Ein Ideenklau galaktischen Ausmaßes

Die Plagiatsfälle, die hier und anderswo in jüngerer Vergangenheit diskutiert wurden, hatten gemeinsam, dass die Plagiierten dabei keinen sonderlichen Schaden erlitten. Dass es noch deutlich schlimmer laufen kann, liegt auf der Hand. Was ich hier schildere, ist einem jüngeren Astronomen aus meinem Bekanntenkreis passiert, der anonym bleiben möchte – warum, wird unten noch erklärt. Nennen wir ihn, angelsächsischer Tradition folgend, John.

John sucht eine Postdocstelle

Es ist mittlerweile rund 10 Jahre her, dass John an seiner Doktorarbeit werkelte. Im letzten Jahr seiner Promotion begann er, wie viele Doktoranden, sich um den nächsten Schritt seiner wissenschaftlichen Laufbahn zu kümmern und sich auf Postdoc-Stellen zu bewerben: jene Zeitstellen, auf denen ein junger Wissenschaftler forscht, bis er im günstigsten Falle eine unbefristete Stelle ergattern kann. Die erste Postdoc-Stelle nach der Promotion ist typischer Weise auf zwei oder drei Jahre befristet.

Zumindest in der Astronomie hat sich bei den Postdoc-Stellen ein Rhythmus eingestellt, dem die meisten Ausschreibungen folgen: Man bewirbt sich im Herbst, und bis Frühjahr werden die „shortlists“ erstellt, also die Listen der Kandidaten, die in die engere Wahl kommen. Vielversprechende Kandidaten werden zum persönlichen Interview gebeten, die ersten Angebote werden verschickt, und die eigentliche Laufzeit des Vertrags beginnt im darauffolgenden Herbst. In Zeiten des Internet kann man in der Online-Gerüchteküche der Astrobetter-Webseiten fast in Echtzeit nachverfolgen, wer auf welcher Shortlist ist, wer welches Angebot angenommen oder abgelehnt hat.

John bewarb sich, nicht ungewöhnlich, gleichzeitig bei 15 verschiedenen Instituten. Darunter waren die Top-Institute seines Gebiets, für John natürlich die erste Wahl, aber auch eine Reihe weiterer Institutionen. Postdoc-Bewerbungen sind immer ein Glücksspiel: ob man eine Stelle bekommt, hängt entscheidend von der eigenen Leistung ab, aber eben auch davon, wie stark die anderen Bewerber sind. Wurde man bei seinen Wunschinstituten von besseren Kandidaten ausgestochen, möchte man wenigstens eine Stelle zweiter Wahl antreten können – und kann dann beim nächsten Postdoc das Ziel wieder höher stecken.

Zu einer Bewerbung gehört ein ordentlicher Lebenslauf. In der Wissenschaft ist dessen wichtigster Bestandteil die Publikationsliste, die zeigt, was der Bewerber bereits geforscht und veröffentlicht hat. Ein weiterer Faktor sind die Empfehlungsbriefe, in denen ältere Kollegen die Leistungen und Qualifikationen des Bewerbers beschreiben. Bei Doktoranden zählt insbesondere die Empfehlung des Doktorvaters.

John schreibt einen Forschungsplan

Dann ist da noch der Forschungsplan als Beschreibung dessen, was sich der angehende Postdoc für die Zukunft vorgenommen hat. Der Forschungsplan fällt bei der ersten Auswahl der Bewerber nicht allzu sehr ins Gewicht; zunächst ist wichtiger, was der Bewerber tatsächlich kann, belegt durch das, was er bereits gemacht hat. Aber wenn nur noch wenige Top-Bewerber in der engeren Wahl sind, alle als fähige Forscher ausgewiesen, dann kann durchaus den Ausschlag geben, wer in seiner Projektbeschreibung die besten Forschungsideen vorzeigen kann (vgl. mein früherer Blogbeitrag Karriereberatung vom Nobelpreisträger).

Johns Forschungsplan folgte der Faustregel „drei Postdoc-Jahre entspricht drei Projekten mit schrittweise gesteigertem Schwierigkeitsgrad“: Das erste Projekt setzt fort, was der Bewerber bereits geforscht hat. Das zweite geht einen deutlichen Schritt weiter. Und das dritte Projekt kann ruhig sehr ehrgeizig sein – ein Vorhaben, das wissenschaftlich viel verspricht, aber anspruchsvoll und schwierig ist und deswegen auch misslingen kann.

Für sein anspruchsvolles drittes Projekt hatte John eine richtig gute Idee. Er hatte mit einer bestimmten Beobachtungsmethode bei der Erforschung von Galaxien bereits einige Erfolge erzielen können; als Projekt schlug er vor, diese Methode auf eine ganz neue Art anzuwenden – unter anderen Bedingungen als es bis dahin gelungen war, und mit einem weiteren Verfahren kombiniert, das John sich erst würde aneignen müssen, das aber in der vorgeschlagenen Kombination eine ganz neue Art von Erkenntnis über die beobachteten Galaxien versprach.

John beantragt Beobachtungszeit

Die Welt ist ungerecht: Der Nachwuchs bei den beobachtenden Astronomen muss sich nicht nur auf Postdocstellen bewerben, sondern in den meisten Fällen zusätzlich noch um Beobachtungszeit bei den großen Teleskopen (vgl. hier). Bei Großprojekten wie den Keck-Teleskopen, dem Very Large Telescope der Europäischen Südsternwarte (ESO) [1], dem internationalen Teleskopverbund ALMA oder den diversen Weltraumteleskopen wird ein Großteil der verfügbaren Beobachtungszeit im Wettbewerb vergeben: Interessierte Astronomen reichen Projektvorschläge ein und legen dort dar, was sie beobachten wollen, warum das wichtig ist, und warum das betreffende Teleskop für ihre Beobachtungen besonders geeignet oder sogar unverzichtbar ist.

Ein „TAC“, ausgeschrieben „Time Allocation Committee“ (wörtlich „Zeitzuweisungskomitee“), dessen Mitglieder aus den Rängen der forschenden Astronomen rekrutiert werden, entscheidet darüber, welche der Projekte den Zuschlag bekommen. Bei besonders guten Teleskopen summiert sich die beantragte gerne einmal auf das fünf- bis sechsfache der verfügbaren Zeit auf. Entsprechend wählerisch sind die TACs.

Johns Doktorvater war von der Beobachtungsidee so angetan, dass er John vorschlug, sich zeitgleich mit seinen Postdoc-Bewerbungen doch am besten gleich auch auf Beobachtungszeit an einem geeigneten Teleskop der ESO zu bewerben. Das Ende der nächsten ESO-Antragsfrist, Mitte September, stand kurz bevor, und John reichte seinen Antrag fristgerecht ein.

John bekommt eine Zusage und eine Ablehnung

Herbst wurde zu Winter, und John bekam bereits sehr früh ein erstes Angebot für eine attraktive Stelle. Bis es Frühling wurde, hatte er zudem erfahren, dass er für eine Reihe interessanter Postdoc-Positionen zumindest auf der Shortlist stand. In Absprache mit seinem Doktorvater teilte er daraufhin denjenigen Instituten, die für ihn ohnehin nur zweite Wahl gewesen wären,  mit, er zöge seine Bewerbung zurück – eine höfliche Geste, denn die Bearbeitung jeder Bewerbung ist für ein Institut ja durchaus mit Arbeitsaufwand verbunden. Unter anderem schrieb John eine solche Mitteilung an die Universität X, wo er sich bei einem Professor M. beworben hatte.

Von der ESO erreichte John kurz darauf allerdings eine nicht so gute Nachricht. Sein Projektvorschlag, so teilte man ihm mit, habe zwar eine ausgezeichnete Beurteilung erhalten. Es gäbe aber einen sehr ähnlichen Vorschlag einer anderen Gruppe, und jene Gruppe schätze man als erfahrener ein; sie habe daher den Zuschlag erhalten, und John bekäme leider keine Beobachtungszeit.

Das war enttäuschend. Und es war für Johns Doktorvater, der einen guten Überblick über den aktuellen Stand der Forschung hatte, auch durchaus überraschend. Johns Idee war originell, nicht sehr naheliegend, und sie ergab sich direkt aus den Projekten, die John verfolgt hatte. Johns Doktorvater hätte dementsprechend nicht erwartet, dass noch eine andere Gruppe auf dieselbe Idee kommen würde.

