• Von Dierk Haasis
  • Lesedauer ca. 3 Minuten
  • Kommentare deaktiviert für Mit Twitter im Gespräch bleiben

Mit Twitter im Gespräch bleiben

BLOG: Con Text

Wörter brauchen Gesellschaft.
Con Text

Da war sie wieder, die alte Frage: Nach welchen Regeln kommunizieren wir hier eigentlich? Gestellt auf Twitter, einem jener Social Media, denen andauernd vorgehalten wird, sie seien ja gar nicht das ‚richtige Leben‘.

An dieser Stelle würde ich gern aussen vorlassen, was dieses richtige Leben ist und warum Twitter, Facebook, Instagram, Tik Tok, Signal, WhatsApp etc. dazu gehören. Geht aber nicht. Denn die Frage, wie wir kommunizieren, was im Umgang mit den Gegenüber an ungeschriebenen Gesetzen gilt. Weil uninteressant, gleich vorneweg: Die Einhaltung allgemein gültigen Rechts sowie der geschrieben Regeln des jeweiligen Dienstes sind Voraussetzung.

Wer strafrechtlich Relevantes loswerden will, sollte mit den entsprechenden Konsequenzen klarkommen. Dasselbe gilt für zivil- und vertragsrechtliche Folgen. Wer gesperrt wird, kann Widerspruch einlegen1.

Doch wie sieht es sonst aus, was muss ich beachten, welche Rolle muss ich einnehmen? Oder welche Textsorte ist Twitter, ist es vielleicht ein Genre oder ein Sujet? Welches Umfeld erwarte ich, welche Erwartungen hat das Umfeld an mich? Phew, wer hätte gedacht, dass Twitter so komplex ist.

Selbstverständlich ist Twitter weder Sujet noch Genre oder Textsorte. Das sind Kategorien, die auf einzelne Tweets zutreffen. Das Unternehmen selbst hat mal mit dem Begriff ‚Microblogging‘ geworben – ein Dienst für die kurzen Einfälle, die man veröffentlichen möchte, für die es sich aber nicht lohnt, den WordPress-Editor anzuschmeissen. Gedanken, die nicht von Dauer sind, sondern ad hoc mitteilenswert. In 144 Zeichen. Heute 288. Was einigen immer noch zu kurz ist.

Eine Textsorte, die sich daraus ergibt: Der Aphorismus

Expectations are the food of disappointment. [Derek
Leveret]

Auch das Epigram hat seinen Platz auf Twitter.

What is an Epigram? A dwarfish whole,
Its body brevity, and wit its soul. [Samuel Taylor Coleridge]

Aber niemand ist gezwungen jederzeit oder überhaupt witticisms mit tiefer Bedeutung zu twittern. Jede:r kann Twitter nutzen wie er/sie möchte. Auf lange Sicht kann auch Belangloses, wie die kurze Beschreibung des täglichen Mittagessens oder die Feststellung, man ginge jetzt einkaufen, interessant genug sein, es zu verbreiten. Die Frage, warum Menschen etwas schreiben, ist unabhängig von der Veröffentlichung.

Twitter ist informell

Viele Twitterer schreiben und verbreiten politische Nachrichten und ihre Meinung dazu. Die nächsten schicken Zitate mehr oder weniger grosser, lang verstorbener Geister rum. Nicht wenige wollen immer nur Werbung für irgendeines ihrer Produkte machen. Andere schreiben vom Wetter, dem schönen Museum, das endlich wieder geöffnet hat, dem Handy, das im WLAN schlecht läuft, dem Paketedienst, der wieder nicht geklingelt hat, der Krankenkassen-Website, die vor allem prozess- statt kundenorientiert ist.

Es gibt Antworten [replies], Retweets mit und ohne Kommentar. Längere Threads mit hin und her von Argumenten, Meinungsschnipseln. Kurz: Es wird miteinander geredet. Elektronisch. Mit getippten Buchstaben. Nicht unbedingt nach standardisierter Rechtschreibung [egal, in welcher Sprache].

Man unterhält sich. Mehr ist von Twitter nicht zu erwarten. Als völlig unzureichender Twitterbite: Twitter ist Stammtisch mit mehr Plätzen.

Egal wo ein Gespräch stattfindet, es sind die Beteiligten, die mit ihren Erwartungen und ihrem Verhalten die Regeln der Unterhaltung bestimmen. Einen Unterschied nach real life und social media oder Internet zu machen, ergibt keinen Sinn. Es bleiben überall Menschen, die kommunizieren, die Plattformen sind bloss technischer Natur.

Wie im Offline-Leben können Menschen sich selbstverständlich Räume unterschiedlicher Formalität schaffen, die verschieden Rollen erwarten lassen. In einem wissenschaftlichen Symposium reden wir anders als am Stammtisch. Wir führen Gespräche im engeren Familienkreis anders als unter Kolleg:innen, mit denen wir anders sprechen als mit Chef:innen.

Die Regeln von Twitter sind die Regeln der Konversation

Twitter ist kein formaler Raum, sondern ein informeller. Twitter ist das Gespräch auf der Strasse. Twitter ist das kurze Zusammentreffen am Kaffeeautomaten. Twitter ist der schnelle Austausch zwischen Kolleg:innen. Twitter ist Konversation nach den Regeln der Beteiligten.

Das Argument, es würde auf Twitter weniger Hemmungen zu beleidigen oder zu belästigen geben als im «echten Leben», ist auch kein valides dagegen. Auch in Offline-Konversationen wird beleidigt und belästigt, teils subtil, teils ganz direkt, je nach Bildungsgrad der Beteiligten. Es mag bei Twitter mehr auffallen. Das hat zuallererst damit zu tun, dass jede:r von uns dort erheblich mehr Gesprächsteilnehmern ausgesetzt ist. Es ist kein neues Phänomen, dass irgendwelche Fremden sich in eine Gesprächsgruppe drängen, meinen, sie dürften einfach teilnehmen und ausfallend werden, wenn andere etwas sagen.

Notes:
1. Ich habe das bereits zweimal erfolgreich getan.
  • Veröffentlicht in:

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?