Schwache Generalisierung der Quantentheorie

Sicher haben Sie schon von der Schwachen oder Generalisierten Quantentheorie des Harald Walach gehört. Ein aktueller Artikel im Blog der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) hat mich dazu gebracht, mich einmal mit dem Artikel von Walach zu beschäftigen. Ist da was dran oder kann das weg?

Protagonisten der schwachen Quantentheorie versuchen Grundsätze der Quantenmechanik auf andere Bereiche der Natur zu übertragen und damit Phänomene zu erklären. Dabei tappen sie genau in die Falle, die Karen Barad in ihrem Agentiellen Realismus vermeidet: Sie übertragen einfach bestimmte, halb verstandene Eigenschaften von Quantenobjekten auf makroskopische Bereiche, ohne die Grundlagen der Atomphysik und des physikalischen Experimentes zu kennen. Speziell geht es um Komplementarität und Verschränkung.

Komplementarität

Komplementarität zweier Größen bedeutet, dass diese nicht voneinander unabhängig bestimmt werden können. Das gilt zum Beispiel für den Impuls (Geschwindigkeit) und Ort eines Elektrons oder für Phasenlage und Photonenzahl eines Lichtzustands. Dass die Komplementarität ausgerechnet für diese Begriffspaare gilt, ist qualitativ und quantitativ sehr gut verstanden: Es liegt an der Wellenstruktur von Quantenobjekten.

xkcd Quantum Mechanics

Das Wort „Quantenmechanik“ allein erklärt gar nichts. Von xkcd Lizenz: Creative Commons Attribution-NonCommercial 2.5

Um eine Welle exakt zu beschrieben gibt es zwei Möglichkeiten: Wir können ihre Auslenkung, ihre Stärke an jedem Raumpunkt angeben, oder wir geben ihr komplettes Frequenzspektrum an, die Wellenlängen, in die sie zerlegt werden kann. Jede dieser beiden Beschreibungen ist vollständig und kann in die jeweils andere umgerechnet werden. Dazu verwenden wir die Fouriertransformation. Ort und Impuls sind komplementäre Größen, weil der Ort mit der Raumdarstellung der Welle und der Impuls mit der Wellenlängendarstellung des Objektes zusammenhängt. Es gilt eine Unschärfe, weil eine Welle, die im Ort gut lokalisiert ist, zwingend aus vielen Wellenlängen aufgebaut sein muss und weil eine Welle mit scharfer Wellenlänge zwingend über einen großen Raum verteilt sein muss.

Generalisierte Quantentheoretiker nehmen nun irgendwelche Begriffspaare her und behaupten, dass auch für diese eine Komplementarität gilt. Walach nennt Liebe und Hass, Individuum und Gesellschaft oder Bindung und Freiheit. Das sind natürlich alles schöne Begriffspaare, über die man allerhand Dinge lernen und studieren kann. Ich bin sicher, dass es in Psychologie und Soziologie großes Interesse an diese Begriffspaare gibt, aber es sind halt nur irgendwie Gegensätze, für die es kein Anzeichen gibt, dass sie zueinander im quantenmechanischen Sinne komplementär sind.

Vertreter der schwachen Quantentheorie gehen offenbar von einem Dualismusbegriff aus, wie ich ihn im letzten Artikel verworfen habe: Sie reduzieren die Quantenmechanik auf den veralteten Ansatz, nach dem das Nebeneinander zweier Modelle, dem Wellen- und dem Teilchenmodell, zu einer insgesamt richtigen Gesamtschau wird. Ihre Analogie ist: Wenn in der Quantenphysik zwei Modelle nebeneinander betrachtet werden müssen, könnte das doch in der Psychologie, Soziologie, Parawissenschaft auch so sein. Damit haben sie aber die letzten mindestens 80 Jahre Quantenmechanik verschlafen, in denen einheitliche Modelle geschaffen wurden, von denen Wellen- und Teilchenbild verschiedene Näherungen sind, und in denen der Dualismus überwunden wurde.

