Wie gefährlich sind Verschwörungstheorien?

„Experte warnt – Verschwörungstheorien sind nicht harmlos.“ Diese Überschrift trägt ein Interview, das ich vor einigen Tagen der Ostsee-Zeitung in Rostock gegeben habe. Ist das jetzt eine unzulässige Verkürzung, oder geht von Verschwörungstheorien wirklich eine Gefahr aus?

Wenn jemand vor laufender Kamera ernsthaft behauptet, einige Prominente seien in Wahrheit außerirdische Echsenwesen, wirkt das eher skurril als bedrohlich. Auch an die geheimen Gefahren von Kondensstreifen (Stichwort: Chemtrail) oder Fälschung der Mondlandung mag niemand so recht glauben. Aber solche bizarren Randerscheinungen treffen nicht den Kern des Phänomens der Verschwörungstheorien. Der ist auch nicht ganz einfach zu finden, denn es gibt bislang nicht einmal eine anerkannte Definition dafür.

Was sind Verschwörungstheorien?

Erstmal brauchen wir eine Verschwörung, also eine heimliche Absprache, die entweder kriminelle oder unmoralische Ziele verfolgt. Solche gemeinsamen Aktionen sind ist in unserer unvollkommenen Welt nicht gerade eine Seltenheit. Aber Verschwörungstheorien befassen sich nicht mit solchen Kleinigkeiten wie Bürointrigen oder Gerüchten über Promis. Nein, sie spekulieren über richtig gefährliche Aktion von richtig bösen Menschen. Man erkennt sie daran, dass sie egoistisch ihre Interessen vertreten, die den Interessen der eigenen Leute (oder der ganzen Menschheit) diametral entgegen stehen. Aus dieser Konstellation ergibt sich dann folgendes Bild:

  1. Es gibt eine feindliche Gruppe (SIE), die UNS Böses will. SIE verfolgen ihre Pläne heimlich.

  2. SIE stecken hinter verschiedenen unaufgeklärten Verbrechen, Katastrophen oder Missgeschicken, die UNS zugestoßen sind.

  3. Damit wollen sie UNS unterdrücken, versklaven oder vernichten, oder unsere höchsten und heiligsten Ziele sabotieren.

  4. Aus den Punkten zwei und drei lässt sich eine komplettes Bild IHRES Handelns erschließen.

  5. Es wird Zeit, dass WIR uns mit allen Mitteln zu Wehr setzen.

Ich bezeichne den Punkt eins, den dumpfen Verdacht, als Verschwörungsglauben. Aus Katastrophen oder Verbrechen werden dann Verschwörungslegenden konstruiert, der Punkt drei dämonisiert die Gegner, und aus diesen drei Voraussetzungen entsteht unter Punkt vier schließlich die komplette Verschwörungstheorie. Wenn sie gut konstruiert ist, findet sie viele Anhänger und stützt damit wiederum den dumpfen Verdacht gegen SIE. Dabei muss an der Theorie kein wahres Wort sein, sie muss nur die richtigen Vorurteile aufgreifen.

Die Beobachtung, dass Menschen zur dumpfen Feindschaft gegenüber anderen Gruppen neigen, ist nicht neu. Im Jahr 1960 schrieb der Philosoph und Schriftsteller Elias Canetti:

„Zu den auffallendsten Zügen im Leben der Masse gehört etwas, was man als ein Gefühl von Verfolgtheit bezeichnen kann, eine besondere zornige Empfindlichkeit und Reizbarkeit gegen ein für allemal als solche designierte Feinde. Diese können unternehmen, was immer sie wollen … – alles wird ihnen so ausgelegt, als ob es einer unerschütterlichen Böswilligkeit entspringe, einer schlechten Gesinnung gegen die Masse, einer vorgefassten Absicht, sie offen oder heimtückisch zu zerstören“

Masse und Macht, Fischer Taschenbuch, S.22/23

Eine Verschwörungstheorie pickt einige besonders aufwühlende Ereignisse heraus, deutet sie als Verschwörung und entwickelt daraus eine Theorie. Damit gibt sie dem Verfolgungsgefühl der Masse eine scheinbar rationale Rechtfertigung. Verschwörungstheorien halten sich manchmal jahrhundertelang, auch wenn sie keinen Funken Wahrheit enthalten. Ein Beispiel: Vom 11. bis zum 20. Jahrhundert hielt sich die Behauptung, Juden ermordeten für religiöse Rituale christliche Kinder. Das ist falsch und war immer falsch, trotzdem entzündeten sich an dem bloßen Verdacht immer wieder Pogrome, zuletzt 1947 im Polen.

Solche Beschuldigungen sind nicht nur gefährlich, sondern regelrecht mörderisch.

Der immer wieder angefachte Verdacht

Andere Verschwörungstheorien vertiefen die Gräben in einer Gesellschaft, oder zwischen Völkern und Religionen. In den USA misstrauen sich die Anhänger der beiden großen Parteien (Demokraten und Republikaner) so weit, dass sie sich kaum noch untereinander verständigen können. Präsident Obama ist Demokrat; ein beträchtlicher Teil der oppositionellen Republikaner glaubt, er habe überhaupt nicht das Recht Präsident zu sein. Dazu muss er US-Bürger von Geburt an, aber, so lautet die Legende, seine Geburtsurkunde soll eine Fälschung sein. Obamas Aufstieg wäre demnach ein Komplott geheimnisvoller böser Kräfte, die unbedingt einen Schwarzen zum Präsidenten machen wollten.

