Kriegsheimkehrer, Anno 1961

In der bayerischen Sommerfrische bin ich kürzlich auf ein hölzernes Kreuz gestoßen. Ich hielt es zuerst für ein Marterl, das an das Opfer eines Unglücksfalls oder Verbrechens erinnert. Im bayrischen und österreichischen Raum findet man solche Flurkreuze ja ziemlich häufig an den Wegkreuzungen und meistens achte ich nicht weiter darauf. Auch dieses Kreuz hat auf den ersten Blick nichts Besonderes. Es folgt einem gängigen Typus der Darstellung des Gekreuzigten, geschützt wird diese von einer hölzernen Bedachung und einer drachenförmigen Rückwand.

FlurkreuzAmmerlandHeimkehrer

Flurkreuz bei Ammerland am Starnberger See

Seit Jahrhunderten gibt es die Tradition, steinerne und (meist nicht mehr erhaltene) hölzerne, seit dem 19. Jahrhundert auch gusseiserne Kreuze an markanten Stellen in der Landschaft, an Prozessionswegen oder, als Sühnekreuze, an Orten eines Verbrechens aufzustellen. Solche Flurdenkmäler gibt es in ganz Deutschland, allerdings nirgends so häufig wie im Alpenraum. Andernorts waren sie von vornherein seltener, sie fielen unter anderem der Säkularisierung zum Opfer oder  wurden von den Nazis zerstört.

Trauer und Dankbarkeit

Eine Ausnahme machen die vielen Unfallkreuze, die von Nord nach Süd nicht nur Deutschland überziehen und – vorwiegend an Landstraßen, an Kreuzungen und in Kurven – die Stellen tödlicher Verkehrsunfälle markieren. Als Ausdruck der Trauer werden diese Kreuze (meist ohne Genehmigung) von Freunden oder Angehörigen des Opfers errichtet und mit Blumen oder Plüschtieren geschmückt. Meist sind es mit wenig Aufwand hergestellte Kreuze, die nach einigen Jahren verfallen und wieder verschwinden.

Aber das hölzerne Flurkreuz am Starnberger See ist aufwendiger, steht seit mehr als einem halben Jahrhundert an seinem Platz und hat auch einen ganz anderen Stiftungsanlass: Anders als die meisten der traditionellen Flurkreuze, die Todesfälle beklagen, ist es aus Dankbarkeit für die Heimkehr eines Sohnes aus dem Krieg errichtet worden.

Eine Frage der Zeit

Nachdenklich macht mich aber vor allem die eingeritzte Jahreszahl: 1961. Die letzte Welle der Spätheimkehrer ist 1955/56 nach Westdeutschland gekommen. Mindestens seit fünf Jahren sollte der Sohn also schon wieder zuhause gewesen sein, wenn nicht gar schon seit Kriegsende. Warum diese späte Stiftung? Vor Ort konnte ich über das Kreuz nichts weiter erfahren – und spekuliere seitdem immer mal wieder ein wenig.

Inschrift "Aus Dankbarkeit für unseren aus dem Krieg heimgekehrten Sohn" - 1961

Widmung, Jahreszahl und Initialen der Stifter

Gedenken  nach 1945?

Während jedes deutsche Dorf sein Denkmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten hat, war das mit dem ehrenden Gedenken nach dem Zweiten Weltkrieg nicht so einfach. Kriegerdenkmäler für 1914–1918 Gefallene wurden häufig mit den Namen der toten Soldaten von 1939–1945 ergänzt, komplette Neusetzungen wurden allerdings selten vorgenommen. Sprach da eine gewisse Scham? Eher nicht, denn das Bild des „anständigen deutschen Soldaten“ wurde jahrzehntelang nicht hinterfragt. Aber es gab so viele Opfer unter der Zivilbevölkerung, dass Kriegs-Denkmäler nicht nur den Soldaten, sondern allen Kriegsopfern gewidmet wurden (nicht aber den ermordeten Juden, Gefangenen und politischen Gegnern).