Quantenmechanische Verschränkung

Noch abenteuerlicher wird es, wenn Walach nichtlokale Verschränkungen aus der Quantenmechanik auf makroskopische Phänomene übertragen möchte. Phänomene wie Hellsehen, Telepathie und Homöopathie möchte er mit nichtlokalen Korrelationen erklären. Nun sind aber Korrelationen nichts speziell quantenmechanisches. Die Geräusche, die aus einem Radiogerät kommen, sind in aller Regel stark mit den Wellen korreliert, die der Radiosender einen Augenblick vorher ausgestrahlt hat. Die Ankunftszeiten meiner Frau und mir an unseren einige Kilometer entfernten Arbeitsstellen sind ebenfalls zueinander korreliert, einfach weil wir oft gleichzeitig das Haus verlassen. Korrelationen in Alltagsphänomenen sind im Allgemeinen kein Zeichen für quantenmechanische Verschränkung.

Zweifellos spielen Quanteneffekte in der Biophysik entscheidende Rollen. Die Energiebereitstellung und die Synthese von Zellbausteinen werden durch Makromoleküle geleistet, die selbstverständlich nur quantenmechanisch erklärt werden können. In diesen gibt es auch quantenmechanische Verschränkung der an Reaktionen beteiligter Elektronen. Ohne Quantenmechanik ließe sich die Stabilität eines Atoms und damit der Moleküle nicht erklären. Spätestens die Verschaltung von Nervenzellen ist aber bereits ein so ausgedehntes System, dass nicht-quantenmechanische Näherungen zur Beschreibung ausreichen.

Keine Theorie ohne Phänomen

Es wäre überhaupt kein Problem, ein Phänomen wie Gedankenübertragung ohne Quantenphysik (also in klassischen Näherung) zu erklären. Gedanken könnten ähnlich wie Radioprogramme durch elektromagnetische Wellen oder andere, bisher unentdeckte Strahlung übertragen werden. Oder zwei Menschen könnten gleichzeitig dasselbe Denken, weil sie sich vor einiger Zeit über dieses Thema unterhalten haben und auf ähnlichen Gedankenpfaden gleichzeitig zum selben Schluss kommen. Es ist auch nicht schwer, Homöopathie durch Übertragung von Informationen auf das Lösungsmittel und weiter auf den Körper zu erklären. Das Problem ist nur, dass diese Phänomene gar nicht existieren. Wir brauchen also keine Erklärung für sie.

Es ist bekannt, dass es Menschen gibt, die scheinbar übernatürliches wahrnehmen und es gibt psychologische Untersuchungen und Erklärungen, wie wir manchmal Dinge in Zusammenhang bringen, die keinen Zusammenhang haben. Aber bisher konnte kein paranormales Phänomen unter kontrollierten Bedingungen überprüft werden, obwohl darauf schon lange von der James Randi Foundation eine Millionen Dollar ausgesetzt ist und die GWUP regelmäßig zu Psi-Tests einlädt.

Walachs Einwand, Psi-Effekte ließen sich nicht nachweisen, weil sie keine kausalen Strukturen behaupten, ist nicht zutreffend. Selbstverständlich ist es eine kausale Struktur, wenn Menschen behaupten, sie könnten die Gedanken anderer Menschen lesen oder mit ihrer Behandlungsmethode würden Menschen öfter geheilt als mit einer Scheintherapie. Um solche Behauptungen zu überprüfen ist kein anderer Wissenschaftsbegriff notwendig.

Auch die Behauptung, ein Experiment könne nur erfolgreich sein, wenn eine Theorie quantitative vorhersagen über sein Ausgang macht, ist falsch. Es gibt viele Phänomene, die entdeckt wurden, obwohl sie niemand erwartet hat. Supraleitung zum Beispiel. Zudem wissen wir sehr genau, was wir von Telepathie oder Homöopathie erwarten, ein Experiment kann den Effekt auch dann zeigen, wenn keine Theorie sagt, wie groß dieser ist. Er müsste dazu lediglich existieren.

Die generalisierte Quantentheorie versagt also auf mindestens drei Ebenen: Erstens geht sie von einem falschen Verständnis der Quantentheorie aus. Komplementäre Begriffe sind nicht einfach irgendwelche Gegensätze, sondern Größen, die über die Wellenstruktur von Quantenobjekten miteinander verknüpft und deshalb nicht unabhängig messbar sind. Statistische Korrelationen sind kein Zeichen für quantenmechanische Verschränkungen. Zweitens macht die generalisierte Quantenmechanik, wie ihr Verfechter selbst zugibt, keinerlei überprüfbare Vorhersagen. Drittens erklärt sie keine existenten Phänomene.