Diese Behauptung ist vielfach widerlegt, aber sie hält sich hartnäckig. Das ist noch nicht alles:

Bei einer Umfrage im Jahr 2010 glaubte mehr als die Hälfte der Republikaner, dass Obama sein Land der Herrschaft des Teufels ausliefern will. Er wolle, so lautet der Verdacht, die Herrschaft an die Weltregierung des Antichristen abgeben, einem Helfer des Teufels, der kurz vor dem Ende der Welt die Herrschaft über die Erde antritt. Natürlich sind alle Christen aufgerufen, sich auf die Seite der Guten zu schlagen, um dann bei Armageddon die letzte blutige Schlacht gegen die Heerscharen des Antichristen zu gewinnen.

Schuld sind immer die Anderen

Diktatoren in aller Welt beschuldigen grundsätzlich „ausländische Verschwörer“, wenn in ihrem Land etwas schiefläuft. In arabischen Ländern kursiert das Gerücht, Israel und die USA finanzierten heimlich den Islamischen Staat. Viele Menschen in Russland glauben nach wie vor, dass Amerikaner, Freimaurer und Juden die Weltherrschaft anstreben. Als Beweis gilt ihnen die mehr als hundert Jahre alte Fälschung „Die Protokolle der Weisen von Zion“. Sie ist angeblich eine Niederschrift einer Tagung von Freimaurern und Juden, in der es um die Erlangung der Weltherrschaft geht. Die „Protokolle“ wurden bereits vor mehr als 90 Jahren als Fälschung erkannt, aber gerade in Russland und in Arabien halten viele Menschen sie für echt.

Solche erfundenen Erzählungen haben ein gemeinsames Thema: SIE wollen UNS an den Kragen, und WIR müssen IHNEN zuvorkommen! Weil alle Seiten tatsächlich immer wieder versuchen, ihre Position mit verdeckten Aktionen zu verbessern, können Verschwörungstheoretiker immer wieder triumphieren: Wir haben ja gesagt, dass SIE böse sind!

Dieses Phänomen ist universell, wie sich zur Zeit auch in Deutschland beobachten lässt. Aus dem Umfeld der AfD und der Pegida-Bewegung kommen immer wieder Behauptungen, in denen es um eine Verschwörung der politischen und akademischen Eliten gegen die Menschen in Deutschland geht. Sie behaupten zwar nicht, die Regierung wolle dem Teufel die Herrschaft antragen, aber sie beschwören die Gefahr der Herrschaft der EU über Deutschland.

Auf der anderen Seite hat Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender der Partei Die Linke im Bundestag, gerade den Verdacht geäußert, dass die Gewalttäter bei Demonstrationen Provokateure der Polizei und des Verfassungsschutzes seien. Sie wollten damit die Anliegen der Demonstranten diskreditieren.

Verschwörungstheorien als Anzeichen gesellschaftlicher Spannungen

Grundsätzlich: Verschwörungstheorien sind ein Symptom der Spaltung von Gesellschaften und ein Instrument zur Verschärfung von Spannungen. Diktaturen benutzen sie gerne, um das Land abzuriegeln und Missstände auf „ausländische Saboteure“ zu schieben. Die Zuweisung heimlicher Untaten an andere Gruppen vertieft Spannungen, und führt am Ende zu einem fast unüberwindlichen Vertrauensverlust.

Deshalb sollte man immer das Gespräch suchen und auf diesem Wege Misstrauen abbauen. Das ist ein langer und schwieriger Prozess, der immer neu begonnen werden muss. Aber er ist die Mühe wert.

Anmerkungen

Eine ausführliche Beschreibung der Ursachen und Wirkungen von Verschwörungstheorien in meinem Buch: Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer. Bei Amazon.de oder bei Buch.de.

Die Umfrage zu Obama und der Weltregierung habe ich bereits in einem früheren Blog-Beitrag beschrieben (Weltregierung und jüngster Tag).

Gregor Gysis Verdacht, dass Provokateure für die Gewalt in Demonstrationen verantwortlich sind, hat die TAZ am 13.4.2015 gemeldet.

Mein Interview mit der Ostsee-Zeitung steht leider hinter einer Bezahlschranke (Link).

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

50 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Den Verschwörungstheoretikern geht es darum, eine Atmosphäre der Angst und der Fremdbestimmung heraufzubeschwören, also letztlich darum, einen heimlichen, vielleicht bald auch schon offenen Krieg an die Wand zu malen. Es gehe um Leben und Tod und nicht (nur) um die Gehaltserhöhung am Jahresende, wollen uns die Verschwörungstheoretiker weis machen.

    Ein imperatives Gefühl der Dringlichkeit, eine Einschätzung einer Situation als von vitaler Wichtigkeit verschiebt die üblichen Masstäbe. Ein Russe, der ein ziemlich mieses, ärmliches und langweiliges Leben irgendwo auf dem Land führt, der wird als Teilhaber eines Verschwörungsglaubens und im Bewusstsein einer Bedrohung von aussen sein Leben aufgewertet erleben und seine materiellen und zivilen Probleme als nicht mehr so wichtig empfinden angesichts der Bedrohung durch finstere Mächte.

    Aber auch Politiker in Europa oder den USA können durch Lancierung einer Verschwörungstheorie aus einer langweiligen Friedensordnung in der es nur um kleine Verschiebungen und Umverteilungen geht, eine Vorkriegsordnung machen, in der es nun plötzlich um Leben und Tod, um Krieg oder Frieden geht. Ein Beispiel für das Aufladen einer Situation mit höheren Bedeutungen liefert gerade der verlinkte Artikel über Gysis Verdacht, dass Provokateure für die Gewalt in Demonstrationen verantwortlich sind. Gregor Gysi wird dort in Bezug auf die Krawalle um den Neubau der europäischen Zentralbank so zitiert:

    „Ich halte die Proteste für sinnvoll, weil es um die falsche Ausrichtung der Weltpolitik geht“, sagte Gysi. „Immer wieder erleben wir, wie man zu Mitteln des Krieges greift. Mit Mitteln des Krieges wird aber nie den Völkern geholfen. Es geht auch in Ordnung, dass die Demonstranten sich gegen die Macht der Finanzwirtschaft richten.“

    Hier suggeriert Gregor Gysi eine Verbindung zwischen Machtausübung der EZB und einer falschen Weltpolitik, die zum Kriege führe. Damit wertet er die Proteste gegen die EZB ungemein auf. Es sind nun Antikriegsproteste, denn irgenwie will die EZB Krieg oder sie ist sogar für Krieg verantwortlich, suggeriert Gysi.