Späte Heimkehr

Das Kreuz am Starnberger See ist auch gar kein Kriegerdenkmal. Der Text dankt auf berührend schlichte Weise für die gesunde Heimkehr des Sohnes. Insofern muss man es eher in Beziehung zu den vereinzelten Heimkehrer-Denkmalen setzen, die in West-Deutschland errichtet wurden, wie die 1959 geweihte Heimkehrer-Dankeskirche in Bochum, die Heimkehrerkapelle in Stangenroth bei Bad Füssingen (1946), das Heimkehrerdenkmal in Wiener Neustadt (1976!). Das Heimkehrer-Gedächtnismal auf dem Leopoldsberg in Wien wurde schon 1948 von den Heimkehrern errichtet – als Zeichen des Danks, dass sie den zweiten Weltkrieg überlebt hatten, und im „Gedenken an die mehr als 200.000 Kriegsgefangenen und Verschleppten, die in fremder Erde ruhen”. In Deutschland wurde 1966/67 die Friedland-Gedächtnisstätte als Heimkehrerdenkmal errichtet, vom 1950 gegründeten “Verband der Heimkehrer, Kriegsgefangenen und Vermisstenangehörigen Deutschlands” (VdH).

Außenseiter

Der zeitliche Rahmen der Denkmale für die glückliche Heimkehr ist also offenbar weit und die  Errichtung eher zentralisiert und groß angelegt erfolgt. Kommunale Gedenkstätten sind kaum dokumentiert. Die spät Heimgekehrten waren oft unliebsame Erinnerungen an eine Vergangenheit, die verdrängt werden sollte. Die Männer blieben oft Außenseiter – von den eigenen Angehörigen nicht verstanden, in deren Alltag sie nun wieder hineingeplatzt waren – traumatisiert durch die Erfahrung des Massensterbens ebenso wie durch begangene Gewalttaten oder das Wissen darum. Dazu: Wer erst 1955/56 nach Hause kam, hatte etwa elf Jahre stalinistischer Gefangenschaft hinter sich.

Wer weiß, welches Schicksal hinter dem 1961 errichteten Kreuz am Starnberger See steht? Vielleicht dauerte es, bis der heimgekehrte Sohn wieder richtig angekommen und angenommen war? Die optimistischere Hypothese: Es war nur eine Frage des Geldes. Es dauerte einfach ein paar Jahre, bis die Familie das Geld zusammen hatte. Ein geschnitztes Kruzifix in dieser Größe ist nicht ganz billig. Und obwohl es ein paar Jahre dauerte, bis der Betrag beisammen war, hielt das Gefühl der Dankbarkeit weiterhin an. Und sie lebten glücklich und zufrieden.

Dieser Blog enthält Gedanken, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Bei dem Kreuz am Starnberger See handelt es sich um ein Votivkreuz. Den Votivbrauch kannten schon die Kulturen der Vorgeschichte und des Altertums. Später wurde er vom Christentum übernommen und in katholisch geprägten Regionen kennt man ihn bis heute. Votivgaben wurden meist aufgrund eines Gelübdes und aus Dank nach der Errettung aus einer Notlage wie Krieg, Krankheit, Seuche oder Lebensgefahr gestiftet. Eine Votivgabe durfte nicht zu gering ausfallen und war für den Spender oft mit finanziellen Opfern verbunden, was die späte Errichtung des Kreuzes durchaus erklären könnte.

        • Danke für den Hinweis! Das Votivkreuz sieht sehr individuell und eindrucksvoll aus und folgt – anders als das hier besprochene – nicht eng einem bestimmten Typus. Leider habe ich im Internet nur wenige Bilder gefunden. Der Schöpfer war offenbar aber kein künstlerischer Laie, sondern der Bildhauermeister Sepp Erhart aus Unterammergau. Er ist 2002 gestorben, der BR hat im selben Jahr einen Film über ihn gemacht. Das scheint eine interessante Persönlichkeit gewesen zu sein. Können Sie auch noch weitere Beispiele von solchen Heimkehrer-Kreuzen nennen?

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