Ein wenig geschichtslos

Con Text

Wir haben ein Problem, mit unserer Vergangenheit umzugehen. Nach zwei Weltkriegen, die wir zum Teil oder ganz zu verantworten haben, ist das kein Wunder. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wollten wir Abstand haben. Keiner war Nazi – bis auf die paar, die in Nürnberg oder Jerusalem vor Gericht landeten. Lange war der gängige Mythos, dass ein Bande psychopathischer Krimineller die Macht übernommen und ein Volk unterjocht hatten.

Die Nazis, das waren im Grunde immer die Anderen. Die Anständigen waren erst blind, dann Gefangene einer Machtmaschine, der sie nichts entgegen zu setzen hatten. In der zweiten Hälfte der 1950er und zu Beginn der 1960er gab es schon mal Filme, die zeigten, wie viele ehemalige Nazis in der Bundesrepublik wieder in guten Positionen sassen.1 Insgesamt folgen wir bis heute lieber der Erzählidee, das 3. Reich sei eine Art verkapselter Tuberkuloseherd der deutschen Geschichte – gab es mal, war nicht schön, aber hat keine Verbindung mehr zum Davor und Danach.

Geschichte ist ein Prozess, in dem Vergangenheit Gegenwart schafft und Zukunft informiert.

In den letzten Jahren gab es eine interessante Entwicklung im britischen wie im US-amerikanischen Fernsehen. Immer öfter wurden Stoffe im historischen Gewand aufgegriffen. Klar, Kostümdrama ist immer eine sichere Bank, Zuschauer lieben sie, Nostalgie kommt gut an. Aber was dort gemacht wird, geht über blosse Schauwerte hinaus.

Die BBC griff beispielsweise die in den 1970ern erfolgreiche Serie Upstairs, Downstairs auf, um die Geschichte zwischen den Weltkriegen fortzuführen. Im Original trennte sich die Welt noch deutlich in die oben [Herrschaft] und die unten [Bedienstete], und die langsame Auflösung alter Feudalstrukturen bis zur Emanzipation der Angestellten war ihr Thema.

Die Neuauflage spielt in der zweiten Hälfte der 1930er, zeigt auf der einen Seite eine nostalgisch angehauchte Welt, in der alter Adel und neuer Reichtum versuchen, Strukturen aufrecht zu erhalten, die längst nur noch Fassade sind – wir sehen in den wenigen Folgen den teuren Eaton Place sehr viel häufiger von aussen als in der gesamten Originalserie.

Nicht immer subtil eingearbeitet sind zeitgenössische Geschehnisse und historische Personen, wie die Märsche der British Union of Fascists, die Nazisympathisantin Wallis Simpsons, der US-Politiker Joseph Kennedy und seine Familie.

Eine andere kleine BBC-Serie, Young James Herriot, geht den umgekehrten Weg, knüpft nicht am Schluss der Originalserie an, sondern zeigt die Jahre der Universitätsausbildung Herriots, bevor er in den späten Mitt-1930ern als Tierarzt nach Yorkshire kommt. Wir sehen zum einen die sehr rudimentäre Ausbildung von Tierärzten an der Universität damals – Veterinärmedizin wird nicht ernst genommen, es fehlt an wissenschaftlicher Literatur.

Ganz besonders mühsam ist es für Frauen, den Beruf zu lernen und zu ergreifen, ein wesentliches Thema der drei Folgen.2 Auch hier spielen britische Faschisten und die Sympathien vieler Briten für ein ‘sauberes’ Grossbritannien nach Mosleys Vorstellungen eine Rolle.