Mit den letzten beiden Punkten dreht sich Walach im Kreis. Zum einen behauptet er, die Generalisierte Quantentheorie sei ein Ansatz, Phänomene wie Telepathie und Homöopathie zu erklären, zum anderen sagt er, weil diese Theorie keine Aussagen zu diesen Phänomenen mache, könne man die Phänomene selbst auch nicht experimentell überprüfen. Wissenschaft kann auf zwei Wegen vorankommen: Ein Phänomen kann gemessen und dann erklärt werden oder durch eine Theorie vorhergesagt und dann überprüft werden. Die Generalisierte Quantentheorie leistet weder Erklärungen noch Vorhersagen. Deshalb kann sie weg.

Joachim Schulz

Veröffentlicht von

www.quantenwelt.de/

Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

24 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vom Glanz von Theorien profitieren

    Quantum Healing geht in eine ähnliche Richtung wie die oben erwähnte „Schwache Generalisierung der Quantentheorie“. Und es erfüllt vor allem einen ähnlichen Zweck: Man will etwas vom Glanz einer anerkannten, aber nur von wenigen Leuten wirklich verstandenen Theorie für seine eigenen phantastischen Thesen abbekommen.

    Wichtig scheint mir aber, dass nicht nur Scharlatane solche „Übertragungen“ von theoretischen Erkenntnissen auf andere Bereiche herzustellen versuchen. Bei Personen mit seriösem wissenschaftlichen Hintergrund verstört dieses verbreitete Vorgehen allerdings umso mehr. So hat Roger Penrose zusammen mit anderen den Begriff quantum consciousnes geschaffen und behauptet das menschliche Bewusstsein lasse sich mit klassischer Physik nicht verstehen, wohl aber mit Quantenphänomenen und deshalb müssten solche Quantenphänomene bei der Ausbildung von Bewusstsein eine entscheidene Rolle spielen.

    Hier stellt sich aber die Frage, wie Quantenphänomene das Bewusstsein erklären sollen. Dem Leser von Penrose Büchern kommt es eher so vor, dass Penrose dem Bewusstsein Qualitäten zuschreibt, die über Algorithmisches hinausgehen und die gottgleich sind und dass er deshalb eine physikalischen Theorie zur Erklärung aufbietet, von der sogar andere Physiker sagen, man könne sie nicht verstehen.

    Auch der Artikel Quantum minds: Why we think like quarks stellt Bezüge zwischen menschlichem Denken und Quantentheorie her, die zwar ungefähr in die richtige Richtung gehen, denen aber jede Rigorosität fehlt.

  2. Quantenspuk

    Überlegungen zu quantum consciousness sind natürlich sehr spekulativ, aber zumindest teilweise noch recht originell. Ergänzend zu Martin Holzherrs Links sei speziell auf den SEP Eintrag hingewiesen:
    http://plato.stanford.edu/…ies/qt-consciousness/

    Quanten-Homöopathie finde ich allerdings weniger originell. Sozusagen keine schwache sondern schwachsinnige Quantentheorie.

    @Joachim: »Das gilt zum Beispiel für den Impuls (Geschwindigkeit) und Energie eines Elektrons …«

    Ich wage die Vermutung, dass hier eigentlich „Ort“ statt „Energie“ gemeint war?

  3. Like

    Sie kriegen einen „Like“ von mir für diesen Blog-Beitrag. Besser hätte man das nicht sagen können: „Deshalb kann sie weg.“

  4. @Chrys

    Ja, natürlich war Ort gemeint. Ich habe das gleich mal korrigiert. Wie nennt man diese Art von Flüchtigkeitsfehlern, bei denen man ganze Wörter falsch schreibt, weil sich die Wendung „Impuls und Energie“ so eingebrannt hat?