Eine ungewöhnliche Übereinstimmung

Johns Doktorvater war über diesen vermeintlichen Zufall soweit beunruhigt, dass er einen Kollegen bei der ESO ansprach. Offenbar hatte er bereits einen ganz bestimmten unguten Verdacht. Forschungsanträge sind mit gutem Grund vertraulich; daran wollte natürlich auch Johns Doktorvater nicht rütteln. Aber er kannte einen ESO-Kollegen, der in die Begutachtung involviert war, und dem trug er die folgende Bitte auf: hier sei der Projektvorschlag, den John seiner Postdoc-Bewerbung beigefügt habe. Ob der Kollege nicht nachprüfen könne, ob es da Übereinstimmungen mit dem bewilligten Beobachtungsantrag gebe, der Johns Antrag ausgestochen hatte?

Der ESO-Kollege prüfte, war zutiefst schockiert, und teilte Johns Doktorvater mit: Nicht nur seien sich die Anträge in der Tat sehr ähnlich, sondern eine Reihe von Sätze des konkurrierenden Antrags seien mit Johns Text identisch. Akuter Verdacht auf Ideenklau.

Johns Doktorvater teilte dem ESO-Kollegen noch mit, an wen John seinen Vorschlagstext alles verschickt hatte. Und tatsächlich: Auf der Liste der Wissenschaftler, die den erfolgreichen Konkurrenzvorschlag eingereicht hatten, fand sich auch Professor M. von der Universität X.

Zurückhaltung und Erfolg

Auf Rat seines Doktorvaters hat John die Angelegenheit damals nicht weiter verfolgt. Das wäre, so der Rat, die Energie nicht wert, die John hätte investieren müssen, um etwas zu erreichen. Zumal John wahrhaft genug anderes um die Ohren hatte: Er war just dabei, seine Doktorarbeit abzuschließen. Er hatte gerade geheiratet. Und er bereitete den transatlantischen Umzug zu jenem exzellenten Institut vor, dessen Stellenangebot er angenommen hatte.

Zudem war Johns Doktorvater in einer entscheidenden Hinsicht nicht untätig. Zwar wird die meiste Beobachtungszeit bei Großteleskopen im Antragsverfahren mit Begutachtung durch die Fachkollegen vergeben. Aber jeder Observatoriumsdirektor hat üblicherweise ein kleineres Zeitkontingent für seine Teleskope zur Verfügung, das er nach eigenem Ermessen vergeben kann, genannt „Director’s Discretionary Time“ oder „DDT“. Dahinter steht unter anderem die Überlegung, dass sehr riskante, aber im Erfolgsfalle durchaus spektakuläre und wichtige Beobachtungsprojekte im regulären Vergabeverfahren wenig Chancen haben — Komitees sind von Natur aus eher risikoscheu. Hält ein Observatoriumsdirektor ein solches Projekt für vielversprechend, kann er ihm mit der DDT direkt selbst Beobachtungszeit verschaffen.

Johns Doktorvater rief den ihm gut bekannten Direktor eines amerikanischen Observatoriums an, das über ein für Johns Vorhaben geeignetes Instrument verfügte, schilderte die Situation und Johns Idee — und John musste lachen, als er mir diesen Teil der Geschichte erzählt hat: seiner Erinnerung nach verging anschließend nicht mehr als eine Woche, bis er mit diesem Teleskop seine Beobachtungen durchführen durfte. John bekam seine Daten also noch deutlich vor der Konkurrenzgruppe.

Die Auswertung war allerdings ein so harter Brocken, dass dieser Zeitvorsprung letztlich nicht ins Gewicht fiel. John musste einige Jahre an Arbeit investieren, um die Datenkombination vorzunehmen, die seine Idee so innovativ machte, und er und die Kollegen, mit denen er zusammenarbeitete, haben in dieser Zeit natürlich immer wieder mit etwas Besorgnis darauf geschaut, ob ihnen die Gruppe, welche die ESO-Beobachtungen gemacht hatte, nicht etwa zuvorkäme.

Kam sie aber nicht. John und Kollegen brachten ihre Auswertung zu einem guten Ende und veröffentlichten ihr Ergebnis. Von der anderen Gruppe kam bis heute keine entsprechende Publikation. Zumindest insofern Ende gut, alles gut. Aber ganz war die Geschichte damit doch noch nicht zuende.

Nachspiel beim Mittagessen

Vor ein paar Jahren reiste John zu einer internationalen Konferenz, auf der er die Forschungsergebnisse vorstellte, um die es hier geht. Bei einem der Mittagessen fand er sich mit einem Astronomen am gleichen Tisch, den er nicht kannte. Der sprach ihn auf seinen Vortrag an und erwähnte, John könne das natürlich nicht wissen, aber er und einige Kollegen hätten vor Jahren mal einen Antrag für ganz ähnliche Beobachtungen bei der ESO gestellt.

John wurde auf einen Schlag hellhörig.

Es stellte sich heraus, dass der betreffende Astronom an der Universität X arbeitete, an der auch Professor M. lehrt, und dass er der PI, der „Principal Investigator“, also der Hauptverantwortliche für den konkurrierenden ESO-Beobachtungsantrag gewesen war, der Johns Antrag damals ausgestochen hatte.

John behielt seinen Teil der Geschichte für sich, fragte aber interessiert nach, wie denn sein Gegenüber damals auf diese bestimmte Beobachtungsidee gekommen sei.

Ach ja, das sei recht ungewöhnlich gewesen, so die Antwort des PI. Aus heiterem Himmel sei damals Professor M. im Büro des PI aufgetaucht. Vorher hätten die beiden noch nie zusammengearbeitet, aber damals habe Professor M. erzählt, er hätte da eine ganz originelle Idee, sei ja aber selbst kein beobachtender Astronom; was der PI denn von dieser Idee halte, ob sie praktikabel sei, und wenn ja, ob der PI die entsprechenden Beobachtungen nicht durchführen könne.

Die Idee sei sehr gut gewesen, habe den PI sofort interessiert, und Professor M. habe ihm dann auch gleich einen kurzen Text mit einer zusammenfassenden Beschreibung dagelassen; dieser Text sei bereits so gut formuliert gewesen, dass der PI Teile davon direkt in seinen ESO-Beobachtungsantrag habe übernehmen können. Den Beitrag von Professor M. habe der PI dann natürlich in der üblichen Form gewürdigt, indem er M.s Namen mit auf den Antrag geschrieben habe.

John hat den PI nicht aufgeklärt, was da offenbar passiert war: Dass Professor M. Johns Postdoc-Bewerbung gelesen hatte, zum erfolgreichen Ideenklau aber die Unterstützung eines beobachtenden Astronomen brauchte und deswegen direkt zum PI gelaufen war.

Der PI war ebenfalls ein eher junger Astronom, hatte offenbar in gutem Glauben gehandelt, und würde eine Menge Ärger bekommen, wenn der Ideenklau von Professor M. publik würde. Nicht zuletzt würde wahrscheinlich Professor M., nicht nur diesem Fall sondern auch anderen Schilderungen nach ein eher unangenehmer Zeitgenosse, versuchen, dem PI das Leben schwer zu machen. Als Institutsmitglied mit gehöriger Seniorität hätte Professor M. dazu auch durchaus einige Möglichkeiten gehabt.

John hat deswegen damals am Mittagstisch nichts gesagt. Das ist auch der Grund, warum er in dieser Geschichte anonym bleiben möchte und warum ich keine Namen und keine Details zu den Forschungen schreibe, um die es hier geht.

Der PI hatte John damals noch gefragt, ob er nicht Lust hätte, mit ihm bei der Auswertung der ESO-Daten zusammenzuarbeiten. John hatte Interesse bekundet, später aber von dem PI nichts mehr gehört. Er vermutet, dass der Rest des Teams, sprich: Professor M., von solch einer Zusammenarbeit dann doch nicht so begeistert war. 

Fazit

Plagiate sind unredlich. Aber Ideenklau wie in diesem Fall ist besonders übel. Ein Freund, dem John die Geschichte erzählt hat, war sofort verunsichert: Sollte er demnach bei seiner nächsten Postdoc-Bewerbung die besten Ideen für sich behalten, damit sie ihm nicht geklaut werden?

