Etwas konventionell

Con Text

Durch seine Kommentare zu meinem letzten Beitrag hat mich der Kollege Ludwig Trepl zum Nachdenken gebracht. Er greift dort eine Korrektur anderer Kommentatoren an meinem Text auf; offenbar wird ‘Deppenleerzeichen’ durchaus unterschiedlich verstanden. Ich habe kein Problem, mein Verständnis – Leerzeichen vor Satzzeichen – als unzureichend anzusehen und die Erklärung aus den Kommentaren – fragwürdige Getrenntschreibung von Wörtern – anzunehmen.

Auf dieser Grundlage entwirft Herr Trepl eine kleine Theorie über Regeln, Konventionen und Normen:

In diesem Fall ist die Konvention zudem völlig beliebig, es gab einst eine andere. An Konventionen muß man sich nicht halten, und man ist auch kein Depp, wenn man sie nicht kennt.1

Dass ich diesem Satz vorbehaltlos zustimme, ihm sogar die Einschränkung ‘in diesem Falle’ nähme, sollte klar sein. Konventionen sind Absprachen großer Gruppen, oft implizit, manchmal explizit. Letztere werden aufgeschrieben und als Normen oder Gesetze veröffentlicht.

An Gesetze sollte man sich halten, möchte man die meist scharfen Konsequenzen, die sich aus Verstößen ergeben, nicht tragen. Normen sind längst nicht so stark, sie dienen vielmehr dazu, das Leben z.B. von Verbrauchern zu erleichtern. Stecker werden genormt, damit sie jederzeit in Steckdosen passen. Muffen, Rohre, Schrauben … Es gibt neben den aufgeschriebenen Normen noch einige, die nicht aufgeschrieben sind, die aber trotzdem gut funktionieren, z.B. die Anordnung der Pedale in Autos.

Gezwungen ist niemand, sich an irgendeine dieser Konventionen zu halten, nicht an Normen, nicht an stille Übereinkünfte, nicht an Gesetze. Allerdings muss jeder die Konsequenzen tragen, im Falle von Gesetzesverstößen gehört ein Gefängnisaufenthalt dazu. Wer als Hersteller meint, er müsse sich nicht um Normen kümmern, wird damit leben müssen, weniger Umsatz zu machen oder gar pleite zu gehen.2

Die Betonungskonvention ist zwar letzten Endes auch Konvention, doch müsse sich nach ihr die einzelnen Konventionen richten. Dagegen im Einzelfall zu verstoßen hat nichts mehr mit einem Nichtbefolgen von Konventionen zu tun, sondern ist eine Sache der Logik. Man handelt einer Regel zuwider, die man doch anerkennt.3

Hier wird es haarig. Da wird zuerst eine bestimmte Konvention – die nicht einmal eine ist – zu einer Art Superkonvention erhoben, unter der sich alle anderen einzuordnen hätten. Dann wird Logik ins Spiel gebracht, die mit Sprache wenig zu tun hat.4

Sprache ist kontingent, sie ist historisch gewachsen; sie ist außerdem nicht dasselbe wie Schrift. Letztere ist ein Versuch, Sprache dauerhaft festzuhalten. Das erste Problem, dass es zu überwinden gilt, ist die Laut-Zeichen-Korrespondenz, die meines Wissens in noch keiner Schrift besser als ausreichend geschaffen wurde. Das ist auch eine Frage der Handhabung für die Schreibenden, schließlich muss eine Schrift erlernt und geübt werden.

Bereits hier sollte offenbar sein, dass unsere Schrift – oder Schriftsprache, wie oft gesagt wird – konventionell ist: Wir einigen uns bereits bei der grundlegenden Einheit, dem Graphem, darauf, wie es zu sein hat, wofür es steht. Eine Absprache. Es gibt keinerlei inhärente Gesetzmäßigkeit dafür.5 Das ändert sich auch nicht mit den darauf aufbauenden, höheren Ebenen der Schrift – Wortbetonung, Satzmelodie, Textrhythmus werden in der Schrift alle eher unzureichend durch abgesprochene Regeln geordnet.

Wäre natürliche Sprache logisch, würden Philosophen nicht seit 3000 Jahren versuchen müssen, logische Sprachen zu entwickeln. Seit den 1920ern sollte klar sein, wie unmöglich es ist, ein nicht-triviales Logiksystem zu schaffen, dass vollständig und konsistent ist. Natürliche Sprache ist sicherlich weder vollständig noch konsistent; sie ist bereits kein nicht-triviales Logiksystem.

Schriftsteller versuchen immer wieder, Sprache in all ihren Facetten aufs Papier zu bringen. Dichter sind vor allem an Melodie und Rhythmus interessiert, durchbrechen dafür gerne alle anderen Regeln, die den Buchhaltern der Sprache so wichtig sind.

Literatur ist immer eine idealisierte Lebensbeschreibung, mal mehr, mal weniger. Die Sprache klassischer, neoklassischer und neoklassizistischer Autoren ist sehr stark idealisiert. Wie die Bildhauer und Maler ihrer Zeiten wollen sie Ideale zeigen, dazu gehört auch eine ideale Sprache. Mit der Moderne6 änderte sich das. Naturalistische Autoren wie Mark Twain geben wenig auf konventionelle Schreibweisen, sie versuchen die Realität in aller ihrer Unvollkommenheit wiederzugeben.

Twain selbst zitiert in seiner Autobiografie ausgiebig die Biografie, die eine seiner Töchter als Jugendliche über ihn geschrieben hat und sagt dazu [mehrfach]:

I also remarked upon a passage in Susy’s Biography of me—a passage from her heart, and sweetly eloquent—and spelt as only Susy could spell. In this talk I was trying to show that when the heart speaks it has no use for the conventions; it can rise above them, and the result is literature, and not to be called by any less dignified name.7

Nun geht es Trepl ganz besonders um die Getrennt- bzw. Zusammenschreibung, die für ihn einen hohen, wenn nicht den höchsten Stellenwert hat. Er sieht dies vor allem durch die von ihm eingeführte ‘Betonungskonvention’ begründet, führt diese in eine von ihm wahrgenommene semantische Logik. Es gäbe halt einen Unterschied zwischen ‘zusammenschreiben’ und ‘zusammen schreiben’.

Und darüber hat mich Trepl zum Nachdenken gebracht. Ich sah das Mitte der 1990er, als die Reform der Rechtschreibreform endlich konkret wurde genau so; die neuen Regeln zur Getrenntschreibung schienen mir ein Fehler zu sein, da sie die Bedeutung von Wörtern nicht berücksichtigte.

Ich habe mich geirrt. Genau, wie Trepl sich in diesem Punkt irrt.

