Crawford Lake, Ontario, Kanada – Der Kandidat für die formale stratigraphische Definition des Anthropozäns

Die Aufgabe der AWG, einer interdisziplinär und international zusammengesetzten Arbeitsgruppe aus 35 Wissenschaftler*innen, ist es für die Internationale Kommission für Stratigraphie (ICS), der größten Untereinheit der International Union of Geological Sciences (IUGS) zu prüfen, ob die Einführung eines allerjüngsten Erdzeitalters sinnvoll wäre und wenn ja, wann, wie und wo eine formale Definition erfolgen kann. Am 11. Juli 2023 wurde nun bei auf der Strati 2023-Konferenz in Lille/Frankreich sowie danach auf einer  Pressekonferenz im Harnack-Haus Berlin unser AWG-Vorschlag der Öffentlichkeit präsentiert und erläutert.  Ich bin seit 2012 Mitglied der AWG. Meine Alma Mater, die Freie Universität Berlin, hat mich zur Entscheidung der AWG, einen Bohrkern des Crawford Lake in Kanada als Referenzpunkt und Referenzprofil (GSSP/Golden Spike) zur  Definition des Anthropozäns vorzuschlagen, auch interviewt.  Im Interview geht es um die Bedeutung eines kleinen Sees in Kanada für die Definition, das Dinosauriersterben als Referenz – und welche Konsequenzen die Ausrufung des Anthropozäns für die Geowissenschaften und für uns alle hätte. Das Interview ist  am 14. Juli 2023 unter dem Titel “Chronik einer angekündigten Katastrophe. Wie der kanadische Crawford Lake den menschlichen Fußabdruck archiviert” in Campusleben, der online-Zeitschrift der FU erschienen und hier komplett nachzulesen: https://www.fu-berlin.de/campusleben/campus/2023/230713-interview-leinfelder-crawford-lake/index.html

Als “Teaser” einige Auszüge nachfolgend.

Herr Professor Leinfelder, der Begriff Anthropozän, mit dem eine neue Erdzeitepoche bezeichnet werden soll, ist seit inzwischen 23 Jahren in der Welt. Was ist jetzt neu?

Neu ist, dass jetzt ein Befund darüber vorliegt, dass das Anthropozän geologisch und stratigraphisch real ist: Das heißt, dass wir zeitlich verorten können, seit wann sich vom Menschen verursachte Ablagerungen niederschlagen – weltweit und in allen Ablagerungsräumen […]. Das bestimmbare Alter dieser Untergrenze liegt beim Jahr 1950.
Neu ist auch, dass wir jetzt nachweisen können, dass diese Geosignale auf menschliche Tätigkeiten zurückgehen, wie etwa radioaktive Niederschläge aus den Atombombenversuchen, Flugasche aus industriellen Prozessen, „Technofossilien“ wie Plastikpartikel, elementares Aluminium, Beton- und Ziegelreste sowie geochemische Signale aus Landwirtschaft, Industrie und Verkehr. Aber auch klassische Fossilien sind zu Definitionszwecken verwendbar, etwa Kieselalgen, die andere verdrängen, viele invasive Arten, etwa bei Muscheln und Schnecken, aber auch Pflanzenpollen.
[…] Wir können nachweisen, wie wir die Natur dauerhaft verändern [..]. Dies alles schlägt sich in den anthropozänen Sedimenten sichtbar und dauerhaft nieder.
[…].

Wie kommt nun der Crawford Lake in Kanada ins Spiel, der in dieser Woche zum Referenzort für das Anthropozän ernannt worden ist?
Die formalen Regeln der Internationalen Kommission für Stratigraphie sehen vor, dass es einen Referenzort verbunden mit einer Referenzsedimentabfolge (Global boundary Stratotype Section and Point, GSSP) gibt, an dem erdgeschichtliche Abschnitte festgemacht werden. Solche Orte werden markiert und müssen für die Wissenschaft dauerhaft zugänglich sein.
Das ist vergleichbar mit dem Vorgehen bei der Definition neuer Organismenarten in der Biologie. Dort wird ein Referenzexemplar, der Holotypus, ebenfalls dauerhaft und für alle Wissenschaftler*innen zugänglich in einer wissenschaftlichen Sammlung aufbewahrt […]. In der Geologie ist dies eben der GSSP.

