Gehirnscanner oder Verhalten – Wer hat hier das Sagen?

Wofür brauchen die Psychologie und andere Sozialwissenschaften überhaupt die Hirnforschung? Und wie viel Wissen fügen teure Experimente im Gehirnscanner wirklich zu? Meine These: Der Königsweg für die Wissenschaft vom Menschen sind nach wie vor Verhaltensstudien.

Artikel mit Folgen

Auf meinen Artikel über Misophonie (Selektiven Geräuschintoleranz), der hier und im Heise-Forum lebendige Diskussionen ausgelöst hat, empfing ich auch einige Reaktionen per E-Mail. Darunter befand sich die der Psychologin und emeritierten Professorin für Grundschulpädagogik von der Universität Potsdam Gerheid Scheerer-Neumann. Sie schrieb:

In einer meiner Fortbildungsveranstaltungen berichtete mal eine Teilnehmerin begeistert von einer Studie, die den Erfolg einer Intervention bei Lese-Rechtschreib-Schwäche auch im Gehirn nachweisen konnte. Aber: JEDES Lernen verändert das Gehirn, ob wir es messen können oder nicht!

Alltägliche Trivialitäten

In meinem Artikel habe ich den Fund britischer Hirnforscher, unangenehme Geräusche führten in den Inselrinden im Gehirn bei lärmempfindlichen Personen zu höherer Aktivität, als trivial, ja sogar tautologisch kritisiert. Schließlich finde man in dieser Gehirnregion sehr häufig Reaktionen im Zusammenhang mit unangenehmen Emotionen. Vor allem ist die Behauptung der Forscher unseriös, damit nichts Geringeres als „die Gehirnbasis der Misophonie“ entdeckt zu haben.

Ich wurde hier und dort für den Ton meines Artikels kritisiert. Damit, dass sich manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Moral eines Gebrauchtwagenhändlers aneignen, scheinen diese Kritiker hingegen kein Problem zu haben. Wie dem auch sei, die E-Mail Frau Scheerer-Neumanns brachte mich auf die Idee, ein paar Schritte weiter zu denken:

Gründe für Neuro-Popularität

Unter welchen Bedingungen brauchen die Psychologie und andere Sozialwissenschaften denn die Hirnforschung, um ihre Funde zu bestätigen? Ich denke, die Popularität neurowissenschaftlicher Verfahren wie der funktionellen Kernspintomographie (fMRT) in diesen Disziplinen ist zwei Gründen geschuldet:

Erstens leiden manche Verhaltenswissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler an mangelndem Selbstbewusstsein, weil sie (vermeintlich) keine „harte Wissenschaft“ betreiben. Zweitens müssen Forschende auf dem wettbewerbsorientierten Wissenschaftsmarkt in zunehmendem Maße Mittel einwerben; und raten Sie, in welchen Bereich solche Mittel seit den 1990er Jahren, den Dekaden des Gehirns in Europa und Übersee, zunehmend fließen, ja sogar sprudeln?

Beispiel Sprachwissen

Um meine Antwort konkreter zu machen, habe ich mir ein Beispiel ausgedacht. Dabei haben zwei Gruppen Sprachwissen erlernt: Gruppe 1 verwendete dafür Karteikarten. Gruppe 2 Karteikarten, während klassische Musik abgespielt wurde. Die Versuchspersonen lernten jeweils gleich lang und mussten sich am Ende einem Sprachtest unterziehen. Aufgrund bekannter Literatur erwarteten wir, dass die Musik das Lernen befördert. Das Ergebnis ist wie folgt:

Gruppe 1 (grün; N = 40; SD = 9,3) verfügt im Mittel also über 74,5% des gelernten Wissens, Gruppe 2 (blau; N = 40; SD = 8,2) über 83,5%. Unter der Annahme, dass die Nullhypothese gilt, es also keinen Unterschied zwischen den Lernverfahren gibt, ist dieses Ergebnis sehr unwahrscheinlich (p < 0,01). Deshalb können wir die Nullhypothese zurückweisen und die Alternativhypothese annehmen: Wir haben einen signifikanten Effekt für das Lernen mit Karteikarten und klassischer Musik – und der ist mit einem Cohens d von 1,03 sogar groß.

Geld für den Hirnscanner

Dank dieses Ergebnisses fühlen wir uns ermutigt, einen Forschungsantrag über EUR 100.000 einzureichen. Die Hälfte ist für eine Doktorandin/einen Doktoranden (die gibt es in Deutschland im Sonderangebot) fürs Grobe, die andere Hälfte brauchen wir für ein paar Voruntersuchungen und dann die Studie im fMRT mit 2 x 20 Versuchspersonen. Überlegen wir uns jetzt, was diese fMRT-Studie bringen kann.

In Szenario 1 finden wir trotz ernsthafter Bemühungen zwar wieder einen Verhaltenseffekt (N = 40, p < 0,01, Cohens d = 0,81), doch keinen Unterschied in der Gehirnaktivierung zwischen den Gruppen beim Abnehmen des Sprachtests. Methodische Fehler können wir ausschließen. Gibt es darum etwa keinen wichtigen Unterschied zwischen den Lernverfahren?

Unsinniger Neuro-Realismus

So würde tatsächlich ein Neuro-Realist argumentieren. Neuro-Realismus ist ein Argumentationsmuster, das Eric Racine und Kollegen wiederholt bei der Untersuchung neurowissenschaftlicher Wissenschaftskommunikation festgestellt haben. In Ihren Worten: „Beobachtete Muster der Gehirnaktivierung werden dementsprechend als der ultimative Beweis dafür dargestellt, dass ein Phänomen real, objektiv und wirksam ist…“ (Soc. Sci. Med., 2010, 71, S. 728; meine Übersetzung)

Es ist ganz so, wie die Pressestelle der Universität Nijmegen einmal eine neurowissenschaftliche Studie aus dem eigenen Hause über Burn-Out bewarb: Jetzt, da die Forscherinnen und Forscher zum ersten Mal Unterschiede im Gehirn zwischen Menschen mit und ohne Burn-Out gefunden hätten, sei endlich bewiesen, dass es die Störung wirklich gebe.

Methodologisches Selbstvertrauen

Sie ahnen es wahrscheinlich schon: Neuro-Realismus ist unsinnig. Die Psychologie und andere Sozialwissenschaften haben mehr als ein Jahrhundert methodologischer Forschung hinter sich. Die Effekte, die sich damit und mithilfe sauberen Experimentierens finden, brauchen sich hinter keinem noch so teuren Apparat zu verstecken – und auch nicht hinter sogenannten „harten“ Wissenschaften (die doch auch nur mithilfe weicher Statistik die Welt beschreiben können).