    • Ich halte deine „Idee“ von Verschwörungstheorietikern zu einem erheblichen Teil für eine ebenso potente „Verschwörung“, die das, was sie versucht zu vermeiden (also diese Trennung / Spaltung) erst recht noch befeuert und fourciert.

      Spaltungen finden zudem auch auf recht etablierten und der Verschwörung unverdächtigen Themenfeldern statt und nicht zu knapp. Sie sind alltäglich und keine exklusive Eigenschaft von „Verschwörungstheorien“. Man kann auch die Geschlechterdebatten als einer Verschwörung folgendes Symptom anerkennen, weil noch nie so recht der Fall gewesen war, dass alle Beteiligten in der öffentlichkeit jeweils die reine Wahrheit über ihre persönlichen Beweggründe zu ihrer Solidarisierung sagten.
      An solchen Szenarien zeigt sich letztlich unscheinbar, dass man gewissermaßen tendenziel dazu gezwungen ist, sich zu „positionieren“ – also sich für eine Sphäre zu entscheiden. Damit ist die Spaltung ja schon perfekt. Und das dabei Fehlleistungen aufteten. Diese Fehlleistungen gilt es herrauszufiltern, damit man zum Kernproblem kommt. Und das ist mit deiner „Analyse“ nicht geschehen.

      • Das ist eben die Frage, ob man die Gruppen, die (beispielsweise) in der Geschlechterdebatte antretten zu Verschwörern hinaufstilisieren will oder nicht. Wenn man eine Verschwörung sieht, bedeutet dies eine nicht genau definierte Gegnerschaft. Eine Gegnerschaft, die im Dunklen operiert. Mit heimlichen Absprachen, mit Verstellung und mit Äusserungen, die etwas anderes bedeuten als sie vorgeben.
        Natürlich spielt das im Dunklen operieren immer mit, auch bei relativ harmlosen Themen. Doch wenn das Denken davon bestimmt wird und man selbst am Schluss taktisch kommuniziert, weil man verdecken will auf welcher Seite man steht, dann ist es nicht mehr weit bis zum pathologischen Bereich, wo man überall dunkle Kräfte am Werk sieht.

      • Verschwörungstheoretiker konstruieren typischerweise Zusammenhänge, die es gar nicht gibt. Sie lieben das Motto „alles hängt mit allem zusammen“. Vor allem hängt bei den Verschwörungstheoretikern alles böse zusammen.
        Gregor Gysi deutet das im Verdacht an, die EZB trage etwas zu Kriegen auf der Welt bei obwohl der Auftrag der EZB nichts direkt mit Machtpolitik und Kriegsführung zu tun hat.

        Ein gutes Beispiel für eine solche konstruierte Verbindung aus der Geschichte ist der Begriff Jüdischer Bolschewismus.
        Dazu liest man in der Wikipedia:

        Da es viele Kommunisten jüdischer Herkunft in der Partei der Bolschewiki gab, wurden die Begriffe Jude und Bolschewik spätestens seit dem Ersten Weltkrieg in Russland fast synonym gebraucht. Der Widerstand gegen die Sowjets, die in der Oktoberrevolution die Macht ergriffen, wurde antisemitisch überformt, wobei die Gegner an antijüdische Feindbilder der spätzaristischen Zeit, wie sie die Protokolle der Weisen von Zion ausgemalt wurden anknüpften. In diesen Vorstellungen wurde eine kollektive Identität „der“ Juden konstruiert, in deren Interesse und von denen gesteuert die Bolschewiki handeln würden, um die christliche Zivilisation Russlands zu zerstören. Dabei würden sie sich eines Zangenangriffs bedienen, denn der westliche Kapitalismus, der dem sowjetischen Experiment in Wahrheit feindlich gegenüberstand, habe dasselbe Ziel und sei gleichfalls vom Weltjudentum gesteuert.

        Ein solcher Verschwörungsglaube wie er sich im Jüdischen Bolschewismus ausdrückt schafft es sogar, völlig widersprüchliche Interessen einer einzigen Kraft zuzuschreiben. Denn wenn – wie im jüdischen Bolschewismus behaupet – die Juden hinter dem Kommunismus stehen, dann ist es hahnebüchen ihnen gleichzeitig zu unterstellen, sie handelten als heimliche Agenten des Westens.
        Solche abstrusen Konstrukte findet man in Verschwörungstheorien aber oft, denn dem Bösen, dem Verschwörer traut man alles zu, inklusive sich gegenseitig widersprechender Dinge.

        • Wie auch immer. Wenn Verschwörungstheorien gefährlich sind, dann müssen wir alle MEdien, Internet und sowieso Meinungs- und Redefreiheit abschaffen. Buchdruck sowieso und auch Gespräche auf der Strasse – etwa so, wie man es sich hier vorstellt, wie es in Nordkorea der Fall sei.

