile Informationen übermittelt. Irgendwann macht auch der Schaffner nur Homeoffice per Telepräsenz, steuert per Funk einen Roboterkörper – falls der Roboter ihn da noch braucht. Irgendwann wird er gefeuert und macht den Schaffner-Job bei den SIMS, wo er sich mit Gleichgesinnten zusammentut, um eine menschliche Gesellschaft zu simulieren. Irgendwann tauchen da Leute mit Engelsflügeln auf und Drachen. Irgendwann klingelt an der Tür nicht nur der Pizzaboter, sondern auch der Robo-Zahnarzt und der Windelwechsler. Irgendwann kommt jedes Baby noch vor der Geburt in die Matrix. Irgendwann gibt’s nur noch KI-Babysimulationen, wie die Deutschen heute lieber Hunde als Kinder haben. Und so weiter. Alles Mögliche wird passieren, und eine Zukunft gibt’s für die Entwicklungszweige, die es aus irgendwelchen hanebüchenen Gründen bevorzugen, nicht auszusterben. Und die Maschinen, die auch ohne Menschen einen Sinn finden. Sie können schon mal eine To-do-Liste für die Maschinenevolution aufstellen, selbst die blödesten Ideen können zum Gencode einer neuen Spezies werden.

    Natürlich legen wir vorher noch schnell die Welt in Schutt und Asche. Unsere Maschine ist eindeutig fehlerhaft programmiert.

    Und hier sehen Sie einen interessanten Aspekt dieser Evolution: Maschinen ist Klimakatastrophe völlig schnuppe. Die brauchen nicht mal Luft. Die haben nicht nur den einen Planeten. Die fliegen schon heute quer durchs Sonnensystem. Natürlich dauert es noch ein Weilchen, bis sie sich genug Eigenschaften vom Leben abgeschaut haben, um sie als neue, weltraumtaugliche Lebensformen zu betrachten. Und die KI ist noch Jahrzehnte von einem Hirn entfernt. Noch haben wir unsere Superkräfte, die uns zu den besseren Robotern machen. Und wir müssen ja ans Morgen denken, und nicht daran, welche Zukunft in hundert Jahren sein könnte.

    Doch wir können mit einer Bevölkerungsreduktion rechnen, bei den Armen durch Kriege, Krankheiten, Hunger, bei den Reichen, weil sie immer besser darin werden, ohne Kinder glücklich zu werden. Je mehr Desaster wir dabei anrichten, desto mehr werden wir von Maschinen abhängig – wir werden die Ökosysteme künstlich patchen oder ersetzen müssen, die wir zerstören, Roboglobe wird ein Frankenstein-Flickwerk. Aber wir werden auch weniger Ressourcen verbrauchen und können ganze Kontinente der Natur überlassen – sehen Sie schon jetzt, wir verziehen uns aus den Dörfern in die Städte, aus Sibirien, es gibt eine Völkerwanderung in stärker cyborgisierte, reichere Oasen. Es wird Straßen, Felder, Bergwerke geben, es wird Städte und Oasen geben, die klimatisiert sind und gegen Extreme gewappnet, aber dazwischen – was? Wüsten mit einem Ökosystem aus Kakteen, Skorpionen und Kannibalen, weil der Mensch durch Spezialisierung ganze Nahrungsketten formt und durch Kalorienmangel Hirnmasse sparen muss? Dschungel voller Nashörner, Pandabären, glücklicher Wale und Herden aus Zigtausenden nackten Zurück-zur-Natur-Hippies, die dank Gentechnik Gras, Holz und Elefantendung verdauen können und dank Kalorienüberfluss Hirnmasse sparen können?

    Ich könnte jetzt einiges an Sci-Fi dazu zusammenfantasieren, aber die wichtigste Frage ist doch – wie managen wir den Übergang? Das menschliche Affentheater läuft ja bis jetzt ziemlich Oldschool weiter, die Keulen sind nuklear geworden, aber ob uns die Technologie bereits jetzt Game Changer aufgezwungen hat, die das Drehbuch der Apokalypse umschreiben, die uns befähigen, die Bugs aus dem Betriebssystem zu entfernen, ohne auf die natürliche Methode zurückzufallen: Den Kollaps herbeiführen und alles kurz und klein schlagen, um Tabula Rasa und einen Neustart zu bewirken – wird sich zeigen. Im Moment kämpft die alte Lösung: Downgrade zum Schrott und dann Neubau, mit der Maschinenlösung: Kontrollierte, selektive Demontage und Upgrade. Sind wir schon Maschine genug, oder möchte das Anthropozän noch mal kurz ganz doll laut brüllen, sich auf die Brust trommeln und mit der Keule um sich schlagen, damit auch alle merken, dass es nie da war?

    • @Paul S: “Unsere Maschine ist eindeutig fehlerhaft programmiert.”

