Cabinet Naturalists

Neulich stolperte ich in einem (englischen) Textschnipsel, den jemand bei Twitter gepostet hatte, über den Ausdruck cabinet naturalist. Ich wusste damit erst mal nichts anzufangen, musste das Textfragment ein paar Mal lesen und ein wenig darüber nachdenken. Dann aber verstand ich, und ich merkte auch, dass ich eine (wahre) Schnurre kenne, die den Begriff vom cabinet naturalist auf’s Schönste illuminiert. Die Anekdote ist für Twitter zu lang und für einen Blogbeitrag eigentlich zu kurz – egal, ich stell’ sie hier ein, wozu hat man ein Blog …

Als ich noch ein junger Man war, habe ich an einem ozeanographischen Institut geforscht. Am Scripps Institute of Oceanography. Das Institut lag, wie sich das gehört, am Strand, und zwar an dem des Pazifiks, in La Jolla, bei San Diego, in Südkalifornien. Und es hatte, wie sich das auch gehört, ein kleines Aquarium. Das wurde von einem gestandenen Ichthyologen, einem Fischforscher, geleitet, der aber diese Aufgabe nicht allzusehr liebte. Wenn er, was öfters vorkam, Forscherkollegen durch “sein” Aquarium führen musste, vorbei an den gläsernen Scheiben, hinter denen sich schillernde Fische tummelten, dann war er immer so ein wenig muffig.

Aber gegen Ende der Tour, wenn man sich einer Stahltür näherte, hinter der die riesige Institutssammlung von formalinfixierten Fischen in grossen gläsernen Zylindern, winzigen Phiolen, Einmachgläsern, Dosen und Eimern aufbewahrt wurde, gegen Ende der Tour wurde er immer heiter und sagte, wenn man vor der Stahltür stand:

“C’mon! Now I’m gonnna show you the real fish collection.”

 

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nicht nur der der hier beschriebene US-Ichthyologe, sondern auch der Autor dieses Beitrags scheint – eventuell schon in jungen Jahren – eine gewisse Faszination für das Morbide in sich gehabt haben.

  2. Semantisch (und auch anatomisch) wenig bewandert, würde mich interessieren, was genau ist der Unterschied zwischen Cabinet Naturalists und Naturalienkabinett?

    Den deutschen Begriff las ich einmal vor: “Die tote Natur wird beinahe wieder lebendig – sie quillt aus allen Regalen, sprengt fast den Rahmen, in den wir sie zwängten.”

    Lang ist’s her.

  3. da würde ich nicht zuviel hineininterpretieren.
    Jede Fleischverkäuferin freut sich über ein Kottelet in der Auslage mehr als über
    die Kuh auf der Weide. Der Ichtyologe war mehr an einem toten Fisch interessiert als an einem lebendigen. Da müsste man ja auch jeden Schmetterlingssammler verdammen.
    Kopf hoch, Herr Wicht !

  4. @ Joker

    Ja, es IST lange her. Die Ausstellung (“Anatomie im Glas”), die einst als temporäre geplant war, gibt es im Senckenberg-Museum in Frankfurt immer noch.

    Der “Kabinettnaturalist” ist, denke ich, einfach der, der das “Naturalienkabinett”, also die asservierte, ihrem Kontext entnommene, tote Natur, mehr schätzt als die Natur selbst – man könnte das als ein Pejorativum lesen (“Käferbeinzähler”), man könnte Mephisto zitieren (“Wer ‘was Lebend’ges will beschreiben, sucht erst den Geist herauszutreiben…”), man könnte über den Verlust der Unmittelbarkeit des Naturerlebens jammern.

    Man könnte aber auch – vielleicht versuch’ ich das bei Gelegenheit – über den Begriff des “Morbiden” (der in diesem Zusammenhang oft fällt), über “Thanatophilie” und vielleicht sogar über “Nekrophilie” nachdenken (denn ich hab’ mir kürzlich, im Zusammenhang mit der toten Natur, die ich auf dem Präparierkurs in Form von Menschenleichen beackere, tatsächlich diesen Vorwurf machen lassen müssen).

    Nun, mal sehen.

  5. @ Mona

    Die Fuchsens kenne ich. Der Photoband “Conserving” ist in Teilen auch in meiner Anatomie, der Dr. Senckenbergischen, entstanden. In meinem Schlafzimmer hängt ein sehr grosser (anderthalb Quadratmeter) Cibachrome-Abzug (von hinten auf dickes Plexiglas aufgezogen) einer ihrer Aufnahmen. Wie einst der Jesus im Garten Gethsemane, den unsere Opas und Omas stets über dem Bett hatten.
    Ich schlafe ganz ausgezeichnet.

  6. @ bote19
    Der mit dem Kotelett ist gut.

    Es geht uns wohl mit der Geistesnahrung (Systematik, Sammlung, Anatomie) oft genug so, wie mit der physischen Nahrung – denn selbst dem Veganer ist der Tod des Gemüses die Voraussetzung für dessen Verzehr. Sofern er es kocht. Aber auch Rohkost überlebt die Darmpassage zumeist nicht.

  7. Seid gegrüßt…
    Leider fällt mir zu dem Namen Cabinet Naturalists nicht mehr ein als eine wunderbare
    ablaufende Inzenierung von verschiedenen visuellen und auditiven Informationen
    die aufgrund von der Deklaration Naturalists nur schön sein können.

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