Eine weitere, im Moment in ihrer zweiten Staffel laufende, Serie aus dem UK beschäftigt sich mit latentem Rassismus und der Gewalt, die eine Gesellschaft unterschwellig mit trägt. Vordergründig geht es in Peaky Blinders um Bandenkriminalität in Birmingham3. Die Hauptfiguren sind vom Ersten Weltkrieg oder den Unruhen in Nordirland gezeichnet. Polizisten scheren sich ebenso wenig um Gesetze und Vorschriften wie Kleinkriminelle, Schmuggler und Jugendgangs4

Wie in der ähnlichen US-Serie Boardwalk Empire ist Gewalt Grundlage der Gesellschaft, sie wird von allen ganz selbstverständlich eingesetzt, nicht einmal unbedingt als letztes Mittel. Die Anderen sind nicht nur Gegner, Konkurrenten oder Geschäftspartner, die es gilt über den Tisch zu ziehen. Sie sind Feinde. Todfeinde. Werden oft nur als Abfall gesehen.

Wenn Sam Neills Chief Inspector Chester Campbell in Peaky Blinders, ein Mann, der seine Sporen in Nordirland im Kampf gegen die IRA verdient hat, über Iren oder Birminghams Gangster loslegt, ist es reiner Hass auf ‘Parasiten’, den er äussert. Seine Methoden und seine Brutalität stehen dem nicht nach.

Es ist dabei kein individualisierter Hass, der Chief Inspector ist nur die offen sichtbare Abscheu, die offen gewalttätige Faust des Innenministeriums unter Winston Churchill. Seine Politik im Kampf gegen die IRA und gegen kriminelle Banden, nicht zuletzt für seine Karriere, können bestenfalls als fragwürdig bezeichnet werden. Hier zeichnet tatsächlich eine britische TV-Serie ein wenig sympathisches Bild eines Mannes, der bis heute von den meisten verehrt wird.

Alle Serien spiegeln Geschichte in der Gegenwart und Gegenwart in der Geschichte. Ihre thematischen Schwerpunkte stammen aus der Betrachtung damaliger gesellschaftlicher Prozesse aus der heutigen Sicht – Heute ist das Ergebnis jener Ereignisse, die damals möglicherweise nicht so wahrgenommen wurden. Der Ton ist dabei glücklicherweise richtig getroffen, man hat nicht den Eindruck, dass Charaktere aus der Zeit gerupft werden und gegenwärtige Sensibilitäten haben.

Das deutsche Rundfunksystem hat die Ressourcen – und macht nichts draus

… so wollte ich mich beschweren, als letzte Woche – nach einer recht langen Zeit – mal wieder ein wirklich exzellenter Film über die deutsche Geschichte in der ARD lief: Landauer.

Der Plot hangelte sich an der Geschichte des mehrfachen Vor- und Nachkriegspräsidenten des FC Bayern München lang, Um genau zu sein, der Film behandelte wenige Wochen nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Als Jude vor den Nazis ins schweizer Exil geflohen, kommt er nur nach Deutschland zurück, um sich auf seine Ausreise nach New York vorzubereiten.

Während er auf Papiere und Abreisetermin wartet, hilft er den beiden grossen Münchner Fussballvereinen auf die Beine. Soweit ich weiss – ich versteh gar nichts von Fussball –, sind die historischen Fakten mit wenigen dramaturgisch notwendigen Änderungen korrekt wiedergegeben5, aber darum geht es im Grunde überhaupt nicht.

Es sind die Figuren, ihre Motivation, ihre Entscheidungen im Dritten Reich und danach. Wir treffen unpolitische Deutsche, die froh sind, dass alles vorbei ist, überzeugte Nazis, die ihre Vergangenheit aus den Büchern getilgt sehen wollen – das gute alte ‘Wir hatten einen Juden im Keller versteckt’. Wir treffen Kollaborateure, mal mit, mal ohne Rückgrat, die nicht nur persönlich profitierten. Wir treffen junge Männer und Kinder, für die ‘Judensau’ und ‘So san’s halt die Jud’n, immer gut im Munkeln’ kaum mehr Beleidigungen sind, sondern das einzige, was sie je über jüdische Menschen gehört haben.

Schauspieler, Dialoge, Charakterisierung brauchen sich hinter oben erwähnten Produktionen nicht zu verstecken, besser geht es in 90 Minuten kaum. Ausstattung, Beleuchtung und damit Atmosphäre können nicht mithalten, was sicherlich am erheblich niedrigeren Budget liegt. Regie und Produktion haben das bestmögliche rausgeholt.

