Der Alte Mann und das Multiversum – Ein Nachruf auf H. Dieter Zeh

Er war ein alter Mann und fischte allein in einem Boot im Multiversum, und seit sechsundachtzig Jahren hatte er keinen großen Physikpreis an Land gezogen.

H. Dieter Zeh (Quelle: International Journal of Quantum Foundations).

Mit Dieter Zeh (aka Heinz-Dieter Zeh oder H.D. Zeh) ist am 15. April 2018 einer der letzten großen Pioniere der Quantenmechanik verstorben. Mit dem Phänomen der Dekohärenz hatte er 1970 das letzte Puzzle-Stück im Formalismus der Quantenmechanik entdeckt. 

“Decoherence is – in my humble opinion – one of the most important discoveries of the past century” 

Das hat mir MIT-Kosmologe Max Tegmark erst kürzlich geschrieben, und Zeh damit in eine Reihe mit Genies wie Einstein, Bohr, Schrödinger oder Heisenberg gestellt. In dieser Gesellschaft findet sich auch seine Arbeit in der 1983 von John Archibald Wheeler und Wojciech H. Zurek zusammengestellten Kollektion klassischer Arbeiten zur Quantenmechanik [1].

Und da gehört er auch hin: Denn wenn es nach Tegmark, mir und einer zunehmenden Zahl von Physikern geht, hat Dieter Zeh letztlich gezeigt, wie das entsteht, was wir Realität nennen. 

Dieter Zeh wurde am 8. Mai 1932 in Braunschweig geboren und studierte Physik an den Universitäten in Braunschweig und Heidelberg. Dort promovierte er 1962 mit einer Arbeit über die Erzeugung von Alpha-Teilchen in Atomkernen, unter der Betreuung von Hans-Jörg Mang und dem Nobelpreisträger J. Hans D. Jensen. Danach zog es ihn, wie viele Postdocs seiner und späterer Generationen, in die USA, genauer gesagt nach Kalifornien. In den Jahren von 1965-1967 arbeitete er am California Institute of Technology und an der University of California in San Diego. Schließlich wurde er an seiner Alma Mater in Heidelberg Professor für Theoretische Physik, wo er 1970 das Phänomen entdeckte, das später den Namen “Dekohärenz” erhalten sollte [2].

Dekohärenz erklärt, was bei der rätselhaften Quantenmessung passiert. Denn nach den Gesetzen der Quantenmechanik können sich Teilchen zwar z.B. an verschiedenen Orten gleichzeitig aufhalten (das nennt man “Superposition” von Eigenschaften, im Wellenbild spricht man von Überlagerung oder “Interferenz”), bei einer Messung wird einem Teilchen aber immer ein konkreter Wert zugeschrieben. Um das zu erklären, bemüht die Dekohärenz ein mindestens genau so rätselhaftes Phänomen der Quantenmechanik, die sogenannte “Verschränkung”. 

Leonard Susskind, einer der Pioniere der Stringtheorie, beschreibt Verschränkung folgendermaßen: 

“Es würde keinen Sinn machen, wenn ein KFZ-Mechaniker sagen würde, er wüsste alles über ein Auto, aber unglücklicherweise könne er nichts über irgendeinen seiner Teile sagen. Aber das ist genau das, was Einstein (mit seinem berühmten EPR-Paradox) Bohr erklärt hat, in der Quantenmechanik kann man alles über ein System wissen und nichts über seine Einzelteile, und Bohr gelang es nicht, diese Tatsache zu würdigen.”

Verschränkung beschreibt also die Eigenschaft zusammengesetzter Systeme, vollständig bekannt zu sein, ohne dass die Eigenschaften ihrer Teilsysteme bestimmt sind. Man kann davon sprechen, dass die Teilsysteme vollständig im Gesamtsystem aufgehen, dass das Ganze ganz konkret mehr ist als seine Teile. 

Wie Zeh entdeckt hat, wird bei einer Quantenmessung das System durch Wechselwirkung mit dem Bobachter oder der Messapparatur sowie der Umgebung, also dem Rest des Universums, verschränkt. Wenn man dann berücksichtigt, dass kein Beobachter das gesamte Universum kennt und über diese unbekannte Information mittelt, verschwinden die Interferenzen. Das heißt, dass Teilchen zwar auch nach der Messung weiterhin an zwei Orten existieren können, diese zwei Realitäten aber nicht mehr wechselwirken und quasi vollständig entkoppelt sind. Der Grund dafür, warum man Teilchen quantenmechanisch beschreiben muss, aber makroskopische Objekte wie z.B. Katzen nicht, liegt dann nicht an der Größe des betrachteten Objekts, sondern daran, wie vollständig isoliert von seiner Umgebung das Objekt werden kann. Damit hat Zeh gleichzeitig erklärt, warum Schrödingers berühmte Zombie-Katzen, die halb tot und halb lebendig sind, bis sie denn beobachtet werden, nicht wirklich auftreten: Eine Katze ist immer so stark mit ihrer Umgebung gekoppelt, dass sie sofort dekohärent wird.

Das Phänomen selbst ist inzwischen experimentell hervorragend bestätigt, und seine Bedeutung für die moderne Physik kann kaum überschätzt werden. Nur ein wichtiges Beispiel sind Serge Haroches Arbeiten zu genauen Messungen und Kontrolle von individuellen Quantensystemen, für die er den Nobelpreis 2012 erhielt: Sie ermöglichten die Analyse der Dekohärenz an der Zeitentwicklung von makroskopischen Quantensystemen sowie die Entwicklung extrem genauer optischer Uhren. In seiner Nobel-Vorlesung beschreibt Haroche, wie er durch Zehs Arbeit zur Dekohärenz beeinflusst und wie die Idee, das Phänomen mit einfachen Experimenten zu untersuchen, für ihn ein starker Ansporn wurde. Gerade in dem boomenden Feld der Quanteninformationstechnologien mit Anwendungen, die vom Quantencomputer über Quantenkryptographie bis zum “Quantum Sensing” – der Nutzung von Quantensystemen als kleine Sonden zur Messung von elektromagnetischen Feldern, Temperaturen und Drucken – reichen, ist das Phänomen nicht wegzudenken. Und zwar sowohl als Problem, das es experimentell zu überwinden gilt, wie auch als Möglichkeit, Quantensysteme zu manipulieren. In einer Zeit, in der sich Google, IBM, Microsoft, Intel, NASA und andere einen erbitterten Wettkampf darin liefern, die Informatik zu revolutionieren und “Quantum Supremacy” nur noch wenige Monate entfernt zu sein scheint, gehört die Physik der Dekohärenz zu den spannendsten Forschungsfeldern des 21. Jahrhunderts.   

Wie kommt es dann, dass Dieter Zeh nicht hochdekoriert und in aller Munde ist, dass dieser Ausnahmephysiker kein Prominenter war?

Zum Einen schwamm Zeh nicht mit dem Mainstream, er dachte tiefer als andere.

Und Zeh konnte gelegentlich bissig sein: Als 1999 die “Strings”-Konferenz am Potsdamer Albert-Einstein-Institut stattfand, erklärte er in einer Polemik, M-Theorie sei bis auf weiteres erstmal nur Mathematik und keine Physik. “Nach meinem Eindruck haben Sie die Wellenfunktion bisher ganz unzureichend interpretiert” und “Sie müssen vielleicht ein bisschen geduldiger lesen” durfte sich auch der Autor dieser Zeilen anhören, bevor er Zeh als großzügigen, freundlichen und geduldigen Diskussionspartner gewinnen konnte. Und wie Zeh Alexander Unzickers unterirdischer, populistischer Verschwörungstheorie “Vom Urknall zum Durchknall” eine positive Empfehlung mitgeben konnte, bleibt nun wohl für immer sein Geheimnis.

Vor allem aber geriet Zehs Entdeckung in den Strudel eines philosophischen Scharmützels über die Frage “Was ist real?”, dessen Geschichte gerade erst von dem New Scientist-Journalisten Adam Becker in einem packenden Sachbuch erzählt wurde [3]. 

Als Zeh 1970 den ersten Entwurf seines Dekohärenz-Papers fertiggestellt hatte, ging er in die Bibliothek des Instituts für Theoretische Physik hinunter, um etwas “völlig anderes” zu machen. In der stilvollen Villa am Philosophenweg, aus deren Fenstern man die Altstadt und das Neckartal überblickt, fand er statt dessen etwas ziemlich ähnliches: Einen Artikel von Bryce DeWitt, der sich der Viele-Welten-Interpretation von Hugh Everett III. bediente. Zeh realisierte sofort, dass seine Entdeckung das fehlende Puzzlestück, ja das zugrunde liegende Prinzip der Viele-Welten-Interpretation war. Denn wenn man davon ausgeht, dass Dekohärenz nicht nur eine Begleiterscheinung des Quanten-zu-Klassik-Übergangs ist, sondern vielmehr seine Ursache, werden Everetts “Viele Welten” von einer Interpretation zu einer Vorhersage der Quantenmechanik. Da sich dabei eigentlich der Beobachter aufspaltet und nicht das Messobjekt, sprach Zeh allerdings oft lieber von “Many Minds” anstatt von “Many Worlds”. Wie auch immer: Die klassische Welt, in der sich Dinge an bestimmten Orten befinden und Katzen entweder tot oder lebendig sind, existiert dann überhaupt erst durch das von Dieter Zeh entdeckte Phänomen.

Damit hatte sich der junge Forscher freilich auf ein wissenschaftspolitisches Minenfeld begeben. Denn nachdem Einstein seine Skepsis gegenüber der Quantenmechanik in einer Reihe von Gedankenexperimenten vorgetragen hatte, konnte Bohr diese jedes mal entkräften, entwickelte dabei aber eine zweifelhafte Deutung der Quantenmechanik, nach der die Theorie keine Aussagen über die Natur mache, sondern nur über das Wissen eines Experimentators über die Natur. Diese “orthodoxe” “Kopenhagener Interpretation” wurde nun von Bohrs Zirkel mit Zähnen und Klauen verteidigt. Da Jensen sich mit den Grundlagen der Quantenmechanik nicht so gut auskannte, schickte er Zehs Paper an Leon Rosenfeld, ein enger Mitarbeiter von Niels Bohr, der vorher bereits die Ideen von Hugh Everett und David Bohm torpediert hatte. Die Antwort fiel aus wie erwartet: Rosenfeld sprach von einem “Konzentrat des wildesten Nonsens” [3], und Jensen zeigte Zeh zwar Rosenfelds Brief nicht, erklärte ihm aber, dass weitere Arbeit an diesem Gegenstand seine akademische Karriere zerstören würde. Und auch Zehs andere Heidelberger Kollegen waren nicht überzeugt, dass es sich bei der Dekohärenz um “richtige Physik” handelte. Als spannende Fragen galten zu dieser Zeit die Anwendung der relativistischen Quantenfeldtheorie auf die neu entdeckten Elementarteilchen. Eine Beschäftigung mit den Grundlagen der Quantenphysik galt als Unsinn oder “Philosophie”. 