John ist fest überzeugt: Wer sich auf eine Postdoc-Stelle bewirbt, sollte im Forschungsplan seine besten Ideen präsentieren. Es wäre extrem ärgerlich, in die engere Wahl zu kommen und dann daran zu scheitern, dass man mit seinen besten Ideen aus Angst vor Ideenklau hinter dem Berg gehalten hat. Junge Astronomen müssen ihre noch unveröffentlichten Ideen teilen, um Karriere zu machen.

Nur weil John gleichzeitig mit seinen Postdoc-Bewerbungen auch einen Antrag auf Beobachtungszeit stellte und weil Johns Doktorvater einerseits mißtrauisch war, andererseits die richtigen Kontakte hatte, um seinem Verdacht nachzugehen, hat John überhaupt von dem Ideenklau erfahren. Die meisten ähnlich gelagerten Fälle dürften komplett unbemerkt bleiben.

John glaubt trotzdem nicht, dass dies die Spitze eines Eisbergs sei oder dass es den Aufwand lohnen würde, gesonderte Vorkehrungen zu treffen, dieser Art von Ideenklau einen Riegel vorzuschieben.

Zumindest für Johns Fall war relevant, dass man die Wichtigkeit von Ideen alleine nicht überschätzen darf. Es mag zwar in Film und Fernsehen die Regel sein, dass die Idee das entscheidende an der Wissenschaft ist: ein Heureka, und dann sind die restlichen Details nur noch Nebensache, allenfalls eine im Zeitraffer geschnittene Übergangssequenz wert. In Wirklichkeit ist das anders: Ideen, auch gute Ideen, gibt es viele. Was den guten Wissenschaftler auszeichnet, ist die Fähigkeit, solche Ideen dann auch umzusetzen. Auch in diesem Falle hat die geklaute Idee der anderen Gruppe letztlich nichts genutzt — zwischen Idee und Veröffentlichung stand eine schwierige Datenanalyse. Die konnte John durchführen, die andere Gruppe dagegen nicht. Deswegen hatte Johns Geschichte ein gutes Ende.

Allgemeiner gilt aber: Diese Art von wissenschaftlichem Fehlverhalten existiert. Man braucht keine große Fantasie, sich einen Fall auszumalen, in dem der Ideenklau auf Kosten der Karriere eines Nachwuchswissenschaftlers geht – wahrscheinlich ohne dass derjenige überhaupt mitbekäme, was ihm da wiederfuhr.

 


[1] Offenlegung: Das Haus der Astronomie, an dem ich arbeite, ist deutscher Knoten des ESO Science Outreach Network (ESON) und hilft der ESO beim deutschsprachigen Teil ihrer Öffentlichkeitsarbeit.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online [http://www.einstein-online.info]. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie [http://www.haus-der-astronomie.de] leitet, ein neues Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

28 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Beklemmend!

    Vielen Dank für den bedrückenden Bericht!

    Mich hat das an die Warnung eines Kollegen vor dem Bloggen erinnert: Wer dort religionswissenschaftliche Ideen und Daten diskutiere, riskiere, unzitiert “abgeschöpft“ zu werden. Mein Gegenargument damals: Im Gegenteil, wer seine Ansätze früh erkennbar und leicht auffindbar mache, könne dann nicht mehr so leicht übergangen werden, ohne dass es auffiele.

    Ach, auch in der Wissenschaft sind nicht grundsätzlich “bessere Menschen“…

  2. Anzeigen

    Ich halte es für einen Fehler, das Fehlverhalten nicht auch anzuzeigen. Nur so gibt es eine Chance dieses einzudämmen. Man trägt auch selber Verantwortung, dass das Haus der Wissenschaft sauber bleibt.

  3. @Markus Dahlem

    Schwierig. John war, wie gesagt, vor allem um den PI besorgt, der ja offenbar nichts von allem gewusst hat. Eine andere Frage ist natürlich – darauf habe ich ihn nicht angesprochen – ob das Whistleblower-Verhalten seiner eigenen Karriere geschadet hätte.

    Aber zumindest hätte der Doktorvater wohl Professor M. beiseitenehmen und mit ihm reden sollen. Wobei es sein kann, dass er genau das getan hat.

    Ich habe da noch keine klare Einschätzung, und es scheint mir eine jener Situationen zu sein, die ganz anders sind, wenn man sich abstrakt vorstellt, einem selbst sei dergleichen wiederfahren, als wenn man selbst direkt darin steckt. Sprich: Ich wüsste von mir auch nicht, wie ich in solch einer Situation handeln würde.

  4. öffentliche Ideen-Plattform

    Könnte man nicht eine Plattform im Netz schaffen, in der jeder seine Idee veröffentlichen und mit Stichworten vertaggen kann, sodass klar ist, wer die Idee hatte und sie gut auffindbar ist?

  5. Kein Betreff

    @Martin: Ideen sind oftmals nicht rechtlich schützbar. Von daher verschlimmert die Publikation eher noch das Problem. Weil es jeden zwingen würde zu publizieren. Und es letztlich doch eine moralische Frage bleibt.

    Wobei man meinen sollte (bin nicht aus der Branche), dass in der Wissenschaft hier noch eine hohe Ethik herrscht (im Vergleich zu anderen Branchen). Vermutlich ausgenommen Fachbereiche, in denen es um reichlich Gewinnerzielung geht, Pharmabranche oder so.

  6. Ideenbörse

    Eine solche Online-Plattform für Ideen dürfte nicht für alle wünschenswert sein. Gerade für junge Forschende, die noch eine Karriere aufbauen wollen, sind solche Ideen auch ein Kapital, das sie nicht frei abgeben wollen und können. Es geht ja darum, in der weiteren Karriere, diese Ideen umzusetzen und gute Publikationen draus zu machen.

  7. @Martin

    Ich halte so eine Ideenplattform ebenfalls gerade für junge Forscher für ungünstig.

    Verkürzt gesagt: Was zählt, ist die Veröffentlichung der fertigen Auswertung; wer mit einer bestimmten Analysemethode viel Erfahrung hat, kommt oft schneller von der Idee zur Auswertung; wer als junger Kollege seine Idee auf einer Ideenplattform veröffentlicht, läuft Gefahr, dass ihm ein erfahrenerer Kollege mit der Auswertung zuvorkommt — und selbst wenn dann in den Danksagungen steht, wo die Idee herkommt: für die nächste Bewerbung dürfte das wenig zählen.

  8. Es muss nicht immer Briefmarkensammeln s

    Markus Pössel schrieb (23. Juni 2013, 10:40):
    > Forschungsanträge sind mit gutem Grund vertraulich; daran wollte natürlich auch Johns Doktorvater nicht rütteln.

    Was wohl deutlich genug aufzeigt, woran zu rütteln ist.

    Markus Pössel schrieb (23.06.2013, 19:26):
    > Verkürzt gesagt: Was zählt, ist die Veröffentlichung der fertigen Auswertung;

    Das mag auf Astronomen, Kosmo-, Planeto-, oder jedwede andere -ologen zutreffen. (Und mag die deshalb bedauern, wer will.)
    Für Physiker zählt stattdessen die Physik (d.h. die Definition von Messgrößen bzw. -operatoren)
    — der Rest ist Wetterlaune.

  9. @ Frank Wappler

    Wenn ein Physiker ein Experiment an einer Einrichtung, z.B. APS bei Chicago oder ESRF in Grenoble, beantragt, zugesprochen bekommt und durchführt, zählt am Ende einzig und allein die Veröffentlichung der fertigen Auswertung.

    Zwischen einer Messzeit von Astronomen an einem Teleskop und einer Messzeit von Physikern an einer Forschungseinrichtung besteht also prinzipiell kein Unterschied.

  10. Ideenklau ist Usus in Deutschland

    Nicht nur in der Wissenschaft wird geklaut.

    Die ZEIT hat vor einigen Jahren neue Mitarbeiter im Bereich Werbung gesucht. Die eingeladenen Probanten wurden dann aufgefordert, doch ad hoc eine oder zwei gute Ideen zu entwickeln, statt eines Assessment.

    Naja – die Ideen wurden abgegriffen, weil sie ja jetzt der ZEIT gehören, da sie in ihren Räumen und unter ihrer Anregung entwickelt worden waren. Von den eingeladenen Bewerbern wurde niemand eingestellt.

  11. Tatsächlich hat ein anderer Professor meiner damaligen Universität, der mitbekommen hatte, was da passiert war, versucht, uns zu überzeugen, etwas zu unternehmen – insbesondere meinen Doktorvater; ich, meinte auch er, sei dazu nicht in der richtigen Position. Ich habe von meinem Doktorvater dazu nichts mehr weiter gehört, aber es ist in der Tat möglich, dass er Professor M. (den er persönlich kannte) darauf angesprochen hat.