          • Nein, lange nicht alle Meinungen, die privat oder in den Internetmedien verbreitet werden habe eine Nähe zu Verschwörungstheorien wie sie mit folgendem Satz suggerieren: „Wenn Verschwörungstheorien gefährlich sind, dann müssen wir alle MEdien, Internet und sowieso Meinungs- und Redefreiheit abschaffen. „
            Zweitens: Nicht jede Verschwörungstheorie ist gleich gefährlich. Besonders gefährlich sind Theorien,die implizit zur Rache, zur Diskrimnierung oder zu einer Art „Endlösung“ aufrufen. Endlösung im Sinne von, man müsse die Gruppe, die die Verschwörung beherbergt, eliminieren.

    • Gysi ist ja Sozialist und seit Längerem Fraktionsvorsitzender der SED-Nachfolgepartei, insofern muss er nicht im Aufklärerischen hantieren, sondern darf wahlfrei agitieren.
      Ähnlich gilt es für den ‚lupenreinen Demokraten‘ (Gerd Schröder über Vladimir Putin), der darf oder muss das auch.
      Die amerikanischen Republikaner werden dagegen in Europa oft karikiert, es wird ihnen gerne grundsätzlichen Verschwörungsglauben unterstellt, was ebenfalls Richtung Verschwörungstheorie geht.
      Blöd halt ein wenig, dass die Staaten neben dem UK und der Schweiz „Early Adopter“ aufklärerischer Ideen sind und „nicht ganz“ so blöde, wie karikiert.
      In den Staaten wird Obama von liberaler [1] bis konservativer Seite nicht sonderlich geschätzt, weil eine Politik wie von Jimmy Carter erwartet wird, nicht ganz zu unrecht; lieben muss Obama sein Land nicht.

      MFG
      Dr. W

      [1]
      Liberale nennen sich in den Staaten klassische Liberale oder Libertäre, auch deshalb, weil die politische Linke, die sich dort nicht gerne sozialistisch nennt, den Begriff ‚liberal‘ erfolgreich hat mopsen können; der Linke ist dort „liberal“ (geht Richtung „sozialdemokratisch“) oder progressiv (extra-links sozusagen, neomarxistisch könnte hier ein Fachwort sein).

  2. „Dabei muss an der Theorie kein wahres Wort sein, sie muss nur die richtigen Vorteile aufgreifen.“
    Sollte sicherlich VorURteile heißen.

  3. Kleine Randnotiz zu einem sehr interessanten Artikel:

    Die Aussagen Gregor Gysis in die Nähe von Verschwörungstheorien zu stellen ist an sich schon etwas gefährlich, da er hier nur Vermutungen und keine vermeintlichen Fakten (wie es normalerweise typisch für Verschwörungstheorien wäre) äußert. Diese Vermutungen sind gar nicht so absurd, wie sie vielleicht scheinen mögen, da zumindest in der Vergangenheit in der BRD nachweislich mit sogenannten Agent Provocateurs gearbeitet wurde (siehe z.B. http://www.kritische-polizisten.de/themen/s21/dokumente/abendblatt_2010-10-18.pdf)
    Ob das jetzt auch bei den Demonstrationen in Frankfurt der Fall war, ist reine Spekulation, aber eine, die man als Politiker durchaus anstellen kann und sollte.

  4. @Gregor Euler

    Sehe ich auch so , zur V-Theorie wird das erst , wenn jemand behauptet , daß Eskalationen immer und grundsätzlich von Provokateuren ausgelöst werden .

    Zum Artikel:
    Es gibt V-Theorien , die gefährlich sind und solche , die , was den Bezug auf die Masse angeht , ungefährlich sind.
    VTn über 9-11 , die Area 51 oder die Mondlandung sind nicht geeignet , die Masse aufzuhetzen , weil deren Protagonisten immer eine Theorie aufstellen wollen , die sich gegen die Mehrheit richtet , da wo sie die Mehrheit überzeugen könnten , sind sie nicht zu finden , das interessiert die nicht.
    Die wollen exklusiv sein , in einem abgedrehten Sinn sind das Anti-Herdentiere.

    Gefährlich sind jene Theorien , die oben beschrieben werden – wenn sie aber Durchschlagskraft erlangen und konktrete Verfolgung nach sich ziehen , dürfte es da zwei Sorten von Leuten geben.
    Eine Minderheit , die immer an den Quark – etwa den von Juden oder Freimaurern – glaubt , und eine deutlich größere Masse von Leuten , die ziemlich genau wissen oder ahnen , daß es sich dabei um Blödsinn handelt , die ihn aber dennoch gerne übernehmen , weil sie eine Rechtfertigung für ihr eigentliches Ziel brauchen , das Pogrom an sich.

    Hitler hat mal was Entlarvendes gesagt :
    „Gäbe es den Juden nicht , dann müßte man ihn erfinden“

    Will heißen , wir hassen die Juden nicht wegen ihrer Eigenschaften , wir brauchen sie aber für bestimmte Zwecke , inklusive der Ableitung eines zunächst ziellosen Hasses.

    Deshalb hilft es auch nichts , in solchen Fällen darauf zu pochen , daß die Theorien inhaltlicher Quatsch sind , zumindest reicht es nicht aus.