“Wir haben einfach nicht verstanden, was er gemacht hat” 

hat mir Berthold Stech einmal gestanden, Zehs Kollege an der Heidelberger Uni, der mit Feynman und Gell-Mann bei der Entwicklung einer Theorie der schwachen Wechselwirkung konkurrierte, und langjähriger Direktor des Instituts für Theoretische Physik war.

Doch Zeh blieb stur: Zur Not veröffentlichte er in obskuren Journalen und auf seiner eigenen Webseite. Zusammen mit Olaf Kübler erklärte er, warum bestimmte Superpositionen wie die Überlagerung positiver und negativer elektrischer Ladungen niemals in der Natur beobachtet werden, und mit Erich Joos schätzte er erstmals Dekohärenzzeiten für Objekte verschiedener Größe und in verschiedenen Umgebungen numerisch ab. Das zeigte – zusammen mit einer Arbeit von Wojciech H. Zurek, der die Dekohärenz unabhängig entdeckte und in den 1980er Jahren wichtige Beiträge erarbeitete, wie effizient das Phänomen auf makroskopischen Skalen wirkt. Mit Ausnahme von Claus Kiefer, mit dem Zeh unter Anderem die Bedeutung der Dekohärenz für Kosmologie und das Phänomen der Zeit entschlüsselte [4], blieben seinen Studenten akademische Karrieren verwehrt. Erst durch einen Artikel von Zurek in der US-Zeitschrift “Physics Today” im Jahr 1991, der Zeh ausdrücklich würdigt, wurde das Phänomen der Dekohärenz einer breiteren Leserschicht bekannt [5].

Dabei sind auch die möglichen philosophischen Folgen von Zehs Entdeckung bahnbrechend: Als der Wissenschaftsphilosoph Thomas S. Kuhn beschrieb, wie sich Paradigmenwechsel in der Physik vollziehen, nahm er die Kopernikanische Wende als Beispiel. Seit dem 16. Jahrhundert hatte das 1400 Jahre alte traditionelle Weltbild, in dem die Erde im Mittelpunkt stand und sich Sonne, Mond und Planeten in einem komplizierten System von Kreisbahnen und Epizyklen um sie herum bewegten, eine moderne Alternative: die  kopernikanische Vorstellung, die Erde kreise wie die anderen Planeten auch um die Sonne. Und obwohl die neue Theorie anfangs keine besseren Vorhersagen ermöglichte (letztlich lassen sich beide Vorstellungen als unterschiedliche Beobachtungsstandpunkte verstehen), bestach sie durch ihre Einfachheit und Eleganz, die letztlich die wissenschaftliche Revolution des 17. Jahrhunderts befeuerte.

Gegen die Vorstellungen, die Dieter Zeh uns zumutet, sind die Paradigmenwechsel der Kopernikanischen Wende freilich Pipifax. Nach Zeh gibt es weder Sonne, noch Erde noch Planeten. Unsere klassische, makroskopische Welt entpuppt sich als Täuschung. Allein das erinnert an die Denkleistung antiker Naturphilosophen, die Sterne und Planeten am Nachthimmel als Gesteinsbrocken zu verstehen anstatt als Mythen von Göttern und Heroen. Aber damit nicht genug: Es gibt auch keine Teilchen oder Quanten – Konzepte, die ganzen Disziplinen der Physik ihren Namen gegeben haben, werden zur Illusion degradiert. Ja selbst die Zeit ist nach Zeh  nicht fundamental. Sein Buch “The Physical Basis of the Direction of Time” [6] ist das unbestrittene Standardwerk zu diesem Thema. Die fundamentale Realität ist dagegen der Quantenkosmos, eine Art Alleinheit, wie sie schon Giordano Bruno vorschwebte. Was Zeh von alternativen Interpretationen hielt, machte er mit seinem Buchtitel “Physik ohne Realität – Tiefsinn oder Irrsinn” [7] deutlich klar. Der Streit um die Stellung der Erde im Mittelpunkt des Universums brachte Bruno auf den Scheiterhaufen und den diplomatischeren Galileo Galilei vor die Inquisition. Vermutlich kann Zeh sich also glücklich schätzen, dass seine “mit fast religiöser Gläubigkeit” (so Zeh) an der orthodoxen Interpretation der Quantenphysik fest haltenden Kollegen seinen Ideen nur mit Gleichgültigkeit begegnet sind. So wurde er in seiner gesamten Karriere mit keinem größeren Physikpreis gewürdigt.

Im Vergleich dazu hat der an der US-amerikanischen Kernwaffenschmiede Los Alamos beheimatete polnisch-amerikanische Physiker Wojciech Zurek, der in den 80er Jahren wichtige Weiterentwicklungen der Zehschen Entdeckung erarbeitet hat, den Humboldt-Preis, den höchsten Preis der polnischen physikalischen Gesellschaft, einen der höchsten polnischen Orden, und die höchste Würdigung des Los-Alamos-Labors erhalten. Er wurde sogar von der US-Wissenschaftsjournalistin Jennifer Ouellette in einem Scientific American Blogpost für seine Arbeiten zu Dekohärenz und dem No-Cloning-Theorem für den Nobelpreis 2014 vorgeschlagen – ohne Zeh auch nur zu erwähnen. Dass Zeh trotz mehrfacher Nominierung nicht einmal von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft mit der Max-Planck-Medaille geehrt wurde, ist in der Tat ein Skandal.

Womit wir wieder bei Hemingway wären – auch Bruno verglich die Alleinheit ja letztlich mit dem Meer… Was für den “Alten Mann” Santiago der Fischerjunge Manolo ist, war für Zeh möglicherweise Silvia Arroyo Camejo. Als die erst 17-jährige Schülerin ihm ihr Manuskript “Skurrile Quantenwelt” schickt, das sie eigentlich nur für sich selbst geschrieben hat, ist Zeh begeistert, liest es gegen, und hilft ihr, es beim Springer-Verlag zu veröffentlichen [8]:

“Ich erhoffe mir von dem Buch, dass auch andere sagen: Wenn eine Schülerin das schafft, muss man das doch verstehen können”.

Die Presse überschlägt sich vor Begeisterung über das “Wunderkind im Mikrokosmos”.  Inzwischen ist Arroyo Camera promovierte Physikerin und forscht in der Entwicklungsabteilung von Siemens Healthineers an neuen Verfahren zu Bildgebung und Therapie in der Medizin, die letztlich auch auf der Quantenmechanik beruhen. 

Um Missverständnisse auszuräumen, die beim Verweis auf Bruno und die Alleinheit auftreten könnten: Zeh war kein Metaphysiker und schon gar kein Esoteriker. Den Versuch von Anhängern der Homöopathie, ihn für sich einzunehmen, hat er z.B. energisch zurückgewiesen. Und auch gegen einen allzu naiven Wissenschaftlichen Realismus, der das mathematische Modell mit der beschriebenen Wirklichkeit verwechselt, war Zeh gefeit: In Anlehnung an den neo-Kantschen Philosophen Hans  Vaihinger, der annahm, das die Realität letztlich unwissbar sei, wissenschaftliche Modelle aber betrachtet werden können, “als ob” sie die Realität seien, verstand Zeh die Wellenfunktion als “heuristische Fiktion”, aber nicht weniger real als andere physikalische Konzepte wie z.B. Quarks [9,10]. Ja, Zeh war nicht einmal besonders spekulationsfreudig:

“Zeh sah sich von der Natur gezwungen, die Viele-Welten-Interpretation zu akzeptieren”

hat mir meine Dortmunder Philosophie-Kollegin Brigitte Falkenburg – selbst keine Freundin der Viele-Welten-Interpretation, einst erklärt. Und indem Zeh diesen Zwängen konsequent folgte, gewann er Erkenntnisse, die seiner Zeit um Jahre oder gar Jahrzehnte voraus waren. So diskutieren z.B. gegenwärtig Yasunori Nomura und Sean Carroll, wie das Informationsparadox Schwarzer Löcher (“Wo bleibt die Information, die in ein Schwarzes Loch fällt, wenn diese letztendlich verdampfen?”) im Rahmen der Viele-Welten-Interpretation gelöst werden kann (mehr dazu in Bälde). Bereits in “Physik ohne Realität” [7] hatte Zeh 2012 auf diesen Zusammenhang hingewiesen:

“Es ist schon merkwürdig und bezeichnend für die gegenwärtige Situation der Physik, dass man ein Verschwinden von „Information“ bei der Zerstrahlung Schwarzer Löcher als Paradoxon diskutiert, während man im Labor einen Kollaps der Wellenfunktion ständig und bereitwillig akzeptiert.”

Und in seinem Paper “The Wave Function: It or Bit” lässt er bereits 2002 in einem Nebensatz eine Bemerkung fallen, dass die hypothetischen Baby- oder Bubble-Universen der kosmischen Inflation nicht als anderswo “im Raum” sondern als andere Everett-Welten verstanden werden müssten – eine Vorstellung, die gerade hochaktuell von Susskind, Raphael Bousso, Nomura oder Tegmark unter dem Buzzwort “ER=EPR”, also der Vorstellung, dass die Verschränkung von Quantenrealitäten den hypothetischen, als Wurmlöchern bekannten Raumzeitabkürzungen entsprechen könnte,  diskutiert wird – auch wenn er selbst vielleicht widersprechen würde.

Seine Webseite [11], auf der er viele seiner Arbeiten gesammelt hat, überschrieb Zeh mit dem Zitat:

“Man can retire, but man can never stop thinking …” (Ben Liang Li)

und arbeitete entsprechend bis zum Schluss. Er blieb geistig und körperlich fit, witzig, clever und manchmal bissig und eine unvergleichbare Wissensquelle für jeden, der etwas lernen wollte über die fundamentalen Fragen der Physik. Nur zwei Tage vor seine Tod schrieb er mir eine freundliche Mail, über die ich mich sehr gefreut habe, und die auch sprachlich ein kleines Meisterwerk war. Er starb überraschend auf einer Urlaubsreise in den Schwarzwald.