    Trotzdem denke ich, dass es keinem der Beteiligten genützt hätte, wenn wir die Situation öffentlich gemacht und dabei Namen genannt hätten. Ich kann mir gut vorstellen, dass Professor M. schlicht geleugnet hätte, diese Idee aus meinem Forschungsplan „entnommen“ zu haben. Um Beweise dafür zu haben, hätten wir Zugang zu den ESO-Anträgen gebraucht – und die ESO gibt solche Anträge nie heraus.

    Dass die Beschreibung nun zumindest in anonymisierter Form öffentlich ist, wird solche Situationen hoffentlich wenigstens in Zukunft verhindern helfen – wenn diejenigen Kollegen, die es angeht, erkennen, dass man Ideen in Forschungsplänen besser schützen muss.

    [Übersetzt und eingestellt von MP]

  12. Ideenplattform

    man könnte eine Idee mit Datum versehen, verschlüsselt einstellen.
    Gäbe es eine solche Plattform,
    könnte das auf Diebe im näheren Umfeld abschreckend wirken.

  13. Just the facts, ma’am …

    Ulrich Ponkratz schrieb (24.06.2013, 10:50):
    > Wenn ein Physiker ein Experiment an einer Einrichtung, z.B. APS bei Chicago oder ESRF in Grenoble, beantragt, zugesprochen bekommt und durchführt, zählt am Ende einzig und allein die Veröffentlichung der fertigen Auswertung.

    Die zitierte Aufzählung „beantragt, zugesprochen bekommt und durchführt [und fertig auswertet] [und allen ins Regal gestellt]“ macht offensichtlich, dass unterscheidbare und folglich doch auch zählbare Zwischenergebnisse (nämlich: „der Antrag“, „der Zuspruch“, „die Beobachtungsdaten“, „der Messwert“) erhalten werden (sogar erhalten werden müssen), bevor der zu betrachtende Physiker „am Ende“ des betrachteten Experiments wäre.

    Daher der Nutzen von (selbstverständlich öffentlichen Laborbüchern, oder sonstigen SciLogs.

  14. Plagiate in der Wissenschaft

    Vielen Dank für die Fallbeschreibung — für mich wieder ein Beispiel, dass gegen Plagiatsfälle (hier weniger die Idee als der Antrag, was ein erster Umsetzungsschritt der Idee ist) mehr unternommen werden muss. Das laissez-faire „evolutionäre“ Vorgehen in der Wissenschaft (die besten werden schon igendwie durchkommen) verbrennt zu viele gute Leute und lässt die falschen Personen weiterkommen. Ich denke, das Berichte auf Blogs hier und u.a. retractionwatch.wordpress.com einen wichtigen Beitrag leisten, zumindest über das Problem zu informieren und das Bewusstsein zu wecken.

    BTW, in den Communications of the ACM war mal eine Fallbeschreibung eines Plagiatsfalls drin, bei dem einfach ein ganzer Artikel (abgeänderet) kopiert wurde. Wem der Fall hier noch keinen Schlag in die Magengrube gegeben hat, bei der Beschreibung im ACM Artikel bleibt einem die Spucke weg:

    Kock, N. (1999). A case of academic plagiarism. Communications of the ACM, 42(7), 96–104.

    Liest sich sehr ‚interessant‘ — man sollte vorher halt nichts essen.

  15. @John ..in Zukunft verhindern helfen?

    „Dass die Beschreibung nun zumindest in anonymisierter Form öffentlich ist, wird solche Situationen hoffentlich wenigstens in Zukunft verhindern helfen“

    Das glaube ich – mit Verlaub – nicht. Es handelt sich hier um einen wohl ziemlich einzigartigen Fall, bei dem der Ideendieb dem Bestohlenen bekannt wurde, bei der der Verlauf des Diebstahls ziemlich gut rekonstruierbar ist und bei dem es zumindest gute Indizien (teilweise satzgleiche Formulierungen im Projektantrag und im Forschungsplan) den Dieb zumindest schwer belasten würden.

    Dennoch passiert selbst in so einem Fall nichts, weil der Bestohlene (wohl zu Recht) um seine Karrierechancen fürchtet.

    Das Signal an andere potentielle Ideendiebe kann daher durchaus ein sehr negatives sein: „Ich kann mir alles erlauben, wenn ich erst einmal in der entsprechenden Position bin – mir passiert nichts, weil es sich kein Jungwissenschaftler trauen würde, mir ans Bein zu pinkeln.“

    Geklaut wird überall. Richtig schlimm wird es dann, wenn Hierarchien und Abhängigkeiten die Aufklärung solchen wissenschaftlichen Fehlverhaltens behindern.

  16. @All: Warum tun wir nichts?

    Auch wenn ich jetzt wohl gleich verwarnt werde – warum tun wir als Wissenschaftler nichts?

    Warum gehen wir nicht auf die Straße für John, warum organisieren wir nicht ein entsprechendes Forum, warum klagen wir die entsprechenden Leute nicht wenigstens öffentlich an? Warum eröffnen wir nicht ein WikiLeaks für wissenschaftliches Fehlverhalten?

    Warum? Nun weil dahinter oft Organisationen stehen wie dieser Verlag hier – man stellt sich als Wissenschaftler oder als wissenschaftliche Platform dar, als aller Argumentation gegenüber offen, als nur dem wissenschaftlichen Gedanken verpflichtet. Aber niemand unternimmt etwas gegen unwissenschaftliches Verhalten wie etwa die Sperrung kritischer Nutzer oder den Fall gegen John. Jeder hält still – er könnte ja der nächste sein. Und natürlich erschwerte jeder Einwurf, jede Parteinahme zukünftige Veröffentlichungen bei einem der größten Verlagshäuser weltweit… Aber nur weil jeder kuscht – wie damals vor 80 Jahren…

    Ich werde demnächst eine solche Platform errichten – zu einen Großen Teil aus Enttäuschung über die SciLogs – und ihre Mitglieder, denn jeder Mitläufer ist ein Mittäter.

    Man kann viel über andere schimpfen, über deren Fehlverhalten. Aber wenn es nicht einmal in einem recht kleinen Verbund gelingt, den Wissenschaftsgedanken unwiderstehlich zu machen – wozu sind wir dann Wissenschaftler? Für die Karriere? – dann wären wir nur Karrieristen. Aber hier auf SciLogs darf man kritische Autoren grundlos sperren (notwendige Methakommunikation à la Gunter Dueck ablehnen) – auf die entsprechende Kritik gegenüber der Redaktion kommt nur: Das sei die Angelegenheit jeden Blogbetreibers. Und der Verlagsleiter verspricht Klärung, um dann gar nicht erst zu antworten.

    Also bitte, liebe SciLogs-Blogger: Kehrt erstmal im eigenen Haus.

    Und ja – auch wenn ich nervig bin: Täten wir das alle konsequent, wehrten wir uns alle konsequent – dann könnte unsere Wissenschaft ihrem Namen problemlos gerecht werden. Denn: Auch wenn Kritik an eingefahrenen Gleisen verstört, das System erhält sich nur durch die Mitläufer. Gingen wir gemeinsam dagengen an, dann würde Fehlverhalten automatisch bestraft – da es aber heute normal ist und hingenommen wird, darum nimmt es auch zu (siehe Dan Ariely, The (honest) Truth about Dishonesty – Chapter 8: Cheating as an Infection.

  17. @Noït Atiga

    Speziell im Fall von John stehen die Beweggründe ja im Blogbeitrag und in Johns Kommentar: Die Bedenken, dass am Ende vor allem jemand zu Schaden kommt, der nichts dafür kann; das Problem, ohne Zugang zu den ESO-Proposals den Beweis zu führen. Dass Bedenken um die eigene Karriere da mitspielen, wie Jan Hattenbach vermutet, kann auch durchaus sein. John hat (noch) keine feste Stelle.

    Mir ist nicht klar, wie man das System am besten verändern könnte, um den Ideenklau zu verhindern. Eine Anfrage bei der ESO vielleicht, ob es nicht eine Art „Ombudsverfahren“ für Proposals geben sollte, in dessen Rahmen entsprechenden Vorwürfen nachgangen wird? Selbst das dürfte nicht viel bringen; allenfalls würde es Ideendiebe davon abhalten, identifizierbare Textbausteine zu klauen und in ihre Proposals einzubauen. Allgemeinerer Ideenklau ist schwierig nachzuweisen — insbesondere dürften viele Ideen, was man mit den verfügbaren Teleskopen als nächstes beobachten kann, quasi in der Luft liegen, so dass durchaus mehrere Forscher unabhängig darauf kommen können.

