Geschichte gross und klein

All Creatures Great and Small1 war einer der ganz grossen Hits der BBC Ende der 1970er. Historisches Setting, kauzige Charaktere, mal lustige, mal tragische Geschichten. Zuschauer konnten auch einmal eine Woche nicht einschalten, verpassten kaum etwas, da es keinen übergreifenden Handlungsstrang gab. Die Serie verkaufte sich weltweit gut, deutsche Zuschauer lernten ein England lieben, das es auch damals schon lange nicht mehr gab.

Witzigerweise war genau das der Punkt von James Herriots anekdotischen Büchern und deren Verfilmung. Gerade die ersten drei Bücher und die erste, drei Staffeln umfassende, Serie sind deutlich mehr als eine Ansammlung zeitloser, komischer Geschichten. Wir sehen in ihnen den Wandel der Zeit – technisch, bezogen auf die Arbeitsweise der Tiermedizin, ebenso wie gesellschaftlich.

Es gibt einen Spannungsbogen, der sich vorsichtig über alles legt. Der historische Hintergrund schimmert behutsam durch die vergnügliche Oberfläche. Die Figuren leben in ihrer Zeit, der Autor nimmt ihre Position ein, schreibt nicht von oben herab, weiss zwar mehr als sie, drückt es aber weder ihnen noch dem Leser auf. Niemand verändert sich durch grosse Erkenntnisse, es gibt keine dramatischen Epiphanien.

Die Figuren scheinen – im Rückblick, mit all unserem Wissen – geradezu naiv mit ihrem Leben umzugehen. Sie interessieren sich für ihr Abendessen, das Sommerfest, lokale Cricket-Matches, unbezahlte Rechnungen. In der zweiten Hälfte der 1930er, als – aus unserer Sicht nach 19602 –  die Welt aus ihren Fugen brach, leben sie ihre tägliche Routine. Nicht unähnlich unserer. Nur Klamotten, Autos und Zeitvertreib sind anders.

Die Leserin lernt durch Augen und Ohren der Figuren deren Umgebung und ihre Zeit kennen. Obwohl Herriots Geschichten keine erstaunlichen Wendungen und Überraschungen enthalten, lohnt es sich, sie ohne grosses Vorwissen anzugehen. So, wie die meisten Zuschauer auch die TV-Serie sahen: ‘Ach, ist das schön, was für eine heile Welt.’

Keine gänzlich heile Welt

Doch im Pub oder nach dem Abendessen im Wohnzimmer, während man die Zeitung liest oder ein Radioprogramm hört, unterhält man sich auch über Dinge, die in der grossen Politik geschehen. Die Figuren hinterfragen kurz Chamberlains Diplomatie, überlegen, was dieser Hitler vorhat. Manchmal denken sie laut darüber nach, wie sich die Gesellschaft verändert, Behandlungsmethoden besser werden, neue Medikamente das Leben der Bauern erleichtern. Wie Industrie das Land weiter übernimmt. Wie immer mehr Bauern aufgeben, weil die Höfe ihre Familien nicht mehr ernähren.

Die ersten Weihnachtsspecials [1983 und 1985], noch mit Carol Drinkwater als Helen, rückten das Thema ‘Veränderung’ stärker nach vorne. Sie spielen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, aus dem James als anderer Mensch zurückkehrt, als der er mit dem Schlussakkord der dritten Staffel Richtung Armee zog.

Die spätere, zweite Serie, die es ab 1988 auf mehr Folgen brachte als die originalen drei, ersetzt Carol Drinkwater durch Lynda Bellingham, deren Helen Herriot nicht nur äusserlich eine völlig andere Frau zu sein scheint. Diese Fortführung verlor auch den Spannungsbogen und das unterschwellige Thema.3

Die 70er/80er-Staffeln unterliefen geschickt nostalgische Gefühle, indem sie das tägliche Leben nicht glorifizierten und grosse Ereignisse sich im Hintergrund leise, doch deutlich abspielten. Der Zuschauer von heute weiss um die böse Realität der 1930er und 1940er, die sich in die Welt der Herriots und Farnons schleicht. Der Abschluss wird damit ganz besonders bitter, weil der Schrecken, der sich vorher nur andeutete, plötzlich auf für die Figuren greifbar wird – wieder ohne das wahre Ausmass erahnen zu können.