Seine Todesanzeige hat Zehs Witwe Sigrid mit einem Gerhart-Hauptmann-Zitat überschrieben: 

“Mit jedem Menschen stirbt eine Welt.”

Für Dieter Zeh gilt das in doppelter Hinsicht – betrifft es doch einerseits seine höchst eigene Perspektive im Many-Minds-Multiversum, und andererseits seine beachtliche Geisteswelt.

Die Physik wird erst noch realisieren müssen, wie groß dieser Verlust ist.

Vielleicht ist es etwas tröstlich, dass Zehs Geisteswelt weiterlebt in seinen Schülern und den vielen Wissenschaftlern, deren Weltbild er entscheidend geprägt hat. Und dass hinter der Vielzahl von Welten im Multiversum eine Einheit steht – der zeitlose Quantenkosmos, in dem Vergänglichkeit und Tod reine Illusion sind.

[1] John Archibald Wheeler, Wojciech Hubert Zurek: Quantum Theory and Measurement, Princeton University Press,  Princeton 1983.

[2] H. Dieter Zeh, Foundations of Physics, 1,1 (1970) 6976. 

[3] Adam Becker: What is real?, Basic Books, New York 2018.

[4] Claus Kiefer: Der Quantenkosmos – von der zeitlosen Welt zum expandierenden Universum, S. Fischer Verlag,  Frankfurt 2008.

[5] W.H. Zurek, Physics Today 44 (1991) 36-44.

[6] H. Dieter Zeh: The Physical Basis of The Direction of Time, Springer, Berlin, Heidelberg 2007. 

[7] H. Dieter Zeh:  Physik ohne Realität: Tiefsinn oder Wahnsinn?, Springer, Heidelberg 2012, Kindle Edition. 

[8] Silvia Arroyo Camejo: Skurrile Quantenwelt, Springer, Berlin, Heidelberg 2006. 

[9] Kristian Camilleri: A history of entanglement: Decoherence and the measurement problem, Studies in History and Philosophy of Modern Physics 40 (2009) 290–302. 

[10] H. Dieter Zeh: Realität und Determinismus in der Quantentheorie, in [7].

[11] H. Dieter Zehs Webseite: http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~as3/

Heinrich Päs ist Professor für Theoretische Physik an der TU Dortmund und forscht über Neutrinos, Teilchenphysik und Kosmologie. Er hat sich aber auch schon als Zeitmaschinenentwickler und Philosoph versucht, ein Buch ("Neutrinos - Die perfekte Welle") geschrieben und mehrere Science-Fiction Romane inspiriert. Er war Postdoc in Hawaii. Wenn er nicht forscht oder liest ist er gern in der Natur, beim Segeln, Surfen, Wandern, Skifahren oder Laufen. Und noch mehr als die Welt liebt er seine Frau Sara.

66 Kommentare Schreibe einen Kommentar

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  2. Multiversum und Stringtheorie sind Stand heute keine Physik, sondern Glaube. Kann man glauben, wie Gott, Wissenschaft ist es nicht.

    Das so viele Physiker sich damit beschäftigen schadet der Physik.

    • Nein. Die Stringtheorie ist eine ambitionierte aber extrem spekulative Theorie, die wenig experimentelle Vorhersagen macht. Hier hätte Ihnen Dieter Zeh vermutlich sogar recht gegeben.

      Das Viele-Welten-Multiversum der Quantenmechanik hingegen ist eine Vorhersage der bestbestätigten wissenschaftlichen Theorie, die wir haben. Wie es der Physik schaden soll, wenn sich Wissenschaftler mit den Vorhersagen ihrer Theorien beschäftigen, ist mir schleierhaft.

      Sehr schön hat übrigens Zeh selbst mit diesem Missverständnis aufgeräumt, in einer Antwort auf einen Blogpost von Peter Woit.

      • Das Quanten Multiversum ist eine Interpretation der Quantentheorie aber nicht die einzige und eine die wir Möglicherweise nie bestätigen oder falsifizieren können.

        Es ist ja nicht so das die Quantentheorie nur diese komische Interpration hat.

        • Es gibt genau 2 Möglichkeiten, Many Worlds zu vermeiden:
          1. Man ändert die Quantenmechanik, d.h. man führt z.B. einen Kollaps ein, der unverstanden ist, schwer mit der Relativitätstheorie in Einklang zu bringen ist, und für den es keine experimentellen Anzeichen gibt.
          2. Man interpretiert „epistemisch“, d.h. man nimmt an, dass die Quantenmechanik keine Aussagen über die Welt macht, sondern nur über unser Wissen über die Welt. So interpretiert man keine andere naturwissenschaftliche Theorie. „Tiefsinn oder Irrsinn“ fragt hier Zeh. Zu recht.

          • @H. Päs

            Es gibt genau 2 Möglichkeiten, Many Worlds zu vermeiden:…

            ´
            Es gibt auch die dritte Möglichkeit, man interpretiert Quantenmechanik in ihrem ursprünglichen Sinne (Schrödinger) – d.h. als Wellenmechanik. Und alle diese komischen Theorien verschwinden.

          • Wie wärs mit “shut up and calculate”.

            Solange niemand zeigt wie man das Quanten Multiversum beweist, ist es nur eine philosophische Spielerei. Da ändern auch manche Physiker nicht die wie der oben erwähnten Sean Carroll alle Anhänger anderer Interpretationen für Idioten hält. David Deutsch ist auch einer der irgendwie meint sein Geschmack, wäre ein Beweis.

            Solange es keine Beweise für die eine oder andere Interpretation gibt. Bleibt es ein Glaube.

          • @Cryptic:
            Soweit ich weiss, hat Schrödinger versucht, die QM-Wellenfunktion als “normale Welle” im Ortsraum zu verstehen. Das klappt aber nur bei Einteilchensystemen und bei Messungen des Orts. Schon für 2 Teilchen benötigen Sie einen 6-dimensionalen Konfigurationsraum (so hat auch Zeh selbst einmal mir gegenüber argumentiert) , und in der Quantenmechanik können sie alles mögliche messen, nicht nur Orte, z.B. den Flavor von Teilchen wie bei Neutrinooszillationen.

            Zeh hat bis kurz vor seinem Tod an einem Paper

            The strange (hi)story of particles and waves

            geschrieben, in dem diese Punkte diskutiert werden.

          • @Zoran Jovic:

            Wie wärs mit “shut up and calculate”.

            Physikalische Theorien sind im allgemeinen Modelle für die Natur. Wenn ich die Theorie Quantenmechanik nehme und rechne, bekomme ich eine deterministische Entwicklung von Zuständen. Teile dieser Zustände identifiziere ich dann mit unserer klassischen Realität. Es gibt keinen Grund, andere Teile dieser Zustände anders zu interpretieren.

            Solange es keine Beweise für die eine oder andere Interpretation gibt. Bleibt es ein Glaube.

            Der Philosoph David Wallace hat einmal erklärt, es gebe wenig Literatur über die Interpretation der Paläontologie. Niemand glaubt, dass Dinosaurier nur eine Rechenhilfe sind, um zu erklären, wie Fossilien in die Erde kommen. Jeder glaubt, dass Dinosaurier gelebt haben, obwohl noch keiner einen gesehen hat. Für Sie auch ein “Glaube”?

          • Das es Dinosaurier gegeben hat ist eine Interpretation die jeder teilt und die sich direkt aus dem Befund ziehen lässt. Bei der Quantentheorie erklärt die Koppenhagener Deutung die Beobachtung. Das Multiversum hat im Gegensatz zu Dinosaurierknochen niemand gesehen, trotzdem sind Abertausende von Seiten geschrieben worden, von dem wir nicht wissen ob auch nur eine These stimmt.

          • @Zoran Jovic

            Das es Dinosaurier gegeben hat ist eine Interpretation die jeder teilt und die sich direkt aus dem Befund ziehen lässt.

            Genauso ist es mit den Multiversum. Der Schluss auf viele Welten ist genauso sinnvoll wie der Schluss auf die Existenz von Dinosauriern, obwohl beides nicht direkt beobachtbar ist.

            Bei der Quantentheorie erklärt die Koppenhagener Deutung die Beobachtung.

            Die Kopenhagener Deutung leugnet einfach die Realität der mikroskopischen Welt, nur um die Konsequenz zu vermieden, dass es etwas geben könnte, was sich nicht direkt beobachten lässt, sondern nur indirekt aus den Befunden folgt (wie Dinosaurier).

            Das Multiversum hat im Gegensatz zu Dinosaurierknochen niemand gesehen, trotzdem sind Abertausende von Seiten geschrieben worden, von dem wir nicht wissen ob auch nur eine These stimmt.

            Die Knochen entsprechen den Messergebnissen der Quantenphysik, und die sieht jeder Physikstudent im Praktikum. Und über Dinosaurier, die ebenfalls bisher keiner gesehen hat, wurden deutlich mehr Seiten geschrieben als über das Multiversum.

    • Das ist ja was mich an den Anhängern des Multiversums stört, sie scheinen die Messergebnisse als ziemlich sicheren Beweis ihrer These zu sehen.

      Das ist aber falsch, wir wissen nicht den echten ontologischen Status der Messergebnisse und direkt ist ein Multiversum aus der Beobachtung nicht zu ziehen, sonst hätte kaum Everett es erst gesehen.

      • Sie haben es nicht verstanden. Die Quantenmechanik ist eine naturwissenschaftliche Theorie. Naturwissenschaftliche Theorien sind Modelle der Natur, die beschreiben, was wir über die Natur wissen, und Vorhersagen machen über Dinge, die wir nicht wissen. Naturwissenschaftliche Theorien werden nicht bewiesen, Beweise gehören in die Mathematik. Aber wenn alle überprüfbaren Vorhersagen eintreten, gewinnen naturwissenschaftliche Theorien an Glaubwürdigkeit.