Kommen wir also auf Szenario 2: Unsere Doktorandin/unser Doktorand drückt nach Vorverarbeitung der fMRT-Daten auf den Auswerteknopf und nach ein paar Minuten sehen wir eine gelb-orangefarbene Wolke statistischer Werte, die anatomische Aufnahmen eines Gehirns überlagern.

Die Aktivierungswolke

Viel Phantasie, wo sich so eine Wolke befinden könnte, brauchen wir nicht: Wir haben Musikhören mit einer Sprachlernaufgabe verknüpft. Die obere Windung des Temporallappens (lat. Gyrus temporalis superior) oder die Sylvische Furche (lat. Fissura lateralis) wird wohl dabei sein. Hurra, wir haben Gehirnaktivität!

Hurra, wir haben Gehirnaktivität! Hier entlang des oberen linken Temporallappens (siehe Fadenkreuz).

Bevor mich hier jemand falsch versteht: Natürlich können Untersuchungen des Gehirns interessant sein. Die Ausgangsfrage war aber, was dies für die Psychologie und andere Sozialwissenschaften hinzufügt.

Systeme unterscheiden

Man könnte sich vorstellen, dass in der Psychologie zwei unterschiedliche Systeme fürs Lernen unterschieden werden, System A und System B. Diese Systeme werden mit unterschiedlichen Orten X und Y im Gehirn in Zusammenhang gebracht. Wenn man jetzt stärkere Gehirnaktivierung an Ort X findet, dann könnte das ein Hinweis auf System A sein.

Seien wir aber doch so ehrlich, dass die minimalen Unterschiede im Sauerstoffgehalt des Blutes, die wir mit der fMRT sichtbar machen, eher zu Spekulationen einladen. Und wie war das noch einmal mit den Vergleichen? Wenn die Aktivierung an X größer ist als an Y, dann ist die an Y kleiner als an X. Vielleicht ist Letzteres viel interessanter.

Suche nach den Mechanismen

Ein gutes Beispiel dafür, wie Psychologie und Hirnforschung bei der Erforschung rationalen Denkens ineinandergreifen können, beschrieb kürzlich Markus Knauff, Psychologieprofessor an der Universität Gießen, in Gehirn&Geist. Und dabei kam er vollständig ohne Neuro-Übertreibung aus. Eine so angenehme wie seltene Ausnahme.

Oder man kann natürlich immer sagen: Es ist eine an sich berechtigte Forschungsfrage, was der Mechanismus eines psychischen Prozesses auf der darunterliegenden Ebene ist. Wer sagt aber, dass diese Ebene neurowissenschaftlich ist und man den komplexen psychischen Prozess des Lernens nicht in seine kognitiv-emotionalen Einzelteile zerlegt, und zwar mit weiteren Verhaltensstudien? Die gibt es zudem beinahe gratis.

Rätsel des Gehirns

Es ist doch so, dass die (meist spekulativen) fMRT-Befunde eher neue Fragen aufwerfen, als Antworten zu geben. Das hat nicht zuletzt mit den offenen Grundlagenfragen zum gemessenen BOLD-Signal zu tun. Dazu zitiere ich mich ausnahmsweise einmal selbst (aus: Können Hirnforscher bald Träume entschlüsseln?):

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass der Ansatz der Forscher, beispielsweise die Ideen mit den rezeptiven Feldern zu verwenden, recht schlau ist, wir es hier aber immer noch mit einem sehr grobkörnigen Signal zu tun haben, der mit der fMRT gemessenen BOLD-Reaktion (siehe dazu mein Post Hirnarbeit).

Die Forscher hier haben schon eine bessere Auflösung verwendet als im Durchschnitt (10 statt 27 Kubikmillimeter), denn schließlich brauchten sie nur einen Teil des Gehirns zu messen (v.a. den okzipitalen Kortex mit den primären visuellen Arealen) und konnten dafür mit weniger und dünneren Schichten arbeiten.

Zehn Kubikmillimeter Kortexgewebe enthalten aber immer noch 200.000 bis 1.000.000 Neuronen, von denen dann pro Sekunde ein Durchschnittswert aufgezeichnet wird. Da sollte man von dem Modell auch nicht zu viel Genauigkeit erwarten und ich denke, die Forscher haben hier schon das Maximum an Information herausgeholt.

Ob bloß eine Erhöhung der räumlichen/zeitlichen Auflösung das Problem lösen wird, darf bezweifelt werden. Das BOLD-Signal ist eben neurobiologisch gesehen nur eine Korrelation mit der Zellaktivierung, die sich elektrisch um mehrere Dimensionen genauer messen ließe.

Neuronale Geheimnisse

Frei nach der Devise „Angriff ist die beste Verteidigung“, versuchen einige Neurowissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler mit sprachlicher Augenwischerei von solchen Unsicherheiten abzulenken. Das Reden von den „neuronalen Korrelaten“ oder gar der „Gehirnbasis“ eines psychischen Prozesses, wie es unsere Misophonie-Forscher gerade getan haben, ist nichts als Angeberei.

Und ein viel allgemeineres Problem: Die Neuronen verraten uns nicht von selbst, was sie tun. Es ist daher umgekehrt so, dass die Neurowissenschaft oft die Psychologie nötig hat, um zu verstehen, wie das Gehirn funktioniert.

Prima psychologia – Psychologie zuerst!

Es ist Zeit für ein Fazit. Natürlich gibt es brennende Fragen für die Hirnforschung. Die muss man dann aber auch auf der neurowissenschaftlichen Ebene formulieren, was gar nicht so trivial ist. Das so häufige Vorgehen, eben einmal zu schauen, ob man im Gehirn irgendwo einen Unterschied findet, um den man dann herum eine Geschichte strickt, ist Zeit- und Geldverschwendung.

Die Psychologie und die anderen Sozialwissenschaften sind – vom Standpunkt der Erkenntnis aus – höchst selten auf die Neurowissenschaften angewiesen, eher umgekehrt. Da sich der Großteil des menschlichen Wahrnehmens, Empfindens und Denkens im Verhalten ausdrückt, steht dieses nach wie vor im Zentrum der Beobachtung.

An die Anwendungen denken

Nach den Mechanismen dieses Verhaltens kann, muss man aber nicht fragen; selbst wenn man das tut, führt das einen nicht zwangsweise in die Hirnforschung. Man sollte stattdessen auch an eine andere Abzweigung denken, nämlich die der Anwendung! Anders als die ixte Gehirnaktivierungsstudie kann es von großem Nutzen sein, einen stabilen (etwa: Lern-) Effekt in die Praxis zu übertragen.