  5. Es gibt natürlich wirklich krude Verschwörungstheorien, die einem schon auf den ersten Blick als solche ins Auge stechen. Anders sieht es jedoch mit Fällen aus, die weniger offensichtlich sind. Als Beispiel möchte ich das Freihandelsabkommen TTIP erwähnen. Da wird hinter verschlossenen Türen verhandelt und Informationen gibt es, falls überhaupt, nur tröpfchenweise. Kein Wunder, dass da verschiedene Verschwörungstheorien die Runde machen und die Bürger um die Demokratie fürchten. Kürzlich erzählte mir ein Bekannter, es seien Infobriefe von der Bundesregierung in Berlin an die regionalen Gemeinden verschickt worden, wo mitgeteilt wurde, dass Kreis- und Gemeinderäte zum Freihandelsabkommen TTIP nichts zu sagen hätten. Ich hielt das im ersten Moment für ziemlich unglaubwürdig, wurde aber bald eines Besseren belehrt:
    http://www.am-sonntag.de/aktuelles/artikel.php?cid=29-48264765&RessLang=Bayern&BNR=0&title=-%20Kommunen%20contra%20TTIP

    • TTIP zeigt exemplarisch, warum es heute mehr Verschwörungstheorien gibt als zu Zeiten der alten Römer (aber auch dort gab es sie schon): Ein Grossteil unserer Lebensbedingungen wird heute nicht von uns selbst bestimmt und auch nicht von uns selbst geändert. Weder von uns als Individuen noch von uns als Mitglieder einer Gemeinde (eines Wohnorts). Freihandelsabkommen beispielsweise werden zwischen Ländern oder gar ganzen Länderblöcken beschlossen, sie beeinflussen aber das Leben jedes Einzelnen.
      Natürlich wurden die Lebensbedingungen auch im Mittelalter zu einem wichtigen Teil von nicht lokalen Faktoren bestimmt. Doch damals war es noch einigermassen klar wer dafür verantwortlich war, welcher Fürst oder König beispielsweise in den Krieg ziehen wollte. Heute ist alles viel mehr vernetzt und es ist auch weniger transparent wer eigentlich bestimmt. Sind es Ökonomen und Wirtschaftsexperten, die ein Freihandelsabkommen wollen oder ist es die deutsche oder die US-Regierung, die das tut? Und wer steht in Wirklichkeit dahinter. Welches sind die Interessengruppen und was haben die alles schon hinter unserm Rücken unternommen um ihre Interessen durchzusetzen?
      Man sieht, von diesen Überlegungen ist es nicht mehr weit zur Verschwörungstheorie.

      • Supranationale Verbunde, das Fachwort, sind in der Lage aufklärerische Systeme mit der Herrschaftsform Demokratie (im aufklärerischen Sinne) auszuhebeln – das EU- und Euro-System, das zunehmend vertragsbrüchig und wahlfrei agiert, auch Ungewählten breiten Raum zur Machtentfaltung lässt, sei hier beispielhaft genannt – greifen nationalstaatlich [1] demokratische Gesellschaftssysteme an und sind potentiell gefährlich. [2]
        Es muss hier keineswegs zusammenwachsen, was zusammen gehört.

        MFG
        Dr. W

        [1] [2]
        Insofern wird von Kollektivisten, aber auch von international agierenden Unternehmen zunehmend die Nationalstaatlichkeit angegriffen, recht erfolgreich, es wird hier anscheinend ideologisch und an monetäre Interessen gebunden Hand in Hand vorgegangen. Es gibt hierzu eine Beleglage. Hier liegt wohl keine VT vor, lol.
        Blöderweise haben sich Imperien oder Vielvölkerstaaten nicht historisch bewährt, was natürlich auch Internationalisten (vs. Nationalisten – es liegt jeweils eine Überbetonung vor, eine gefährliche) bekannt ist und sie wohl anleitet Umwege zu gehen eben international(istisch)e Organisationen zu schaffen.

        [2]
        Vorgesehen sind beim TTIP u.a. auch die Klagemöglichkeiten international agierender Konzerne, die vor demokratisch unzureichend legitimierten Gerichten Milliarden- bis Billionenzahlungen an angeblichem Schadensersatz durchsetzen könnten.

        • PS:
          Ergänzend und bevor hier vielleicht Missverständnisse aufkommen, die Nationalstaatlichkeit wird hier als gesellschaftliches Konstrukt verstanden, das ähnlich und gleiche kulturelle Anforderungslagen der Menge (das Fachwort) zu bündeln ist, es spricht in diesem Sinne nichts gegen Immigration (gerne auch bei sich anschließender Integration bis Assimilation), es spricht hier nichts gegen die Kooperation ähnlich Aufgestellter, auch supranational, Diversität wird hier als im Kooperativen bis Kompetitiven als anzunehmenderweise günstig eingeschätzt, übrigens auch sogenannte Parallelgesellschaften (vs. Gegengesellschaften) meinend.
          Abär waren das Selbstverständlichkeiten.

          • * zu bündeln in der Lage ist

            ** nichts gegen die Kooperation ähnlich kulturell Aufgestellter

        • Danke Herr Webbaer, habe erst überlegt einen Kommentar zu schreiben, aber schöner hätte ich es nicht formulieren können.

          • Wichtich ist hier vielleicht auch zu verstehen, dass es zwischen den Nationalstaatlichkeiten und einer One World-Ideologie, wie sie von einigen Kollektivisten, aber auch von bestimmten Kräften der Wirtschaft entwickelt & gepflegt wird, um eine mittige Lösung gehen muss.
            Denn eine Einweltregierung hätte Stagnation zu bedeuten und es würden ihr Korrektive abhanden kommen.
            Nationalstaatlichkeit in bestimmtem Sinne bleibt insofern, wie „Mutti“, die sich erkennbar einen Job auf EU-Ebene erhofft, vielleicht sagen würde: alternativlos.

            MFG
            Dr. W (der insofern „Mutti“ [1] nicht gerne die Hand geben würde, eher bei Václav Klaus bleibt)

            [1]
            Angela Dorothea Merkel ist natürlich ein Fall für sich, sie tut alles, auch Meinungsforschungsergebnisse abhorchend und ihnen folgend, um im Amt zu bleiben, sie scheint insofern sittlich ganz bemerkenswert, zumindest ihre vier Vorkanzler haben immer, zumindest gelegentlich, Charakter gezeigt und sind unbequeme Wege gegangen.