Und warum ist die Entscheidung gerade auf einen kanadischen See gefallen?
[…] Wir haben uns die Entscheidung nicht leichtgemacht, sondern zwölf unterschiedliche Orte weltweit mit genau denselben Methoden untersucht. Sie liegen im Meer […] oder an Land – auch hier teilweise weit entfernt von der Zivilisation […] oder in Nähe der Zivilisation […].
Wichtig für die Entscheidung war, immer das Hauptsignal ablesen zu können: den Anstieg der radioaktiven Niederschläge um 1950 sowie weitere Geosignale. Wichtig war aber auch, eine möglichst hohe, am besten jährliche Zeitauflösung zu erhalten. Hier ist der Crawford Lake besonders geeignet: weil er sowohl die globalen als auch regionalen Signale zeigt und dazu eine höchstmögliche jährliche, sogar saisonale Zeitauflösung bietet. Er archiviert damit menschenbedingte ökologische Veränderungen und zeigt – als einziger der untersuchten Kandidaten – unter der Anthropozän-Abfolge auch frühere menschliche Aktivitäten durch die indigene Bevölkerung, später durch die europäischen Siedler.


Bohrkern der Sedimente am Boden des Crawford Lake. Wie bei Baumringen lassen sich die Jahre abzählen. Mikroskopische und geochemische Untersuchungen zeigen die menschlichen Signaturen, darunter radioaktive Niederschläge und Industrieasche. (Bild Francine McCarthy, AWG)


Alle anderen untersuchten Kandidaten für Referenzorte sind ebenfalls überaus spannend, und ich würde mir wünschen, dass möglichst viele von ihnen formale Hilfsprofile werden, damit typische Sedimentabfolgen aus ganz unterschiedlichen Ablagerungsprofilen zur Verfügung stehen. [….]

Warum ist es überhaupt erforderlich, ein neues Erdzeitalter auszurufen?
Das Erdsystem des Holozäns – also der nacheiszeitlichen Quartärepoche, in der wir gegenwärtig leben – unterscheidet sich von dem des Anthropozäns grundlegend. […..]
Da drängt es sich auf, das Anthropozän auszurufen. Denn dieses mit dem Holozän gleichzusetzen, wäre nicht nur Äpfel mit Birnen, sondern eher schon Äpfel mit Melonen zu vergleichen.

Welche Konsequenzen hätte die Ausrufung des Anthropozän?
Es hätte Vorteile für uns alle. Wenn das Anthropozän mit stratigraphisch definierter Untergrenze auf das Jahr 1950 und weiteren isochronen „Events“ überwiegend sogar in jährlichen Zeiteinheiten differenzierbar wird, steht ein exaktes sedimentäres Archiv menschlicher Tätigkeiten zur Verfügung, das im Unterschied zu anderen, sogenannten historischen Archiven, nicht vom Menschen eingerichtet wurde. [….. Es] archiviert den menschlichen Fußabdruck weltweit und in allen Ablagerungsräumen. Für die Wissenschaft ist es ein großer Gewinn, diese Daten mit Daten aus der Archäologie und den historischen Archiven interdisziplinär auszuwerten und Fortschritte oder auch Rückschritte bei unseren Bemühungen zur Transformation automatisch aufgezeichnet zu bekommen.
Im Anthropozän verschränken sich die „Tiefenzeit“ mit der gegenwärtigen „Großen Beschleunigung“ und deren Auswirkungen, dem „Langen Jetzt“. Das „Lange Jetzt“ bedeutet, dass etwa die Strahlung radioaktiver Niederschläge, der Klimawandel, der Meeresspiegelanstieg noch lange weitergehen werden, selbst wenn deren Ursachen morgen abgestellt würden. Das Wissen darum kann hoffentlich zu einer verbesserten Zukunftskompetenz beitragen, indem wir lernen, nicht nur wahrscheinliche, sondern auch mögliche – und daraus abgeleitet – wünschbare Zukunftsperspektiven zu erarbeiten, umzusetzen und zu überwachen.

Wann und von wem wird darüber entschieden, ob das Anthropozän, ausgerufen wird oder nicht?
Entschieden wird es von der Internationalen Kommission für Stratigraphie (ICS), das ist das größte und älteste wissenschaftliche Gremium der International Union of Geological Sciences (IUGS), das manche auch scherzhaft die UNO der Geologischen Wissenschaften nennen. […]
Ein Selbstläufer ist dies keinesfalls, […]. Wenn es positiv ausgeht, gehen wir davon aus, dass auf dem nächsten Internationalen Geologischen Kongress 2024 in Busan in Korea das Anthropozän geologisch formalisiert sein wird.