Jetzt bitte unterhaltsame Produktionen rund um unsere Geschichte zwischen den Gründerjahren und 1933, die tiefer in die psychologischen Prozesse gesellschaftlicher Strukturen eindringen, wie es oben erwähnte und viele andere angloamerikanische Filme und Serien machen, mit ordentlichen Budgets, für Erwachsene und nicht im typischen Gut-Böse-Held-Prinzessin-Schema. Dann wird das auch wieder was mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Notes:
1. vor allem Wolfgang Staudtes Rosen für den Staatsanwalt.
2. Wer die ursprünglichen ersten drei Staffeln von All Creatures Great and Small aufmerksam anschaut, wird merken, dass die gewaltigen Veränderungen der Gesellschaft und Europas der 1930er, die im Zweiten Weltkrieg gipfeln, als Rückgrat der anekdotischen Erzählung dienen.
3. Im weiteren Verlauf auch London.
4. Auch wenn historisch nicht ganz klar ist, ob ‘Peaky Blinders’ ein allgemeiner Begriff für Jugendgangs war oder für eine bestimmte, erfolgreiche Bande benutzt wurde. In der TV-Serie handelt es sich um eine bestimmte Gruppierung, die sich um den Kern einer Familie versammelt.
5. Ein Aufenthalt im Gefängnis wurde wohl personell verschoben.

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

5 Kommentare

  1. Geschichte ist ein Prozess, in dem Vergangenheit Gegenwart schafft und Zukunft informiert.

    Ginge diese Variante I.E. ? :

    Geschichte ist ein Prozess, in dem Subjekte in der Gegenwart Erkenntnis über Vergangenheit schaffen und für die Zukunft bereit stellen.

    MFG
    Dr. W (der als Konstruktivist die Geschichtsschreibung, die Geschichte als (zu persistierende) Sicht, im Auge zu haben hat)

  2. Noch eins draufgesetzt haben die Engländer schon 1964 mit It Happened Here von Kevin Brownlow und Andrew Mollo. Der Film spielt 1944 unter der Voraussetzung, dass Deutschland 1940 die Luftschlacht um England gewonnen, die britischen Truppen bei Dünkirchen vernichtet und dann Großbritannien erobert hat. Und nun gibt es in England Kollaborateure, Mitläufer und Widerstandskämpfer, wie in anderen (tatsächlich) besetzten Ländern auch. Nicht sehr schmeichelhaft für die Engländer, aber vermutlich realistisch. Im Film gibt es auch Aufnahmen von echten englischen Nazis, die Brownlow bei einer Versammlung gefilmt hatte. Diese Szenen schockierten seinerzeit viele Zuschauer, und manche dachten absurderweise, dass Brownlow und Mollo selbst Faschisten seien. Erstaunlich ist, dass dieser sehr professionell wirkende Film von Enthusiasten in ihrer Freizeit über Jahre hinweg fast nur an Wochenenden gedreht wurde. Er ist in England und in den USA auf DVD erschienen.

  3. Pingback:Vergleichsweise: TV | es bleibt schwierig

  4. Es gab und gibt in “westlichen” [1] Systemen große Herausforderungen, die erste war der Nationalsozialismus, Churchill war im UK als Hardliner, Krautfresser und Schwarzseher lange Zeit schlecht angesehen, bis herauskam, dass seine Sichten zutreffen; die zweite Herausforderung war der real existierende Sozialismus des sogenannten Ostblocks oder der radikale Sozialismus allgemein, auch hier exponierten sich vor 1989 einige Gegner und hatten mit Anfeindungen zu kämpfen [2]; die dritte Herausforderung findet gerade ähnlich begleitet statt.

    MFG
    Dr. W

    [1] gemeint immer diejenigen Systeme, die gesellschaftlich den Ideen und Werten der Aufklärung folgend implementieren konnten, die Richtungsangabe ist hier irreleitend
    [2] man fragt sich, im Nachhall, in der BRD auch heute noch gelegentlich, ob die DDR ein ‘Unrechtsstaat’ (gemeint: kein Rechtsstaat) gewesen ist

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