Die Bedeutung, die wir bestimmten Komposita geben, sind ebenso konventionell, wie die Bedeutung einfacher Wörter, siehe das auch das von Trepl gebrachte Beispiel ‘Kuh’ vs. ‘Pferd’. Sie sind austauschbar. Sofern sich die Mehrheit einigt, dass ein Pferd ab jetzt eine Kuh ist und umgekehrt, ist alles in Butter.

Bei zusammengesetzten Wörtern, die sich ebenso historisch gebildet haben, wie alles andere,

Im Laufe unsere Sprachgeschichte sind zahlreiche heute feste Zusammenfügungen […] dadurch entstanden, dass Einzelwörter zusammengerückt wurden. 8

Weil es häufig ein Wort neben einer gleich lautenden syntaktischen Fügung gibt, bestehen bei der Getrennt- und Zusammenschreibung zahlreiche orthographische Freiheiten.9

erdenken wir uns gerne im Nachhinein eine rationale Begründung für die Zusammenschreibung. Wir hören lesend eine unterschiedliche Betonung mit, die uns beim Sprechen einen Bedeutungsunterschied geben würde. Wenn wir wirklich so prononciert sprächen, wie wir es glauben, wenn wir lesen.

Das krasseste Beispiel dafür ist das Begriffspaar ‘zusammen kommen’ und ‘zusammenkommen’. Einmal scheint es uns um den money shot zu gehen, einmal treffen wir uns nur in fröhlicher Runde. Vielleicht darf ich den Leser kurz bitten, einen Blick auf den Titel und den Slogan dieses Blogs zu werfen: Con Text – Wörter brauchen Gesellschaft. Nehmen Sie mir das Wortspiel des Titels, das immerhin mehrere Sprachen und ein Leerzeichen umfasst, nicht übel, aber der Claim macht schon deutlich, worum es geht. Wörter stehen nicht allein, sie befinden sich in einem Zusammenhang, sie arbeiten miteinander.

In den 1970ern gab es die Diskussion um eine modifizierte Kleinschreibung der deutschen Schrift wie wir sie aus dem Englischen kennen. Gegner bauten sich Popanzsätze, um zu zeigen, wie schwer das für das Textverständnis wäre:

Ich habe liebe genossen in Moskau.

oder

Der arme verfolgte floh.

Nicht nur, dass diese Sätze albern und papiern sind, geradezu weltfremd, ihre Erfinder ignorierten bewusst, dass sie niemals für sich alleine geäußert werden würden. Sie ignorierten auch, wie jene Altherrenschriftsteller, die keine Rechtschreibreformen mögen, dass es die Aufgabe des Schreibenden ist, all zu problematische Ambivalenzen durch gutes Schreiben zu vermeiden.

Mich hat Ludwig Trepl erst zum Denken gebracht und dann zu der Überzeugung, dass ich zwei Jahrzehnte falsch lag, weil ich davor fast 30 Jahre lang eine bestimmte Konvention gelernt hatte, die ich ungern aufgeben wollte. Also rationalisierte ich mir eine Begründung zurecht.

Wenn wir schon dabei sind

Über die Frage, wie mit Leerzeichen und Apostrophen umgegangen werden soll, lässt sich trefflich streiten, gerade weil sie geschmäcklerisch sind. Sicherlich haben die Buchhalter hier den Vorteil, dass die Norm im Falle des Genitivapostrophs noch ihnen Recht gibt.

Über Inkonsistenzen der Argumentation und seltsame Auslegungen von Fachbegriffen lässt sich aber kaum streiten. Wenn bsplw. gesagt wird

Der Kategorische Imperativ bzw. die “Regel”, daß man sich daran halten soll, ist keine Konvention.10

dann frage ich mich schon, ob der Autor denn verstanden hat, was der kategorische Imperativ ist. Er ist keine Regel. Er ist schon gar keine gesellschaftliche Konvention, sondern ein individueller Arbeitsauftrag, sich selbst eine Regel zu schaffen, nach der man andere behandelt. Die Idee dahinter: Wenn alle andere Menschen so behandeln, wie sie wünschen von ihnen behandelt zu werden, schlägt man sich nicht mehr gegenseitig den Schädel ein.

Auf Rechtschreibung übertragen könnte man nun höchstens sagen: ‘Ich schreibe so, wie ich meine, dass es richtig ist, und hoffe, dass alle anderen es auch so machen.’

Das ist allerdings trivial – und ziemlich genau die Grundlage dessen, was ich zu Rechtschreibung geschrieben habe.11

Zwei Aussagen eines Kommentators, die ich nur schwer zusammen bringen kann, sind

der Duden […], bevor man sich dort entschied, sich als “deskriptiv statt präskriptiv” zu verstehen (wohl, um noch leichter präskriptiv wirken zu können) und darum jeden Fehler, wenn ihn nur eine gewisse Anzahl von Leuten macht, aufnimmt und dadurch nobilitiert.12

und

Aber wenn man Deutsch gewählt hat, hat man sich an das zu halten, was die deutsche Sprache vorschreibt. Das bedeutet nicht, daß man sich an das halten muß, was Sprachbeamte wie etwa die Duden-Redakteure oder die Rechtschreibkommission einem vorschreiben wollen.13

Erst mokiert man sich über der Dudenredaktion Selbstbeschreibung als ‘deskriptiv’, ohnehin seit langem eine Selbstverständlichkeit für Linguisten, um dann eine Präskriptivität zu unterstellen, die man die ganze Zeit verlangt [zumindest für einige Herzensregeln], die dann aber gleich wieder lächerlich gemacht wird, indem diejenigen, die sich sowieso nicht als Vorschreibende sehen, als ‘Beamte’ zu veralbern.

Ja, was denn nun? Soll es Regeln geben, die nicht gebrochen gehören? Dann benötigen wir Gesetze, Verordnungen, eine Behörde und Beamte samt Möglichkeiten der Bestrafung. Oder sollen sich alle raushalten, wie ich und andere schreiben? Dann ist die ganze Idee von immer einzuhaltenden Regeln uninteressant.