Ceterum censeo möchte ich mit einem Zitat Joseph Dumits schließen, einem Neuro-Anthropologen der ersten Stunde. Frei übersetzt schrieb er:

Wenn wir wissen, dass eine Meditationstechnik zum Beispiel Schülern beim Lernen hilft, dann sollten wir uns überlegen, wie wir sie den Schülern beibringen, anstatt Geld für Forschung zu verschwenden, welche neuronalen Prozesse damit einhergehen.

P.S. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das Beispiel mit der klassischen Musik war ausgedacht, falls das nicht schon aus dem Text hervorgegangen ist. Forschung dazu gibt es aber wirklich.

Hinweis: Dieser Beitrag erscheint parallel auf Telepolis – Magazin für Netzkultur.

Korrekturhinweis: In einer vorherigen Version hieß es, die Pressemitteilung der Universität Nijmegen beziehe sich auf eine Studie über ADHS. Korrekt ist aber Burn-Out.

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei die Frage, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promoviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Der Forscher und Autor ist auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschsprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert." Ausgewählte Beiträge erscheinen auch auf Telepolis – Magazin für Netzkultur, für das Stephan Schleim seit vielen Jahren schreibt.

29 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Es gibt neben Gehirnscanner und Verhaltensstudie noch einen dritten Weg um Erkenntnisse über die Arbeitsweise des Gehirns zu erhalten: die Introspektion / Selbstbeobachtung.
    Denn dabei erhält man Erkenntnisse, die mit den anderen Methoden nicht erfasst werden.
    Wir können bewusst erleben, wie das Gehirn einen einzelnen Reiz systematisch und strukturiert verarbeitet:
    http://science.newzs.de/2016/12/07/erinnerungen-ab-dem-5-schwangerschaftsmonat
    Dieser direkte Zugang zur Arbeitsweise des Gehirns ist einzigartig – aber leider wird er bis heute völlig ignoriert. Wichtige Informationen über die Arbeitsweise des Gehirns werden darum von der Forschung nicht zur Kenntnis genommen:
    Erlebnisse sind hierarchisch im Gedächtnis abgelegt / Wir können uns an Erlebnisse ab dem 5. Schwangerschaftsmonat erinnern / ein Reiz kann vom Gehirn mit zwei unterschiedlichen Strategien verarbeitet werden (Mustervergleich / Simulation) / der Begriff ´zustandsabhängiges Erinnern´ beschreibt, wie ALTE Erfahrungen in NEUES Wissen umgewandelt werden / usw. usw.
    Struktur und Inhalte von ´Nahtod-Erfahrungen´(NTEs) sind seit 1975 bekannt. Sie werden aber bis heute von der Gehirnforschung ignoriert – obwohl daraus viel über die Arbeitsweise des Gehirns gelernt werden könnte. Mein verlinktes Erklärungsmodell für NTEs wurde auf Basis von nur 50 NTEs erstellt – mittlerweile sind aber mehrere Tausend NTEs dokumentiert – so dass eine noch viel genauere Analyse von Struktur/Inhalten/Arbeitsweise möglich wäre.

    Kurz gesagt, einen einzelnen ´Königsweg´ für die Erforschung des Gehirns gibt es nicht – vielmehr sollten Erkenntnisse, die mit unterschiedlichen Methoden erhalten wurden, zusammen gefasst werden.

  2. Neuroimaging kann schon Zusatzinformationen liefern verglichen mit der alleinigen Anwendung von Verhaltensstudien. Letztlich stehen hinter allen Studien, die das Kognitive und Neuronale erforschen, Modelle und es geht darum wie die Modellkomponenten miteinander in Wechselwirkung stehen.
    Im Idealfall bestätigt Neuroimaging das was Verhaltenstudien und subjekte Erfahrungen bereits aufgezeigt haben. Beispiel: Es gibt die Erfahrung der Synästhesie sowohl bei der Normalperson als auch bei synästhetisch stärker Empfindlichen. Das anatomisch/funktionelle Hirnmodell kennt nun in diesem Zusammenhang voneinander getrennte, an verschiedenen Orten lokalisierte Sinnesverarbeitungen, das Hör- und Sprachzentrum liegt an einem andern Ort als die Sehrinde. Wenn nun Neuroimaging eine Aktivierung der Sehrinde bei auditorischen Signalen feststellt und dies umsomehr je stärker die Person synästhetisch ist, dann zeigt dies, dass die Synästhesie eine neuronal/funktional/anatomische Grundlage hat. Dies führt dann berechtigterweise dazu, dass zuerst im Neuroimaging gefundene synästhetische Hinweise den Anlass dazu geben, nach entsprechenden Erlebnissen und Verhaltensbeeinflussungen zu suchen.

    Falsch ist es allerdings nur dem Realität zuzugestehen, was man im Neuroimaging visualisieren kann. Ein Astronom würde auch nie sagen, nur was man im optischen Teleskop sieht, ist real. Er weiss, dass es noch andere Wellenlängen gibt und dass man im Gammawellenteleskop unter Umständen etwas ganz anderes sieht. Die Realität ergibt sich aus der Zusammenschau der unterschiedlichen Untersuchungsverfahren.

  3. Lieber Stephan,

    vielen Dank für den interessanten Beitrag.

    Um Ihre Frage „Unter welchen Bedingungen brauchen die Psychologie und andere Sozialwissenschaften denn die Hirnforschung, um ihre Funde zu bestätigen?“ zu beantworten zu können, müsste man zuerst Psychologie definieren. In Ihrem Beitrag finde ich keine Definition, deswegen muss ich etwas raten bzw nach Indizien in Ihrem Beitrag suchen. Da Sie Psychologie mit anderen Sozialwissenschaften koppeln, könnte man vermuten, dass es Ihnen weniger um die Frage „how the mind works“ geht (im deutschen fehlt ein passender Begriff, „Geist“ scheint mir nicht treffend, daher die englische Formulierung), sondern eher um eine behavioristische Auslegung („wie wird Verhalten gesteuert“). Wenn das stimmt, dann wird aus Ihrer Frage sehr schnell eine Fangfrage: Wenn sich zwischen zwei experimentellen Bedigungen kein behavioraler Effekt zeigt (psychologisches Experiment), sondern „nur“ ein neuronaler Effekt (fMRT Experiment), dann kann Neurowissenschaft nichts zur Verhaltensfrage beitragen. Dieser Trick wurde bereits hier erkannt: http://flowbrain.blogspot.it/2012/07/trick-question-what-has-functional.html (und ich sehe, Sie kennen den Beitrag bereits. Hat Sie Buchsbaums Antwort überzeugt?).