    Stimmt natürlich, squantum consciousness ist schon origineller als die einfache Übertragung von Unschärferelationen auf frei erfundene Begriffspaare. Dennoch sehe ich bei diesem Ansatz nicht so recht, was dabei herum kommen soll. Die Lernfunktion des Gehirns lässt sich mit Biochemie ganz gut erklären: Wiederholte Erfahrungen sorgen dafür, dass die chemischen Verbindungen zwischen bestimmten Neuronen verstärkt werden. Hier braucht es keine Quantenmechanik um Strukturbildung zu erklären. Und auch wenn Neuronen korreliert feuern, ist das noch kein Zeichen einer quantenmechanischen Verschränkung. Klassische Schwingkreise tun das auch.

  5. @Deshalb kann sie weg.

    Ja, schöner und begründeter kann man das wohl kaum sagen.
    Bei beuschen Fettecken mag man noch zweifeln, aber das war überzeugend, kurz und pointiert.
    Kann man hier im Blog einen Artikel „oben anpinnen“? Dieser hätte es verdient.

  6. @Joachim

    »Wie nennt man diese Art von Flüchtigkeitsfehlern, …«

    Vermutlich würde Walach hier einen Hinweis sehen auf eine schwache Impuls-Energie-Verschränkung im Gehirn … doch lassen wir das besser in der Tonne 😉

    Auch Stuart Kauffman nennt bei seinen Spekulationen über Quantum Brain die mit Quantenprozessen assoziierte Akausalität als einen Hauptgrund, warum die QM vielen als Ausweg aus einem philosoph. Dilemma erscheint. Da aber die QM auch deterministische Deutungen zulässt, wäre damit letztlich nichts gewonnen. Eine konkrete Beobachtung, die darauf schliessen liesse, dass Hirnfunktionen quantentheoretisch besser zu verstehen sind als klassisch, kann noch niemand vorzeigen. Aber wo viele Fragen offen sind, da wird halt auch spekuliert, was prinzipiell ja durchaus zulässig ist und noch zu irgendwie brauchbaren Ideen führen könnte.

  7. Danke für die Werbung!

    Eine sehr gute Zusammenfassung.

    Hinzufügen kann ich noch, dass die schwache / verallgemeinerte Quantentheorie ausgerechnet dort scheitert, wo ihr Vorbild die größten Erfolge feiert. Nämlich im Rechnen und den präzisen Vorhersagen, die daraus folgen. Bei der schwachen Quantentheorie wird fast nur verbal diskutiert, vermutlich weil es keine Orientierung gibt (oder wohlwollender: weil noch keine gefunden wurde), anhand der man für die verwendeten Begriffe passende mathematische Größen finden könnte.

    In anderen Worten: Kein klassisches Modell und kein Korrespondenzprinzip.

    Aus diesem Grund wird das ganze ziemlich schnell ziemlich beliebig. Der mathematische Formalismus kann im Prinzip nämlich so gut wie jede gewünschte Eigenschaft abbilden, und wo die Verankerung in der Realität fehlt, lässt sich völlig frei spekulieren.

