Was von der Woche übrig bleibt [3]

BLOG: Con Text

Wörter brauchen Gesellschaft.
Con Text

Wie Sie sehen, bleibt nicht jede Woche was übrig. Aber ein wenig hat sich inzwischen angesammelt.

Argumentum

In letzter Zeit stört mich ein wenig, wie klassische, neoklassische und moderne Trugschlussbegriffe missbraucht werden, wohl um Bildung gegenüber anderen vorzutäuschen. Am beliebtesten ist dabei das argumentum ad hominem, das in kaum einem Kommentar- oder Forums-Thread fehlt. Benutzt wird es beinahe immer falsch.

In der klassischen Logik/Rhetorik gehört das argumentum ad hominem zu den irrelevanten Schlussfolgerungen, einer Gruppe von Fehlschlüssen, die meist aktiv eingesetzt werden, um vom Thema abzulenken. Argumentiert jemand ad hominem, benutzt er ein Charakteristikum des Gegners, das mit dem Diskussionsgegenstand nichts zu tun hat, um die Folgerungen des Gegners zu diskreditieren:

Mein politischer Gegner kann uns doch nicht erzählen, wie die Wirtschaft zu retten ist. Der war doch immer Beamter!

Was in Diskussionen unter Halbgebildeten üblicherweise als ad hominem bezeichnet wird, ist schlichte Beleidigung:

Du bist doch blöd, du Nazi*, wenn du das glaubst!

*Setze passenden Wert für die Variable ein, je nach politischer Vorliebe.

Godwin

Ähnlich falsch wird das gern zitierte Godwin Law benutzt:

As an online discussion grows longer, the probability of a comparison involving Nazis or Hitler approaches 1.

Das ist erstens eine rein statistische Aussage, die kaum zu widerlegen ist. Zweitens geht es hier überhaupt nicht um die Validität des Vergleichs. Allerdings möchte Michael Godwin Menschen daran erinnern, nachzudenken, bevor sie ein Phänomen oder eine Entität mit dem Holocaust oder Hitler oder dem Dritten Reich gleichsetzen.

Vergleichsweise

Jemand sagte einmal zu mir, nur das Ungleiche sei überhaupt vergleichbar. Klingt kontraintuitiv und ist allein deswegen schon untersuchenswert. Wenn wir vergleichen, suchen wir nach Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen Dingen oder Ereignissen. Im Kontext gesellschaftspolitischer Untersuchungen interessiert uns z.B., welche Umstände wir vermeiden müssen, um eine menschenverachtende, diktatorische Gesellschaft zu verhindern.

Vergleichen wir konkrete aktuelle Entwicklungen nicht mehr mit vergangenen, können wir damals gemachte Fehler nur schwer vermeiden. Somit sind Vergleiche mit der europäischen – besonders der deutschen – Politik in den 1930ern und 1940ern nicht nur zulässig, sondern notwendig.

Ganz anders sieht das mit Gleichsetzungen aus. Niemand ist Hitler, nur weil er nicht meine Meinung teilt.

Schimpfworte

Menschen beschimpfen andere Menschen, sie versuchen den Beschimpften als Sonderfall darzustellen, sich selbst implizit als Normalfall. Daraus folgt, dass Bezeichnungen für kleinere Gruppen innerhalb der Gesellschaft häufiger zu Schimpfwörtern werden.

Mermaid was another word for prostitute in Elizabethan times and was used to scorn Mary Queen of Scots

[nach Simon Schama, A History of Britain – The Complete BBC Series, Teil 7; die Bedeutung des Wortes ist im OED belegt]

Ansonsten kann jedes Wort zum Schimpfwort werden, im Beispiel oben wird erst ein beschönigender Begriff für Prostituierte entwickelt, dann dieser zum beleidigen benutzt.

Ästhetik

Vor vielen, vielen, vielen Jahren habe ich mich ein wenig ausführlicher mit Pornofilmen beschäftigt. Ich wollte eine Ästhetik des Pornofilms schreiben. Wie sind die gemacht, was unterscheidet sie von Erotik und anderen Formen der Darstellung nackter Menschen. Leider kam ich nie über einen Satz hinaus, eine längere Arbeit dazu scheint mir eher versabbelt:

Der Pornofilm benutzt die Stilmittel des Dokumentarfilms, um eine Fantasywelt darzustellen.

So sieht’s aus. Alle Männer können [und wollen] immer, alle Frauen sind ständig geil.

Zombies

Heute sind sie Mainstream, aber vor 30 Jahren gab es in vielen Ländern, sehr scharf im UK und in Deutschland, Verbotsdiskussionen: Horrofilme mit Zombies. Das war die erste Generation moderner Untoter, die nichts mit den Zombies aus Voodoo gemein haben. Auch wenn Lucio Fulci da mal was konstruierte.