    Weiter unten beziehen Sie sich auf die „Erforschung rationalen Denkens“. Und nennen einen möglichen Schnittpunkt:
    „Man könnte sich vorstellen, dass in der Psychologie zwei unterschiedliche Systeme fürs Lernen unterschieden werden, System A und System B. Diese Systeme werden mit unterschiedlichen Orten X und Y im Gehirn in Zusammenhang gebracht. Wenn man jetzt stärkere Gehirnaktivierung an Ort X findet, dann könnte das ein Hinweis auf System A sein.“ Das ist doch das zentrale Paradigma der kognitiven Neurowissenschaft, und selbst hartgesottene Psychologen wie Max Coltheart lassen sich so überzeugen: http://www.talkingbrains.org/2015/09/can-neuroscience-inform-cognitive.html (siehe insbesondere den letzten Kommentar zum Beitrag). Bildgebende Forscher, die kognitive Theorien testen wollen, sollten sich also peinlichst genau an das Gerüst „THEORY – BRIDGING ASSUMPTIONS – PREDICTIONS“ halten. Alle anderen bildgebenden Forscher sollten es bei der Erforschung des Gehirns belassen – das ist spannend genug.

    Ihr Fazit „Die Psychologie und die anderen Sozialwissenschaften sind – vom Standpunkt der Erkenntnis aus – höchst selten auf die Neurowissenschaften angewiesen, eher umgekehrt“ kann ich vor diesem Hintergrund nicht nachvollziehen. Ihr Verweis auf die Unsicherheiten der Methode finde ich nicht überzeugend, solange man „false positives“ kontrolliert (d.h. wenn man einen Effekt findet, dann ist er echt, d.h., weist tatsächlich auf eine Änderung der neuronalen Aktivität hin), und dafür gibt es ja statistische Methoden. Wie übrigens auch für Verhaltensexperimente, für die prinzipiell die gleichen methodischen Einschränkungen gelten.

    Zu Ihrem Beipiel (es gibt behavioren aber keinen neuronalen Effekt). Mir ist schleierhaft, wie das möglich sein soll, es sei denn man nimmt an, dass die bildgebende Methode nicht sensitiv genug war, um den Effekt zu detektieren. Aber „methodische Fehler können wir ausschließen“ (das interpretiere ich so, dass „misses“ ausgeschlossen werden können, dh wenn es einen neuronalen Effekt gibt, dann würde die Maschine ihn auch detektieren).
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand ernsthaft argumentieren würde, dass es einen behavioralen Effekt gibt ohne, dass die Gründe für den behavioralen Effekt ein neuronales Korrelat aufweisen. Sie?

  4. Danke für den Beitrag, Stephan!

    Du fragst:

    » Wofür brauchen die Psychologie und andere Sozialwissenschaften überhaupt die Hirnforschung?«

    Meine Antwort: Damit eine Professorin für Grundschulpädagogik wie Gerheid Scheerer-Neumann mit Recht sagen kann:

    „Aber: JEDES Lernen verändert das Gehirn, ob wir es messen können oder nicht!“.

  5. Lieber Moritz,

    bitte verzeihen Sie, wenn ich aus Zeitgründen erst einmal nicht auf die alte Diskussion eingehe, sondern es hier bei diesem Blogpost belasse. Vielen Dank aber für Ihre herausfordernde fachliche Kritik.

    Vielleicht sollten wir uns einigen, was das Explanandum der Psychologie bzw. der Sozialwissenschaften ist (anstatt diese Disziplinen definieren zu wollen). Menschliches Verhalten fällt mir dann zwar nicht als einziges ein (ich würde noch Denken, Fühlen, Erleben… ergänzen), steht aber wohl ganz oben auf der Liste.

    Dann ist die Frage eben, auf welcher Ebene man die besten Erklärungen findet. Dem Neuroreduktionisten würde ich erwidern: Warum nicht die Biologie, Chemie oder gleich die Physik, Quantenphysik vielleicht? Es geht also auch um eine Frage der Pragmatik.

    Überlegen wir uns, wir wollten das Verhalten im Straßenverkehr erklären. Dafür ist wohl das Wissen um die Umwelt (also auch Straßen, Brücken, Bahnübergänge, Ampeln usw. sowie der Verkehrsregeln inklusive der Kontrollmechanismen) viel wert. Dazu vielleicht ein paar Verhaltensstudien, d.h. wann die VerkehrsteilnehmerInnen von den Regeln abweichen (etwa: bei Nacht an einer einsamen Kreuzung, kein anderer weit und breit bei rot oder am Stoppschild halten).

    Der Neuroreduktionist müsste konsequenterweise sagen: Aber das Verhalten der Verkehrsteilnehmer basiert doch (wenn er umsichtig ist: auch) auf Gehirnprozessen!

    Ja und amen. Der Zusatznutzen, wenn man also neurowissenschaftliche Studien durchführt, mit all ihren zusätzlichen Problemen (man merke: die Systemanalysen und Verhaltensstudien muss man ja sowieso alle erst einmal machen) und Kosten, dürfte gegen null gehen.

    Sehen Sie das anders?

    Zu Ihrem Beipiel (es gibt behavioren aber keinen neuronalen Effekt). Mir ist schleierhaft, wie das möglich sein soll, es sei denn man nimmt an, dass die bildgebende Methode nicht sensitiv genug war, um den Effekt zu detektieren. Aber „methodische Fehler können wir ausschließen“ (das interpretiere ich so, dass „misses“ ausgeschlossen werden können, dh wenn es einen neuronalen Effekt gibt, dann würde die Maschine ihn auch detektieren).

    Ja, nicht sensitiv oder nicht die richtige Methode (vielleicht geht es um Synchronisation von Nervenverbänden, also EEG-/MEG-Fragen) oder nicht am richtigen Ort gemessen (wie viele fMRT-Studien berücksichtigen etwa nicht das Kleinhirn, obwohl dort viel mehr Neuronen sind als in der Großhirnrinde) oder nicht genügend Versuchspersonen, zu große interindividuelle Variabilität, Aufgabe der Gliazellen statt Neuronen oder oder oder… Dafür gibt es doch tausend Gründe!