    Ich sehe übrigens nicht, was Organisationen wie der Spektrum-Verlag mit dem Fall John zu tun haben sollen. Oder warum jemand Angst haben müsste „der nächste“ zu sein, was immer das heißen soll. Gehen da möglicherweise verschiedene Dinge durcheinander, die nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben? Dass der Fall John in dem Kommentar mit dem „grundlos[en] sperren“ „kritischer Nutzer“ in einen Topf geworfen wird, deutet jedenfalls darauf hin. Sind damit direkt die Probleme gemeint, die ich hier im Blog mit Nutzern hatte, die meine Versuche, die Diskussion in geordneten Bahnen und damit in einer für Dritte zugänglichen Weise zu führen, allzu demonstrativ unterlaufen haben (siehe die Meta-Diskussionen hier und hier)? Nach diesen unangenehmen Erfahrungen bin ich zugegebener Maßen skeptischer geworden, wenn jemand Anschuldigungen erhebt, er oder sie sei grundlos gesperrt worden.

  18. @Markus Pössel: Systemisches Problem

    Zunächst ging es überhaupt nicht um eine Sperrung hier auf Relativ einfach, denn ich halte Ihre Politik der Beschränkung auf bestimmte Fragen nicht nur für legitim, sondern ich fand gerade Ihre Meta-Diskussion dazu vorbildlich.

    Auslöser war vielmehr meine Sperrung auf Go for Launch (Hokuspokus) – bevor ich dort überhaupt jemals kommentiert hatte! Und das widerspricht wohl geltendem Recht und vor allem der Selbstverpflichtung von SciLogs.

    Natürlich betrifft es mich – aber derartige Sperrungen anderer Personen bekommt ja niemand mit, andere können also kaum dagegen vorgehen.

    Mich stört dort vor allem das für den hiesigen Beitrag relevante systemische Problem: Ein faules Ei verdirbt den ganze Korb – was gerade für menschliches Verhalten nicht nur eine Redensart ist, sondern wissenschaftlich nachgewiesen (Dan Ariely oben). Wird also in einer bestimmten Gruppe derartiges Verhalten nicht energisch bekämpft, dann breitet es sich recht schnell aus. Was gerade dem Wissenschaftsgedanken widerspricht, denn dann können einseitige Meinungen verbreitet werden und sich ob des Schläfer-Effektes festsetzen (siehe Kumkale/Albarracín 2004). Und die Redaktion von SciLogs hat diese Verletzung selbstgesetzter Regeln bisher als unbeachtlich abgetan – daher mein Zweifel an der Wissenschaftlichkeit des Spektrum-Verlages, zumal ich mehrere Brücken angeboten hatte.

    Die Gemeinsamkeit mit dem Fall John ist also: Funktionieren derartige Dinge nur einmal ohne öffentliche und personelle Konsequenzen, dann breiten sie sich aus. Dann geht es nicht mehr um einzelne Fälle, sondern bald um systemische Nachteile für diejenigen, die diesem ‚Vorbild‘ nicht folgen, also ehrlich bleiben. Daher müssen wir nach meinem Verständnis unmittelbar dagegen vorgehen – und zwar trotz möglicher Nachteile, allerdings unter Minimierung dieser Nachteile (in der Ökonomie ist das als Allmende-Problem bekannt, siehe Ostrom: Governing the Commons).

    Für ESO-Proposals und ähnliche Anträge könnte ich mir gerade in Zeiten elektronischer Kommunikation ein recht einfaches System vorstellen – wenn wir denn eine entsprechende Plattform aufbauen könnten. Dann könnte jeder Forscher dort seine ESO-Proposals einreichen, sie würden mit entsprechendem Datum versehen verschlüsselt gespeichert und damit wäre die Ideen-Priorität gesichert – allerdings nur vom Einsendenden lesbar. Der ganze Nachweis wäre kein Problem mehr. Und wenn wir gegen dieses Fehlverhalten genauso energisch vorgingen wie gegen die Doktorarbeiten, dann wären entsprechende Professoren eben sofort ihre Stelle los – rechtlich sollte das schon heute gehen.

    Das Problem der großen Unternehmen ist ein weiteres, denn deren primäre Interessen sind nicht die der Wissenschaft – sondern eher ökonomische. Dazu passt mal die wissenschaftliche Ehrlichkeit, mal nicht. Und gerade bei kommerziell erfolgreichen Autoren passt sie meist nicht, gerade wenn weniger lukrative Autoren widersprechen.

  19. @Noït Atiga

    OK – zu der Sperrung bei Go for Launch weiß ich nichts. Eine wirkliche personenbezogene Sperrung geht bei diesem Blogsystem soweit ich weiß auch gar nicht. Meine erste Vermutung wäre, dass Michael Khan bei dem betreffenden Artikel mit einer ziemlichen Flut von Kommentaren hat kämpfen müssen, und dann diejenigen nicht freigeschaltet hat, die er für nicht konstruktiv hielt. Dass „geltendes Recht“ irgendetwas gegen ein solches Vorgehen hätte ist mir nicht bewusst, und die Selbstbeschreibung stellt den Bloggern ja sowieso frei, „wie sie auf Kommentare aus der Community eingehen“ (oder eben nicht).

    Das systemische Problem kann ich übrigens in beiden Fällen nicht erkennen. Davon, dass ein Kommentar in irgendeinem der anderen SciLogs nicht freigeschaltet wird, erfahren wir anderen Blogger ja nichts — wie also soll sich solch ein Fall ausbreiten? Ohne solche Wechselwirkung dürfte sich, was ich für viel wahrscheinlicher halte, jeder Blogger seine eigenen Kriterien zum Umgang mit Kommentaren zurechtlegen.

    Ähnlich beim Fall von John — wäre nicht mein Blogbeitrag gewesen, wäre ein solcher Fall ja völlig unbekannt geblieben. Entsprechend kann er auch niemanden, der ähnliches vorhat, direkt beeinflussen. Ob mein Blogbeitrag unredliche Wissenschaftler jetzt ermutigt (es hat ja niemand was öffentlich gesagt!) oder entmutigt (wie leicht hätte das schiefgehen können!), weiß ich nicht.

    Ein ESO-Proposal-System mit Datum hätte ja übrigens in diesem Falle nichts genützt — das ESO-Proposal war nur der eine Baustein zur Aufdeckung; der andere war Johns Forschungsplan, und Forschungspläne werden nunmal nirgends zentral gespeichert. Letzteres würde, wie schon angedeutet, sowieso nichts nützen — manche Ideen liegen eben in der Luft, und der Nachweis, dass ein zweiter Professor M. seine Inspiration aus einem bestimmten Forschungsplan zieht dürfte, sofern Professor M. nicht so dumm ist und ganze Textbausteine klaut, sehr schwer fallen.

  20. @Markus Pössel: Ja, aber…

    Eine wirkliche personenbezogene Sperrung geht bei diesem Blogsystem soweit ich weiß auch gar nicht. Meine erste Vermutung wäre, dass Michael Khan bei dem betreffenden Artikel mit einer ziemlichen Flut unkonstruktiver Kommentare hat kämpfen müssen, und dann diejenigen nicht freigeschaltet hat, die er für nicht konstruktiv hielt.

    Dann wissen Sie weniger als Herr Khan (und Herr Stefanowitsch bzw. Herr Haasis) – und mittlerweile ich. Denn mein originärer Beitrag wurde unter Noït Atiga komplett abgelehnt, mit Noyt der Tiger wenige Minuten später im Spam-Filter zwischengespeichert – wohl ob meiner vielen Versuche bei der Fehlersuche, denn an Sperrung konnte ich da zunächst nicht denken – vielmehr dachte ich an Internet- oder Browser-Probleme. Später wurden entsprechende Beiträge sofort freigeschaltet – es gibt also DEFINITIV die Möglichkeit, Nutzer dauerhaft zu sperren, wovon übrigens bei Herrn Khan auch mindestens noch Balanus betroffen war. Möglicherweise funktioniert das aber über die Sperrung gewisser Begriffe – welche dann gleichermaßen auf Nutzer angewandt wird. Dafür spricht, dass vor langer Zeit mal eine Entgegnung von mir abgelehnt wurde, die einen damals wohl im ensprechenden Blog gerade neu gesperrten Vor-Kommentatoren mit Namen zitierte – mit indirekter Referenz wurde sie unmittelbar angenommen.