Die deutsche Sprache schreibt nichts vor. Auch die deutsche Schriftsprache nicht. Nicht einmal Dudenverlag oder Bertelsmann [mit dem großen Wahrig] oder irgendeine deutsche Regierung schreiben vor, wie zu schreiben ist. Im günstigsten Fall entscheiden Lesende, ob sie etwas lesen möchten. Und Schreibende, wie sie mit Sprache und Schrift umgehen.14

Notes:
2. Sie können dieses illustrative Beispiele selbstverständlich gerne in den Kommentaren aufgreifen und mir beweisen suchen, dass diese Konsequenz nicht immer gezogen werden muss. Ebenso wenig wie jeder Gesetzesverstoß im Gefängnis oder einer anderen Strafe endet. Aber das weiß ich bereits.
4. Ich interpretiere Trepls Satz Dagegen im Einzelfall zu verstoßen hat nichts mehr mit einem Nichtbefolgen von Konventionen zu tun, sondern ist eine Sache der Logik. dahingehend, dass er ein Nichtbefolgen der ‘Betonungskonvention’ für unlogisch hält, auch wenn er de facto das Gegenteil schreibt. Sollte ich mich irren, korrigieren Sie mich.
5. Ganz genau: Keine den Lauten und Zeichen inhärente. Es mag grundsätzliche Zusammenhänge geben, die darauf zurückzuführen sind, dass alle Menschen eben Menschen sind und im Schnitt mit gleichen Kapazitäten ausgestattet.
6. Ich folge hier Kenneth Clarks Idee zur Kunst, die Moderne in etwa mit der Industrialisierung um 1800 beginnen und bis heute nicht enden zu lassen.
7. Mark Twain [auth.], Benjamin Griffin, Harriet Elinor Smith [eds.]. Autobiography of Mark Twain – The Complete and Authoritative Edition, Vol. 2. UCal, Berkeley/California, 2013. Loc. 10973.
8. Dudenredaktion. Richtiges und gutes Deutsch. 5. Auflage, Dudenverlag, Mannheim, 2001. S. 373, s.v. ‘Getrennt- und Zusammenschreibung’.
9. Dudenredaktion. Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. 6., bearbeitete Auflage, Dudenverlag, Mannheim, 1998. S. 78, Abschnitt 112.
11. Obwohl es mir eher egal ist, wie andere rechtschreiben.
14. Von den Fallen der Rechtschreibhilfen in Textverarbeitungen und Smartphones ganz zu schweigen. Wer durch Autokorrektur noch nie ‘das’ und ‘dass’ falsch gesetzt und versandt hat, werfe das erste Handy.

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

19 Kommentare

  1. Das Leerzeichen vor dem Satzzeichen könnte sogar Konvention werden. Es dürfte nicht auf Dummheit, sondern auf einer Konditionierung beruhen (und die Deppen sind die, die es so abwertend bezeichnen).

    Auf die allermeisten Worte eines Textes folgt ein Leerzeichen, und es kann gut sein dass hier besonders beim geübten Tipper die Kopplung von Bedeutung “Wortende” mit Bewegungsmuster “Leertaste” sich synaptisch fest verkoppelt hat. Die Markierung “Satzteilende” (=Satzzeichen) wäre eine Markierung höherer Ordnung, die erst drangehängt wird wenn die kleineren Einheiten (Worte mit Wortende-Markierung) *komplett* abgearbeitet sind.

    Das Weglassen der Wortende-Markierung bei der letzten kleineren Einheit ist ein zusätzlicher kognitiver Aufwand, der eingespart wird — je mehr/schneller/sorgloser geschrieben werden kann/darf/muss, umso eher.

    Die Folge läßt sich nur beim getippten Schreiben beobachten. Bei der Handschrift ist das Abheben des Stiftes vom Papier die Wortende-Bewegung. Und Handschrift die an andere gerichtet ist, ist langsamer, mühevoller, und idR formaler, so dass man den koginitiven Aufwand eher betreibt.

    Hat jemand ‘ne Idee wie man das falsifizieren könnte? Oder weiter sichern ohne gleich ein NMR anzuwerfen?

    • “Das Leerzeichen vor dem Satzzeichen könnte sogar Konvention werden.”

      Das bezweifle ich. Das hat nämlich einen entscheidenden Nachteil, den Sie offenbar übersehen haben: der automatische Zeilenumbruch, den Textverarbeitungssysteme praktischerweise haben, kann in so einem Fall dazu führen, daß zwischen dem Wort und dem Satzzeichen ein Umbruch erfolgt, und daß so z.B. ein Beistrich oder gar ein Rufzeichen an den Beginn einer Zeile wandern. Daher ist so ein Leerzeichen aus gutem Grund verpönt.

  2. Tach, … ich bin ein Rechtschreibversager – wie man sie gerne nennt, die häufig Schrift ungenormt “anwenden”. Das ist aber nicht richtig, sondern aus Sicht dritter immer ad personam und damit irgendwie unter der Würde und erhabenheit, die sie mit ihrer Kunst, Rechtschreibfehler zu finden, weil sie eine genormte Schrift besser meinen zu kennen, andere damit a priorie oder im Laufe einer Diskussion im Nebenkampf erstmal herrabsetzen, um ihre Deutungshoheit in der Sache (Inhalt des Textes) suggestiv wiederherzustellen versuchen.
    Dabei ist es leider ignorant und krankhaft, auf eine einst selbst erlernte Norm der Schrift bei anderen zu bestehen, wo doch entwder damit bewiesen ist, dass sie weder ausreichend lesen können oder eben gar kein interesse am Inhalt haben und darauf gerne zu einem Nebenschauplatz wechseln. Abweichungen von einer Schriftnorm können Brüche im Auge des Lesenden sein, wie es inhaltliche Aussagen Überraschungen sind und es dabei kurz “knack” machen kann. Von diesen sujektiven Begebenheiten kann der Leser den Schreibenden gerne informieren, aber nicht als Parallelanklage, sondern als Hinweis auf des Lesenden seine intrinsischer Problematik. Denn: ist aus geschriebenem ein Inhalt verstehbar, ist es nicht so falsch geschrieben, wie es zur Rechtfertigung von Kritik an Normabweichung nötig gewesen. Alle Kleinkarriertheit, die selbst Maschinenschreib-Fehler als Rechtschreibfehler lautstark als Normabweichung rausposaunen, möge man doch bitte in Wüsten jagen. dort sind Normabweichungen noch leichter zu erkennen und gar erwünscht.

  3. Ich habe beruflich ständig mit Schreibfehlern zu tun, meinen eigenen und die der anderen. Sie stören den Lesefluss, deswegen sollten sie vermieden werden. Aber es lohnt sich darüber hinaus überhaupt nicht, sich über Rechtschreibfehler als Ausdruck von “Dummheit” aufzuregen.
    Es handelt sich wohl um ein kultursoziologisches Phänomen. Durch die Änderung der Spielregeln, des kulturellen Codes, fühlten sich manche Angehörigen der Kultureliten degradiert und bevormundet. Ich habe den Eindruck, dass die Rechtschreibung ein gutes Feld ist, um noch “Religionskriege” auszutragen, wo es nur um das “Rechthaben” geht, die aber ansonsten ziemlich folgenlos sind, vielleicht Luxusauseinandersetzungen aus Langeweile oder aus Frustration, weil es auf relevanten Feldern sehr schwer sein kann, seine Vorstellungen durchzusetzen.