    Mit den Methoden der Zukunft wird man wieder andere Aspekte von Gehirnaktivierung untersuchen können, wie es vor 20, 40, 60 und 80 Jahren schon der Fall war.

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand ernsthaft argumentieren würde, dass es einen behavioralen Effekt gibt ohne, dass die Gründe für den behavioralen Effekt ein neuronales Korrelat aufweisen. Sie?

    Nennen Sie mir erst einmal eine Methode, mit der man neuronale Korrelate messen könnte! Darum geht es doch. fMRT ist das sicher nicht.

    Vielleicht hilft dieses Paper: Schleim & Roiser (2009). fMRI in translation: the challenges facing real-world applications. Front. Hum. Neurosci.

  6. Gute Frage :

    Wofür brauchen die Psychologie und andere Sozialwissenschaften überhaupt die Hirnforschung? Und wie viel Wissen fügen teure Experimente im Gehirnscanner wirklich zu? Meine These: Der Königsweg für die Wissenschaft vom Menschen sind nach wie vor Verhaltensstudien.

    Einige Anmerkungen vorab :

    Dr. Webbaer würde sich nach langjährigem Studium hier in diesem dankenswerterweise bereit gestellten WebLog eher als „Schleimist“ und weniger als „Schleimologe“ (der er ebenfalls ist), mittlerweile) auszeichnen, sich derart exponieren wollen.

    Weil er abär u.a. auch Systematiker ist, erlaubt er sich ein wenig „im Meta“ anzumerken und zwar so:

    Der Hirnforscher glotzt letztlich sozusagen nackt oder mit einer unzureichenden Gerätschaft ausgestattet und womöglich auch mit einer eigenen derart unzureichenden Verständigkeit ausgestattet auf eine „CPU“. [1]

    Nun könnte im Sinne des Input-Output psychologisiert werden, dies hat aber per se unzureichend zu bleiben, bei der Fernpsychologie gilt zudem der Satz, dass der Fern-Psychologisierende immer auch, gar an prominenter Stelle, über sich selbst verlautbart.
    Insofern liegt zwingend ein „heißes Eisen“ vor, denn die Psychologie funktioniert ihrem Wesen nach bidirektional.

    Insofern könnte bis müsste hier nur dann ein Halt gefunden werden, wenn die (gemessene) Natur, in diesem Fall das gute Hirn, herangezogen werden könnte und zwar als solches eben messbar.
    Es gelingt hier leider „nicht wirklich“ ein „Bein auf den Boden“ zu kriegen, weil zu komplex die Sache.


    Blöd halt, dass die hier gemeinte CPU nicht „debuggt“ oder in ihrer Vorgehensweise auch nur annähernd verstanden („reengineered“) werden kann.
    Verdacht: Weltteilnehmer (vs. Weltbetreiber) können sich nur der Funktionsweise der hier gemeinten CPU grob annähern, was nicht sinnlos ist, aber schwierig bleibt. [2]

    Insofern müssten nur die Besten der Besten der Besten sich hier derart versuchen dürfen, jedenfalls: auf Steuerzahlergeld, wobei aber bereits die Besten der Besten hier, wie intoniert, entsprechend erkennen könnten, das dies letztlich nicht zielführend ist.

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1]
    Mitlesende bleiben von dieser Einschätzung, wie eigentlich immer, ausgeschlossen.

    [2]
    Ganz blöde natürlich, wenn Hirnforscher direkt politisch werden und sich in den Medien ausbreiten, ganz schlimm…

  7. Argh [1]:

    Insofern müssten nur die Besten der Besten der Besten sich hier derart versuchen dürfen, jedenfalls: auf Steuerzahlergeld, wobei aber bereits die Besten der Besten hier, wie intoniert, entsprechend erkennen könnten, das[s] dies letztlich nicht zielführend ist.

    Nicht gemeint war natürlich, dass nicht „herumgeirrt“ werden soll, auf Steuerzahlerkosten; der Schreiber dieser Zeilen, der womöglich weiter oben zu stringent formuliert hat, will gerade den hiesigen werten und super-schlauen Inhaltegeber, der auch irgendwie zwischen ehrlich und authentisch eingeordnet werden darf, nicht entmutigen.

    [1]
    Opi W hasst Rechtschreibfehler, hätte zudem gar nichts gegen eine (gerne auch zeitgebundene) Korrekturmöglichkeit für Kommentaristen.

  8. @Webbaer: Psychologie und Hirnforschung

    Es geht ja nicht darum, den Zusammehang von Psyche und Gehirn (besser: Nervensystem) zu leugnen, sondern festzustellen, dass das Wissen aus dem einen Bereich nicht so nahtlos mit dem Wissen des anderen Bereichs verknüpft werden kann, wie man sich das wünschen würde. Es ist schließlich eine Frage der Pragmatik.

    Ihre Kommentare verstehe ich in dieser Hinsicht als zustimmend.

    Als Systematiker ist diese Publikation für Sie vielleicht interessant:

    Kotchoubey, Tretter… Schleim… (2016): Methodological Problems on the Way to Integrative Human Neuroscience. Front. Integr. Neurosci.

    Die Begriffe „Schleimist“ oder „Schleimologe“ finde ich übrigens weniger schön. Ich muss dabei an Ideen denken, die ich als Jugendlicher unter dem Einfluss von zu viel Genussmitteln aufgeschrieben und als „Schleimsche Theorie“ auf einer Diskette abgespeichert habe. Ich bin jedenfalls froh, dass es diese Diskette nicht mehr gibt. 😉

  9. Hinter der Frage „Wer hat hier das Sagen?“ steckt doch die Furcht davor, dass Neuroimaging zur neuen Referenz wird und Neuroimaging den Vermutungen der Verhaltensforscher die Evidenz von Hirnscans entgegenhält.
    Damit geht es aber gar nicht mehr um Forschung, sondern um die Deutungshoheit.
    Solange wir bei der Forschung bleiben, sind Fragen erlaubt und gar erwünscht und zu folgendem (Zitat):

    Es ist doch so, dass die (meist spekulativen) fMRT-Befunde eher neue Fragen aufwerfen, als Antworten zu geben.

    lässt sich sagen: Fruchtbare Forschung beantwortet nicht nur Fragen, sie wirft auch neue Fragen auf, die dann mit weiterer Forschung geklärt werden können.

    Versteckt macht Stephan Schleim in diesem Artikel dem Neuroimaging den Vorwurf, Hand zu Überinterpretationen zu bieten. Wenn die statistische Auswertung und die Vergleichsstudien (Doppelblindstudien) fehlen und die subjektive Interpretation von Bildern in solchen Studien dominiert, dann ist das wohl sogar so. Dann muss man die wissenschaftliche Aussagekraft von Neuroimaging-Studien sogar bezweifeln.