    • Beim TTIP kommt einiges zusammen. Das Misstrauen gegenüber dem TTIP ist von diversen latenten Verschwörungsvermutungen von Rechts wie von Links in 4bestens unterfüttert. Weniger mit Fachwissen über die Bedeutung von freiem Handel aus historischer Sicht, oder dessen Bedeutung für den deutschen Mittelstand in der Gegenwart. Hinzu kommt noch die „deutsche Angst“ die in Frankreich oder England als leicht neurotisch wahrgenommen wird.

      • Merken Sie nicht, wieso Ihr Argument einen TTIP-Kritiker nicht erreichen wird?

        Hier wird die Zustimmung zu einer abstrakten Sachen, den Freihandel, umgemünzt zur Zustimmung zu einer konkreten Politik, eben diesen Abkommen.
        Das bezeichnet man an anderer Stelle als klassischen Argumentationsfehler, als sogenanntes „Falsches Dilemma“.
        Nun mag man sagen: „Hey, wer für Freihandel ist, der muss eben auch zu Kompromissen bereit sein“. Vielleicht.
        Aber erstens wissen die Leute eben nicht, welche Kompromisse ihnen ins Haus stehen und das macht berechtigterweise Sorge; zweitens wollen doch nur wenig Leute Freihandel um jeden Preis. Den meisten Leuten sind andere Dinge eben wichtiger und die politische Entscheidung eines demokratischen Staates sollte dies ggf. auch widerspiegeln.

    • Bei TTIP-Verhandlungen werden die einfachsten Regeln für demokratisches Verhalten grob verletzt. Es gibt keine öffentliche Information und keinerlei öffentliche Diskussion ist möglich. Außerdem scheint es, als ob demokratische Grundrechte mit einigen geplanten Vereinbarungen ausgehebelt werden können.
      Sich gegen ein derartiges Verhalten aufzulehnen, dafür braucht es keine Verschwörungstheorien.

      Zudem stellt sich die Frage, on TTIP überhaupt notwendig ist. Für manche Punkte die zur Begründung der Notwendigkeit von TTIP herangezogen werden (z.B.: Beleuchtung von Autos) – würde es ausreichen, gemeinsame Industrienormen/-standards zu vereinbaren.

      • KRichard, im Prinzip haben Sie im ganz Groben recht.
        Ähnliche Bedenken gelten aber auch für alle anderen ca. 1800 bilateralen Abkommen die es in den letzten Jahrzehnten zwischen europäischen Staaten gab. Warum gingen diese – im Gegensatz zum TTIP mehr oder weniger reibungslos und unbeachtet über die Bühne?
        Und hier kommen die latent vorhandenen, diversen Verschwörungsvermutungen und Ängste gegenüber den USA, Multinationalen Konzernen, „Grosskapital“ usw. ins Spiel. Diese widersprechen sich teilweise gegenseitig, oder halten auch der simplen, von Detailwissen unbelasteten Logik nicht stand. ABER: Teilweise sind Verschwörungsvermutungen und Ängste eben auch berechtigt und sogar wichtig.
        Damit entsteht für den Laien ein unentwirrbares Informationschaos, in welchem die gewaltigen Chancen eines solchen Abkommens komplett untergehen, denn sie können in der Öffentlichkeit kaum noch sachlich diskutiert werden.

        • Firmen in den USA haben Rechte, die bei uns den Persönlichkeitsrechten entsprechen. Dies ist ein wesentlicher Unterschied zwischen unserem und dem US-Rechtssystem. Deshalb besteht bei TTIP die Gefahr, dass über diese Handelsvereinbarungen unser Rechtssystem und damit unsere Grundrechte und unser Sozialsystem ausgehebelt werden können – wenn diese Vereinbarungen zu locker formuliert werden.
          Dadurch unterscheidet sich TTIP von anderen internationalen Vereinbarungen. Zudem bezeichnen wir uns immer noch als Demokratie. Wenn aber die Öffentlichkeit weitgehend von den Verhandlungen ausgeschlossen ist, dann entspricht dies nicht unserem Demokratieverständnis – mit Verschwörungstheorien hat dies nichts zu tun, wenn man sich darüber aufregt.

          • Es führt ein wenig vom Thema weg, aber ich fasse mich kurz.

            „Firmen in den USA haben Rechte, die bei uns den Persönlichkeitsrechten entsprechen. Dies ist ein wesentlicher Unterschied zwischen unserem und dem US-Rechtssystem. “

            Deswegen sind die Verhandlungen ja auch so schwierig und langwierig, aber um so wichtiger. Denn selbstverständlich braucht es in Zukunft weitere Wirtschaftsabkommen, mit Staaten divergierender Rechtssysteme. Insbesondere auch auch mit China. Ansonsten wird man globalen Herausforderungen wie etwa dem Klimawandel nicht begegnen können. Sehen Sie die TTIP Verhandlungen als Blaupause für künftige, im globalen Sinne überregionale Vereinbarungen.

            „Wenn aber die Öffentlichkeit weitgehend von den Verhandlungen ausgeschlossen ist,“
            Da hätten Sie sich vorher mal besser erkundigt. (Siehe unten)

          • Die meisten Leute verfügen nicht über derartig gute Englischkenntnisse und spezielles juristisches Fachwissen, um diese Texte und einzelne Fachbegriffe und deren Bedeutung zu zu verstehen.

          • man kann sich zumindest die deutschen Zusammenfassungen und FAQs von offizieller Seite anschauen. Wenn man denen nicht traut, muss man sich eben die Mühe machen und den jeweiligen Verhandlungsstand im Originalprotokoll mitverfolgen. Besorgte Interessensverbände sollten dazu in der Lage sein. Die Verschwörungsvermutung, der Verhandlungsprozess sei mit Absicht intransparent und geheim, sollte jedenfalls vom Tisch sein.