    Zur neuen Getrenntschreibung:
    Man kann eventuell befürchten, dass das Wissen um semantische Unterscheide verloren geht, z.B.
    “Er hat den Preis wohl verdient” versus “Er hat den Preis wohlverdient”.
    Das könnte unter Umständen zu Missverständnissen älterer Text führen. Das der eigene Gedanke präzise ausgedrückt wird, dafür bleibt aber jeder selbst verantwortlich.

  4. Ich würde gern zu fast jedem Satz etwas schreiben, denn ich halte fast jeden für falsch, aber dann wird mein Kommentar länger als der Artikel. Aber ein paar Bemerkungen will ich doch machen; anderes vielleicht später.

    Im Grunde schreiben Sie, was ich auch geschrieben habe, nämlich daß die Sprache „letztlich“ Konvention ist, ziehen daraus aber dann einen merkwürdigen Schluß: „Die deutsche Sprache schreibt nichts vor“. Was soll das heißen?

    Wenn man zu Papier bringen will, was man ausdrücken will, dann muß man sich an einiges halten. Das kann man „Vorschriften“ nennen. Manches davon ist bloße Konvention, da kann man’s halten wie man will. Müllers Kuh oder Müller’s Kuh – man kann so oder so schreiben. Wenn man aber z. B. die Konvention, daß die Buchstabenfolge „Pferd“ das gewöhnlich so genannte (nicht sogenannte, das bedeutet etwas anderes) Tier bedeuten soll, sondern das gewöhnlich „Kuh“ genannte, dann wird es schon schwieriger. Man wird immerzu falsch verstanden, und im Grunde müßte man alle Bücher umschreiben, in denen eines dieser Wörter vorkommt. Man muß sich an manches halten, was als Konvention entstanden ist, weil sonst der jeweilige Satz unverständlich wird oder einen anderen Sinn hat als er haben soll oder gar keinen Sinn mehr hat. Was nun zu machen hat, macht man gezwungenermaßen. Es ist ähnlich wie mit einem juristischen Gesetz. Angenommen, es wäre nur Konvention (also die ganze Problematik des Verhältnisses von Moral und Recht beiseitelassend), dann hat dieses Gesetz, indem es da ist, doch logische Implikationen, an die sich z. B. Richter oder Leute, die sich neue Gesetze ausdenken, halten müssen.

    Man kann zwar per Konvention sogar eine völlig sinnlose Wortfolge zu einem sinnvollen Satz erklären, aber so lange es diese Konvention nicht gibt – Sie haben schon recht, lange Gewohnheit schafft so etwas nicht selten –, ist die Wortfolge eben sinnlos. Solange man nicht öffentlich redet, kann das egal sein. Es ist z. B. in Familien oder kleinen wissenschaftlichen Gemeinden sehr verbreitet, daß man sich etwas zugrunzt, die anderen wissen schon, was gemeint ist, aber außerhalb dieses engen Kreises wird in der Wortfolge kein Sinn oder ein falscher gesehen. Das macht aber nichts. Wenn man jedoch öffentlich redet, ist das nicht mehr egal. Wenn ich schreibe „Müller und Meier sollen zusammenkommen“, dann ist der Sinn ein ganz anderer als wenn ich schreibe „Müller und Meier sollen zusammen kommen“. In Fällen, in denen der Kontext klar macht, was gemeint ist, wird die Verständlichkeit dadurch nicht beeinträchtigt, aber es gibt halt auch Kontexte, in denen er nichts klar macht. Die Regeln der Kommasetzung z. B. sind Konvention, aber wenn die Konvention einmal da ist, hat das Konsequenzen, die man beachten muß, und die sind eine Sache der Logik. Wenn bestimmte Konventionen einmal da sind, dann folgt logisch, daß man einen bestimmten Inhalt so ausdrücken muß und nicht so.

    „Hinten, weit, in der Türkei“ bedeutet etwas ganz anderes als „hinten, weit in der Türkei“. In jenem Fall könnte Serbien gemeint gewesen sein, in diesem nicht. Der Kontext macht nicht klar, was gemeint ist. Man kann sagen, daß das in diesem Fall nicht weiter schlimm ist. Ein berühmtes Beispiel aus der Literatur, wo es schlimm war (ich zitiere aus der Erinnerung, es muß nicht ganz stimmen): Karl Kraus berichtet von einem Vorfall bei Waffenstillstandsverhandlungen im 1. Weltkrieg. Bei der Übersetzung des Originaldokuments geriet ein Komma an die falsche Stelle. Die eine Seite (die Gegner Deutschlands) las in dem übersetzten Text – anders konnten sie ihn nicht lesen –, daß Deutschland Anspruch auf ein bestimmtes Gebiet (Belgien war es, glaub’ ich) erhebt, während in Wirklichkeit dieses Gebiet gar nicht zu denen gehörte, auf die Deutschland Anspruch erhob. Darauf brachen die Gegner Deutschlands die Verhandlungen empört ab. Das führte dazu, daß sich der Krieg um Monate verlängerte.

    „Ja, was denn nun? Soll es Regeln geben, die nicht gebrochen gehören? Dann benötigen wir Gesetze, Verordnungen, eine Behörde und Beamte …“

    Aber nicht doch, so etwas wollen doch nur unsere Sprachbürokraten, die die Regeln der Sprache verletzten wollen, wo es die politische Korrektheit erfordert. Nein, alles was nötig ist, ist, daß man beim Schreiben ein wenig denkt. Man darf schreiben wie Arno Schmidt, der sich fast für jedes Wort die Regeln – nun, nicht machte, sondern sich von dem, was da auszudrücken war, jedesmal neu diktieren ließ. Aber man darf nicht „hinten, weit in der Türkei“ schreiben, wenn man Serbien meint.

    Nur nebenbei, weil es nichts mit dem Thema zu tun hat: „…dann frage ich mich schon, ob der Autor denn verstanden hat, was der kategorische Imperativ ist. Er ist keine Regel. Er ist schon gar keine gesellschaftliche Konvention“ . Einfach genauer hinsehen. Daß er keine Konvention ist, habe ich selbst geschrieben, da müssen Sie nicht kritisieren. Und die „Regel“ (ich habe das Wort in Anführungszeichen gesetzt) ist in dem Sinne eine Regel, daß man sich nicht naturgesetzlich an den KI hält, sondern ihm folgen soll (es gibt auch andere Bedeutungen von „Regel“). – Der Popularisierungsversuch „Die Idee dahinter …“ trifft’s nicht so ganz. (Siehe dazu z. B. in meinem Blog https://scilogs.spektrum.de/landschaft-oekologie/zum-ursprung-von-naturethik-teil-1/)

  5. Der Einwand ist berechtigt , daß sich der Sinn durch bestimmte Regelverletzungen gravierend ändern kann.
    Es sollte halt nur nicht übertrieben werden mit der Goldwaage , ab einem gewissen Grad nervt das nicht nur , sondern wird auch inhaltlich falsch.
    Gerade die scheinbar so fest gezurrten Gesetze lassen bekanntlich jede Menge Spielräume zu , und das ist auch gut so , was die Sprache angeht , wäre es besonders schnell tödlich , etwas so Lebendiges auf dem aktuellen Stand einfrieren zu wollen.
    Dabei wird es dann eben eher peinliche Abweichungen geben wie die häufig so lächerlichen Anglizismen , und eher reizvolle Neuerungen , und ich habe schon den Eindruck , daß sich auf Dauer die eher brauchbaren Erneuerungen durchsetzen.
    Ohnehin wird es wie in anderen Bereichen kaum möglich sein , auf Dauer auf sinnentleerten Regeln zu beharren , irgendwann werden sie sowieso gebrochen.