    Man kann natürlich aus diesem Artikel alternativ eine generelle Ablehnung von Verfahren herauslesen, die Verhalten mit der Biologie/Physiologie/Funktion des Hirns in Verbindung bringen wollen. Das wäre dann ein Abschottungsversuch der Verhaltensforscher gegenüber anderen Untersuchungsmethoden. In einem freien Forschungsumfeld wird dies nur bedingt funktionieren.

  10. (1) Die Psychologie qua Psychologie hat keine Hypothesen über neuronale Prozesse. Daher kann und muss sie sie auch nicht mit physiologischen Messverfahren prüfen und daher können physiologische Messungen nichts zur Theoriebildung in der Psychologie beitragen.

    (2) Kognitive Neurowissenschaften (Psychophysiologie oder Neuropsychologie, tertium non datur) sind ein Teilgebiet der Biologischen Psychologie. Die hat Hypothesen über neuronale und peripher-physiologische Prozesse und betrachtet diese einfach als weiteren Teil des Verhaltens (wie früher Atemfrequenz, Herzrate etc.). Die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Verhaltensmaßen lassen sich dann modellieren; evtl. kann da auch mal von Ursächlichkeit gesprochen werden, meistens aber nicht.

    (3) Einen Anwendungsbezug im Feld der Normalanwender haben die Kognitiven Neurowissenschaften trotz zahlreicher anderslautender Buchbestseller nicht, weil das Gehirn – also der spezielle Neuro-Aspekt – dem Normalanwender weder messtechnisch (psychophysiologisch) noch interventionell (experimentell-neuropsychologisch) zur Verfügung steht und weil er zudem ausschließlich Interesse an Effekten im manifesten Verhalten hat, egal wie diese auf Hirnebene zuwege gebracht werden. Wir haben es hier immer mit angewandt-psychologischen Thesen zu tun, die eigener Überprüfung im Feld bedürfen, von denen sich die Protagonisten nicht durch fMRI-Studien suspendieren können.

    (4) Aktivierungsunterschiede bei Leistungsunterschieden sind ein schwieriges Problem in fMRI-Studien, über das wir gearbeitet haben (Hoppe et al. 2012, 2014). Die Konfundierung resultiert daraus, dass derjenige mit höherem Leistungsvermögen sich einer leichteren Aufgaben ausgesetzt sieht als derjenige mit niedrigerem Leistungsvermögen, d.h. die Situation ist selbst bei identischer Leistung sehr unterschiedlich. Ebenso kann die (subjektive) Aufgabenschwierigkeit völlig andere Lösungsstrategien induzieren, sodass die kognitiven Paradigmen nicht vergleichbar sind. Meistens werden Leistungsunterschiede daher unter den Teppich gekehrt, das Erreichen eines cut-off ist hinreichend. Analysiert man jedoch Leistungsunterschiede (in der Aktivierungsaufgabe) stellt sich praktisch immer heraus, dass die Leistungsstärkeren andere Aktivierungen aufweisen als die Schwächeren – man publiziert aber nur das über die ganze Gruppe gemittelte Aktivierungsmuster.

  11. Aus dem Beitrag:

    »Überlegen wir uns jetzt, was diese fMRT-Studie bringen kann.«

    Das kommt natürlich ganz auf die Fragestellung an, auf das jeweilige Studienziel.

    @Moritz hat es ja eingangs schon angesprochen, wenn ich nur an rein psychologischen Fragen interessiert bin, dann sind neurophysiologische Untersuchungen und bildgebende Verfahren von vorneherein überflüssig.

    Wenn ich allerdings wissen will, ob z. B. bestimmte Lernvorgänge bzw. -erfolge mit veränderten Hirnstrukturen oder -prozessen assoziiert sind, dann könnte eine fMRT-Studie erste Hinweise liefern.

    Grundsätzlich dürfte es aber schon so sein, dass fMRT-Studien bestimmte weiche psychologische Befunde solide untermauern können (die Unterschiede zwischen dem beliebtesten Untersuchungskollektiv der Psychologen und der Gesamtbevölkerung sind auf der messtechnisch zugänglichen neuronalen Ebene vielleicht weniger stark ausgeprägt).

    Zudem: Die Physiologie kann nicht lügen. Empfindet ein Schauspieler tatsächlich Angst oder Missvergnügen, wenn er alle Anzeichen von Angst oder Missvergnügen zeigt?

    Gedankenexperiment: Wir haben 20 Personen, die alle behaupten, sie litten stark unter Misophonie, aber nur bei der Hälfte von ihnen ist das tatsächlich der Fall. Mit welcher Methode ließe sich am ehesten herausfinden, wer die Wahrheit sagt, mit rein psychologischen Methoden, oder vielleicht doch eher mittels einer fMRT? Dank Kumar et al. (2017) wissen wir ja jetzt, dass auch bei Misophonie-bedingten Negativgefühlen die Inselrinde involviert ist.

  12. “Es ist doch so, dass die (meist spekulativen) fMRT-Befunde eher neue Fragen aufwerfen, als Antworten zu geben.”

    lässt sich sagen: Fruchtbare Forschung beantwortet nicht nur Fragen, sie wirft auch neue Fragen auf, die dann mit weiterer Forschung geklärt werden können.

    Das habe ich auch nicht bestritten.

    Es geht um die Balance: Wenn vor allem Fragen aufgeworfen werden, jedoch keine beantwortet, dann ist das unter kapitalistischen Maßstäben zwar produktiv, meinem Verständnis nach nicht aber im Sinne der Wissenschaft.

    Man kann natürlich aus diesem Artikel alternativ eine generelle Ablehnung von Verfahren herauslesen, die Verhalten mit der Biologie/Physiologie/Funktion des Hirns in Verbindung bringen wollen.

    Oder man kann es auch lassen: Nehmen Sie den Text doch einfach einmal so, wie er da steht. Dafür schreibe ich ihn immerhin.

  13. @Hoppe: Psychologie

    Vielen Dank für diesen Kommentar, der es eigentlich verdient hätte, ein Gastbeitrag zu sein; Sie haben zur Not ja aber auch Ihren eigenen Blog.

    Bei der Kombination von (1) und (2) möchte ich widersprechen. Wenn Psychologie nicht von der neuronalen Ebene handelt, die Biologische Psychologie aber schon, dann kann letztere kein Unterteil von ersterer sein.