  8. Quanten-Eso für Gebildete

    Quanten-Eso für Gebildete
    Prof.Dr.Dr.Walachs Generalisierte Quantentheorie wirkt wohl auf viele geisteswissenschaftlich Gebildete, die die Quanten- und andere physikalische Theorien vor allem vom Feuilleton her kennen, recht überzeugend. Die akademischen Voraussetzungen eine gebobenere Bildungsschicht zu erreichen hat Professor Wallach als klinischer Psychologe, Philosoph und Wissenschaftshistoriker zweifelsohne und sein oben verlinkter, von Joachim Schulz hier besprochener Text vermeidet nachprüfbar falsche Behauptungen oder den Abstieg in die Niedrigkeiten von Details, sondern er ventiliert vielmehr souverän auf der begrifflichen und konzeptionellen Ebene. Eine Vermählung von Physik und antireduktionistischem, antidualistischem Diskurs gelingt scheinbar am ehesten mit der Quantenphysik, das zeigen Vordenker wie Fritjof Capra mit seinem Das Tao der Physik. Das Ziel der Bemühungen ist uralt und besteht darin, ein einheitliches Weltbild aufzubauen, das Technik und Naturwissenschaft mit Philosophie und Mystik vereint. Die Quantentheorie, wird dann behauptet, stellt der hässlichen Fratze des Reduktionismus die (Zitat)„ganzheitliche Betrachtung von Siutationen, Gegenständen oder Sachverhalten“ entgegen. Und dem Wust der Einzeltheorien, von denen jede nur einen Teilaspekt der Wirklichkeit erklärt, wird eine universelle Theorie des Ganzen gegenübergestellt, die noch weit mehr erklärt als die „theory of everything“ der Physiker, nämlich (Zitat Walach)„die ganze Welt, ob Makro, Meso oder Mikro“, welche zudem (Zitat)„nach den gleichen Gesetzmässigkeiten bzw. Strukturen „ aufgebaut ist, ob es sich bei diesen Strukturen nun um geistige oder physikalische handle.
    Wie gelingt es nun Professor Helmut Walach, eine akademische Vorlage für Quantenesoteriker zu schaffen? (Eine Vorlage, die berufliche tätige Quantenesoteriker ihren Kunden empfehlen können).
    Zuerst einmal verlässt er nie die hohe konzeptionelle Ebene. Zweitens verliert er nie sein Hauptpublikum aus dem Auge, die gebildeten, auf der Höhe der Zeit stehenden Vielleser und Vielwisser, denen aber die Instrumentarien und die Ausbildung zum wirklich kritschen Denken fehlen. Nicht-kommutative Algebra darf bei diesem Zielpublikum vorkommen, allerdings nur als Suggestivmittel. Drittens hat Prof. Walach keine Hemmungen zur Grenzüberschreitung und zu Übertragungen von Begriffen auf ganz andere Zusammenhänge als für die sie geschaffen wurden. Hiezu das Zitat: „Einzelne Personen sind sowohl körperlich-materieller als auch geistig-immaterieller Natur, und das eine kann nicht auf das andere reduziert werden. Wer in einer engen Beziehung lebt weiss: der Menschen, den man am meisten liebt, kann einem auch am meisten auf den Wecker gehen und enge menschliche Beziehungen sind häufig von solchen komplexen Situationen geprägt, für die eigentlich nur komplementäre Begriffspaare zur Beschreibung taugen.“ Solche Übertragungen eines Begriffs (hier Komplementarität) von einer Welt (der Welt der Physik) in eine andere, nämlich die begriffliche Welt unseres Alltags sind aber egal ob in der Natur- oder der Geisteswissenschaft nicht ohne Angabe eines Abbildungsprozesses (eines Isomorphismus) zulässig. Doch Walach kann sich darauf verlassen, dass seinen Lesern der kritische Impuls dies zu überprüfen, fehlt, denn er spricht Vielwisser mit nur oberflächlichem Wissen an.

    Hat man Prof. Walach die obige Art der unzulässigen Übertragung von Begriffen einmal durchgehen lassen, dann wird man wohl auch die nachfolgende Behauptung akzeptieren, Telepathie, Hellsehen und Präkognition seien nicht-lokale Ereignisse unserer Alltagswelt, selbst wenn der Leser solche Phänomene in seiner Alltagswelt bis anhin nicht erlebt hat. Ausschliessen möchte er sie dann doch nicht, dazu sind sie zu interessant und falls diese Phänomene auftauchen. könnten sie sein Leben eventuell sogar etwas aufpeppen.
    Überhaupt hat Walachs Text etwas Einlullendes und Suggestives. Und er kommt dem Bedürfnis nach Spiritualität, welches nichts anderes als ein Sinnbedürfnis ist, auf geschickte Weise nach, indem er die ultimative, alles harte und weiche, alles natur- und geisteswissenschaftliche umfassende Theorie präsentiert.
    Nicht zufällig kommt seine Behauptung, seine generalisierte Quantentheorie entziehe sich der experimentellen Überprüfung gerade wegen Eigenschaften der Quantentheorie selbst (ihrer behaupteten Nichtkausalität) ganz am Schluss seines Traktats, wenn die verbliebenen Leser schon ganz narkotisiert sind vom Rauch der vielen Weihräucherstäbchen, die Walach entzündet hat.