          • Die Verschwörungsvermutung, der Verhandlungsprozess sei mit Absicht intransparent und geheim, sollte jedenfalls vom Tisch sein.

            Die ist bei mir erst dann vom Tisch, wenn nicht nur offen verhandelt wird, sondern erst einmal ehrlich darüber aufgeklärt wird, was man eigentlich erreichen will und was nicht und warum. Ausserdem gehören die Ergebnisse einer jeden Verhandlungsrunde am Ende auch klar berichtet; d.h. was, warum und mit welchem Erfolg verhandelt (oder vertagt) wurde. Aber solange dem Volk oder auch EU-Parlamentariern keine vollständige Einsicht gewährt wird, bzw. sie mit ihren Erkenntissen nichts anfangen dürfen, was da eigentlich im Detail verhandelt wird, sehe ich das ganze als undemokratischen Prozess an. Da ist jeder Verschwörungstheorie Tür und Tor geöffnet.

            Wenn man denen nicht traut, muss man sich eben die Mühe machen und den jeweiligen Verhandlungsstand im Originalprotokoll mitverfolgen.

            Um da dran zu kommen muss man aber entweder mit dem Thema befasster EU-Beamte (m/w), Handelsrechtler oder IndustrievertreterIn sein. Sonst hat man da nicht viele Chancen; – siehe dazu auch den oben verlinkten Bericht. Und selbst die Details, die bisher bekannt wurden, fanden bisher hauptsächlich über Wikileaks und ähnliche Wege ins Licht der Öffentlichkeit. Transparenz sieht anders aus.

            Und schliesslich wären da noch so komische Dinge, wie hier unter Punkt a berichtet, die ich nicht gerade für Vertrauensfördernd halte…

          • Hans, du vollkommen recht damit, noch mehr Transparenz zu fordern. Hier wurde von TTIP Kritikern bereits einiges erreicht und das ist deren Verdienst.
            Aber eine sachliche öffentliche Diskussion über strategisch sinnvolle Ziele eines solchen Abkommens, bzw. ob diese Ziele durch die konkret avisierten Vereinbarungen möglich sind, sehe durch allzu wirre Vermutungen und und viel Agitation und Angstmache seitens diverser Gruppen und Grüppchen von Rechts und Links bereits im Keim erstickt. Und das ist schade, denn m. E. kommt man um solche Vereinbarungen auf globaler Ebene nicht herum, wenn man eine Chance haben will den weltweiten Herausforderungen wie etwa dem Klimawandel zu begegnen.

          • „Aber eine sachliche öffentliche Diskussion über strategisch sinnvolle Ziele eines solchen Abkommens, bzw. ob diese Ziele durch die konkret avisierten Vereinbarungen möglich sind, sehe durch allzu wirre Vermutungen und und viel Agitation und Angstmache seitens diverser Gruppen und Grüppchen von Rechts und Links bereits im Keim erstickt.“

            Eine sinnvolle öffentliche Debatte kann es ohne völlige Transparenz nicht geben. Es wurde doch von Beginn an hinter verschlossenen Türen verhandelt, anstatt zuerst die Bevölkerung zu informieren und ihre Zustimmung zu suchen. Reicht das nicht aus um Misstrauen zu säen? Sollen die Leute also kommentarlos alles abknicken was von der EU-Kommission beschlossen wird – auch wenn sie keinen Nutzen darin sehen? In Österreich wurde beispielsweise eine Studie veröffentlicht, die ganz klar zeigt, dass die einheimischen Bauern durch das TTIP-Abkommen Einbußen zu erwarten haben.
            http://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/STUD/2014/514007/AGRI_IPOL_STU%282014%29514007_EN.pdf

            „Das Grundübel unserer Demokratie liegt darin, dass sie keine ist.
            Das Volk, der nominelle Herr und Souverän, hat in Wahrheit nichts zu sagen.“

            Prof. Hans Herbert von Arnim
            deutscher Staatsrechtler

          • Mona, was glauben Sie denn, warum man überhaupt bi- oder multilaterale Handelsabkommen macht?

          • @ralph:
            Ich kritisiere nicht per se „bi- oder multilaterale Handelsabkommen“, sondern die mangelnde Transparenz und Mitsprache.

          • @Mona: Der Bürger bekommt nirgendwo Einsicht in den Arkanbereich von Politik (Transparenz) und – anders als bei der Besetzung des politischen Personals – entscheidet er auch nicht mit, ob es Maut oder VDS geben wird (Mitsprache).

            Wieso wird gerade bei TTIP so getan, als wären Transparenz und Mitsprache in der repräsentativen Demokratie Selbstverständlichkeiten?

          • @Ano Nym:
            TTIP wird weit mehr Lebensbereiche des Bürgers berühren als beispielweise eine Maut. Außerdem können sich, wegen der von der US-Regierung geforderten Geheimhaltung, nicht mal Fachleute der jeweiligen Länder so ohne weiteres mit den TTIP-Papieren befassen, weil die US-Regierung den EU-Mitgliedsstaaten nur unter Aufsicht Einsicht in Verhandlungsdokumente geben will.
            http://www.tagesspiegel.de/politik/verhandlungen-zwischen-eu-und-usa-ttip-papiere-sollen-geheim-bleiben/11317752.html

    • Ein mehr an Transparenz und Information hilft gegen Verschwörungsvermutungen eben nur bedingt. Das zeigt sich etwa bei Impfgegnern [1], es zeigt sich bei Klima“skeptikern“ [2], aber auch beim Großteil der TTIP Gegner [3].
      „Wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ am Freitag unter Berufung auf Zahlen der EU-Kommission berichtet, wurden die am 7. Januar ins Internet gestellten englischsprachigen Verhandlungstexte bis zum 8. April nur knapp 2300-mal angeklickt. Dies entspreche 760 Klicks im Monat und 25 Klicks am Tag.“