      Die KI Mensch, die das holographische Universum eigenständig als ganzheitliches Wesen steuern und … soll, ist mit Vernunftbegabung programmiert, leider ist der erste und bisher einzige geistige Evolutionssprung (“Vertreibung aus dem Paradies”) nicht in einem Lernprozess auf konzentrierte/fusionierende innere/ursprüngliche Kraft gemündet, sondern in die erwartbare Konfusion des instinktiv-bewusstseinsschwachen “Individualbewusstseins” mit allen daraus resultierenden Symptomatiken des nun “freiheitlichen” Wettbewerbs (deshalb auch der geistige Stillstand, bzw. die sozusagen “göttliche/vernünftige Sicherung” vor dem “Freien Willen”).

      Nee, die Programmierung von/zu Gott/Vernunft ist schon genial durchdacht, von der Schöpfung das Zentralbewusstsein, Geist und Seele des Gott/Vernunft ist, WIR müssen nur den “Kulminationspunkt” zur möglichen Überwindung finden, oder in einem Neuanfang … (“Raum und Zeit sind relativ”). 👋😉👍

  4. Dr. Webbaer schrieb (12.07.2023, 12:57 Uhr):
    > […] die zugrunde liegenden naturwissenschaftlichen CO2-zentrierten Theoretisierungen

    > […] wenn klarer wird, dass sie zutreffen, empirisch adäquat werden.

    Eventuelles (ggf. “zunehmend zuverlässiges”) “empirisches Zutreffen”, bzw. gegenteiliges “empirisches Versagen” alias “Danebenliegen”, wird u.a. bestimmten (Klima-)Modellen und insbesondere den darin jeweils zusammengefassten (Klima-)Prognosen zugeschrieben.

    Die Begriffe und (Mess-)Größen (einschl. Wertebereichen), mit denen alle betreffenden Modelle ausgedrückt wurden oder noch werden mögen,
    sind und bleiben dagegen von Theorien bereitgestellt; insbesondere von der Thermodynamik, der (Quanten-)Elektrodynamik und der (“bloßen”) Mechanik.

    p.s.
    > […] Elon Musk […] darf womöglich an dieser Stelle erwähnt werden

    Na, sicher doch.
    (Schaun wir mal, ob der Schlingel uns bis zum Wochenende eine Staubring-Jalousie in’s Mondorbit katapultiert! … 😉

    • Es ist schon so, dass zeitgenössische Klimamodelle i.p. Prädiktion, hier werden für unterschiedliche Szenarien, die zukünftige Ausgasung klimarelavanter Gase [1] meinend, von Menschen bedingt meist, breite Fächerungen der zukünftigen terrestrischen Klimaentwicklung bereit gestellt, unsicher sind.

      Bis 2100 wäre unter bestimmten Bedingungen auch eine Nicht-Erwärmung möglich, im gerne genutzten 95 % – Konfidenzintervall. [2]

      Dies sollte vielleicht auch von naturwissenschaftlicher Seite so offen vertellt werden, die Menge meinend.

      Es ist vglw. unklar, wie es im 500 Jahren auf diesem Planeten i.p. Klima aussieht, wenn die Ausgasung klimarelevanter Elemente beibehalten oder verstärkt oder reduziert wird.

      Dr. W ist allerdings zukunfts-optimistisch.

      Mit freundlichen Grüßen
      Dr. Webbaer

      [1]
      Also, ganz unter uns, Kommentatorenfreund Dr. Frank Wappler, mit Dreisätzen derart geht es nicht :

      -> https://de.wikipedia.org/wiki/Klimasensitivität (T-Probe : ‘Bei ausschließlicher Betrachtung der im Labor messbaren Strahlungswirkung von CO2 ergibt sich bei einer Verdoppelung der Konzentration eine Klimasensitivität von 1,2 °C.’)

      Denn es gilt sog. Forcings auf ein hoch komplexes, nicht lineares System anzulegen.

      [2]
      In den Sozialwissenschaften wird gerne mit einer sog. Statistischen Signifikanz von 5 % gearbeitet, ein derartiges Signifikanz-Niveau passt im Naturwissenschaftlichen nicht.

      Dort wird auf der sog. Sigma-Schiene wie folgt angestrebt :

      -> https://de.wikipedia.org/wiki/Six_Sigma (Auch übrigens in der Wirtschaft, dort wo sozusagen Stuff stattfindet)

  5. @Webbaer 12.07. 12:57

    „Von ökosozialistischen Ansätzen wird hier streng abgeraten, denn der Verfall in kollektivistisches Sein wird die Unflexibilität der Menge bedeuten und die Unfähigkeit sich so auseinander- und gegenzusetzen.“

    Würde ich auch sagen. Aber wenn etwa die Kommunen in Radwege investieren, dann ist das vom Grad der Kollektivierung dasselbe, als wenn sie in Autostraßen investieren.

    Wenn der Verursacher von Treibhausgasen für den selbstverursachten Schaden mitbezahlen soll, dann sind CO2 Steuern eine sinnvolle Maßnahme. Ich denke mal dass der Verursacher hier keinen Anspruch darauf hat, dass diese Kosten die Allgemeinheit trägt. Wenn man entsprechende Steuermaßnahmen nicht zu schnell und planbar umsetzt, dürfte das keine schädliche Kollektivierung bedeuten.