        Die Quantenmechanik sagt die Ergebnisse von Quantenmessungen vorher, und sie sagt das Multiversum vorher. Erstere können wir prüfen, und diese Prüfungen waren bisher immer erfolgreich. Für letztere haben wir bisher keine Idee, wie wir sie prüfen können. Aber zu Newtons Zeiten wusste auch niemand, wie man prüfen kann, ob die Newtonschen Gesetze auf der Rückseite des Mondes gelten. Heißt das Ihrer Ansicht nach, dass sie nicht gelten? Natürlich wusste man nicht, ob sie gelten. Aber sie waren eine Vorhersage der besten Theorie, die man hatte – genau wie das Multiversum.

        Die Kopenhagener Deutung sagt jetzt, die Quantenmechanik sei eine Theorie nicht über die Natur (wie jede andere Naturwissenschaft) sondern über unser Wissen der Natur. Damit macht sie die Quantenmechanik zur Geisteswissenschaft.

  3. Eine allgemeine Frage:
    Halten Sie es für wahrscheinlich, dass es von jedem Menschen zahlreiche parallele Varianten in parallelen Universen mit unterschiedlichen Erlebnissen gibt?
    Eine spezielle Frage:
    Wenn ein Tetraphenylporphyrin-Molekül gleichzeitig durch zwei, relativ zum Moleküldurchmesser weit von einander entfernte, Spalten fliegen kann, warum sitzen dann dabei seine Atome immer noch am richtigen Ort im Molekül?

    • Halten Sie es für wahrscheinlich, dass es von jedem Menschen zahlreiche parallele Varianten in parallelen Universen mit unterschiedlichen Erlebnissen gibt?

      Ja. Die anderen Versionen von Karl Bednarik haben den gleichen ontologischen Status wie Sie selbst.

      Wenn ein Tetraphenylporphyrin-Molekül gleichzeitig durch zwei, relativ zum Moleküldurchmesser weit von einander entfernte, Spalten fliegen kann, warum sitzen dann dabei seine Atome immer noch am richtigen Ort im Molekül?

      Das hängt von der Art der Wechselwirkung ab, mit der Sie Ihr Molekül messen oder beobachten. Genauer gesagt: davon, in welcher Hilbertraumbasis der Wechselwirkungs-Hamiltonian diagonal ist.

  4. Ein sehr interessanter, äußerst informativer und spannend zu lesender Artikel über Dieter Zeh, dessen Name mir zwar irgendwie geläufig war, aber mehr eigentlich auch nicht. Dass das Phänomen der Dekohärenz von ihm beschrieben und entdeckt wurde und Zeh daher eine absolut herausragende Bedeutung für die Weiterentwicklung der theoretischen Grundlagen der Quantenmechanik besitzt, all das war mir bisher unbekannt.
    Der Artikel inspiriert auf jeden Fall zum Weiterlesen in den zahlreichen Verlinkungen.

  5. Hallo Herr Päs,

    Schön daß Sie wieder da sind – mit den vielen Welten !

    Zeh war ein Querdenker und hat sich dem Mainstream nicht angepaßt. Dafür haben ihn seine Physikerkollegen abgestraft. Bemerkenswert, dass Sie dies so offen zugeben.

    Was ist das für eine Gemeinschaft, was ist los in Ihrer Scene, wo jeder behauptet, Kritik sei für Erkenntnis notwendig, aus Unangeaßtheit würden die besten Ideen sprießen – und wenn dann einer unangepaßt ist, dann kriegt er Prügel – ich meine wird ignoriert oder kriegt keine Mittel, ja: er wird abgestraft.

    Sie sind doch auch Mitglied dieser Scene. Gehen Sie auch so mit Kritik und Unangepaßtheit um ? Erfahrungsgemäß loben die Angepaßten die Unangepaßten post mortem immer am meisten.

    Oder haben Sie gar schon mal was Unangepaßtes veröffentlicht ? Geben Sie uns einen Link.

    Grüße
    Fossilium

  6. die Geschichte, die Susskind in dem Zitat erzählt, kenne ich eigentlich genau andersherum. Einstein hat das EPR-Gedankenexperiment entworfen, um eine in seinen Augen absurde Konsequenz der Quantentheorie zu demonstrieren und damit zu zeigen, daß mit der QuTh etwas “nicht stimmt”. Bohr hingegen hat die “Individualität” (Unteilbarkeit) von Quantenvorgängen vertreten. Und später konnte genau die Konsequenz, die in Einsteins Augen absurd war, experimentell nachgewiesen werden.

    • Dazu gibt es Ausführlicheres: The Einstein-Podolsky-Rosen Argument in Quantum Theory

      In the May 15, 1935 issue of Physical Review Albert Einstein co-authored a paper with his two postdoctoral research associates at the Institute for Advanced Study, Boris Podolsky and Nathan Rosen. The article was entitled “Can Quantum Mechanical Description of Physical Reality Be Considered Complete?” (Einstein et al. 1935). Generally referred to as “EPR”, this paper quickly became a centerpiece in debates over the interpretation of quantum theory, debates that continue today. Ranked by impact, EPR is among the top ten of all papers ever published in Physical Review journals. Due to its role in the development of quantum information theory, it is also near the top in their list of currently “hot“ papers.

    • @zabki: Nein, die Verletzung der Bellschen Ungleichung kann nicht als Bestätigung Bohrs gesehen werden. Ich empfehle Ihnen Adam Becker´s „What is real?“, da ist die ganze Geschichte sehr schön recherchiert und spannend erzählt.

  7. @fossilium;
    Warum immer diese unbegründeten, polarisierenden und daher unsinnigen Unterstellungen und Spekulationen, ohne nähere Informationen zu haben? Herr Päs hat sehr detailliert beschrieben, warum D.Zeh nicht die Berühmtheit und Anerkennung anderer Wissenschaftler erreicht hat. Das hat viele Gründe, natürlich auch persönlicher Art. Querdenkerei allein ist kein Qualitätsmerkmal.

    Gerade die Genialität eines Forschers wird anfangs wenig oder gar nicht verstanden und dann ignoriert oder abgelehnt und die weitere Forschung geht über ihn hinweg, außer es gibt spektakuläre Experimente, was bei Theoretikern an den Grenzen des Wissens eben seltener der Fall ist. Das Ableben eines Forschers kann seine Leistungen noch einmal in den Fokus der Wissenschaftlergemeinde bringen und neu bewerten lassen.

  8. Es scheint niemanden (unter den Physikern) zu geben, der am Konzept der Dekohärenz etwas auszusetzen hat – ausser, dass sich einige wundern, warum man nicht schon früher auf dieses Konzept gestossen sei.
    Ganz anders verhält es sich aber mit der ebenfalls von Dieter Zeh vertretenen Viele-Welten Interpretation der Quantentheorie, die beispielsweise von Lubos Motl als unnötig oder gar falsch eingeschätzt wird. So wie ich Lubos Motl verstanden habe, scheint er es vor allem für falsch zu halten, der Quantenwelt eine Realität zuzugestehen. Die Realität entstehe eben erst beim Beobachter und die Quantenwelt sei ein Reich von Wahrscheinlichkeiten und nicht von Realitäten.

    In diesem Zusammenhang scheint es von Dieter Zeh eine Many-Minds Interpretation der Quantentheorie zu geben, in der das dualistische Bild von Körper und Geist dazu verwendet wird, die Quantenwelt mit dem Körper zu identifizieren und den Geist mit dem Beobachter. Dazu schreibt Lubos Motl in seinem Blog-Artikel Many-minds interpretation: another entertaining story on top of Copenhagen (übersetzt von DeepL):
    Also, ob es sich für Sie kontraintuitiv anhört oder nicht, es sind nur die “Seelen” in der Many-Minds Interpretation, die in irgendeinem direkten Sinn physisch sind. Die “Körper” sind nur dazu da, den Seelen zu empfehlen, was sie fühlen sollen und mit welchen Wahrscheinlichkeiten – vorausgesetzt, dass die Vielgeist-Interpretation auch die richtig interpretierten Wahrscheinlichkeiten vorhersagen soll. Da die “Körper” (Wellenfunktionen mit Wahrscheinlichkeiten) nur durch die “Seelen” beobachtet werden können und die Seelen nur durch die in den Wellenfunktionen kodierten Wahrscheinlichkeiten beeinflussen, bedeutet dies, dass die “Körper” die Sammlungen von Wahrscheinlichkeitsamplituden sind, die gleichen Sammlungen wie in Kopenhagen, und nur die gleiche subjektive Erkenntnisbedeutung für die “Seelen” haben wie in Kopenhagen.

    Wiederum sind die “Seelen” jene Dinge, die die wahrhaft physische Information aufzeichnen, während “Körper” nur Hilfs-, Gedanken- oder Mengeneinheiten sind, deren einziger Zweck es ist, dass die “Seelen” in der Lage sind, die Wahrscheinlichkeiten vorherzusagen. Aber genau so funktioniert es in Kopenhagen, also sind diese beiden Bilder genau gleich.

    Im folgenden Absatz macht er noch klarer, dass er es für grundlegend falsch hält, der Quantenwelt eine Realität zuzuordnen (übersetzt von DeepL):
    In diesem Zusammenhang würden über 99% der Anti-Quantum-Zealoten die Many-Minds-Interpretation als Rechtfertigung für die Bedeutung der “Körper” benutzen. Es müssen die “Körper” sein, die “echt” sind, während die “Seelen” eine zusätzliche Schicht über der Physik usw. sind. Aber wie gesagt, die Spielregeln – der Many-Minds-interpretation – machen es eindeutig, dass gerade das, was man “Seelen” oder “Köpfe” nennt, physikalisch interpretiert werden kann, weil es im Prinzip beobachtbar ist, während die andere Ebene, die “Körper” genannt wird, eine Hilfseinheit ist. Es ist erstaunlich, aber fast alle Menschen kommen zu Antworten auf diese Fragen, die alles auf den Kopf stellen und die völlig falsch sind; und schwere Fehler wie diese sind der Grund, warum so viele Menschen völlig verloren sind im Dschungel mit Dutzenden von Interpretationen und Hunderte von falschen Aussagen über sie und Beziehungen über sie.