    Fazit: Nicht wenige Leser dürften Walachs Text auf den Leim kriechen, weil nur wenige eine Ausbildung genossen haben, die ihnen fundiert kritisches Denken erlaubt und sie beispielsweise erkennen lässt, dass auch Begriffe und Konzepte ihre angestammte Domäne haben und eine Übertragung auf eine andere Domäne recht grosse Ansprüche stellt. Im Alltagsdenken sind unzulässige Verallgemeinerungen allerdings so häufig, dass die meisten von uns sie kaum wahrnehmen dürften.

  9. Und es telepathiert doch,

    denn es kann anders gar nicht angehen, dass der Ersteller des eingebundenen Cartoons weiss, was ich mir zu pseudowissenschaftlichen Fundungen, in denen es um „irgendwas mit Quanten“ geht, denke, nämlich eben genau

    ‚You can safely ignore any sentence that includes the phrase „according to quantum mechanics“‚

    DAS lässt sich in der Tat dann auch oft mühelos auf ganze Artikel, Bücher und deren Verfasser generalisieren.

  10. Verstehen

    Herr Joachim Schultz,
    Sie werfen der Gemeinde vor, die halbverstandenen Modelle der aktuellen Quantentheorie zu Alles-Erklärenden-Theorien zu stilisieren, doch ich erkenne, dass etablierte Modelle, wenn sie vollständig verstanden werden, genauso wenig dazu beitragen, eine plausible Erklärung der Wirklichkeit zu liefern. In meinen Augen gleichen sich die Erkenntnisse der Wissenschaft und die parawissenschaftlichen Postulate und zwar in dem Punkt, in dem sie keine überprüfbaren Lösungen verkünden.
    Oder habe ich da etwas grundsätzliches übersehen?

  11. @Maciej Zasada

    Ja, sie haben grundsätzliches Übersehen.

    Die Quantenmechanik erklärt erfahrbare Phänomene. Nicht nur qualitativ sondern auch quantitativ. Die Spektrallinien von Atomen und Molekülen lassen sich mit Quantenmechanik sehr genau berechnen. Bindungsverhalten vieler chemischer Stoffe lassen sich berechnen. Festkörpereffekte wie Magnetismus und Supraleitung sind quantenmechanisch berechenbar.

    Was können Sie mit parawissenschaftlichen Prstulaten berechnen?

  12. Geehrter Herr Schulz

    Und was für ein Wirklichkeitsbild ergibt sich als Folge dieser Berechnungen?
    Darum geht es doch in erster Linie und in diesem Punkt geben sich die Wissenschaft und Parawissenschaft die Hand.
    Und ich stehe daneben und lach mich kapott.
    Ich habe nichts übersehen, weil es weit und breit nichts zu sehen gibt.

  13. Quanten-Logisches Paradoxon

    Jedesmal, wenn ein Messvorgang durchgeführt wird, jedesmal, wenn beobachtet wird, stellt man eine scharfe und stabile Wirklichkeit fest. Diese Wirklichkeit erscheint logisch sinnvoll, ja beinahe mechanisch.
    Berücksichtigen wir in unseren Berechnungen alle Koordinaten, ergeben sie dennoch kein sinnvolles Abbild der Wirklichkeit.
    Wir vertrauen dem, was wir sehen und messen können, wir erwarten von der Wirklichkeit, dass sie unserer archaischen Logik entspricht und wundern uns, dass sie es nicht tut.
    Der logische Fehler, den wir stets machen ist kinderschwer:
    die Wirklichkeit kann zwar beobachtet, gemessen und berechnet werden, aber über ihre Beschaffenheit im unbeobachtetem und ungemessenen Zustand lässt sich keine Aussage machen.

    Quanten-Logisches Paradoxon
    Wir schließen aufgrund unserer Messungen trotzdem auf diesen unsichtbaren Zustand – ohne logische Berechtigung dafür zu besitzen.

    Unser logisches Modell der Wirklichkeit ist eine unzulässige und schwache Generalisierung.

    Dies ist der wahre Grund unserer quantenlogischen Schwäche: unsere logische Schwäche.