Neuverfilmung

In gewisser Weise war All Creatures Great and Small eine Fortsetzung von Upstairs, Downstairs4, dass uns zeigte, wie Menschen sich vom Viktorianischen Zeitalter über den Ersten Weltkrieg in die moderne Welt veränderten. Hier sind es reiche Herrschaften und deren Gesinde, dort Mittelstand und Landvolk, um die herum die Neuordnung der Gesellschaft stattfindet.

In den letzten Jahren gab es für beide Serien Fortsetzungen, einmal als Sequel, einmal als Prequel5, die beide scheiterten. Vielleicht waren sie zu plakativ, schwankten zu stark zwischen Familiendrama und plötzlichen Einbrüchen gesellschaftlicher Probleme, kurz: waren zu sehr Seifenoper. Sicher fehlte ihnen die Subtilität der 1970er-Originale.

Angeblich hat HBO sich nun die Rechte für eine Neuverfilmung von All Creatures Great and Small gesichert. Alles weitere ist Spekulation. Niemand weiss, ob es ein Kostümdrama wie Boardwalk Empire geben wird, ob die Geschichten in die Jetztzeit versetzt werden, vielleicht gar in die USA.

Ich bin immer sehr dafür, bei der Neuauflage von Filmen und Serien etwas anders zu machen, neue Facetten heraus zu arbeiten. Leider funktioniert das nicht immer. Handlungszeit und –ort von Yorkshire in den späten 1930ern in die USA heute zu legen, scheint mir den wesentlichen Punkt der Geschichten zu verfehlen.

Notes:
1. in Deutschland: Der Doktor und das liebe Vieh
2. Die eineinhalb Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs waren dominiert vom Versuch, die gute, alte Zeit, die heile Welt vor Hitler wieder auferstehen zu lassen. Auch wenn das Verdrängung im grossen Stil bedeutete.
3. Die meisten ihrer Folgen beruhen nicht mehr auf James Herriots Büchern. Die Geschichten, sowie neue Figuren sind Originalschöpfungen für das Fernsehen. Dabei hat man mehr als einmal das Gefühl, schon gesehen zu haben, was da läuft. Einige Folgen sind eher Remakes.
4. in Deutschland: Das Haus am Eaton Place
5. Young James Herriot griff seine Studienzeit auf, konzentrierte sich dabei auf die schlechten Bedingungen, unter denen Tiermedizin gelehrt wurde.

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Dierk Haasis schrieb (27. July 2015):
    > In gewisser Weise war All Creatures Great and Small eine Fortsetzung von Upstairs, Downstairs , dass uns zeigte, wie Menschen sich vom Viktorianischen Zeitalter über den Ersten Weltkrieg in die moderne Welt veränderten

    Offenbar schilderte Upstairs, Downstairs die Periode von 1903 bis 1930, also erst beginnend in der (durchaus gesondert respektablen) Edwardischen Epoche.

    (Menschen des Viktorianischen Zeitalters wurden dagegen z.B. durch Die Onedin-Linie porträtiert.)

    • Da haben Sie vollkommen Recht, die Serie beginnt ca. 2 Jahre nach dem Tod Victorias. Es lässt sich trefflich darüber streiten, inwieweit Gesellschaft und Menschen sich bereits von den viktorianischen Idealen entfernt haben [oder ob sich Edwards knappes Regierungsjahrzehnt von Victorias letztem grossartig unterscheidet]. Wandel hat auch die Eigenart selten eine klare Grenze zu ziehen – was ja Thema ist.