Sommerschule in Florenz: Zu Besuch bei Galileo

Rundbild von Galileo auf seinem Grab in Florenz

Rundbild von Galileo auf seinem Grab in der Basilika Santa Croce in Florenz

Ein besonderer Reiz unserer WE Heraeus-Sommerschule „Astronomy from four perspectives“, die derzeit in Florenz stattfindet, ist die Verbindung zu einem der ganz Großen der Astronomie: Galileo Galilei. Hier war er ab 1610 Hofmathematiker, entdeckte die Jupitermonde (die er nach der Herrscherfamilie „Medici-Sterne“ nannte), schrieb den Dialog über die beiden Weltsysteme dessentwegen ihm später der Prozess gemacht wurde. Hier in Arcetri, wo sich die Sternwarte und das Physikinstitut befinden, in dem unsere Sommerschule für Lehrer, Lehramtsstudenten und Astronomen stattfindet, hat Galileo gewohnt, hier stand er nach seiner Verurteilung bis zu seinem Tode unter Hausarrest. (Der Prozess gegen Galileo, der zu dem Hausarrest führte, ist ja auch heutzutage noch für Kontroversen gut; ich schrieb Anfang 2014 hier darüber.)

Schon von Berufs wegen denke ich häufig darüber nach, was mich an Wissenschaft fasziniert – als natürlicher Ausgangspunkt für Überlegungen, wie man diese Faszination am besten teilt und weitergibt. Und ja, einen Teil der Faszination fühle ich immer dann, wenn ich an historischen Orten bin, konkrete Objekte sehe, die in der Wissenschaft eine herausgehobene Rolle gespielt haben oder einen persönlichen Bezug zu den beteiligten Forscher/innen herstellen.

Die Teleskope des Galileo

Insofern habe ich lange vor den beiden Originalteleskopen von Galileo gestanden, die das hiesige Wissenschaftsmuseum beherbergt:  Zwei der Teleskope von Galileo galileiDiese nicht allzu großen, liebevoll mit Leder bezogenen und verzierten Fernrohre haben einige der ersten astronomischen teleskopischen Beobachtungen überhaupt gemacht. Wenn mir auch in dem Moment kein Schauer über den Rücken lief – einiges an Ehrfurcht machte sich doch breit.

Finger? Musste das sein?

Finger-Reliquien des St. GalileoIm gleichen Raum des Museums gibt es allerdings auch Gelegenheit zum Kopfschütteln. Da sind insgesamt drei Finger zu sehen, die Galileo bei der feierlichen Umbettung in sein jetziges Grab abgetrennt worden sein sollen. Was auch immer da in den Köpfen der Leute vorging.

Beim Anblick der in Glasbehältnisse eingeschlossenen, vertrockneten Fingerreste, in einem Falle mit einem büstengekrönten Holzkäfig, im anderen Falle auf gravierter Marmorbasis und mit Metallornamenten, denkt wohl jeder sofort an Reliquien. Und die sind ja nun nicht nur allgemein vom Konzept her zweifelhaft, sondern für einen der Begründer der modernen Naturwissenschaft besonders unangebracht.

Dass einer der ausgestellten Finger nun gerade der Mittelfinger ist, führt auch regelmäßig zu entsprechenden Kommentaren.

Galileos Grab

In Florenz ist Galileo auch begraben. Das Grab befindet sich in der Basilika Santa Croce, gegenüber davon die Grabstätten von Michelangelo und Dante. Hier ist die Gesamtansicht: Galileos Grab in der Basilika Santa Croce
Beim genaueren Hinsehen gibt es noch einige interessante Details zu entdecken. Den Ehrenplatz direkt über dem Sarkophag beispielsweise hat das Jupiter-System mit den vier Monden inne, damals von Galileo Medicei-Sterne genannt, heute nach ihm benannt: die vier Galileischen Monde. Jupiter-System auf dem Grab von GalileoAllerdings ist das alles nachträglich entstanden. Ursprünglich hatte Galileo nach seinem Tod im Jahre 1642, seinem Status als verurteilter Ketzerei-Verdächtiger gemäß, ein unauffälliges Grab außerhalb der eigentlichen Kirche bekommen. Erst fast 100 Jahre nach seinem Tode, 1737, wurde er in das jetzige aufwändige Grab umgebettet.

Galileos Haus

Vor dem Konferenz-Abendessen am Montag waren wir dann noch quasi bei Galileo zu Gast, nämlich in der Villa Il Gioiello. Hierhin war Galileo umgezogen, weil das Anwesen an das Kloster grenzte, in dem seine Tochter Virginia (als Schwester Maria Celeste) lebte; hier stand er bis Ende seines Lebens unter Hausarrest. Hier der hintere Innenhof:Die Villa Gioiello, in der Galileo die letzten Jahre seines Lebens verbrachte

Das Haus selbst ist so gut wie leer. Nur in einigen größeren Räumen befinden sich Tische, Stühler, Projektor und Leinwand: das Haus gehört der Universität, und die Fakultät für Physik und Astronomie nutzt es als Veranstaltungsort für kleinere Tagungen.

Durch die Möglichkeit, das Haus frei und weitgehend auf eigene Faust zu erkunden – wichtig aufgrund der geschlossenen Fensterläden: wo sind jeweils die nachträglich eingebauten Lichtschalter? – bekamen wir trotz der Leere einen guten Eindruck von den Größenverhältnissen und der Relation der Räume zueinander. Hier ein Blick in Galileos ehemaliges Schlafzimmer:

Galileos SchlafzimmerDie Tür links führt zu dem Schlafzimmer von zwei von Galileos Schülern, dahinter ist noch eine kleine Studierkammer.

Sterne

Teleskope, Reliquien, Gräber, Häuser – das ist das eine. Meinen persönlichen Galileo-Moment hatte ich dann doch in einer anderen Situation, nämlich als wir bei Jakob Staude eingeladen waren, meinem Vorgänger am Max-Planck-Institut für Astronomie und entscheidenden Impulsgeber für das Haus der Astronomie. Staude lebt einen Teil der Zeit in Heidelberg, den anderen Teil in Florenz, und seine persönlichen Beziehungen zu italienischen Astronomen waren entscheidend dafür, dass es diese deutsch-italienische Sommerschule überhaupt gibt.

Als es gegen 22 Uhr dunkel geworden war, standen im Südwesten Mars, Saturn und Antares zusammen. Da hatte ich zumindest das Gefühl einer Ahnung, wie es mit Galileo damals in den wichtigsten, nicht-öffentlichen Momenten gewesen sein könnte. Mit ähnlichen zirpenden Grillen, den Temperaturnachläufern eines warmen Sommertages, den Umrissen von Zypressen und Pinien samt zugehörigen Gerüchen. Damals Galileo mit seinem kleinen Teleskop, vermutlich zur besseren Unterstützung an einem geeigneten Pfosten festgebunden, an jenem Tage wir, wenn auch ohne Teleskope. Das war dann doch, Originalfernrohre hin, abgeschnittene Finger her, der gefühlt galileo-nächste Moment der Sommerschule.

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Gerade im Leben und der Karriere Galileos wird deutlich, dass Wissenschaft, Geschäftsleben und Religion keine getrennte Welten sind – obwohl man sie sich doch getrennt vorstellen kann. Denn was haben Glaubenslehren und Geschäftsleben von neuem Wissen zu befürchten? Aus heutiger Sicht besonders paradox hat sich die Kirche verhalten, hat sie doch durch Ächtung eines Wissenschaftlers eine (unnötige?) Kluft zwischen Glauben und Wissen geschaffen.

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