Die Filme aus George Romeros ursprünglicher Zombie-Trilogie – Night of the Living Dead, Dawn of the Dead und Day of the Dead – waren zu ihrer Zeit schon wegen der Schauwerte schockierend. Aber ihre Wirkung verdanken sie nicht den Schocks und dem Ekel, sondern der Menschlichkeit. Die Untoten erregen unser Mitleid, sie sind Getriebene im wahrsten Sinne des Wortes. Sie können nichts für ihr Schicksal, werden brutal gejagt, ohne wirklich eine Chance zu haben.

In Dawn z.B. hat sich die kleine Gruppe Überlebender in einem gewissen Rahmen mit der Masse an Untoten arrangiert, man vermeidet sie, wo es geht. Bis eine Gruppe Biker das Einkaufszentrum stürmt, nur um ein wenig Spaß mit den Zombies zu haben. Mich erfreut es schon ein wenig, wenn die Biker gegen die Untoten den Kürzeren ziehen. Der folgende Day geht noch weiter in diese Richtung.

Beziehungen

Relations: I against my brother; my brother and I against our cousin; my cousin and I against a stranger. I and other humans against the rest of the universe. [Derek Leveret, from a Somali proverb]

Gelinkt

Bevor ich vergesse, Ihnen zu erzählen …

Der Literaturwissenschaftler Christian Köllerer zeigt das Problem postmoderner Theorie

Wie müsste eine echte Netzliteratur aussehen

Es ist wirklich Zufall, dass ich in recht kurzer Zeit gleich dreimal zu Köllerer verlinke [zuletzt im Ulysses-Beitrag], aber der Mann ist halt gut. Ich kann seiner Kritik am Postmodernismus nichts hinzufügen, sie nicht besser schreiben; die Netzliteratur greife ich vielleicht später einmal auf.

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Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

3 Kommentare

  1. Bildung vortäuschen vs. Wort aufgreifen

    Bedeutungen wandeln sich und eine “richtige” Verwendung einer Wortfügung gibt es nur für einen bestimmten Zeitpunkt. Die Aussage, Benutzt wird es beinahe immer falsch., die sich auf die heute verbreitete Verwendung von argumentum ad hominem in Diskussionsforen bezieht, ist deshalb zu hinterfragen. Nur schon, wenn man den Wikipedia-Aritkel zu argumentum ad hominem liest, wird offensichtlich, dass der Begriff viele Facetten hat und unterschiedlich verwendet wird, wobei es sogar noch überlappende Redewendungen wie argumentum ad personam gibt.

    Wie ein Begriff von einem Kollektiv verwendet wird und was damit gemeint ist, entscheidet letztlich über die Bedeutung einer Phrase und nicht allein das, was darüber in einem Lexikon steht.

    Nun gut. Warum verwendet man überhaupt die Fügung argumentum ad hominem?

    Etwa (Zitat)wohl um Bildung gegenüber anderen vorzutäuschen?

    Ungebildete werden es darum verwenden. Warum aber verwenden es Gebildete? Mein Gefühl sagt mir, dass man mit dem Vorwurf argumentum ad hominem auf eine andere Ebene ausweichen will. Derjenige, dem man argumentum ad hominem vorwirft, greift einen ja persönlich an und dies typischerweise coram publico. Und wenn dieser Angriff etwas wahres an sich hat, die Integrität der eigenen Person gar in Frage steht, oder der Angreifer sogar recht hat, dann ist man in einer schwierigen Situation. Zumal Emotion oft über die Ratio obsiegt. Es gibt dann nur noch die Chance, an die Ratio zu appellieren. Und das tut man am besten mit einem Fremdwort oder einer ganzen Wendung in einer anderen Sprache (Latein eignet sich gut), denn sogar für Gebildete bedeutet dies oft eine gewisse geistige Anstrengung, womit man seine Zuhörer dann von der emotionalen Ebene “vertrieben” hat oder sie wieder zum eigentlichen Argument zurückholt – wenn man Glück hat.

  2. Allgemeinsprachliche Begriffe können Sie gerne umdefinieren, wie es Ihnen in den Kram passt – auch wenn ich bekanntermaßen immer dafür bin, diese Definition dann auch ganz deutlich zu machen. Bei Fachbegriffen geht das nicht einfach, zumindest, wenn sie seit langer, langer Zeit stehen und gut funktionieren.

    Benutzen Sie Fachbegriffe im Gespräch mit KFZ-Mechanikern oder Ärzten auch so, wie es Ihnen gerade in den Kram passt?