    • @Martin Holzherr

      So wie ich Lubos Motl verstanden habe, scheint er es vor Allem für falsch zu halten, der Quantenwelt eine Realität zuzugestehen. Die Realität entsteht eben erst beim Beobachter und die Quantenwelt sei ein reich von Wahrscheinlichkeiten und nicht von Realitäten

      Das ist genau die epistemische Kopenhagener Deutung.
      Aber: Nehmen Sie an, Sie messen eine Spin in x-Richtung. Vor der Messung ist der Spin nicht real, und nach der Messung real. Jetzt drehen Sie Ihren Messapparat um 90 Grad in y-Richtung und messen nochmal. Der in x-Richtung präparierte Spin entspricht einer Wellenfunktion, die jeweils 50% Wahrscheinlichkeit für ein Ergebnis in +y- und -y-Richtung vorhersagt. Wird der Spin durch die Drehung des Messapparats wieder irreal?

      Und nein, die Many Minds-Interpretation hat nichts mit Dualismus zu tun. Lubos Motl hat es nicht verstanden. man kann natürlich philosophisch spekulieren, ob nur Bewusstseinszustände real sind und keine Außenwelt existiert. Worum es den Vertretern der Viele-Welten-interpretation aber geht, ist, dass alternativen Quantenrealitäten nicht weniger real sind als z.B. ein Quark.

  9. Zeitreisen im Multiversum:
    Die Quantenphysik der Zeitreise, David Deutsch und Michael Lockwood,
    Spektrum der Wissenschaft 11 / 1994, Seite 50,
    https://www.spektrum.de/magazin/die-quantenphysik-der-zeitreise/821917

    Glücksspiel im Multiversum:
    Die Wahrscheinlichkeit für einen Sechser im österreichischen Lotto 6 aus 45 beträgt eins zu 8145060.
    Wenn man 1000-mal spielt, dann ist die Gewinnwahrscheinlichkeit eins zu 8145.
    Daher wäre dann in einem von 8145 aller Paralleluniversen jeder Mensch, der sich so verhält, sehr reich, denn geistig ähnliche Menschen verhalten sich auch ähnlich, was deren stillschweigende Kooperation ermöglicht.

    Computerspiel im Multiversum:
    Das Spiel “BioShock Infinite” hat ein für solche Spiele relativ hohes Niveau in Logik, Handlung und Ästhetik.

    Humor im Multiversum:
    In der Fernsehserie “Stargate – Kommando SG-1” in der Folge “Parallelwelten (Ripple Effect)”.
    In der Fernsehserie “Stargate Atlantis” in der Folge “Die Daedalus-Variationen (The Daedalus Variations)”.

    • Beim Multiversum hört der Spaß auf. Am 27. Juli 2003, einem Sonntag, gegen 5 Uhr früh nahm ich das aktuelle Heft von Spektrum der Wissenschaft zur Hand und las den Artikel Parallel-Universen von Max Tegmark. Dann tat ich, was in den 54 Jahren zuvor noch nie vorgekommen war; ich schrieb einen Leserbrief:

      Betreff: Paralleluniversen – August 2003
      Von: Karl Mistelberger <karl.mistelberger@t-online.de>
      An: redaktion@spektrum.com
      Datum: 27.07.03 06:48

      Liebe Spektrumredaktion,

      es mag ja sein, daß der Widerstand gegen Multiversum-Theorien allmählich
      nachläßt. Angesichts der noch zu lösenden kleinen Probleme dieser
      Theorien bin ich selbst etwas zurückhaltend und werde mir darüber erst
      dann eine Meinung bilden, wenn ich die Probleme mit meinen zahlreichen
      Doppelgängern ausführlich erörtert habe.

      Mit freundlichen Grüßen

      Karl Mistelberger

      https://www.spektrum.de/magazin/leserbriefe/830234

  10. Herr Päs,

    vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel, der Zehs Aufräumarbeit in der physikalischen Gedankenwelt zugleich würdigt und außerhalb der Fachliteratur fortsetzt. Schade nur, dass es erst als Nachruf geschieht.

    P.S. (mit einem Augenzwinkern zu lesen) Ich hoffe, ein paar Kollegen anderer Blätter lesen ihn und schreiben weniger Kuddelmuddel.

  11. Zu Herrn Zehs Tod (mein Beileid seiner Frau) eine kleine (private) Anekdote: Im Juli 2009 wohnte ich in Laufnähe von seinem Haus. Da ich mich schon damals (als Laie) für (u.a.) Physik interessierte, schrieb ich ihm eine Mail und drückte mein Interesse an einem persönlichen Kontakt aus. Erwähnte (“aber“) auch meine Prägung durch den Buddhismus. Zitat: ** Dass sich zwischen Relativitätstheorie & Quantenphysik sowie Buddhismus überraschende Berührungspunkte ergeben ist (zumindest für mit Buddhismus näher befasste) nicht unbedingt neu. ** Er antwortete: ** Sehr geehrter Herr Krueger, vielen Dank fuer Ihr Interesse. Ich muss Ihnen allerdings mitteilen, dass ich diese irrationalen Zugaenge zur Quantentheorie fuer verfehlt halte. Aber wie Sie schon sagen, gibt es da ja eine Reihe anderer “Fachleute”, die diesen Gedankengaengen durchaus nahestehen. Ohne professionelles formales Handwerkszeug und genaue Kenntnisse aller Schluesselexperimente ist diese Materie aber sehr, sehr schwierig (auch fuer Profis!). Mit freundlichen Gruessen H. Dieter Zeh **.

    Ein paar (“laienhafte“) Anmerkungen zu Dekohärenz:

    An sich wollen Dinge (od. sind es jedenfalls in der Quantenphysik) kohärent sein (superponieren, sich überlagern). Durch äußeren Einfluss (Messung, Energiezufuhr/-beeinflussung) “kollabieren“ sie aber, werden dekohärent (koppeln mit der Umgebung) – bleiben jedoch verschränkt. Dekohärenz ist (insf.) auch (Art) wie Zellteilung. Wobei aus den (Art leblosen) Teilen dann etwas neues (auch lebendiges) Ganzes entsteht (so i.S.v.: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile). Kollabieren auch als “irreversibel“ verändert verstanden; Stichwort Entropie – i.S.v. Zerfall [negative Entropie hingen = Ordnung od. Leben (Schrödinger)].

    Zitat: Denn wenn man davon ausgeht, dass Dekohärenz nicht nur eine Begleiterscheinung des Quanten-zu-Klassik-Übergangs ist, sondern vielmehr seine Ursache, werden Everetts “Viele Welten” von einer Interpretation zu einer Vorhersage der Quantenmechanik.

    Dekohärenz als Ursache des “Kollaps“ [lebendig _oder_ tot bzw. auch (“gleichzeitig“, parallel) aufspalten in viele verschiedene Zustände/Welten]. Hm. Dass es verschiedene Zustände gibt ist OK, dass sie sich aber in endlose bzw. sozusagen unvorstellbare Existenzformen aufspalten [od. auch: Der Fantasie/“Kreativität“ (Gedankenexperimenten) sind keine Grenzen gesetzt], scheint mir etwas unrealistisch, idealistisch (wie der Buddhismus – jedenfalls in einem gewissen Sinn).

    Herr Zeh schrieb in seinem Buch *Physik ohne Realität: Tiefsinn oder Wahnsinn?* (S. 92), dass **das Wesen der Dekohärenz also in nichts anderem besteht als der permanenten Zunahme von Verschränkung zwischen allen Teilsystemen des Universums, was einer ständigen Dislokalisation von zunächst lokalen Superpositionen entspricht.** Und S. 46: **Der Dekohärenz-Mechanismus beschreibt mittels der Schrödinger-Gleichung eine irreversible Delokalisierung von Superpositionen in Form einer globalen Verschränkung, so dass diese für einen lokalen Beobachter unzugänglich werden.** Das könnte man ebenfalls (Mal) als “irrationale Zugänge“ (s. seine Mail) assoziieren. Selbstverständlich ohne mich über einen Verstorbenen pejorativ äußern zu wollen …

    • @Axel Krüger: Wie gesagt, Zeh war kein Freund von zu viel Spekulation und Deutung. Ich würde dagegen schon sagen, dass die Quantenphysik Berührungspunkte mit Alleinheits-Philosophien wie dem Buddhismus hat (aber eben auch mit Neuplatonismus, Christlicher Mystik, Suffismus, Taoismus, Hindiusmus usw…).

      Zu Ihren Ausführungen: Dekohärenz ist im Gegensatz zur Zellteilung eine Konsequenz unserer Perspektive und unseres unvollkommenen Wissens über die Umgebung. Dass sich die Zustände im Prozess der Dekohärenz in verschiedene Realitäten aufspalten ist keine “unrealistische” “Fantasie’ sondern genau das, was der Formalismus beschreibt. Mit Irrationalität hat das nichts zu tun, sondern damit, sie eigenen Theorien als Modelle der Natur ernst zu nehmen.

  12. Dieter Zeh scheint einer der Wenigen gewesen zu sein, der überhaupt in der Lage war über grundlegende Fragen auf Basis der Quantentheorie nachzudenken. Solch eine grundlegende Frage ist beispielsweise die, ob der Zeitpfeil nicht nur eine thermodynamische, sondern gar eine quantenmechanische Begründung habe. Dazu liest man auf der Website The Information Philosopher (übersetzt von DeepL): Zeh lehrte in den letzten Jahrzehnten an der Universität Heidelberg einen Kurs über die Richtung der Zeit . Der Kurs wurde in einem Lehrbuch, The Physical Basis of the Direction of Time, veröffentlicht, das fünf Ausgaben durchlaufen hat.
    .

    • @Martin Holzherr: Hier besteht kein Gegensatz, denn der Zeitpfeil der Quantenmechanik ist im Rahmen der Dekohärenzdeutung/Viele-Welten-Interpretation selbst thermodynamisch. Bei Messprozess und Dekohärenz entsteht Von-Neumann-Entropie.

  13. Welche Rolle spielt die Gravitation in der Many-Worlds-Interpretation?
    Hat jede der vielen Welten ihre eigene Raumzeit-Geometrie oder
    gibt es eine gemeinsame Raumzeit-Geometrie für alle Welten?

    • @Josef Gnadl: Erstmal spielt sie keine besondere Rolle. Und Antworten leiden unter der Tatsache, dass wir bisher keine Quantentheorie der Gravitation besitzen. Aber es ist anzunehmen, dass es sowohl Welten mit unserer als auch Welten mit anderen Raumzeitgeometrien gibt. In den Welten ist alles realisiert, was prinzipiell physikalisch möglich ist.