  6. Die Bedeutung, die wir bestimmten Komposita geben, sind ebenso konventionell, wie die Bedeutung einfacher Wörter, siehe das auch das von Trepl gebrachte Beispiel ‘Kuh’ vs. ‘Pferd’. Sie sind austauschbar. Sofern sich die Mehrheit einigt, dass ein Pferd ab jetzt eine Kuh ist und umgekehrt, ist alles in Butter.

    Vor allem könnte dann auch die Etymologie eingespart werden, was vielen nur zugute kommen täte. – Politisch gibt es ja schon viele Euphemismen, die gar nicht mehr meinen, was sie etymologisch sagen, sondern beim Gebrauchenden oder beim das Verstehen Suchenden die Kenntnis der jeweiligen Metaphorik voraussetzen.
    Was aber den Wörtern sozusagen Sinn entzieht, bspw. das Verstehen älterer Texte erschwert und generell problematisch ist.

    MFG
    Dr. W

  7. Hier liegt vielleicht noch ein kleiner Mops:

    Ja, was denn nun? Soll es Regeln geben, die nicht gebrochen gehören? Dann benötigen wir Gesetze, Verordnungen, eine Behörde und Beamte samt Möglichkeiten der Bestrafung. Oder sollen sich alle raushalten, wie ich und andere schreiben? Dann ist die ganze Idee von immer einzuhaltenden Regeln uninteressant.

    Den gemeinten Gegensatz gibt es nicht. – Regeln sind in keinem Fall ‘uninteressant’, aber das soziale Gerühre ändert sie und schafft Neues, nicht immer zweckdienlich und sich letztlich durchsetzend, abär so ist es nun mal in “mangelhaft” regulierten, offenen Gesellschaften, was nicht schlecht sein muss.

    MFG
    Dr. W (der auch mit der Aussage ‘Seit den 1920ern sollte klar sein, wie unmöglich es ist, ein nicht-triviales Logiksystem zu schaffen, dass vollständig und konsistent ist.’ nicht umfänglich glücklich wird, dazu aber vielleicht an anderer Stelle)

  8. Bei der Aussage (Satz will ich das nicht nennen):

    “Wäre natürliche Sprache logisch, würden Philosophen nicht seit 3000 Jahren versuchen müssen, logische Sprachen zu entwickeln”

    Was ein Quark. Sprecher machen Sprache, nicht Filosofen. Diese machen nur Sprache kaputt.

    Sorry, aber dieser Beitrag gehört in den Orkus der Literatur, sprich: ins Klo. Da hat jemand in die Scheiße gegriffen.

  9. „Die Bedeutung, die wir bestimmten Komposita geben, sind ebenso konventionell, wie die Bedeutung einfacher Wörter, siehe das auch das von Trepl gebrachte Beispiel ‘Kuh’ vs. ‘Pferd’. Sie sind austauschbar. Sofern sich die Mehrheit einigt, dass ein Pferd ab jetzt eine Kuh ist und umgekehrt, ist alles in Butter.“

    Es nicht die Mehrheit, die hier das Sagen hat. Sie hat es auch in der Politik nur an wenigen, wenn auch nicht unwichtigen Stellen; im Großen und Ganzen jedoch kann einer politisch mächtiger sein als tausend andere zusammen, und zwar aufgrund von Besitz, Beziehungen, Berühmtheit, Sitz auf bestimmten Positionen usw. Im Wissenschaftsbetrieb zählt auch nicht die Meinung der Mehrheit, sondern die der wenigen, die als kompetent gelten. Es geht halt in der Welt meist nicht so demokratisch zu, wie es die Demokraten gerne hätten (zu Recht hätten sie es gerne so in der Politik, nicht zu Recht in der Wissenschaft). So auch in der Sprache. Es gibt eine – schwer definierbare – sprachliche Macht, von der haben die einen viel, die anderen wenig. Die Mehrheit hat vielleicht zu bestimmten Zeiten „mir“ und „mich“ verwechselt. Aber die Mehrheit zählte nicht, diejenigen, welche die sprachliche Macht hatten, sagten weiterhin, daß die Leute da etwas verwechseln, und sie hatten definitionsgemäß recht. Aber mal davon abgesehen:

    Einen wichtigen Mechanismus des Sprachwandels hat Dierk Haasis zutreffend beschrieben. Oft, vielleicht sogar meist, kommt dieser Wandel nicht dadurch zustande, daß beispielsweise ein neues Wort eingeführt wird für etwas, wofür es noch keines gibt, sondern dadurch, daß Bedeutungen von Wörtern oder Kombinationen von Wörtern sich ändern. Das bedeutet oft oder meist, daß etwas, was (oder heißt es „das?“ – das lerne ich nie) falsch war, nicht mehr falsch ist.

    Der Gebrauch des Kunstworts „Erhalt“ für „Erhaltung“ (ein Wort, das ja eine ganz andere Bedeutung hat) ist ein Beispiel für einen schon recht fortgeschrittenen Prozeß dieser Art. Wer so spricht, macht sich heute, scheint mir, nicht mehr vor anderen lächerlich, auch wenn es nach wie vor genügend Leute gibt, die den Fehler bemerken. Sie lachen aber kaum noch, sondern denken: Na ja, vielleicht macht der das bewußt. Alles spricht dafür, daß es solche Leute bald nicht mehr geben wird, und dann ist das, was ein Fehler war und auch jetzt noch einer ist, keiner mehr. Mit „viel versprechender“ in der Bedeutung von „vielversprechender“ dagegen zieht man immer noch die Witze auf sich, und wenn man einen darauf aufmerksam macht, ist es ihm peinlich; es deutet, soweit ich sehe, nichts darauf hin, daß sich das in absehbarer Zeit ändern wird.

