Atlas Farnese im Planetarium

Gewiss wussten Sie schon, dass unsere Sternbilder antik sind: aber wie haben sie ausgesehen? Unsere Sternbilder, die 1930 international definiert wurden, sind (sofern möglich) im Wesentlichen an den Sternbildern des Almagest-Sternkatalogs orientiert, der um 140 n.Chr. im ägyptischen Alexandria geschrieben worden sein soll. Wir haben einen Sternkatalog überliefert, aber kein einziges Bild, keine Zeichnung eines Sternbilds.

Was wir aber haben, sind fünf antike Globen (aus etwas späterer Zeit), die reine Kunstobjekte sind: Zwei kleine Metallkugeln mit Ritzzeichnungen (eine liegt in Paris, eine in Wien), ein Globusfragment aus Stein (Berlin), ein hundert Jahre altes Foto von einem Marmorglobus (Larissa) und – das beeindruckendste – einen Himmelsglobus auf den Schultern einer großen Atlas-Skulptur. Letzteres steht in Neapel im Museum der Villa Farnese und kann dort (rekonstruiert) bewundert werden: Sie wurde im 16. Jahrhundert (vor 1556, da in jenem Jahre die bisher früheste bekannte Zeichnung davon belegt ist) in der Nähe von Rom, in einem Weingarten am Kloster St. Lucia gefunden. Sie ist unter dem Namen „Atlas Farnese“ in die Literatur eingegangen. Die Statue ist aus römischer Zeit (genauer kann man es kaum sagen) und wahrscheinlich die Kopie einer älteren griechischen Vorlage.

Auf dem Atlas Farnese sind keine Sterne eingezeichnet, sondern lediglich Figuren als Relief modelliert. Sie sind allerdings derart genau zwischen den eingezeichneten Koordinatenkreisen positioniert, dass es schon seit Jahrhunderten die Diskussion gibt, ob der Atlas Farnese vielleicht nicht bloß ein frei geschaffenes Kunstobjekt ist, sondern eine Vorlage unter den wissenschaftlich exakten Datensätzen seiner Zeit hatte. Insondere wird oft der Datensatz des „genauesten astrometrischen Beobachters der Antike“, Hipparch von Nicäa, als Vorlage diskutiert [z.B. im Journal for the History of Astronomy, 2005/6 durch B. Schaefer und D. Duke]. Hipparch hat wahrscheinlich mindestens ein halbes Grad genau den Himmel vermessen, während die besagte Skulptur einen intrinsischen Konstruktionsfehler von 5° aufweist. Dies und viele andere Gründen sprechen also nicht gerade für diese Hypothese, dass es sich bei dem steinernen Globus um eine Visualisierung exakter Daten handelt.

Dennoch kann man die Sternbilder aus Stein auch recht gut auf eine exakte (heutige) Sternkarte abbilden: Dafür reicht (vielerorts) ihre Genauigkeit hin. Weil das so schön ist und einen hübschen Eindruck gibt, wie die antiken Sternbilder „wirklich ausgesehen“ haben können, habe ich das jetzt mal gemacht. Genau genommen ist es eine Mischung aus Eindrücken der hipparchischen Sternbilder und des Atlas Farnese (das räume ich demnächst noch auf, mache zwei Versionen davon: eine Hipparch, eine Farnese…); hier nur mal ein erster Eindruck.

Zeichnungen von mir, Anpassung der Sternbilder an den Zeiss-SkyControl-Himmel (2017); Dank an Stiftung Planetarium Berlin

Nur als Randbemerkung: Vor 1930 waren die Sternbilder zu keiner Zeit und an keinem Ort kanonisch! Das bedeutet, dass Hipparch (150 v.Chr.) die Sternbilder anders gesehen hat als Ptolemaios (150 n.Chr.) und die beide, deren Sichtweisen immerhin recht ähnlich sind, es an vielen Stellen anders sahen als Eratosthenes (-220) oder jeder andere… Diese Visualisierung erhebt also keinen Anspruch auf irgendwie geartete Exaktheit oder Allgemeingültigkeit, sondern ist wirklich nur eine Ergänzung in der langen Reihe der Geschichte des Wandels der menschengedachten Sternbilder.