Noch einmal zurück zum Crawford Lake in Kanada – was hat es mit dem goldenen Nagel auf sich, der dort eingeschlagen werden soll?
Der Begriff ist aus der Geschichte der Eisenbahn entlehnt: Nach enormem Aufwand und Schwierigkeiten wurden 1849 die Bauarbeiten zur ersten transkontinentalen Eisenbahnverbindung in den USA beendet. Der allerletzte fürs Bahngleis eingeschlagene Nagel war ein goldener Nagel in Utah. Er sollte die Freude der Fertigstellung zum Ausdruck bringen. […] …wird auch in der Geologie gern der Begriff des „Golden Spike“ verwendet. […]
Wenn eine neue erdgeschichtliche Einheit endlich und nach langer Vorbereitungszeit formal definiert wird, ist das ein Anlass zur Freude, weswegen dann ein Goldener Nagel in die Referenzsedimente eingeschlagen wird. Auf diesen Moment fürs Anthropozän freue ich mich schon sehr.
Die Fragen stellte Christine Boldt

>> Zum vollständigen Interview (incl. weiterer Abbildungen) auf der Webseite der Freien Universität.

>> English version of Interview with Reinhold Leinfelder, in Featured Stories of Freie Universität Berlin

Stand 16.7.2023

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Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Er ist Professor an der Freien Universität zu Berlin (Arbeitsgruppe Geobiologie und Anthropozänforschung) sowie (seit Okt 2018) zusätzlich Senior Lecturer am Institut Futur der FU. Seit April 2022 ist er formal im Ruhestand. Seit 2012 ist er Mitglied der Anthropocene Working Group der International Stratigraphic Commission. Von 2006-2010 war er Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, von 2008-2013 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), von 2011-2014 Research Fellow und affiliate Carson Professor am Rachel Carson Center an der LMU, München, von 2012-2018 Principal Investigator am Exzellenzcluster "Bild-Wissen-Gestaltung" der Humboldt-Universität zu Berlin, von 1. Sept. 2014 bis 15. Sept. 2016 Gründungsdirektor der Futurium gGmbH in Berlin. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen beim Anthropozän, Korallenriffen, neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers und Museologie | Homepage des Autors | blog in english, via google translate

2 Kommentare

  1. Da wünsche ich Ihnen viel Erfolg auf dem Weg zur endgültigen Entscheidung im nächsten Jahr!

    In den “postfaktischen Zeiten”, die geprägt sind durch das Geschwurbel von Querdenkenden und eine gezielte Desinformationspolitik durch die industriell finanzierten Thinktanks, ist jeder exakte Datensatz, jedes genaue Datum hilfreich, um die Auswirkungen der von den Menschen erzeugten Eingriffe in die Umwelt zu belegen.

    Ob das “Einschlagen des goldenen Nagels” – das man auch als Symbol dafür ansehen kann, dass wir das Holozän endgültig erledigt haben – wirklich zu der Einsicht führt, dass eine drastische Änderung unseres Lebensstils überlebensnotwendig ist, möchte ich eher bezweifeln.

    Aber es stärkt zumindest die Position von Menschen, die sich Gedanken über die Zukunft der Welt machen, also der Fridays for Future, Scientists for Future, Letzte Generation und vieler NGOs, die permanent von der industriegesteuerten Presse und Politik bekämpft werden.

    Eine Ablehnung des AWG-Vorschlages zur exakten Definition des Anthropozäns wäre dann leider wirklich ein weiterer Sargnagel für die rationale Wissenschaft.

  2. Der Schreiber dieser Zeilen glaubt nicht, dass es Sinn macht für die Bestimmung einer neuen geochronologischen Epoche bestimmte neuliche Beispiele heranzuziehen, sondern hält diesen positiven Entscheid, das Ja zum Anthropozän, für generell sinnhaft, nicht nur polittisch (sächsisch ausgesprochen), sondern auch geologisch.

    Geologen haben hier schwerwiegende Einwände, die zur Kenntnis zu nehmen sind, abär insgesamt macht es so Sinn, wird alsbald noch mehr Sinn machen, in der Zukunft also.

    Mit freundlichen Grüßen und vielen Dank für Ihre Benennung als “Anthropozäniker”
    Dr. Webbaer

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