    Wenn der Sprachwandel aber in dieser Weise vor sich geht, dann impliziert das, daß es nicht im Belieben eines jeden steht, Wörter in anderer Bedeutung zu verwenden, als in der, die nun einmal ihre Bedeutung ist. Zusammenkommen bedeutet etwas ganz anderes als zusammen kommen. Gewiß, das ist letztlich Konvention. Es ist aber falsch, sich nicht an die Konventionen zu halten, weil es zu Fehlern führt. „Die Kuh ist ein Unpaarhufer und hat keine Hörner“ ist falsch, solange nicht die Konvention geändert ist. Wer so redet, macht sich lächerlich, noch mehr derjenige, der „viel versprechend“ für „vielversprechend“ schreibt, denn bei diesem kann man vermuten, daß er nicht merkt, was er tut, bei dem, der Kuh und Pferd vertauscht, vermutet man hingegen, daß es Absicht ist und etwas doch nicht ganz Dummes dahinterstecken könnte.

    Gerade diejenigen also, die Fehler machen und sich damit lächerlich machen, sind aber die Vorreiter des Sprachwandels. Er wird nur selten durch geniale Neuerer bewirkt, durch Leute wie Goethe oder Jean Paul, die mit Willen und Bewußtsein die deutsche Sprache um viele neue Wörter bereichert haben, sondern durch die Deppen, die unabsichtlich schreiben, was sie gar nicht zum Ausdruck bringen wollen, also falsch schreiben. Ihnen gehört die Zukunft. Das klingt seltsam, aber so ungewöhnlich ist es nicht, daß wir Veränderungen so wahrnehmen. In der Mode beispielsweise ist es auch nicht anders. Wer als erster den neuen Hut aufsetzt, gilt als Affe, als Modegeck, er wird zu Recht verlacht. Aber nach einiger Zeit haben den neuen Hut alle auf, und verlacht wird nun, zwar verhaltener, aber doch auch zu Recht, wer sich immer noch kleidet wie es vor 30 Jahren Mode war.

    Da ist also etwas im Fluß, wenigstens für eine gewisse Zeit. Nun werden unsere Sprachbürokraten nach einer ordnenden Hand rufen. Und diejenigen, die meinen, alles sei beliebig, weil nur Konvention, und von „Sprachbuchhaltern“ oder „Sprachnörglern“ reden, können sich wie die Bürokraten auch nichts anderes vorstellen als diese beiden Alternativen: entweder „anything goes“ oder „Soll es Regeln geben, die nicht gebrochen gehören? Dann benötigen wir Gesetze, Verordnungen, eine Behörde und Beamte samt Möglichkeiten der Bestrafung“. Man sieht, die Sprachanarchisten sind in der Tiefe ihres Herzens Sprachbürokraten. Sie begreifen nicht, daß man auf die Sprache hören kann und muß, um herauszufinden, was sie verlangt. Sie ist für sie ein Werkzeug, das wir in der Hand haben, das wir nach unseren Interessen formen können – ob nun als einzelne oder als staatliches Gremium, ergibt keinen großen Unterschied.

    Aber woran soll man sich denn nun in Zeiten des Übergangs halten? Thomas Kuhn schrieb sehr schön, daß in der Revolution, der politischen wie der wissenschaftlichen, die normalen Regeln der Gemeinschaft, die auf Überzeugung und Vernunft beruhen, versagen und man zur Überredung greift und greifen muß. Halten kann man sich an gar nichts mehr, die Institutionen funktionieren nicht mehr, und jede Seite behauptet nicht nur etwas anderes als die andere, sondern erkennt auch die Kriterien nicht an, nach denen die andere etwas als richtig oder falsch beurteilt. – Man kann die anderen nicht mehr überzeugen, aber doch noch sich selbst. Ich käme mir als Modegeck komisch vor. Darum scheint es mir besser, so lange es nur geht beim alten zu bleiben, auch wenn man weiß, daß es auf längere Sicht aussichtslos ist. Die Risiken sind geringer, mich vor mir selbst lächerlich zu machen. Das ist auch dann nicht unwichtig, wenn, anders als zur Zeit des erst beginnenden Umbruchs, kaum ein anderer mehr lacht. Statt „beim alten“ darf man heute vermutlich, wenn es nach dem geht, was unsere Sprachbürokraten unter dem Jubel der Sprachanarchisten beschlossen haben (ich weiß nicht, ob sie es wirklich beschlossen haben, aber es würde passen), auch „beim Alten“ schreiben. Aber wenn man das tut, halt man halt eine Stilblüte produziert. Ich habe keine Ahnung, ob es eine irgendwo formulierte Regel gibt, die hier die Kleinschreibung verlangt. Aber ist es nicht völlig egal, ob es sie gibt oder nicht? Jeder, der nicht auf den Kopf gefallen ist, merkt, daß die Großschreibung hier nicht geht. Und so muß man es eben machen: aufpassen, damit man merkt, was geht und was nicht.

    • Statt „beim alten“ darf man heute vermutlich, wenn es nach dem geht, was unsere Sprachbürokraten unter dem Jubel der Sprachanarchisten beschlossen haben (ich weiß nicht, ob sie es wirklich beschlossen haben, aber es würde passen), auch „beim Alten“ schreiben. Aber wenn man das tut, halt man halt eine Stilblüte produziert. Ich habe keine Ahnung, ob es eine irgendwo formulierte Regel gibt, die hier die Kleinschreibung verlangt. Aber ist es nicht völlig egal, ob es sie gibt oder nicht? Jeder, der nicht auf den Kopf gefallen ist, merkt, daß die Großschreibung hier nicht geht.

      Der Duden verlangt kohärent, dass es ‘beim Alten’ bleiben sollte, vermutlich: weil das Alte hier substantiviert daherkommt.

      Missverständnisse, dass es bei irgendeiner alten Person bleiben soll, scheinen wenig wahrscheinlich. Wobei die Wahrscheinlichkeit hier nicht Maßstab sein muss, korrekt.

      MFG
      Dr. W (der sich über die hier festzustellende Orthogonalität ein wenig wundert, aber auch kein Doitscher ischt)

      • Es ist in der Tat schief, was ich da geschrieben habe. Man liest “immer, wenn man ‘beim Alten’ schreibt, produziert man eine Stilblüte”, wenn gemeint ist, daß etwas bleibt, wie es war. Wenn der Kontext dafür sorgt, daß nicht die Assoziation einer alten Person aufkommt, dann ist es keine Stilblüte und man kann sich an den Duden halten. Früher war man da flexibler: “Mag alles durcheinander gehn; Doch nur zu Hause bleib’s beim alten.” In anderen Ausgaben liest man liest man an dieser Stelle “beim Alten”. Das ist hier aber auch egal.

