Protz- und Motzgebilde der Architektur

BLOG: Denkmale

Es gibt etwas zu sehen
Denkmale

Und davon soll ich träumen?“, fragt Kulturjournalist Hanno Rauterberg in der “Zeit“. Sein Unbehagen beim Gang durch Neubauviertel in den besseren Wohnlagen, wo er so manch ein „vulgär verwachsenes Protz- und Motzgebilde“ entdeckt, teilen wohl viele.

In dem Artikel macht der Autor mehrere Ursachen für den Missstand aus – unter anderem  den Mangel an Geschmack der Auftraggeber und Architekten, die „kaum etwas verstehen vom rechten Maß und angemessener Form“. Ein schwerer Vorwurf, der kaum nachzuvollziehen ist, wenn man die Studienpläne der Universitäten und Hochschulen für angehende Architekten kennt. Interessanter finde ich schon, dass für Rauterberg in dem ästhetischen Problem ein „ethischer Kern“ steckt, dem vielleicht durch die gesellschaftliche Debatte und die Entwicklung eines „freien, vielgestaltigen Sensus communis“ beizukommen wäre – so jedenfalls verstehe ich seine Ausführungen.

Ein Haus steht nie allein für sich, immer ist es auf einen Sensus communis angewiesen. Wenn es gefallen soll, muss es sich verhalten: zur Landschaft, in der es steht, zu den Häusern der Nachbarschaft, zu den Besonderheiten des Ortes. Und so werden die Dörfer und Städte nur dann an Schönheit gewinnen, wenn sie sich nicht irgendeinem neuen Regelwahn unterwerfen, sondern einen freien, vielgestaltigen Sensus communis neu entwickeln. Die Menschen einer Stadt oder eines Dorfes sind Teil einer Wertegemeinschaft – nicht nur in ökonomischer, auch in kultureller, in baukultureller Hinsicht.

Solch eine Debatte ist sicherlich erstrebenswert – aber die Frage der zufriedenstellenden Umsetzung ethischer und ästhetischer Werte ist damit doch eigentlich noch immer nicht gelöst. Wenn allgemein erkannt würde, dass Toskana-Idyll oder Landhaus-Flair einfach nicht für jeden überall und jederzeit verfügbar sein kann – würde damit die Architektur dann schon gleich besser? Die falsche Erfüllung von Sehnsüchten ist schließlich nur eine Seite des Probems.

Was unterscheidet eigentlich die gelungene Architektur von den landläufigen Scheußlichkeiten?

Erst auf den zweiten Blick sieht man vielleicht, was einen guten Teil des Charmes des Gebäudes ausmacht: Die Pfeiler, die die Fensterreihe im Obergeschoss trennen, sind im unteren Dritttel kaum merklich skulpiert, die Mauern sind durch Gesimse zart gegliedert, die geometrische Strenge der Dachgrate ist durch Aufschieblinge am unteren Saum gemildert (Die “Maison Blanche” von Le Corbusier in La-Chaux-de-Fonds, 1912)
Neuer Prachtbau
Die Proportionen dieses etwa 100 Jahre später gebauten Hauses in Hessen sind gar nicht mal so unangenehm. Was abschreckt, ist die maskenhafte Starre der Konturen, das kaum vorhandene Relief und die steril wirkende Oberfläche.

Es sind also kleine, feine Details, die den Unterschied machen. Zur starren Maske wird die Fassade eines Hauses durch den Einsatz standardisierter, industriell gefertigter Bau- und Zierteile. Die kaum merklichen Unregelmäßigkeiten von handbearbeiteten Details und Oberflächen beleben dagegen die  Außenhaut eines Gebäudes und können damit sogar manchen Makel in den Proportionen vergessen lassen.

Der Preis für solche Schönheit aber ist hoch. Es braucht viele Stunden mühsamer Arbeit, um zum Beispiel Steine mit der Hand zu bearbeiten. In den guten alten Zeiten, in denen schöne Architektur noch handgefertigt wurde, war die Arbeitskraft noch billig und die soziale Absicherung gering. Lehrlinge bekamen keine Ausbildungsvergütung, sondern schuldeten ihrem Lehrherrn Lehrgeld und Gehorsam. Diesen Aspekt sollte man also beim Bewundern  schöner (alter) Häuser ruhig im Bewusstsein haben. Eine vergleichbar arbeitsaufwendige Bauweise wäre heute ungeheuer viel teurer.  Es wäre schön, wenn manch ein Superreicher sein Geld in solcher Handwerkskunst anlegen würde – auch, um das Können und Wissen um handwerkliche Techniken ein bisschen weiter über die Zeiten retten zu können.

Eva Bambach

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

7 Kommentare

  1. Handwerklicher Aufwand != Aesthetik

    Der Bauhausstil ist gerade die Antithese zur Behauptung, gute Architektur zeichne sich aus durch kleine, feine Details, die den Unterschied machen

    Nach Wikipedia ist Architektur Das planvolle Entwerfen und Gestalten von Bauwerken
    Zu diesem Prozess gehört auch die Berücksichtigung der Umgebung, die Frage wie sich der neue Bau in die bestehende gebaute Umgebung oder die Landschaft einfügt. Protz- und Motzbauten versagen oft gerade in diesem Punkt.
    Dazu kommt, dass es selbst in der Architektur einen Trend zur spektakulären Flagship-architecture gibt mit Bauten wie Ufos, die alles bisher gesehene in den Schatten stellen. Der zu Geld Gekommene, der sich nun auch etwas Repräsentatives leisten kann tendiert deshalb gerade unter solchen Einflüssen ebenfalls dazu, die Umgebung zu ignorieren und Besucher und Passanten mit einem Protz- und Motzgebilde zu beeindrucken, das irgendwo stehen könnte – auch am Ende der Galaxie oder gar des Universums.