    Das scheint mir nicht nur Konventionen zu widersprechen, sondern auch inhaltlich unglücklich, wenn man die Psychologie eher vom Explanandum her denkt (siehe auch meine Antwort @Moritz).

    Mit (3) stimme ich überein, auch wenn ich in meinem Beitrag nicht explizit über Anwendungen geschrieben habe.

    Bei (4) danke ich Ihren Literaturhinweisen, die sich sehr interessant anhören, und die ich mir Gelegentlich genauer anschauen möchte.

    P.S. Der vorherige Beitrag bezog sich auf @Holzherr.

  14. @Balanus: logischer Fehlschluss

    Gedankenexperiment: Wir haben 20 Personen, die alle behaupten, sie litten stark unter Misophonie, aber nur bei der Hälfte von ihnen ist das tatsächlich der Fall. Mit welcher Methode ließe sich am ehesten herausfinden, wer die Wahrheit sagt, mit rein psychologischen Methoden, oder vielleicht doch eher mittels einer fMRT? Dank Kumar et al. (2017) wissen wir ja jetzt, dass auch bei Misophonie-bedingten Negativgefühlen die Inselrinde involviert ist.

    Philosophiestudierende lernen das im Grundstudium, dass wenn A dann B nicht folgt wenn B dann A.

    Der Einfachheit halber: Wenn ein Misophoniker das Störgeräusch hört, dann ist seine Inselrinde aktiver (nebenbei: auch das hat die Studie noch nicht einmal gezeigt) ist gerade nicht: Wenn bei einem Störgeräusch die Inselrinde aktiv ist, dann ist jemand ein Misophoniker.

    Das Ganze verleitet mich zu der eher negativen Vermutung, dass meine Kritik der Studie spurlos an dir vorbeigegangen ist.

  15. @Stephan // 15. Februar 2017 @ 14:22

    Bei meinem kleinen Gedankenexperiment beziehe ich mich auf das, was Du in Deinem Misophoniker-Beitrag geschrieben hast (oder waren das Fake-News?):

    »Die Forscher untersuchten die Reaktion der Probanden auf die Stimuli nämlich im Kernspintomographen. Die Auslösergeräusche korrelierten dabei mit stärkeren Aktivierungen der Betroffenen in den Insulae (Inselrinden) links und rechts. Dieser Gehirnbereich wird allgemein mit negativen Emotionen wie Angst oder Ekel in Zusammenhang gebracht.«

    Genau das liegt meinem Gedankenexperiment zugrunde.

    Vielleicht hilft es, wenn ich das Experiment ein wenig abändere:

    Stell Dir vor, die Studienteilnehmer (Kumar et al. 2017) hätten alle von sich behauptet, Misophoniker zu sein. Es gibt also keine zwei Gruppen, sondern nur eine.

    Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn die gewonnenen Daten nicht nahelegen würden, dass es offenbar zwei Arten von Misophonikern gibt: Bei den einen korrelieren die Störgeräusche mit bestimmten physiologischen Reaktionen, einschließlich der gesteigerten Aktivierung der Insulae, während das bei den anderen nicht so deutlich oder gar nicht der Fall ist.

    „Philosophiestudierende im Grundstudium“, na sowas aber auch 🙂

    Wo wir schon bei vermeintlichen logischen Fehlschlüssen und wahren Irrtümern sind, Du schreibst an @Hoppe gerichtet:

    »Bei der Kombination von (1) und (2) möchte ich widersprechen. Wenn Psychologie nicht von der neuronalen Ebene handelt, die Biologische Psychologie aber schon, dann kann letztere kein Unterteil von ersterer sein.«

    Das ist zwar richtig, aber ich sehe nicht, wo Christian Hoppe das behauptet hätte. Ich lese das, was Hoppe schreibt, so, dass beide Disziplinen (Psychologie und Biologische Psychologie) nebeneinander stehen.

    Ich bin da ganz bei Moritz und Hoppe. Neurowissenschaftliche Studien haben ganz andere Erkenntnisziele als psychologische Studien.

  16. @Balanus: Grundkurs Statistik

    Es geht um signifikante Unterschiede der Mittelwerte zwischen den (a priori gebildeten) Gruppen Misophoniker und nicht-Misophoniker.

    Wie es solche Gruppen nun einmal an sich haben, gibt es wahrscheinlich Überschneidungen. Das heißt, bei manchen Misophonikern wird es wohl keine Insula-Aktivität geben, bei einigen nicht-Misophonikern vielleicht schon. Stichwort: Varianz (hier: in einer Gruppe).

    Davon abgesehen ist die Stichprobe von N=20 pro Gruppe für dein Gedankenexperiment viel zu klein.

  17. @Stephan // Statistik / 16. Februar 2017 @ 09:21

    »Stichwort: Varianz (hier: in einer Gruppe). «

    Fein, wir kommen der Sache langsam näher. Wenn wir uns nun die Häufigkeitsverteilung dieser Daten anschauen, meinst Du nicht, dass wir da zwei Gipfel erkennen werden? Vorausgesetzt natürlich, es gibt einen physiologisch messbaren Unterschied zwischen echter und vorgetäuschter Misophonie. Und dass ein Kollektiv von n = 40 für ein Gedankenexperiment hinreichend groß ist.

  18. @Stephan Schleim:

    „Es ist ganz so, wie die Pressestelle der Universität Nijmegen einmal eine neurowissenschaftliche Studie aus dem eigenen Hause über die Aufmerksamkeitsstörung ADHS bewarb: Jetzt, da die Forscherinnen und Forscher zum ersten Mal Unterschiede im Gehirn zwischen Menschen mit und ohne ADHS gefunden hätten, sei endlich bewiesen, dass es die Störung wirklich gebe.“

    Das interessiert mich jetzt: Von wann ud von wem ist diese Studie, welche Hirnregionen wurden untersucht und wer wurde untersucht ?

    Unterschiede z. B. beim Nucleus caudatus wurden bereits Anfang der 90er Jahre festgestellt, konnten aber nie durchgehend bestätigt werden.

  19. @Trice: Verzeihung

    Ich hatte das Beispiel gestern wieder auf einer Folie.

    Es ging aber um Burn-Out, nicht ADHS. Verzeihung.

    Und zu ADHS (und seinen Vorgängern): Da wurden im Laufe der letzten 60-70 Jahre sicher alle möglichen Gehirnregionen gefunden.

  20. @Balanus: Über Berge und Täler

    Es geht nicht um die Gipfel, sondern um die Überschneidungen (vielleicht hilft dieses Wort: Schnittmenge).