        Mir kam es nur darauf an – sicher hätte ich ein besseres Beispiel finden können – daß man sich nicht an irgendwelche festgelegten Regeln halten muß, sondern einfach aufpassen muß, was an Assoziationen entsteht. Assoziationen ist wichtig. Es reicht nicht, daß man bei gründlichem Nachdenken die Stelle schon so versteht, wie sie gemeint ist, daß im Grunde kein Mißverständnis möglich ist: Wenn nur eine komisches Bild in der Seele des Lesers aufsteigt, ist der Text schon verdorben. Das beachtet Dierk Haasis nicht.

        • Dr. W an Herrn Trepl :

          Assoziationen ist wichtig. Es reicht nicht, daß man bei gründlichem Nachdenken die Stelle schon so versteht, wie sie gemeint ist, daß im Grunde kein Mißverständnis möglich ist: Wenn nur eine komisches Bild in der Seele des Lesers aufsteigt, ist der Text schon verdorben. Das beachtet Dierk Haasis nicht.

          Assoziationen “ist” zwar auf die übliche Kommunikation bezogen, wichtich, aber Herr Haasis vertritt, wenn er hier richtig verstanden worden ist, u.a. auch als Werbetexter die Sicht, dass es primär darum geht, was verstanden wird. – Der Schreiber dieser Zeilen, der aber auch weniger an der üblichen Kommunikation interessiert ist, weicht hier ab, wenn es um den Austausch geht, in dem so ziemlich jede sprachliche Gemeinheit erlaubt sein sollte, wenn nicht die Menge adressiert ist. Wobei es sehr gut bleibt die Etymologie zu berücksichtigen, und vor allem auch zu kennen.
          Herr Haasis müsste hier auf Ihrer Seite stehen, auch was die neomarxistischen Grundlagen betrifft (“ein Stuhl kann auch ein Tisch sein” – per definitionem, wenn es einer neuen (auch: erst zu schaffenden) Gesellschaft dient).
          Vgl. auch mit diesem kleinen Mops, den der Schreiber dieser Zeilen politisch-philosophisch ähnlich grundiert:
          ‘Im Deutschen gibt es kein generisches Maskulinum und die „generische“ Verwendung maskuliner Formen bringt keinen praktischen Vorteil mit sich.’ (Quelle – dies nur als Beispiel, was passieren kann, wenn politisch aktiven Linguisten gefolgt wird)

          MFG
          Dr. W

    • PS:
      Auch die Unterscheidung zwischen dem Dativ (“dare”) und dem Akkusativ (“accusare”) ist nicht so wichtig, weil jeweils Subjekte (“Unterworfene”, dem Objekt (dem “Entgegengeworfenen”)) adressiert werden, Ähnliches gilt für die Getrennt- oder Zusammenschreibung (“viel versprechend”) und für den ‘Vorhalt’ (schweizerisch) oder für die ‘Vorhaltung’.
      Ganz zu schweigen vom Unterschied zwischen ‘anscheinend’ und ‘scheinbar’, ein Unterschied, der den Deppen vom Meister unterscheiden soll, aber erst vor vielleicht 250 Jahren entwickelt worden ist, den Braten nicht fett macht, auch etymologisch nicht.
      MFG
      Dr. W (er natürlich auch recht locker ist)

      • Es ist nicht wichtig, ob ein Unterschied 250 Jahre oder 500 Jahre alt ist. Wenn er da ist, ist er da. Ein viel versprechender Politiker ist etwas völlig anderes als ein viel versprechender, und es ist falsch, das eine zu schreiben, wenn man das andere meint.

        Ebenso ist es mit “scheinbar” und “anscheinend”. Allerdings muß man hier beachten, daß es in manchen Dialekten “anscheinend” nicht gibt und “scheinbar” beides bedeuten kann. Nur wenn man den Anspruch hat, die Hochsprache zu benutzen, ohne alle Regionalismen, macht man hier einen Fehler. “Ich schäme mir” ist falsch, “ick schäme mir” ist richtig. Wenn einer “ick schäme mich” sagt, kann das harmlos sein, kann aber auch einen Minderwertigkeitskomplex anzeigen: Da tut einer so, als ob er einer höheren Gesellschaftsschicht angehört, bekommt’s aber nicht ganz hin. Hier wird also durch den Fehler nicht ein Mißverständnis erzeugt, sondern der Fehler erlaubt, mehr zu verstehen, als der Sprecher offenbaren will. All so was muß man beachten, bevor man die Beliebigkeit des Sprechens und Schreibens verkündet: Überhaupt nichts ist da beliebig.

  10. „Da [bei mir] wird zuerst eine bestimmte Konvention – die nicht einmal eine ist – zu einer Art Superkonvention erhoben, unter der sich alle anderen einzuordnen hätten“.

    Die „Superkonvention“ ist die „Betonungskonvention“. Was heißt da „die nicht einmal eine ist“? Natürlich ist es Konvention, daß im Deutschen der Anfang eines Wortes betont wird (und es ist eine „Superkonvention“, weil sie für viele einzelne Wörter gilt); die Italiener haben da eine andere Konvention. Und daß sich „alle anderen“ Konventionen unterzuordnen hätten, habe ich nicht gesagt und wohl auch sonst keiner. Man könnte die Konvention, nach der die Regel gilt, daß man „Bäckermeister“ (und nicht „Bäcker Meister“) zu schreiben hat, wenn man einen Bäckermeister (der Bäcker namens Meister kann auch ein Bäckergeselle sein) meint, zwar durch eine andere ersetzen. Aber man hat sie halt nicht ersetzt. Das wäre nicht unmöglich, ist allerdings deshalb schwierig, weil man gleichzeitig eine Ausnahme von einer Betonungskonvention, der nicht nur „Bäckermeister“, sondern eine unbegrenzte Vielzahl von Wörtern unterliegt, per Konvention zulassen muß. – Die Schreibkonvention ergibt sich hier aus der Betonungskonvention: „Bäcker“ wird betont. Sie ergibt sich „logisch“, d. h. hier notwendig, denn „Bäcker Meister“ (Meister betont) bedeutet etwas anderes.

    „Bereits hier sollte offenbar sein, dass unsere Schrift – oder Schriftsprache, wie oft gesagt wird – konventionell ist“

    Habe ich oder hat irgendein anderer das je bezweifelt?

    Die „höheren Ebenen der Schrift – Wortbetonung, Satzmelodie, Textrhythmus werden in der Schrift alle eher unzureichend durch abgesprochene Regeln geordnet“.

    Klar, das sind eben Regeln, da gibt es Ausnahmen, sonst würden wir nicht von Regeln sprechen, sondern von Gesetzen. „Abgesprochen“ sind diese Regeln in der Regel nicht, sondern sie liegen dem Sprachgebrauch zugrunde und man kann sie explizieren.