  14. aber nein

    Wirklichkeit ist ein breitgetretener Alltagsbegriff, damit kann man etwas in Philosophie, Kunst, Politik usw. „bezeichnen“. In der Physik führt eine „solche Bedeutung“ nur zu Mißverständnissen, sie benutzt den Begriff für ihre Modelle auch nicht, er ist höchstens salonfähig in abschweifenden naturphilosophischen Diskussionen.
    Ganz einfach Niels Bohr „Gegenstand der Physik ist nur, was wir über die Natur sagen können.“
    Ähnlich Zeilinger „Der quantenphysikalische Zustand eines Systems ist nichts Absolutes: Er ist nur Darstellung von Wissen, das wir über eine konkrete physikalische Situation haben, …“
    Physik beschreibt die „Welt“ der realen Möglichkeiten, nicht der ausgedachten Wirklichkeiten.

  15. Herr Senf

    These:
    Die Bemühung, die logische Ordnung wiederherzustellen indem der Widerspruch ausgeschlossen (vernichtet) wird, ist im Licht der Universumsperspektive vollkommen sinnlos, denn, auch dann, wenn ein Unterschied zwischen “unserer Wahrheit” und dem fremden “Irrglauben” erkannt wird, ist sicher, dass es keine Grenze zwischen dem Diesseits der logischen Ordnung und dem Jenseits der logischen Unordnung in einem unendlichen Universum (oder einem endlichen, das aber vollständig ist) geben kann.

    Beweis:
    Das Diesseits der logischen Ordnung A wie das Jenseits der logischen Unordnung B sind Teilmengen des Universums U.
    Sowohl A, als auch B sollten per Definition disjunkt sein, d.h. keine gemeinsamen Elemente haben – die Menge der christlichen Katholiken kann ja zweiwertig logisch betrachtet keine Gemeinsame Elemente mit der Menge der islamischen Schiiten besitzen.
    Beide sich gegenseitig ausschließenden Mengen A und B sind jedoch als Teilmengen in der Menge U enthalten. Zwischen A und B besteht daher auf der Ebene von U eine bijektive Beziehung, denn wenn A = U und B = U, dann sind A und B einander äquivalent (A=B).

    Mit anderen Worten – für kein Element der Menge A besteht ein logischer Sinn, ein Element der Menge B aus der Obermenge U auszuschließen (q.e.d.), denn zwischen den Mengen A und B kein Unterschied besteht.

    Damit widerspricht sich nicht nur die NSU-Logik, damit widerspricht sich die gesamte Logik des ausgeschlossenen Dritten.

    Damit Sie es wissen, Herr Senf: auch dann, wenn es seit Jahrzehnten sein mag, dass bestimmte Menschen etwas bestimmtes sagen, während es den anderen dasselbe verwehrt ist, es durchaus sein kann, dass eben die Schweigenden am Ende Recht behalten, denn Jahrzehnte altes Gerede, aus dem nichts vernünftiges entsteht, eher ein Beweis dafür ist, dass das Gesagte unwahr ist, als das Schweigen der Ausgeschlossenen ein Beweis dafür, dass sie nichts zu sagen haben.

  16. 3000 Jahre

    Über die „Wirklichkeit“ wird nicht erst seit Jahrzehnten, schon gar nicht auf ausgetretenen Pfaden diskutiert, die Im-Kreise-Dreherei gibt’s mindestens seit den alten Griechen. Die Zitate der Physiker sollten nur verbeispielen, daß Physik nicht ins Undefinierbare herababsteigt, sondern auf’s Mögliche beschränkt.
    Mit anderen Worten ist das eine Realität, die sich auf Dinge und Tatsachen mit Wirkung und Wechselwirkung bezieht. Dabei gehören bloße Zahlen, Modelle oder Theorien, die man in der Wirklichkeit nicht findet, zur Realität. Aber in der „Wirklichkeit“ findet man die Naturgesetze, die werden nicht erfunden, mit diesen macht man dann die Theorien.

  17. Wissen Sie Herr Senf, ich habe es satt von den anderen verbessert zu werden. der Grund dafür ist nicht meine Unfehlbarkeit, sondern die Tatsache, das die anderen sich keine Mühe machen, mich zu entziffern.
    Es geschieht etwas, spüren Sie´s?
    der 3000 Jahre alte Muff bewegt sich…
    Warum?
    Geben Sie sich Mühe, finden Sie´s heraus

  18. Pingback: Lila Pickel für Wünschelwichte und „Positiv denken“-Autoren @ gwup | die skeptiker

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