  14. Wenn man beliebig viele Universen annimmt, dann erklärt das auf einfache Weise, warum unser Universum lebensfreundliche Naturgesetze hat.
    Unsere Logik und unsere Kausalität sowie unsere Naturgesetze und unsere Erhaltungssätze gelten nur in unserem Universum.
    Deshalb können Universen auch grundlos und mit beliebigen Naturgesetzen entstehen.
    In der sehr großen Anzahl möglicher Universen kann es auch Universen geben, in denen alle Aussagen irgend einer Religion genau zutreffen.
    Womöglich befinden wir uns in einem solchen Universum.
    Max Tegmark geht sogar von vier hierarchisch gestaffelten Ebenen der Paralleluniversen aus.
    Parallel-Universen, Max Tegmark,
    Spektrum der Wissenschaft 8 / 2003, Seite 34,
    https://www.spektrum.de/magazin/parallel-universen/830044

    • Ich glaube, die populäre Literatur stiftet da viel Verwirrung: many worlds sind
      keine parallelen Universen, die “nebeneinander” oder iwie existieren könnten.
      Wir haben nur eine reale Welt und damit “für alles” dieselben Naturgesetze.
      Diese “eine Welt” hat nur eine Wellenfunktion, aber verzweigt beobachterabhängig.
      Es realisieren sich nur unterschiedliche Quantenmeßwerte, keine “neuen” Welten.
      Das heißt, wir haben eine Unzahl innerer Beschreibungen, aber keine äußeren Blick.
      Parallelwelten würden unterschiedliche Gesetze und Konstanten haben können.
      Unsere “many world” wäre dann eine von vielen anderen – Grüße Dip

      • Lieber Herr Senf,
        um zur Klarheit beizutragen schreiben Sie:

        Es realisieren sich nur unterschiedliche Quantenmeßwerte, keine “neuen” Welten.

        Seltsam. Wieso ist ist ein Meßwert keine (neue) Welt ?

        Sind Ihre “Quantenmeßwerte” (eine Senfsche Wortneuschöpfung) nicht real ? Ein realer “Meßwert” in einer fiktiven Welt ? Oder ein fiktiver Meßwert in einer realen Welt ? Oder ein fiktiver Meßwert in einer fiktiven Welt, einer der vielen Welten ?

        Laut Herrn Päs sind diese fiktiven Welten der Vielweltenmenge real, nur nicht wechselwirkungsfähig untereinander.

        Ob das zur Klarheit beiträgt ? ich glaub: erst mal Begriffe klären.

        Und immer daran denken:

        Wer keine klaren Begriffe hat, hat auch keine klaren Gedanken.

        Grüße
        Fossilium

      • @Herr Senf: Ja, wobei es darauf ankommt, was man unter “Naturgesetz” versteht. Es ist durchaus möglich, dass Higgsfelder andere Minima annehmen, dadurch z.B. andere Verhälttnisse von Kraftstärken erzeugen und z.B. die Atomphysik aufgrund eines massiven Photons ganz anders aussieht. Und während es nur eine Quantenwelt gibt, existieren durchaus verschiedene klassische emergente Realitäten nebeneinander.

  15. Hallo Herr Päs,

    um ein mögliches Mißverständnis Ihres Textes auszuräumen: Herr Zeh ist von den Physikern nicht wegen seiner Theorie der Dekohärenz abgelehnt worden.

    Er wurde abgelehnt, weil er seine Physikerkollegen darauf aufmerksam machte, daß die üblichen Interpretationen der Quantentheorien (Bohr und Bohm) voller Widersprüche und Inkonsistenzen steckten und das Realitätskonzept der Physik ein „großer Nebel“ sei, und dies schlichtweg von Ihnen ignoriert würde (shut up and calculate):

    So schreibt er 2007:

    „Der Pragmatismus in der Physik erweist sich stärker als die Konsistenzfrage“
    „.. nur wenige Wissenschaftler sind bereit etwas zu wiederrufen, was sie ihr Leben lang gelehrt haben.“

    „Wenn etwa ein Physiker behauptet, er wende konsistent die Kopenhagener Deutung an, so bedeutet das eigentlich nur, daß er sich konsistent immer auf dieselbe Art begrifflicher Inkonsistenz beruft.“

    …wegen der oben genannten negativen Auslese dürften wir nicht einmal im Sinne Max Planks erwarten, dass wenigstens das Aussterben der alten Physiker (wie er sich ausdrückte) einen Fortschritt bringen wird.“

    „Und so schleppen sich klassische Vorurteile und Vorstellungen mit ihren begrifflichen Inkonsistenzen wie eine ewige Krankheit fort.“

    Ist doch ein starkes Stück, Leute wie Herrn Schulz, Herrn Pössel oder Sie, Herr Päs, als „negative Auslese“ zu bezeichnen. Einer, der den Physikern so den Spiegel vorhält, kann natürlich nicht erwarten, daß er einen Preis bekommt, erst Recht nicht, wenn auch noch Recht hat. Nicht einmal ich, der ich ja in diesem Punkt der gleichen Meinung bin wie Herr Zeh (nur nicht so prominent), würde das so drastisch ausdrücken. Daß sich der Pragmatismus in der Physik stärker erweist als die Konsistenzfrage, würden die meisten Physiker ja sogar noch zustimmen.

    Was also ist der Grund, lieber Herr Päs, dass so eine „negative Auslese“ wie Sie ihn so über den Klee loben ?

    Sind Sie vielleicht etwa mit ihm einer Meinung, was die Inkonsistenzen der Lehrmeinungen angeht, können das mit Blick auf Ihr Lehramt aber so drastisch nicht sagen ? Sie haben uns noch nichts darüber erzählt, was der von Ihnen hochgelobte Genius denn meint, wenn er von Inkonsistenzen der Bohr- und Bohmschen Theorieninterpretationen, zu der schwammigen Realitätsvorstellung Ihrer Physikerkollegen, vom „großen Nebel“ spricht.

    Sie loben Ihn, weil Zeh die genannten Inkonsistenzen und Fehlinterpretationen – die Sie genauso sehen, dies aber nicht sagen – auf wundersame Weise mit der Viele Welten Interpretation überwunden hat. Die Einsicht, wie inkonsistent, wie widersprüchlich die Begriffe und Interpretationen der Quantentheorien sind, wie wenig man den Meßprozeß (die Entstehung von Realität) versteht und welche schwammige Vorstellung man von der Realität selbst hat – all diese Einsicht führt direkt zur Viele Welten Interpretation – die all diese Probleme löst.

    Dumm nur, daß die meisten Physiker das so nicht sehen.

    Grüße Fossilium

  16. Hallo Herr Reutlinger,
    Sehr gut: die meisten Physiker halten die Kopenhagener Deutung (Bohr) für die passendste Interpretation, manche die Bohmsche, und dann gibt es noch GRW-Interpretation und die modale Interpretation – so als Haupt-Deutungen. Viele Welten sind in all diesen nicht vorgesehen. Das Meßproblem bleibt auch ungelöst.
    Die Dekokärenz löst das Meßproblem übrigens auch nicht.
    Nur die vielen Welten lösen das Meßproblem wirklich.
    Weiß jeder.
    Fragen Sie Herrn Senf – er wird mir zustimmen.
    Grüße
    Fossilium

    • Die VWI’s schaffen aber nur 18%, wo bleiben die verschwundenen 82%?
      Frag mich, warum bei der Quantenmathematik so viele Bilder sehen (wollen)?

  17. Max Tegmark geht von vier Ebenen der Paralleluniversen aus:

    1.) In ausreichend großer Entfernung, weit jenseits unseres kosmischen Horizonts, muss es zwangsläufig Kopien von uns geben, weil sich die Anordnung unserer Atome wiederholen muss, weil es nur endlich viele Kombinationen dieser Atome gibt.
    (Dazu ist ein nahezu unendlich großer Raum erforderlich.)

    2.) Verschiedene inflationäre Blasen mit unterschiedlichen Naturkonstanten und mit unterschiedlichen Symmetrie-Brechungen.
    (Das erklärt unsere lebensfreundlichen Naturkonstanten.)

    3.) Die Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik, mit vielen ganz nahen Parallelwelten, mit vielen Schrödinger-Katzen, und mit vielen Bednariken, die beinahe das Gleiche schreiben, falls sie nicht schon gestorben sind.
    (Bei meinem Alter und meiner früheren Lebensweise lebe ich vermutlich nur noch in 1/4 jener Welten, in denen ich im Alter von 10 Jahren existiert habe.)
    (Aber in 1/8000 aller dieser Welten bin ich sehr reich (Lotto).)

    4.) Völlig andere mathematische Strukturen, völlig andere Logiken, völlig andere Geometrien, völlig andere Grundlagen der dort herrschenden Naturgesetze.
    (Dort kann an Stelle von unseren Quanten-Fluktuationen etwas ganz anderes stattfinden.)

  18. @fossilium;
    Die Wahrscheinlichkeit, den genauen Ort einer frei fliegenden Taube vorherzusagen, oder die Taube an einem bestimmten Ort anzutreffen, ist sehr gering. Sperrt man die Taube in einen großen Käfig, dann steigt die Wahrscheinlichkeit der Ortsbestimmung, unter der Annahme, dass der Ort des Käfigs im System des Beobachters genau bestimmbar ist.

    Je kleiner man den Käfig nun macht, desto größer wird die Wahscheinlichkeit, aber desto häufiger stößt die Taube gegen die Käfigwände und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Taube den Käfig “durchtunnelt”. Wenn der Käfig nur noch so groß ist wie die Taube selber, dann wird die Wahrscheinlichkeit der Ortsbestimmung zu 1, aber wo geht die kinetische Energie der Taube hin, wenn sie sich nicht mehr bewegen kann? Wird die Wahrscheinlichkeit des Durchtunnelns auch zu 1? Das wäre ein Paradox! Oder geht die Energie zuvor auf den Käfig über? Ist dies die Dekohärenz oder der Kollaps der Wellenfunktion?

    • @anton reutlinger: Mit großen Objekten wie Tauben können Sie nicht argumentieren, die sind ja schon dekohärent. Außerdem bricht irgendwann das Teilchebild zusammen und man muss mit Wellenfunktionen argumentieren.

  19. Es wundert mich, dass noch niemand (auch Hr. Päs nicht) auf die – jedenfalls m.A.n. – interessante Frage von Josef Gnadl v. 18.5. eingegangen ist:

    Welche Rolle spielt die Gravitation in der Many-Worlds-Interpretation? Hat jede der vielen Welten ihre eigene Raumzeit-Geometrie oder gibt es eine gemeinsame Raumzeit-Geometrie für alle Welten?