    Es gibt also Ausnahmen, aber die Ausnahmen sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, wiederum geregelt. Nicht für alle deutschen Wörter gilt die Konvention, daß der Anfang betont wird (faktisch, denn „in der Regel“, d. h. meist, wird so gesprochen; aber „Regel“ hat hier auch einen normativen Sinn: Wer Deutsch als Fremdsprache lernt, dem sagt man: So hat da betont zu werden). Bei deutschen Wörtern, deren Herkunft aus romanischen Sprachen noch nicht verblaßt ist (also nicht „Fenster“, sondern z. B. Büro, Balkon) hat das Wortende betont zu werden. Auch da gibt es Ausnahmen, die aber wiederum Regeln folgen, die „logisch“ sind in dem Sinne, daß man mit einem Bruch dieser Konvention nicht sozusagen nur ungehorsam ist, sondern einen Fehler erzeugt. Ein Schauspieler kann z. B. „BALkon“ sagen, um dem Publikum zu verstehen zu geben, daß die dargestellte Person aus dem Südwesten kommt; dort spricht man nämlich konventionell so. Es gibt aber auch bei Wörtern germanischer Herkunft Ausnahmen, und zwar Ausnahmen, die man machen muß, weil sich sonst nicht der gemeinte Sinn ergibt („du solltest den BäckerMEISTER rufen, nicht den BäckerGESELLEN“).

    Und was die Laut-Zeichen-Korrespondenz angeht, so gibt es in unserem Fall Regeln – natürlich wieder mit Ausnahmen, die aber fast immer wieder ihre Regeln haben. Nach diesen Regeln versteht man auch Wörter und Wortkombinationen, die man noch nie gehört hat. Die Dressendorferstraße, vorne betont und zusammengeschrieben, ist nach der Person Dressendorfer benannt, so wie die Adenauerstraße nach der Person Adenauer. Die Dressendorfer Straße (Dressendorfer nicht betont, getrennt geschrieben) aber ist nach dem Ort Dressendorf benannt, so wie die Adenauerstraße nach dem Städtchen Adenau. Wenn man AdenauerSTRASSE betont (bei Zusammenschreibung), dann wiederum nach Regeln: Man will etwa sagen, daß es sich um die Adenauerstraße und nicht um die Adenauergasse handelt.

    Man muß zu all dem nicht die Konventionen bezüglich der einzelnen Wörter kennen (das Wort „Dressendorferstraße“ gibt es vielleicht gar nicht, da kann es keine Konvention geben), sondern nur die (übergeordnete) Regel, der Rest ergibt sich „logisch“. Die Regel ist konventionell, aber damit nicht unbedingt beliebig, denn sie ist eingebunden ist ein System. Das ist zwar nicht starr, läßt aber aufgrund seiner „Systemlogik“ doch nicht alles zu. Es war konventionell, daß man zum Gehrock nicht einen Tirolerhut trug, aber innerhalb der Über-Konvention „System der Mode einer bestimmten Zeit “ war es strikt ausgeschlossen, daß es die Konvention „zum Gehrock trägt man Tirolerhut“ gibt; es konnte sie nicht geben.

    Ihr Fehler, Herr Haasis, liegt darin, daß Sie von „konventionell“ auf „große Beliebigkeit“ schließen. Es seien nur die „Sprachbuchhalter“, die auf „Bäckermeister“ statt „Bäcker Meister“ bestehen, und dann wird gern darauf hingewiesen, daß man etwa bei Lessing solche Getrenntschreibungen findet. Nein, in der Sprache geht es äußerst streng zu. Etwas muß so geschrieben/gesprochen werden und nicht so, wenn man anders schreibt/spricht, wird nicht ausgedrückt, was ausgedrückt werden soll, sondern etwas anderes. Man macht also einen Fehler. Daß es in der Regel von sehr genau umrissenen Situationen abhängt, welche Regel anzuwenden ist, ergibt keine Beliebigkeit, sondern bedeutet nur, daß man genau aufpassen muß. Unser Schauspieler, der gegen die allgemeine, hochsprachliche Regel verstößt und „BALkon“ sagt, aber nicht einen Schweizer (für den das die Betonungsregel ist), sondern einen Hamburger darstellen soll, begeht einen Fehler. Er spielt, anders als er soll und selbst glaubt, keinen Hamburger.

    Die Sprache ist nicht ein Werkzeug, nicht Mittel zu irgendeinem Zweck, das wir, sei es als Einzelne, sei es als offizielles Gremium, zu diesem Zweck nach Belieben verändern können. Sondern wir leben in ihr, wir haben nicht sie, sondern sie hat uns, sie beherrscht uns, schreibt uns vor, wie wir zu sprechen haben und weithin auch, wie wir denken und zu denken haben. Zugleich ist sie das Produkt der Sprechenden, aber nicht des jeweiligen Sprechenden, sondern all der anderen und vor allem der früheren Sprechenden. Wenn der einzelne Sprecher da etwas ändern will, muß er erst mal sehen, was das Gesamtsystem der Sprache ihm an Änderungen erlaubt. Das kann sehr verschieden sein. Gehrock mit Tirolerhut war völlig ausgeschlossen, eine solche Konvention war „logisch“ nicht möglich; die Abschaffung des Gehrocks aber war möglich. Arno Schmidt denkt sich manchmal fast für jedes Wort eine eigene Orthographie aus. Das geht. Aber Adenauerstraße statt Adenauer Straße zu schreiben, wenn die nach dem Ort Adenau genannte Straße gemeint ist, geht nicht.

    • Dr. W an Herrn Dr. Trepl :

      Die Sprache ist nicht ein Werkzeug, nicht Mittel zu irgendeinem Zweck, das wir, sei es als Einzelne, sei es als offizielles Gremium, zu diesem Zweck nach Belieben verändern können. Sondern wir leben in ihr, wir haben nicht sie, sondern sie hat uns, sie beherrscht uns, schreibt uns vor, wie wir zu sprechen haben und weithin auch, wie wir denken und zu denken haben.

      Es gibt im IT-Bereich, die Programmiersprachen betreffend, ganz ähnliche Diskussion. In etwa: Ist die Programmiersprache ein edukatives Mittel (bspw. die Typisierung von Datenstrukturen betreffend oder andere semantische Pflichtigkeit) oder ein Mittel, um den Job getan werden zu lassen?

      Larry Wall (Linguist), der Entwickler von Perl (vs. ‘Pearl’) hat’s mal so zusammen gefasst:
      ‘There’s more than one way to do it (TMTOWTDI or TIMTOWTDI, pronounced “Tim Toady”) is a Perl programming motto. The language was designed with this idea in mind, in that it “doesn’t try to tell the programmer how to program.’ (Quelle)

      MFG
      Dr. W

  11. Berichtigung: In “… so wie die Adenauerstraße nach dem Städtchen Adenau” muß es statt “Adenauerstraße” “Adenauer Straße” heißen.