  2. @Eva Bambach: Unkenntnis & Unverständnis

    Ich kenne die Studienpläne nicht – doch gehen diese wirklich auf das Umfeld ein? Und damit meine ich nicht so sehr den von Ihnen dann angesprochenen Sensus communis, sondern die Proportionen und Relationen von Bauwerken und Natur. Wenn ich Ludwig Trepl nebenan richtig verstanden habe, dann gibt es dort viel Nachholbedarf, auch (gerade) an den Universtitäten…

    Zum ethischen Kern habe ich den Autor auch etwas anders verstanden, aber möglicherweise liegt das an meiner persönlichen Lupe – die mit der von Ludwig Trepl teils übereinstimmt: Schönheit oder Leben. Geht es doch dann beim ethischen Aspekt nicht mehr nur um eine Frage von Sehnsüchten, sondern auch und gerade um den Lebensinhalt. Und damit um die Frage, ob denn Preise unser Leben bestimmen sollen – oder nicht eher Werte, also die “Wertegemeinschaft – nicht nur in ökonomischer, auch in kultureller, in baukultureller Hinsicht”.

    Und wenn wir diesen Lebensinhalt gemeinsam neu definierten, dann wären handwerkliche (oder so scheinende) Fassaden heute gar nicht soviel teurer als die Klone. Schließlich kann man die Maschinen heute fast beliebig programmieren und damit ließen sich recht effizient diese Unregelmäßigkeiten realisieren – wenn wir denn wollten…

  3. @Noït Atiga

    Ich stimme Ihnen zu, dass die Angemessenheit einer Architektur in Bezug auf Natur und Gesellschaft oberstes Gebot sein sollte – und denke auch, dass das Bewusstsein davon allgemein noch zu entwickeln wäre.
    Das reicht aber nicht aus. Die Überlegungen müssen auch die Materialisierung dieses Bewusstseins umfassen. Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht. Es geht dann nicht nur um die Wertschätzung von Zeit (zum Beispiel Arbeitszeit oder Maschinenzeit), sondern auch um Zugeständnisse an die Eigenschaften der Baustoffe und so fort.
    Aber klar: Auch wenn wir unsere Wahrnehmung in Hinblick darauf schulen, was viele Gebäude ganz konkret so hässlich macht,stoßen wir auf grundlegende gesellschaftliche Probleme. Und ich fürchte, die sind nicht durch das bloße Programmieren von Maschinen zu beheben.

  4. @Eva Bambach: D’accord

    Ich bin ganz bei Ihnen, dass es da noch einige Probleme mehr gibt. Meine Idee war nur, dass wir manches Problem mit dem entsprechenden Willen schon durch recht geringe Anpassungen ändern könnten. Haben Sie zu den Baustoffen noch weitere überlegungen in der Hinterhand?

  5. Baustoffe

    Bei den Baustoffen im Moment sehr augenfälltig ist die republikweite Verpackung von Alt- und Neubauten in Wärmedämmplatten. Meistens bestehend diese aus Polystyrol. Ein Beispiel für hervorragende Lobbyarbeit? Das Ergebnis ist ein uniformes Aussehen der Bauten von Nord nach Süd. Jegliches Oberflächenrelief wird geschluckt, Natursteinsockel etc. werden häufig abgeschlagen, um die Dämmplatten flächig aufbringen zu können. Die Fenster verschwinden bei Altbauten in schießschartenartigen Vertiefungen. Verputzt wird das Ganze mit speziellen Leicht- oder Ultraleichtputzen.
    All das dient vordergründig der Energieeinsparung. Die Energieeinsparverordnung (EnEV) lässt Architekten und Bauherrn wenig Wahl, um die geforderten Werte zu erreichen. Betrachtet wird aber nur die Einsparung bei der Heizung des Hauses. Der Energieaufwand für Herstellung und (nach ca. 15 Jahren) Entsorgung der Styroporplatten wird dabei nicht betrachtet.
    Interessante Aspekte zur Verantwortung des Architekten – auch in Hinsicht auf das Energiesparen: http://www.baumeister.de/…g-des-architekten.html

  6. @Eva Bambach: Danke

    An die Dämmungsprobleme hatte ich im hiesigen Zusammenhang gar nicht gedacht, auch wenn ich mich sonst ziemlich darüber aufrege. Aber leider ist die von Ihnen angesprochene Globalbetrachtung unter Politikern und Juristen noch nicht sehr verbreitet, ja sie wird oft nicht einmal verstanden.
    Die im Artikel angesprochenen Visionen wünsche ich mir übrigens nicht nur bei Architekten…

  7. Albtraum-Häuser

    Ich glaube der Hinweis auf die leichten Unregelmäßigkeiten, die durch Handarbeit entstehen ist sehr wichtig, wie man besonders deutlich am Unterschied zwischen handgeknüpften und maschinell gefertigten Teppichen sehen kann. Sogar Materialien, die man schon zu Le Cobusiers Zeiten vorgefertigt erworben hat, sind mittlerweile uniform und steril, so Ziegel und Dachschindeln. Ein modernes Ziegeldach ist aus der Ferne betrachtet eine monochrome, (allzu) rote Fläche, die sich obendrein nicht von ihren Nachbarn unterscheidet. Auch mit der Zeit werden die Schindeln keine unterschiedliche Tönung annehmen, wie die historischer Gebäude.
    Trotzdem kranken die modernen Stadtbilder sicherlich weniger an “schlechter” Luxusarchitektur, sondern eher an der gleichförmigen Reihung “preiswerten” Einfamilienhäuser in Vorstadtsiedlungen und maßstabslosen Großbauten im Zentrum, oft von Ortsverwaltungen und Sparkassen errichtet.

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