    Einerseits möchte man (od. ich) denken, dass die many worlds (aufgrund ihrer “sehr eigenwilligen“ Zustände) auch ihre eigene Raumzeit-Geometrie haben (i.S.v. völlig abgetrennt sind von z.B. unserer Welt; diesem Kosmos.). Andererseits man sich das Ganze ja auch als die Summe seiner Teile vorstellen kann. Es, das Ganze, Ergebnis der Evolution seiner Teile ist (die Evolution nicht völlig abgetrennte Räume überwinden kann). Anders (als Frage) formuliert: Ob das Ganze [die, m.A.n., existierende Realität (auch wenn sie sich, in einem gewissen Sinn, nur in unserem Kopf abspielt] ein Kontinuum ist (alles mit allem verbunden) oder “diskret“ (granular)? Granular als mit unüberbrückbaren Zwischenräumen (absolutem Nichts) versehen gemeint.

    Ich neige dazu das Ganze [auch wenn es (separate, abgetrennte) many worlds gibt] als ein Ganzes anzusehen. Dass die Gravitation sich von einer dieser Welten auf eine andere auswirkt, halte ich nicht für zwingend erforderlich – so nach dem (Newton’schen) Motto, dass sie mit der Entfernung abnimmt. Trotzdem aber gibt es eine Gemeinsamkeit – eine gemeinsame “Raumzeit-Geometrie“. G. R.-Z. hier so gemeint, dass Alles Eins ist (trotz “Vakua“ dazwischen). Und auch unendlich ist. Das Gemeinsame ist eben die Existenz des Ganzen. Aus was sich das “im Einzelnen“ zusammensetzt [eine eventuelle (völlig) andere Welt (oder many Welten); ein anderer Kosmos (od. many Kosmen) Mal als separates/separate “Teilchen“ aufgefasst], ist — im hier (wegen der Frage von Herrn Gnadl) raumzeitgeometrischen Kontext — keine einfache Frage.

  20. @Karl Bednarik und Heinrich Päs: Parallelen

    Halten Sie es für wahrscheinlich, dass es von jedem Menschen zahlreiche parallele Varianten in parallelen Universen mit unterschiedlichen Erlebnissen gibt?

    Man muss gar nicht soweit gehen, um zu verstehen, dass diese Antwort:

    Ja. Die anderen Versionen von Karl Bednarik haben den gleichen ontologischen Status wie Sie selbst.

    zutreffen wird, unter der Voraussetzung, dass es Paralleluniversen gibt. Es braucht aber keine Paralleluniversen, um das zu erleben, denn das gibt es auch in unserem. Das folgende Beispiel* stammt zwar aus einem anderen Fachbereich, aber ich bleibe beim Thema, denn das Beispiel dient nur der Erläuterung:

    Ein Kind, das wegen einer vermeintlichen Störung der Informationsverarbeitung in Behandlung ist, wird der Therapeutin gefragt: “Wer sitzt in der Klasse neben dir?”
    Antwort des Kindes: “Du, der Junge kann ganz toll schreiben”
    Die Therapeutin wiederholt die Frage und erhält nun zur Antwort:
    “Weißt du, der Junge ist immer sauer, wenn ich mit dem Arm auf seine Seite vom Tisch rüberkomme.”….

    Es ist anzunehmen, dass die Therapeutin als Antwort den Namen des Banknachbarn erwartet hat. Nur hat sie danach nicht gefragt, sie fragte nicht: “Wie heißt das Kind, das neben dir sitzt?”
    Dennoch: Die meisten Kinder wissen, ohne nachdenken zu müssen, wonach gefragt wurde, und antworten spontan mit einem Namen. Doch was hat dieses Kind gemacht?

    Ausgangsbedingung war die Frage, die – unter dem Gesichtspunkt, wie das Denken (das Gehirn) dieses Kindes funktioniert-, mehrere Möglichkeiten zulässt, darauf zu antworten. Alle diese möglichen Antworten haben die gleiche Wahrscheinlichkeit, richtig zu sein.
    Was dem Kind fehlt, um aus der Menge dieser möglichen, gleich wahrscheinlichen Antworten, die ‘richtige’ herauszufiltern, ist, es muss wissen, was am Ende herauskommen soll, d.h., in den Ausgangsbedingungen muss die Zielbedingung enthalten sein.
    Ist sie das nicht, ist auch sie nur eine von vielen Möglichkeiten (worauf die Antworten des Kindes verweisen), gibt es beim Kind parallel verschiedene, gleich wahrscheinliche Verknüpfungsmöglichkeiten von Ausgangs- und Zielbedingung, und damit verschiedene Möglichkeiten, zu antworten.
    Es ändert sich daher mit jeder Wiederholung der Ausgangsbedingung (der Frage) der ‘Antwortzustand’ des Kindes – ohne dass sich sein ontologischer Status ändert -, d.h., im Moment, bevor die Antwort erfolgt, gibt es parallel mehrere ‘Versionen’ von Antwortzuständen, die vom Kind zeitgleich eingenommen werden können, die alle gleich wahrscheinlich sind, von denen aber nur einer im Moment der gegebenen Antwort zur Realität wird.

    Die ‘Realität’ eines solchen Kindes folgt nicht dem Zeitpfeil, sondern enthält in den Ausgangsbedingungen parallel verschiedene Möglichkeiten, sowohl was die Menge der Ausgangs- als auch, was die Menge der Zielbedingungen betrifft, die in den Ausgangsbedingungen vorkommen müssen, von denen eine aus der Menge der Ausgangs- mit einer aus der Menge der Zielbedingungen verknüpft wird. Vom Möglichkeitszustand zum Wirklichkeitszustand werden diejenigen, die mit einer in der Gegenwart gegebenen Antwort verbunden werden.

    Es sind zwar nicht Viele Welten, aber viele parallele, gleich wahrscheinliche Zustände, in denen so ein Kind sich im Moment nach der Frage befindet, bevor es zum ‘Kollaps’ einer dieser funktionalen Verknüpfungen kommt und das Kind spontan antwortet.

    *Quelle: Ingrid Ohlmer-Schreiber (1987): Perzeptions- und Kommunikationsstörungen bei hyperaktiven Kindern. In: Der Kinderarzt, Nr.5 , 659-661

  21. Zu der schnellen Taube im kleinen Käfig:
    Ein einzelnes, freies Atom ist in Ort und Impuls so unbestimmt (nicht unbestimmbar), dass man von ihm kein klares Bild bekommen kann.
    Wird aber ein einzelnes Atom an die Oberfläche eines Monokristalls adsorbiert, dann geht die Masse des Monokristalls in die Gleichung für den Impuls ein.
    Deshalb kann dann der Ort des Atoms bei nahe bei null liegenden Geschwindigkeiten auf Bruchteile eines Atomdurchmessers genau bestimmt sein, ohne das es deswegen einen zu kleinen Impuls haben müsste.
    Dann kann man auch einzelne FeCO und Fe(CO)2 Moleküle mechanisch zusammen bauen:
    https://www.physics.uci.edu/~wilsonho/N0100.htm

  22. Nachtrag

    Das hatte ich (wieder einmal) vergessen bzw. vorausgesetzt: Es ist bisher nicht mehr als eine Vermutung, aber für mich ist sie evident: Das Denken bzw. die Art der Informationsverarbeitung des Kindes und das der Gruppe von Menschen, zu denen auch dieses Kind gehört, scheint demselben Prinzip zu unterliegen wie quantenmechanische Ereignisse. Demgegenüber, und das lässt sich experimentell untersuchen, entspricht das Denken der Mehrheit aller Menschen dem Prinzip der klassischen Mechanik.
    Auf der Ebene der menschlichen Informationsverarbeitung gibt es keine Möglichkeit einer ‘Dekohärenz’, keinen Übergang von der einen Art in die andere. Die gibt es nur auf der Ebene der bewussten Denkoperationen.

    Mich fasziniert, dass ausgerechnet dieser Sonderfall in der Physik, die klassische Mechanik, sich beim menschlichen Denken als Grundverständnis durchgesetzt hat, weshalb uns die reale Welt in der Form erscheint, wie wir sie wahrzunehmen meinen.

  23. Toller Artikel, der mich bis zum Schluss gefesselt hat. Als Experimentalphysiker eine mehr als gute Gelegenheit (wieder einmal) über das Phänomen, genauer den Prozess, Messung grundsätzlich nachzudenken, angeregt durch diesen Artikel als auch die Kommentare. Vielen Dank.

  24. Hallo Herr Reutlinger,

    die viele Welten, die Herr Zeh – wie ich meine ziemlich erfolglos – versucht hat, seinen Physikerkollegen als richtige Interpretation der Quantentheorie zu vermitteln, ist eigentlich ein sehr interessantes Konzept, leider für die Physik ungeeignet. Man kann das an folgendem Beispiel leicht ersehen:

    In der Philosophie fragt man z.B.: existiert das Einhorn ? Es gibt das Einhorn als gedankliche Konstruktion, als Zeichnung, oder in Harry Potters Welten. Insofern kann man sagen: ja es existiert, aber eben auf besondere Weise, jedenfalls anders als zum Beispiel die Kuh auf der Weide, der Hase im Feld, oder die Katze auf dem Sofa. Der Bergriff “Existenz” oder “etwas existiert” umfaßt also mehr als das, was wir als Realität außerhalb von uns wahrnehmen, und was Gegenstand des physikalischen Erkenntnisstrebens ist.

    Aber kein Philosoph würde jemals sagen, das Einhorn ist real, also genauso real wie die Kuh, der Hase oder die Katze. Das wäre ein logischer Fehler, den jeder sofort einsieht. Das Einhorn existiert in den Welten von Harry Potter, aber nicht in der Realität..