    Dass „geltendes Recht“ irgendetwas gegen ein solches Vorgehen hätte ist mir nicht bewusst, und die Selbstbeschreibung stellt den Bloggern ja sowieso frei, „wie sie auf Kommentare aus der Community eingehen“ (oder eben nicht).

    Die Selbstverpflichtung stellt das Eingehen frei – aber nicht das Veröffentlichen. Darum widerspricht es insbesondere der Verpflichtung auf Seriosität, Ehrlichkeit, Transparenz und Offenheit – diese Beiträge gar nicht erst zuzulassen! Das ist das eigentlich Perfide an der Kahnschen Strategie (dazu auch mit anderem Schwerpunkt Susanne Hoffmann). Hinzu kommt aber noch die Verpflichtung auf gute Wissenschaft – was definitiv NICHT zu irgendeiner Wissenschaft gehört ist ja gerade Thema des Bloggewitters (also sind die Anforderungen von SciLogs deutlich höher als die hier diskutierten!).

    Dem Recht widerspricht es insofern, als eine sich allen Nutzern offen anbietende Plattform nicht ohne konkreten und berechtigten Anlass bestimmte Einzelnutzer ausschließen darf. Wir haben in Deutschland sowas wie ein Persönlichkeitsrecht (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 Grundgesetz), welches individuelle Diskriminierung verbietet und selbst gegen NPD-Funktionäre gilt. Der BGH hat sich darum auch dort nur sehr schwer (und nach nicht nur vereinzelter Sicht zu Unrecht) aus der politischen Schlinge ziehen können (siehe BGH, 09.03.2012 – V ZR 115/11, insbesondere Rn. 22f.)

    Davon, dass ein Kommentar in irgendeinem der anderen SciLogs nicht freigeschaltet wird, erfahren wir anderen Blogger ja nichts — wie also soll sich solch ein Fall ausbreiten?

    Nun, Blogger lesen sich auch gegenseitig und kommentieren auch gegenseitig. Außerdem bin ich zum Glück relativ sicher, dass auch die SciLogger Menschen sind – dass also in Deidesheim oder bei sonstigen Diskussionen die eine oder andere Bemerkung dazu ganz nebenbei fallen gelassen wird. Darum ist das systemische Problem dasselbe wie bei John – solange keiner darum weiß ist es inexistent, sobald EINER darum weiß und andere daher wenigstens potentiell darum wissen können, ist es gravierend (und mit öffentlichen Blogs kann man immer potentiell darum wissen).

    Dass Ihr Blogbeitrag entsprechende Diebe nur ermutigen kann, das ergibt sich schon aus Ihrem Beitrag und wird durch die Kommentare noch bestärkt. Die Risiken liegen nur auf Seiten der Nachwuchswissenschaftler – gestandene und vernetzte Professoren tragen quasi kein Risiko, schließlich haben alle vor ihren (auch indirekt wirkenden) Netzwerkmöglichkeiten Angst und (fast) keiner riskierte seine (oder irgendeine) Karriere im Interesse der Wissenschaftlichkeit. Nach der hiesigen Diskussion muss vielmehr jeder einigermaßen auf Erfolg bedachte Wissenschaftler als Nachwuchskader genauso kuschen – und als Etablierter genauso profitieren, wie John bzw. Professor M. Denn welches Risiko des Schiefgehens gibt es? Solange man nur Nachwuchswissenschaftler einspannt – genau keines, schließlich sind die alle abhängig. Und weitergehend schrieben ja auch Sie von einem einmal guten Fall, weil John ob eines souveränen Doktorvaters doch noch seine Ergebnisse vorher gewinnen und veröffentlichen konnte – also ist das Risiko sonst noch deutlich kleiner!

    Ein ESO-Proposal-System mit Datum hätte ja übrigens in diesem Falle nichts genützt — das ESO-Proposal war nur der eine Baustein zur Aufdeckung; der andere war Johns Forschungsplan, und Forschungspläne werden nunmal nirgends zentral gespeichert.

    Nun die Forschungspläne könnte man genauso datiert speichern. Und wenn man wirklich eine plagiatsfreie Wissenschaft wollte, dann könnte man auch alle Wissenschaftler zu entsprechender Zwischenspeicherung ihrer innovativen Ideen verpflichten. Wer es nicht tut, der ist dann eben nur Zweiter. Der Ruhm früherer Ausarbeitung verbliebe ihm immer noch. Das wäre sogar extrem gerecht – denn soweit die Gedanken ausgedacht sind, soweit lassen sie sich formulieren und zwischenspeichern (jedenfalls tu ich das so).

    Letztlich ist das heute schon nicht anders – allerdings nur mit der Publikation der Ergebnisse. Und es war noch nie anders, denn in der Wissenschaft gab es immer parallele Ideen (nur mussten Wissenschaftler früher ihre Ideen nicht veröffentlichen wie heute). Allerdings gibt es dann auch immer deutliche Unterschiede – die sich eben nicht gleichermaßen finden, wenn kopiert wurde. Ist und scheint kompliziert, wird aber mit zunehmender Technisierung immer einfacher nachzuweisen.

  21. Was für Nichtigkeiten! Ich habe mehr

    und weniger, weil ich meine Ideen und Ausarbeitungen bisher noch nicht einmal veröffentlichen darf (wolff.ch/astro/AP_Briefwechsel.pdf). Einer, der es wissen muss, schrieb dazu unter anderem:

    „Das System der „peer gereviewten“ Artikel, sei es in print oder elektronisch, ist gewiss nicht über jede Kritik erhaben, aber doch das Beste, was wir derzeit haben. Zu den Abseiten zählt, dass revolutionäre Ideen wie die Ihre nicht zur breiten Diskussion gestellt werden.“

    Es geht um die Weltpotentialtheorie, die in Gugel.ch und Gugel.de schon im ersten mit einem mit Freistetter bebilderten Treffer aufs übelste geschmäht wird. Dieser feine Herr (er betont gerne, dass er promovierter Astronom sei) hat so viele Leser, dass die Schreiber hier vor Neid erblassen könnten. Zum Beleg habe ich die Seiten heute kopiert und auf wolff.ch/astro/Gugel-Hetze als Gu_ch.htm und Gu_de.htm abgelegt; die Schmähschrift selbst findet man unter

    http://scienceblogs.de/…ie-weltpotentialtheorie/
    Zum Inhalt fand ich nur folgenden kurzen Abschnitt:

    Beginn Freistetter-Zitat
    Kein Wunder, immerhin baut er auf veralteten und widerlegten Theorien wie der “Lichtermüdung” auf und scheint auch ansonsten eher unwahrscheinlich zu sein:

    “Als Quelle dieser kosmischen Gravitation kann man obige aktual unendliche, isotrope Massenschale ansehen, die den endlichen Teil des Alls umschliesst, der mindestens im Prinzip beobachtet werden kann.”

    Das Weltall; eingehüllt in eine unendlich große Massenschale? Eine ziemlich steile These…
    Ende Freistetter-Zitat

    Der feine Herr versteht offensichtlich nicht, dass in einem als homogen/isotrop angenommenen, unendlichen, euklidischen Raum jede beliebige, endliche Kugel von einer unendlichen Massenschale umgeben ist, natürlich mit gleicher Dichte wie die virtuelle, endliche Kugel.

    Noch zur Lichtermüdung: Schon bescheidene Lesekenntnisse hätten genügt, um zu merken, dass ich nicht auf einer „Lichtermüdung“ aufbaue, sondern eine solche in meiner Arbeit erstmals physikalisch fundiert herleite, die nicht nur die Rotverschiebung erklären kann, sondern auch die kosmische Zeitdilatation; ob richtig oder falsch wäre eine angemessene Fragestellung gewesen.

    Wer so fundamental einfache Dinge nicht versteht, ist

    entweder ein Idiot
    oder ein Krimineller, wenn er nur nicht verstehen will.

    Wenn jemand den zitierten Text auch nach Jahren nicht als falsch und verleumderisch erkennen kann oder will und ihn nicht richtigstellt, dann handelt es sich aber wohl um einen
    kriminellen Trottel.