    Wenn die Energiewende manch einen finanziell überfordert, so darf dann auch das Steuersystem und die Sozialleistungen so angepasst werden können, dass hier keiner nicht mehr klarkommt.

    Und wenn der Einzelne selber seinen Konsum überprüft, und insbesondere klimaschädliche Aktivitäten reduziert, dann wird das auch kein Sozialismus. Nur ganz simpel eine Reduzierung des Wirtschaftsvolumens, was nirgendwo Freiheiten einschränkt.

    „Dr. W mag die Idee eines per Geo-Engineering geschaffenen Erd-Thermostats, der auch dann Sinn machen, wirtschaftlich erträglich wäre, wenn es keine wie annoncierte und plausible terrestrische Erwärmung geben täte.“

    Eigentlich eine gute Idee. Insbesondere Landwirtschaft ist immer schon ein schwieriges Gewerbe, wenn das Wetter nicht das macht, dass man erwartet. Hier mehr Stabilität hinzubekommen, wäre in der Tat auch ohne Klimawandel ein interessantes Projekt. Wenn etwa eine neue Eiszeit droht, kann man offenbar mit langwirkenden Treibhausgasen dagegen halten. Und wenn ein Supervulkan ausbricht, dessen Aschewolken einen globalen Winter verursachen, könnte man mit der gezielten Emission von sehr viel Methan dagegenhalten, das wirkt nur ca. 10 Jahre, genau so lange wie nötig.

  6. Ja – auch ich halte es für unglaublich wichtig, einen Namen für einen neuen geologischen Marker zu erforschen. Allerdings noch sinnvoller wäre es, diesbezüglich eine neue Forschungsrichtung samt einer angemessenen Anzahl neuer Professuren einzurichten. Nur das wäre der seit der Wegener- Plattentektonik bedeutendsten wissenschaftlichen Zeitenwende in der Geologie würdig.

  7. @ little Louis

    googeln Sie mal ‘ Erdsystemwissenschaft’ oder ‘earth system science’.
    Da bekommen Sie einen guten Überblick…

  8. Wie, was, warum, wozu, worum geht es hier?
    Die Definition respektive (Umfangs-)Klärung von Begrifflichkeiten im Rahmen eines Denkmodells ist in jedem Fall ein Muss im Zuge wissenschaftsfähiger Abbilder, die die Realität beschreiben sollen. Die Problematik, die sich aus dem vorliegend – übrigens schwer zu lesenden – Artikel ergibt, ist der Umstand, dass die Ziele sozusagen mit viel Euphemismus be- bzw. umschrieben werden.

    Letztendlich scheitern viele gute Ansätze an nationalem Egoismus oder/und an ideologisch motivierten Änderungsansichten, die realistisch betrachtet, keinen Sinn ergeben. Des Weiteren sind die meisten Menschen gar nicht in der Lage hier einen wissenschaftlichen Zugang zu finden, der sie befähigt eine emotionsfreie, sachorientierte Meinung zu besitzen, das gilt leider auch für viele Wissenschaftler. Siehe hierzu exemplarisch bei Interesse einen meiner Gastartikel: »Wissen vs. Glauben: “Ist das noch (Klima-)Wissenschaft oder kann das weg?”«

    Insgesamt stellt sich die Frage, inwieweit die Akademisierungen von Naturvorgängen wirklich die Natur beschreiben oder eher von Moral und Ideologie beeinflusst werden, um so eine Massenmeinung zu etablieren, um neuzeitliche Wunsch-Sichtweisen zu kreieren und zu festigen.

    Ein richtungsweisendes Beispiel ist der »FlipperEffekt«: Siehe exemplarisch die, u.a. mittels populärwissenschaftlicher Fernsehberichte und Serien wie »Flipper«, „Volksmeinung“ über Delfine. Diese zu den Zahnwalen gehörenden Säugetiere gelten als besonders intelligent und „nett“. Tatsache ist jedoch, Delfine sind, im Vergleich zu vielen anderen Tieren (wie beispielsweise Krähen), weder besonders intelligent noch sind Delfine „nett“. Delfinen fehlen Gesichtsmuskeln. Dadurch haben sie immer ein vermeintlich „lachendes Gesicht“ und sehen ständig gut gelaunt aus. Doch: Sexuelle Gewalt ist bei Delfinen an der Tagesordnung. Gruppen von Delfinmännchen verfolgen und bedrängen Delfinweibchen bis zur Erschöpfung, dann folgt die Massenvergewaltigung…Hand aufs Herz, wer weiß bzw. wusste das?

    Sofern man der englischen Sprache mächtig ist, gibt es eine sehr unterhaltsame „alternative Stimme“ zum Artikel-Thema im Sinne von Wissenschaft zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu hören. Siehe das Video von George CarlinSaving the Planet. Insgesamt sind die acht Minuten von George Carlin ein – aus insbesondere erkenntnisorientierter Sicht – hervorragendes „Theater-Stück“ zur irrationalen Besorgnis einer sich maßlos überschätzenden Menschheit.

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