    Betrachten wir jetzt man die vielen Welten. Bei jeder Wechselwirkung (Messung) eines Quantenobjektes soll – so die Viele-Welten-Interpretation – das Quantenobjekt sich doubbeln oder vielfachklonen, also vielfache Existenz annehmen, weil es dabei mehrere verschiedene wohlbestimmte Eigenschaften annimmt, die in unserer Realität nicht gleichzeitig auftreten können, z.B. verschiedene Orte. Die Klonung des Quantenobjektes findet also jeweils in verschiedenen Welten statt, die – jede für sich – den gleichen Realitätscharakter haben, wie unsere Realität – aber die nicht untereinander wechselwirken. Es handelt sich also nicht um die möglichen Welten in der Philosophie, sondern – darauf hat Herr Päs ja mehrfach hingewiesen – um ontologisch reale selbstständige Welten, gleich unserer, aber ohne Austausch von irgendwas untereinander. Also im Vergleich mit dem Einhorn kann man durchaus ohne logischen Widerspruch davon sprechen, daß viele Welten exsitieren.
    Aber kann man auch behaupten, daß diese real sind, genau wie unsere ?

    Daß diese Welten real sind – dieser Schluß ist nicht zulässig. Den der Realitätsbegriff ist viel eingeschränkter als der Existenzbegriff. Das Einhorn ist nicht real, weil das was in den Gedanken, auf dem Papier oder in der Harry-Potter-Welt existiert, nicht mit den Rindviechern, dem Hund und der Katze, den realen Dingen in unserer Realität, wechselwirken kann. Deshalb ist es nicht real. Nur das ist (nach der einzig möglichen verständlichen Definition von Realität) real, was die Fähigkeit zu einer Wirkung hat (mit der Energie als Maß dafür).

    Die Vielen Welten können nicht mit unserer Welt wechselwirken. Mit welcher Berechtigung kann ich dennoch behaupten, diese seien real, genauso real wie unsere Welt ? Diese Berechtigung muß ich – wenn ich ein Vertreter der Viele-Welten-Interpreation bin – begründen – und das kann ich nicht !

    Das ist das Problem mit den vielen Welten. Das war auch das Problem von Herrn Zeh, der sich viel mit Physikern, aber nicht mit den Philosophen richtig auseinandergesetzt hat. Dabei war er jemand, der sehr weit und sehr tief gedacht hat. Er hat auch philosophische Argumente für seine Thesen in Anschlag gebracht, die waren aber geistesgeschichtlicher Art, nicht metaphysischer oder logischer Art. Aber genau diese Diskussionen hätte er führen müssen – hat er aber nicht. Mir ist jedenfalls keine bekannt, er hat auch keine in seinen Schriften zitiert.

    Herr Tegmark, Herr Zeh und Herr Päs vertreten die Viele-Welten Interpretation.
    Welches Argument wird von Ihnen vorgebracht, um den Einwand der unzulässigen Realitätsbestimmung zu entkräften ?

    Ich schreibe diesen Text für Sie, Herr Reutlinger, weil Sie mit Ihren Beiträgen – nachdem die Diskussion schon praktisch zum Erliegen gekommen war – die Diskussion voranbringen wollen, das finde ich eine sehr gute konstruktive Einstellung, die ich irgendwie – jetzt eben auf diese Weise mit einem langen Beitrag honorieren will. Es ist dabei aus meiner Sicht für mich nicht so wichtig, ob Sie die richtigen oder falschen Argumente haben.

    Grüße Fossilium

    • Hallo Fossilium,

      Sie versuchen gern, Philosophen und Physiker gegeneinander auszuspielen, die sich angeblich ja nicht austauschen würden. Dabei stellt sich mir aber die Frage, wie bewandert Sie in der Philosophie überhaupt sind. Tatsächlich gibt es durchaus Philosophen, die leidenschaftliche Verfechter der Viele-Welten-Interpretation sind, z.B. David Wallace oder Simon Saunders. David Wallace z.B. hat in seinem Buch “The Emergent Multiverse” viele Ihrer Argumente diskutiert und entkräftet. Auch David Albert und Huw Price setzen sich zumindest kritisch mit der Viele-Welten-Interpretation auseinander.

      Zu Ihrem Hauptargument: Sie können natürlich “Realität” nennen, was Sie wollen, auch Ihr Kaninchen, wenn es Ihnen Spaß macht. Wenn Sie den Begriff der Realität allerdings an dem festmachen wollen, was mit uns wechselwirkt, dann können sich niemals zwei Menschen auf eine Realität einigen. Warum? Nun, mit uns wechselwirken kann nur, was uns mit Unterlichtgeschwindigkeit beeinflussen kann: Was innerhalb unseres Horizonts liegt, wie Kosmologen sagen. Der Horizont ist aber von jedem Raumzeitpunkt aus ein anderer. So ist nach Ihrerm Begriff das momentane Fossilium für mich nicht real, nur das gestrige, und das momentane nur für mein morgiges Ich.

      Sind Sie sicher, dass so ein Realitätsbegriff sinnvoll ist?

      • Probleme mit “Wechselwirkung”:

        Nun, mit uns wechselwirken kann nur, was uns mit Unterlichtgeschwindigkeit beeinflussen kann

        1.
        wieso eigentlich Unterlichtgeschwindigkeit und nicht Lichtgeschwindigkeit?

        2.
        Wenn Wirkung sich nur mit endlicher Geschwindigkeit fortpflanzen kann, kann Wechselwirkung nur lokal stattfinden, ansonsten hat man ein Hin und Her von Ursache –> Wirkung = Ursache –> Wirkung.

        Oder gibt es noch andere Möglichkeiten?

  25. Hallo Herr Päs,

    ich habe nicht gesagt, daß das real ist, was wechselwirkt. sondern was die Fähigkeit zu einer Wechselwirkung hat – was wechselwirken k a n n. Die Energie ist ein Maß für die Fähigkeit zu einer Wirkung. Alles was Energie hat, hat diese Fähigkeit und kann als real bezeichnet werden.

    Wenn das für Sie nicht die richtige Definition ist, sagen Sie uns doch einfach, was für Sie denn Realität ist. . Welchen Begriff von Realität haben Sie denn ?

    Im übrigen bitte ich Sie, meine Texte genau zu lesen. Ich spiele niemanden aus. Ich hatte Ihnen schon mehrfach mitgeteilt, daß ich große Zuneigung und Respekt vor der Physik habe, und die Physiker mit der Philosophie zusammenbringen möchte. Das ist notwendig, um die Physik voranzubringen. Das würde ihr gut tun. Das ist mein einziges Anliegen, und sehr schwer zu vermitteln.

    Was also ist ihr Begriff von Realität ?

    Grüße Fossilium

    • @Fossilium:

      ich habe nicht gesagt, daß das real ist, was wechselwirkt. sondern was die Fähigkeit zu einer Wechselwirkung hat – was wechselwirken k a n n.

      Was außerhalb unseres Horizonts ist, k a n n nicht wechselwirken.

      Ich hatte Ihnen schon mehrfach mitgeteilt, daß ich große Zuneigung und Respekt vor der Physik habe, und die Physiker mit der Philosophie zusammenbringen möchte.

      Wie gesagt, Physiker diskutieren bereits mit Philosophen, z.B. wie oben angeführt mit dem Bertrand Russell-Professor an der Fakultät für Philosophie, Universität Cambridge, und mit dem Professor of Philosophy of Physics an der University of Oxford. Diese teilen aber nicht Ihre Meinung. also stellen Sie es doch bitte nicht so dar, als wären Sie das Sprachrohr der Philosophie. Wieso behaupten Sie, Zeh habe “sich viel mit Physikern, aber nicht mit den Philosophen richtig auseinandergesetzt”, wenn ich explizit über seine philosophischen Ansichten und seine Prägung durch Hans Vaihinger geschrieben habe. Haben Sie meinen Beitrag nicht gelesen?

      Was also ist ihr Begriff von Realität ?

      Lesen Sie mal Vaihinger, oder schauen Sie hier:
      Gibt es den freien Willen? Und: Was ist Realität?.

  26. Sehr geehrter Herr Päs,

    “Was außerhalb unseres Horizonts ist, k a n n nicht wechselwirken.”

    Ich muß Ihnen darauf antworten: Was jenseits unseres Horizontes ist, ist dann auch physikalisch nicht real, sondern existiert nur gedanklich, als Modell, als Figur, als Idealisierung (wie das Einhorn).

    Bitte verstehen Sie mich nicht falsch – ich bin nicht der Gegner von Leuten, die die viele Welten Interpretation vertreten. Ich bin überhaupt kein Gegner von Leuten, die anderer Meinung sind als ich – im Gegenteil, diese sind mir die liebsten. Ich liebe auch die Physik und die Naturwissenschaften und die Philosophie. Ich kenne mich in der Philosophie auch nicht aus – ich schrieb Ihnen ja schon, daß ich Hobby Philosoph bin. ich bin aber der Meinung, wenn man eine Behauptung aufstellt (z.B. daß die vielen Welten der Physik nicht das Gelbe vom Ei sind), dann muß man das begründen. Das mache ich mit eigenen Worten (nicht mit fremden), und das der Grund warum meine Beiträge so lang sind: alles Begründungen. Eigene, nicht von Herrn Russell, Walace, Saunders oder Vainger hergenommen.

    Ich habe mit dem Einhorn Beispiel begründen wollen, warum man sagen kann, viele Einhörner und Welten existieren, aber nicht sagen kann, sie sind real. Das ist aber nur meine eigene Meinung, und ich hoffe, es gibt Leute die anderer Meinung sind und mir dies mitteilen, begründet und mit eigenen Worten.

    Ich hoffe also immer, daß man mir widerspricht und sich mit mir auf eine Diskussion einläßt. Denn dann kann daraus ein konstruktiver Dialog werden. Mehr will ich nicht. Es ist mir vollkommen egal, ob ich Recht oder Unrecht habe, vieles von mir sind ja auch spontane unausgereifte Gedanken – ich will einfach nur das Gespräch darüber.
    Das wollen Sie doch auch oder ?

    ich kenne eine Menge der Schriften, die Herr Zeh zum Thema Viele Welten verfaßt hat. Rein Metaphysische Argumente werden dort zugunsten der VWI aber nicht vorgebracht. Die VWI wird von Zeh damit begründet, daß sie die einzige konsistente Interpretation der Schrödingergleichung ist – also mit dem Konsistenzargument allein. Mich würde sehr interessieren (aufrichtig), welche Argumente philosophischer Art er denn wann und wo diskutiert – ich kenne keine. Er führt immer nur Konsistenzargumente an.

    Vielleicht kennnen Sie welche.

    Denn sein Konsistenzargument zieht letztendlich nicht, wenn die Viele Welten Interpretation wegen des unbegründbaren Realitätsanspruchs selbst inkonsistent ist.

    Grüße Fossilium

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