    Eine wichtige Frage bleibt: Wer steuert Gugel? ––– So viel Einfluss hat ein Freistetter nicht!

    Nun noch einige Bemerkungen zum neuesten Stand der WPT:

    Die bisherigen Hauptleistungen der WPT-Kosmologie:

    1. Sie kann die kosmische Rotverschiebung und Zeitdilatation gravitativ mit einem statischen Allmodell statt mit einem beschleunigt expandierenden Allmodell erkären.

    2. Dieses Modell hat nur einen einzigen leicht freien Parameter, nämlich die mittlere Dichte des Alls, aus der man nach WPT mit der aus der Standardkosmologie bekannten Gleichung für die kritische Dichte die Hubble-Konstante H erhält. Die mittlere Dichte eines unendlichen Kosmos kann man zwar prinzipiell nicht direkt messen, man darf aber hoffen, dass sie etwa der einigermassen bekannten Dichte auf den uns grössten zugänglichen Skalen entspreche, was tatsächlich auch der Fall ist und was im Zusammenhang mit der kritischen Dichte schon immer auffiel.

    3. Sie kann die Supernova-Beobachtungsdaten ohne beschleunigte Expansion erklären, was ziemlich viele „wichtige“ Leute wissen. Trotzdem gab es für die höchst wahrscheinlich nicht existente beschleunigte Expansion 2011 einen mit Plagiaten 2. Art manipulierten Nobelpreis.

    4. Sie kann die „MOND-Artigkeit“ der Galaxiendynamik teilweise erklären und teilweise wenigstens physikalisch plausibel machen.

    5. Die grosse Homogenität der Hintergrundstrahlung ist für zeitlich und räumlich unendliche Allmodelle mit kosmischer Rotverschiebung und Zeitdilatation eh kein Problem.

    Brandneu kommt ein weiterer Punkt hinzu:

    Die WPT kann – ganz im Gegensatz zu allen mir bekannten Expansionsmodellen! – auch die Winkel-Rotverschiebungsbeziehung – also nicht nur die Helligkeits-Rotverschiebungsbeziehung – von (rechnerischen) Standardgalaxien im Rahmen der Zuverlässigkeit dieser („Standard“-)Winkelbestimmungen korrekt beschreiben. Das können zwar auch andere statische Modelle, die aber andere grosse Mängel haben. Das findet man in den neuen Kapiteln 6.5 und 6.6. in der noch provisorischen neuen Fassung von WPT_2012.pdf unter:

    http://www.wolff.ch/astro/q.pdf

  22. @Noït Atiga

    OK, mit etwas Suchen habe ich jetzt im CMS der SciLogs einen „Content Filter“ gefunden. Insofern, zugegeben: Offenbar kann man mit Hilfe geeigneter Filterung so etwas wie eine stichwort-, und damit auch eine namensbezogene Sperrung realisieren. Wieder etwas dazugelernt.

    Ich habe mir den betreffenden Kommentarthread bei Go For Launch jetzt mal durchgelesen — zumindest dort haben Sie aber, soweit ich sehen kann, ganz ausgiebig kommentiert, zum Teil in epischer Breite, und einmal mit einem vorschnellen Zensurvorwurf an Michael Khan. Dass Khan da irgendwann die Reißleine gezogen hat, kann ich zumindest nachvollziehen (wann dieser Punkt erreicht ist, ist natürlich situations- und bloggerabhängig); einen herausragenden Präzedenzfall, den man dann unter Bloggern diskutieren (oder auch nur über Go For Launch hinaus wahrnehmen/erinnern) würde kann ich darin allerdings nicht erkennen.

    Den Vorschlag, Forschungspläne datiert zu speichern, halte ich für unrealistisch aufwändig. Da stünde der Nutzen in keinerlei Verhältnis zum Aufwand.

  23. @Peter Wolff

    Der Frage, welche Chance unorthodoxe Ideen haben und wie man in solchen Fällen
    am besten vorgeht, werde ich sicher noch einmal
    einen eigenen Blogbeitrag widmen — das Thema wird in den Kommentaren hier ja
    durchaus das ein oder andere Mal angesprochen.

    Ihr Kommentar zeigt allerding meiner Ansicht nach ziemlich deutlich, wie man es nicht machen sollte. Nach kurzem Themenbezug reiten Sie plötzlich so gut wie nur noch Ihr Steckenpferd, gewürzt mit einigen deftigen Beleidigungen an die Adresse aller, die Sie nicht verstehen und einer angedeuteten Google-Verschwörung. Dass solche Kommentare als themenfremd gelöscht werden (mache ich in Zukunft auch) sollte Sie nicht wundern.

  24. @Markus Pössel: Vorherige Sperrung

    Danke für Ihr Eingehen, trotzdem noch eine Klarstellung: Die Zensur hatte bereits vor dem betroffenen Kommentarthread unberechtigt stattgefunden. Noït Atiga war dort vor jeglichem Kommentar gesperrt worden!

    Und das vorhergehende, unberechtigte Sperren ist ein Präzedenzfall, der jeglichem Wissenschaftsverständnis widerspricht – und der SciLogs-Selbstverpfichtung. Daher ist er mit Bloggern zu diskutieren – wenn sie sich als Blogger auf einer Wissenschaftsplattform verstehen. Denn diese Fälle werden wie der von John kaum je aufgedeckt werden – ginge es nur um Noït Atiga wäre mir Go for Launch recht egal.

    Für den konkreten Beitrag würde ich teils mit Ihnen mitgehen – wobei mein Zensurvorwurf nicht ganz unberechtigt war, mein entsprechender Kommentar wurde nie veröffentlicht. Und dass man bei Ablehnung durch erwiesenermaßen Zensierenden eher an weitere Zensur denkt, das ist wohl verständlich. Auch habe ich mich für diesen verständlichen Fehler umgehend entschuldigt. Die epische Breite (nicht nur meiner Kommentare) war Antwort auf das von Herrn Khan kommunizierte Unverständnis. Und nach Monas Schluss war auch für mich gedanklich Ruhe – ohne den mindestens zweifelhaften Khanschen Kommentar direkt an den weiterhin gesperrten Noït Atiga wäre es also nie zu meinem Vorwurf gekommen. Aber damit wurde das Antwortrecht nochmal deutlich verletzt.

    Ich bin gespannt, was daraus wird – und ob sich SciLogs in Richtung Journalismus oder Wissenschaft entwickelt.

    Den Vorschlag, Forschungspläne datiert zu speichern, halte ich für unrealistisch aufwändig. Da stünde der Nutzen in keinerlei Verhältnis zum Aufwand.

    Sicher ist das erstmal aufwändig. Allerdings scheint mir der Aufwand global betrachtet recht gering, zumal man das mit einer Sicherungsfunktion für eigene Daten verbinden könnte – es entstünde also doppelter Nutzen (zumal man das über die Hochschulrechenzentren abdecken könnte). Und ob entsprechender Verschlüsselung gäbe es auch kein Inhaltsrisiko.

    Dazu kommt der gesellschaftliche Nutzen, wenn wirklich die Ideengeber gefördert werden und nicht die Diebe. Denn auch wenn die langfristige Selbstreinigung der Wissenschaft für falsche Theorien funktioniert, für falsche Wissenschaftler eben nicht und der Wissenschaft gehen so kluge Köpfe verloren.

    Aber vielleicht gibt es ja noch bessere Ideen…

  25. Ideenklau setzt sich munter fort

    Solchen Ideenklau – also die Aneignung eines wirklich innovativen Konzepts, nicht nur das Abkupfern eines entwickelten Produkts – findet man auch dort, wo die Wissenschaft mit der Wirtschaft in engem Zusammenhang steht also in der High-Tech-Industrie. Das Patentrecht bietet in solchen Fällen nicht unbedingt Schutz. Konzepte patentieren zu lassen ist schwierig. Oft handelt es sich, wie auch in dem im obigen Artikel beschriebenen Fall, um Dinge, auf die man nicht so einfach kommt. Wenn man aber mit der Nase drauf gestoßen wird, ist die eigentliche Umsetzung nicht mehr das wirkliche Thema.

    Da kenne ich den Fall eines kleinen Unternehmens, das eine wirklich innovative, fundamentale Idee hatte, wie man einschneidende Verbesserungen der Steuerung gewisser komplexer, technischer Geräte einführen könnte. Diese Geräte werden prinzipbedingt dort betrieben, wo sie dem unmittelbaren Zugriff permanent entzogen sind, sie müssen also ferngesteuert betrieben werden, was im gegebenen Fall durch eine physikalisch unvermeidliche Zeitverzögerung erschwert wird.