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" [abgewandelt: John Miles, http://www.youtube.com/watch?v=egwARrX1ik8 ] Die Autorin studierte im Doppelstudium Physik und Wissenschaftsgeschichte und anschl. Medienwissenschaften, Physikdidaktik & Philosophische Anthropologie als Promotionsstudium. Sie ist seit 1998 freiberuflich als Astronomin und zeitweise auch als Dozentin für Physik tätig. Derzeit erforscht sie die Wurzeln der abendländischen Astronomie. Aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Frühere Arbeitsschwerpunkte waren * in Astrophysik: Stellarphysik; Mikrogravitationslinsen & Exoplaneten (1. Diplomarbeit); * in Technik- und Wissenschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (2. Diplomarbeit). * in Astronomie- und Physikdidaktik: Aufbau und Entwicklung einer überregionalen außerschulischen naturwissenschaftlichen Jugendarbeit in Deutschland und im Rahmen des internationalen Jugendaustausches [Mitbegründerin des Astronom. Sommerlagers (ASL), VdS-Jugendreferentin, Initiatorin und Gründerin der VEGA e.V., Begründerin der Berliner SpaceCamps, Gründerin von Astronomie+Raumfahrt-Austauschprogrammen mit Russland und Kasachstan, Zusammenstellung von Lehreinheiten online auf www.exopla.net , historische Methoden zur Vermessung der Welt nachvollziehbar auf Schulniveau] und gleichzeitig in Philosophie/ Medienwissenschaft: Lingua sine Limitibus - Sprachen der Populärdidaktik und transkulturelle Kommunikation (bildliche Sprachen und Visualisierungen, Astronomiekarawanen in Mauretanien, Hotelsternwarte in Portugal). * während Abitur und 2x Doppelstudium finanzierte sie sich als Freiberuflerin [siehe www.urania-uhura.de] durch Popularisierung der Wissenschaften in vielen Medien. In Zusammenarbeit mit einem Reiseveranstalter erhielt sie 2006 einen Tourismuspreis. Aktuell erforscht sie durch Analyse von Gestirnlisten in Keilschrift und Altgriechisch durch computergestützte Datenanalyse die Zusammenhänge der babylonischen mathematischen Astronomie mit der hellenistischen Astronomie.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das Vorbild des Atlas Farnese war höchstwahrscheinlich eine Bronzeplastik, die auf die „Kniestütze“ vorne und den unschönen, schematischen Mantel als Stütze verzichten konnte und dadurch einen größere Effekt erzeugte, wie Atlas unter dem Gewicht in die Knie geht.
    Stilistisch scheint das Original eher eine späthellenistische als frühhellenistischer Arbeit gewesen zu sein, aber man weiß bei Kopien nie genau, wieviel sie stilistisch und in der Qualität vom Original abweichen. Der Schöpfer des Originals muss sich natürlich informiert haben, um den Himmelsglobus zu gestalten. Wie wissenschaftlich diese Quelle war, kann man wohl kaum sagen. Abweichungen können auch künstlerisch bedingt sein und nicht nur durch Unlust oder Unvermögen.
    Es hat damals sicherlich noch andere Globen z.B. aus Metall gegeben, ebenso anderes Bildmaterial unterschiedlicher Qualität.

  2. Ein weiterer Himmelsglobus (aus der zweiten Hälfte des 2. Jh. n. Chr.) und der bisher einzige komplette aus dem griechisch-römischen Altertum wird im Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz aufbewahrt. Er besteht aus zwei Messinghalbschalen und hat einen Durchmesser von etwa 11 cm. Informationen finden sich in den Veröffentlichungen von Dr. Ernst Künzl in „Der Globusfreund“ 45-46 (1997/98), S. 7-80 (deutsch) bzw. S. 155-175 (englisch) oder in „Sterne und Weltraum“ 1/1998, S. 28-33.

    • Danke für die Kommentare. Der so genannte „Mainzer Globus“ wird eben nicht in Mainz aufbewahrt, sondern in Wien. Im Globenmuseum (Dauerleihgabe).

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