    Ich schrieb:

    Wie es solche Gruppen nun einmal an sich haben, gibt es wahrscheinlich Überschneidungen.

    Die Überschneidungen bedeuten, dass es Individuen gibt, die sich auf der individuellen Ebene nicht eindeutig einer Gruppe zuordnen lassen.

    Allgemeiner gesagt handelt es sich um das Problem, von so einem statistischen Fund in der Gruppe (signifikanter Unterschied des Mittelwerts) nicht auf Individuen schließen zu können, wie du es hier die ganze Zeit unterstellst.

    Man könnte das z.B. Bayesianisch aufziehen und dann u.U. argumentieren, dass bei jemandem, bei dem Störgeräusche mit höherer Inselaktivierung einhergehen, die Wahrscheinlichkeit leicht höher ist, dass es sich um einen Misophoniker handelt.

    Mehr aber auch nicht.

  21. @Stephan // Über Berge und Täler zum Ziel

    »Man könnte das z.B. Bayesianisch aufziehen und dann u.U. argumentieren, dass bei jemandem, bei dem Störgeräusche mit höherer Inselaktivierung einhergehen, die Wahrscheinlichkeit leicht höher ist, dass es sich um einen Misophoniker handelt.«

    Na endlich, geschafft!

    »Mehr aber auch nicht.«

    Von einer bombensicheren Enttarnung der Simulanten war auch keine Rede, und wie hoch die Wahrscheinlichkeit dabei tatsächlich ist, sei mal dahingestellt.

    Wenn Du aber schreibst:

    »Allgemeiner gesagt handelt es sich um das Problem, von so einem statistischen Fund in der Gruppe (signifikanter Unterschied des Mittelwerts) nicht auf Individuen schließen zu können… «,

    dann ist das im Allgemeinen zwar richtig, aber im Besonderen kann ein bestimmtes Datum oder ein spezieller Messwert durchaus eine ziemlich sichere Zuordnung zu einer Gruppe erlauben. Ich überlasse es mal Deiner Phantasie, hierzu selbst passende Beispiele zu finden.

  22. @Stephan Schleim:
    16. Februar 2017 @ 14:2

    Kein Problem, :-), ich war nur überrascht, dass da etwas an mir vorbei gelaufen sein sollte.

    „Und zu ADHS (und seinen Vorgängern): Da wurden im Laufe der letzten 60-70 Jahre sicher alle möglichen Gehirnregionen gefunden.“

    Ab den 90ern, ja. Vorher wurde hauptsächlich das EEG eingesetzt. Gefunden wurden allerdings schon konkrete Regionen.

  23. @Christoph: Danke für die interessanten Literaturhinweise

    @Stephan Schleim: Vielleicht sollte man die Sache noch grundsätzlicher betrachten: im Grunde beobachten wir objektiv immer nur Eigenschaften und Veränderungen in der Zeit. Veränderungen an Tieren und Menschen (evtl. auch Pflanzen) nennt man Verhalten; Veränderungen in Gehirnen nennen wir neurophysiologische Prozesse. Ich kann nun multivariat in vielen Dimensionen Veränderungen messen – und man kann das mehr oder weniger sinnvoll tun – und diese Messdaten dann in ihrem Zusammenhang zu modellieren (und zu reduzieren) versuchen. Im kognitiven Paradigma würden wir latente (unbeobachtbare) kognitive Strukturen und Prozesse, wie z.B. Gedächtnis oder Enkodierung, als epistemische (!) Größen in unseren Modellen akzeptieren. Auch „kausale Modelle“ sind vorstellbar. Es spricht nichts dagegen, psycho-physiologische Kovarianz entdecken zu wollen.

  24. @Christoph: Skinner

    Auch ich danke Ihnen für das Zitat, das ich vielleicht sogar in einem meiner Kurse verwenden kann, in dem wir auch ein Kapitel von Skinner lesen.

    Es wäre interessant, das Zitat in seinem Gesamtkontext zu lesen. Mal schauen, ob wir den Aufsatz vor Ort haben.

    Allerdings gibt es nicht nur diese eine Lesart von Skinner: In einem Kapitel über Verhaltensveränderung räumt er beispielsweise ein, dass das auch genetisch geschehen könne, nur wahrscheinlich komplizierter als über die Manipulation der Strukturen von Belohnung und Bestrafung.

    Das steht immerhin der empirischen Überprüfung offen: es geht um die Pragmatik der verschiedenen Beschreibungs- und Interventionsebenen.

  25. @Hoppe: Wissenschaftssoziologie

    Es spricht nichts dagegen, psycho-physiologische Kovarianz entdecken zu wollen.

    Aber auch nicht immer etwas dafür, je nach Forschungsfrage; das ist wohl die Kernaussage meines Artikels.

    Jetzt sollten wir aber einen Schritt weiter denken und uns anschauen, wie der wissenschaftliche Betrieb heute funktioniert. Es geht doch oft um das Einwerben von Drittmitteln oder das Ergattern von Stellen bzw. Publikationsplätzen (und das hängt alles miteinander zusammen) im Wettbewerb; manche sprechen schon vom Hyperwettbewerb.

    Dann ist es doch klar, dass es an anderer Stelle Verluste gibt, wenn sich die Wissenschaft zu einseitig in eine bestimmte Richtung bewegt.

  26. @Trice: ADHS und Gehirn

    Jetzt doch noch ganz aktuell aus der Druckpresse ein Link für Sie über ADHS:

    Kids with ADHD Have Some Brain Regions That Are Smaller Than Normal, New Study Finds

    Ganz so stimmt das natürlich nicht; in der Pressemitteilung einer niederländischen Uni las ich heute gar, ADHS sei jetzt im Gehirn festgestellt worden. Das ist noch falscher.

    Es geht um diese Studie hier: Subcortical brain volume differences in participants with attention deficit hyperactivity disorder in children and adults: a cross-sectional mega-analysis

    Vielleicht will ja jemand anders einmal darüber schreiben…

  27. Skinner

    In dem lesenswerten Skinner-Aufsatz, aus dem das Zitat stammt, das @Christoph auf seinem Blog zitiert, finden sich Aussagen, die einem sehr vertraut vorkommen.

    Wie z. B. die hier:

    »A reflex, I argued, was not something that happened inside the organism; it was a law of behavior. All we actually observed was that a response was a function of a stimulus. «

    Quelle:
    Whatever Happened to Psychology as the Science of Behavior? B.F. Skinner. American Psychologist, Volume 42(8), August 1987, p 780–786

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