    Die Idee, die die kleine Firma hatte, konnte natürlich an der prinzipbedingten Situation nichts ändern, erlaubte aber durch Nutzung einer brandaktuellen Methode, die in dieser spezifischen Branche noch keinen Einzug gehalten hatte, eine deutlich verbesserte Früherkennung von Problemen, die in den zu betreibenden Geräten auftauchen konnten, also einen wesentlichen Vorteil im Betrieb. Die Firma trat an einen Betreiber solcher Geräte heran und stellte ihr Konzept vor.

    Der erkannte schnell das Potenzial dieser Idee. Es war aber klar, dass die Umsetzung sehr tiefgreifende Konsequenzen für den Betriebsablauf haben würde. Verständlicherweise wollte man sich damit nicht allein an ein kleines Unternehmen binden. Also schlug man vor, dass das Unternehmen sich für die Umsetzung einen Konsortialpartner unter größeren, erfahrenen Unternehmen sochen sollte. Die kleine Firma trat nun an eine große Firma heran und stellte der das Konzept vor, mit dem Vorschlag eines gemeinsamen Angebots an den Kunden.

    Die Verantwortlichen in der großen Firma hörten interessiert zu, weil auch sie das Potenzial des Konzepts verstanden. Die kleine Firma musste aber erleben, dass die Kommunikation zwischen den Firmen nach anfänglich vielversprechendem Austausch versandete. Anfragen wurden nur schleppend oder gar nicht beantwortet, die Vertragsverhandlungen kamen nicht voran und brachen schließlich ganz zusammen.

    Das kleine Unternehmen, das meines Wissens jetzt nicht mehr existiert, musste bald darauf feststellen, dass der vermeintliche große Partner das Konzept nun in leicht abgewandelter (was wahrscheinlich rechtlich von wesentlicher Bedeutung, technisch aber unwichtig war) Form in Alleinregie angeboten und den Zuschlag erhalten hatte. Damit war dieses kleinen Unternehmen weg vom Fenster.

  26. Markus Pössel möchte mehr Themenbezug

    Gerne, darüber könnte ich ein halbes Buch mit Selbsterlebtem schreiben, wenn ich denn dazu Lust hätte. Nun einige Müsterchen:

    1. Schon meine Diplomarbeit wurde an einer Frühlingsschule in Zuoz von einem damals primär am CERN wirkenden norwegischen Professor vorgetragen, nachdem er einen kalifornischen Weinkenner vom Vortragspult geschubst hatte, ohne mich auch nur zu erwähnen; immerhin erwähnte er ganz am Rande meinen Diplomvater, von dem er den Inhalt kannte. Ich ärgerte mich aber nicht, sondern ich freute mich wie ein Rohrspatz, dass er meine Arbeit gut genug fand, um sie selber vorzutragen; mich kannte er gar nicht. Zuvor schon hatte mein Diplomvater aus der Sache mit mir zusammen einen Artikel machen wollen, was ich aber ablehnte, einerseits weil ich die Sache für zu unbedeutend hielt (und halte) und andererseits, weil ich wusste, dass er den Artikel englisch schreiben wollte, was ich schon damals nicht wollte, aber nicht sagte, um unser gutes Verhältnis nicht zu gefährden.

    2. Ich war mal für eine nicht ganz banale Strahlführung zuständig. Ein lieber Kollege und der Gruppenleiter, dem ich nicht direkt unterstellt war, wollten dann plötzlich, dass ich das sozusagen wie in einem Kochbuch aufschreiben solle. Für mich war sofort klar, dass sie die Strahlführung selbst übernehmen wollten. Weil die „Rennbahn“ in Forschungseingaben und Berichten bereits mehrmals skizziert worden war, dachte ich, dass das grundsätzlich kein Problem sein werde, dass sie aber, wenn sie mir die Sache schon aus der Hand nehmen wollten, gefälligst auch die arbeitsintensive Ausarbeitung selber machen sollten. Nun, ich zweifelte auch, ob sie den nicht ganz banalen Strahlführungsproblemen gewachsen sein würden, da es sich um so etwas wie eine geschlossene „Achterbahn“ handelte, was auch meine Idee gewesen war. Ich sah dann, wie sie mit Kartonmagneten spielten, um Ihre Platzierung im vorgegebenen Raum hinzukriegen. Dass man an dieser Aufgabe, wo ja eine einigermassen richtige, massstäbliche Skizze vorlag, scheitern könnte, hielt ich für unmöglich. Die Möchtegerndiebe überraschten mich aber, als ein oder zwei Tage vor dem Termin, als der Hallendienst die genauen Positionen zur Platzierung der Magnete benötigte, der Institutsprofessor zu mir kam und sagte, dass ich bis zu der und der Stunde, dem Hallendienst die nötigen Informationen liefern müsse. Mit der Hilfe eines technischen Zeichners, der genau wusste, in welcher Form der Hallendienst die Angaben wollte und brauchte, klappte das dann auch bestens.

    3. In einer Phase als es für eine mittelgrosse Firma mit etwa 1000 Mitarbeitern um Sein oder Nichtsein ging, schlug ich vor, aus einer laufenden Serienproduktion ein Fahrzeug herauszunehmen und als (noch) antriebsloses Referenzfahrzeug umzubauen, um dem potentiellen Kunden für einen neuen Grossauftrag dringend gewünschte, möglichst realistische Messdaten liefern zu können. Die Antwort des Direktors: Ja, werden wir tun, aber erst in einem Jahr; ich darauf: Dann ist es zu spät. Nun, sie haben die Idee erfolgreich geklaut, aber ich behielt leider Recht; die Konkurrenz hatte zu der Zeit schon einen fertigen Prototypen und spottete über die Attrappe meiner ehemaligen Firma, die mich inzwischen – nicht zuletzt solcher Meinungsverschiedenheiten wegen – im Rahmen einer grösseren Restrukturierung entlassen hatte. Diese Sache hatte ein Nachspiel, das darum interessant ist, weil es den fundamentalen Unterschied zwischen Staats- und Privatunternehmen aufzeigt und das ich im nächsten Punkt kurz schildere.

    4. In der staatlichen Forschung sah ich kein einziges Mal, dass Leute ab einer gewissen Position, wenn sie Mist gebaut hatten, irgendwelche ernsthaften Konsequenzen zu tragen gehabt hätten. Ganz anders in der Industrie: Der Konzern, dem die oben genannte Firma fast zu 100% gehörte, liess schon damals den Direktor wissen, dass er eine einvernehmliche Lösung vorgezogen hätte, und der Vizedirektor, mein früherer direkter Vorgesetzte, musste dem Vernehmen nach vortraben und es soll ihm gesagt worden sein, dass sie seinen Entscheid/Kurs voll deckten, dass sie aber die Richtigkeit seines Kurses am Erfolge messen würden. Etwa zwei Jahre später aus der Zeitung: Der Konzern und der Direktor meiner ehemaligen Firma trennen sich im gegenseitigen Einvernehmen, aber nicht auf Wunsch des Direktors. Sein Nachfolger trug bereits nicht mehr den Titel Direktor, weil die Firma schon zu sehr abgewirtschaftet war. Seine erste Amtshandlung war dem Vernehmen nach, dass er meinen früheren, direkten Vorgesetzten früh morgens kommen liess und ihn anwies sein Büro bis am Mittag zu räumen. Schon bald darauf wurde die Firma verkauft und die Produktion wurde eingestellt; der Konzern wollte oder konnte sie nicht mehr sanieren.

  27. @Peter Wolff
    Es ist zwar schon ein Jahr her und außer mir wird auch niemand Ihren Text gelesen haben. Aber ehrlich, was sollte das? Keiner Ihrer Kommentare gehört hierher, sie haben die spannende Diskussion unnötigerweise abgewürgt! Ihre Ausführungen kann ich in einem Satz zusammenfassen: „Ich habe immer Recht und die anderen, die das nicht einsehen wollen, sind allesamt Idioten“. Üben sie sich mal ein bisschen in Bescheidenheit, dann hören Ihnen die Leute auch viel eher zu. Die Reaktion Markus Pössels auf Ihren ersten Beitrag ist wirklich das Vernünftigste, das ich jemals in einer Kommentarspalte gelesen habe.

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