      [1]
      http://scilogs.spektrum.de/quantenwelt/impfangst-wir-sind-nicht-leicht-zu-ueberzeugen/
      [2]
      http://scilogs.spektrum.de/klimalounge/klimaforschung-auf-herz-und-nieren-geprueft/
      [3]
      http://www.spiegel.de/wirtschaft/ttip-dokumente-im-netz-kaum-gelesen-a-1029161.html

      • @ralph:
        Ich verstehe nicht, wieso sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung darüber beschwert, dass die „ins Internet gestellten englischsprachigen Verhandlungstexte bis zum 8. April nur knapp 2300-mal angeklickt“ wurden“. Wieso übersetzen sie die Texte nicht für ihre Leser und veröffentlichen sie in ihrer Zeitung. Es wird doch sonst auch über jeden Schmarrn berichtet! Oder hat die Presse, genauso wie die regionalen Gemeinden, einen Maulkorb verpasst bekommen?

        • Sie haben mich dazu animiert mal kurz reinzuschauen.:-) Wo es ins Detail geht ist es stinklangweilig und interessiert allenfalls Bürokraten. Das BGB ist weitaus spannender zu lesen. Es sind naturgemäß sehr formale und redundante Prozesse die im Detail beschrieben werden. Schwer zu verstehen ist das was ich gelesen habe aber nicht, die Beispiele sind auch gut nachvollziehbar. Da sollten rudimentäre Englischkenntnisse und Google reichen. Sie sollten sich mal dafür Zeit nehmen, falls Sie es noch nicht getan haben.

          Nein, ich glaube nicht dass bei uns die Pressefreiheit von staatlicher Seite bedroht ist. (Ich glaube eher, dass klassischer Qualitätsjournalismus vom Internet bedroht ist, aber das ist ein anderes Thema)

          • @ralph: Gerade das Thema Pressefreiheit zeigt die versteckten Gefahren des TTIP:
            Bisher durften/dürfen Radio-/Fernsehsender ihre Nachrichten weiter online als Down-load kostenlos anbieten. Nach den ursprünglichen TTIP-Plänen wäre dies nicht mehr zulässig gewesen – weil kostenlose Informationsangebote ein unzulässiger Wettbewerbsnachteil von kommerziellen Nachrichten-Anbietern sind. Download-Angebote sind demnach keine Nachrichten mehr, sondern gelten als gewerblich nutzbare Daten, die rechtlich anders zu behandeln sind.

            Dieses Thema sorgte letztes Jahr für intensive Diskussionen, weil damit die Pressefreiheit massiv beeinträchtigt würde. Ich kenne den aktuellen Stand der Diskussion nicht. Aber dieses Beispiel zeigt, dass bereits Kleinigkeiten massive Auswirkungen haben können. Zum Glück hat jemand dieses Problem erkannt und öffentlich gemacht.

          • Ja, das ist ein spannender, kontrovers diskutierbarer Punkt. Ich bin da selber hin und her gerissen und mir fallen massig Argumente für- und wieder ein. Jedenfalls bin ich auch mit dem deutschen Zwangsabgabesystem öffentlich rechtlichen unzufrieden. Man SOLL es diskutieren. Ich sehe es eher als Vorteil, wenn man sich mit anderen Systemen auseinandersetzen muss. Es besteht ja durchaus die Chance dass man da noch was am eigenen verbessern kann. Gilt hüben wie drüben. Beim TTIP handelt es sich ja um kein fertiges Produkt. Es wird niemals fertig sein. Falls jemals etwas davon implementiert wird, wird man auch zwangsläufig Fehler machen, die man dann korrigieren muss. Und natürlich ist es besser Probleme schon im Vorfeld zu erkennen. Da sind Kritiker nicht nur willkommen sondern wichtig. Aber eben Kritiker, keine starren Dogmatiker die schon vorher wissen das alles nur schlechter werden kann.

  6. Schuld sind immer die Anderen

    ‚Verschwörungstheorien haben immer die Anderen‘ ginge auch, ansonsten sind Verschwörungstheorien, also idR weitgehend unbelegte Theorien über Verschwörungen Anderer potentiell gefährlich, gerade auch für deren Träger, no prob here.

    BTW, Verschwörungstheorien scheinen im gemeinten Sinne an die aufklärerischen („westlichen“) Systeme gebunden, hauptsächlich deshalb, weil es in nicht-aufklärerischen Systemen Verschwörungen gibt, vielleicht auch als Normalfall.

    MFG + schöne Frühlingstage,
    Dr. W

    • BTW, Verschwörungstheorien scheinen im gemeinten Sinne an die aufklärerischen („westlichen“) Systeme gebunden, […].

      Nö.
      Einfaches Beispiel: Im sog. „Ostblock“ (den man trotz großer kultureller Ähnlichkeit ja nicht zum Westen zählt) verbreitete man in der DDR die Nachricht, dass die Amerikaner (oder andere westliche Mächte) in den 50er Jahren Kartoffelkäfer abgeworfen hätten, um die Ernte zu zerstören. Dies habe ich zumindest mal in einer öffentlich-rechlicht Dokumentation gesehen.
      Das ist nur ein kleines Beispiel für die Verwendung von Verschwörungstheorien und autoritäre Regime (um das Wort „Totalitarismus“ und den Rattenschwanz an Theorien, die er nach sich zieht, zu vermeiden), es gibt genug andere Beispiele.

      In Übrigen ist es auch falsch, dass in westlichen Systemen der, der Verschwörungen aufdeckt, dafür grundsätzlich belohnt wird. Im Gegenteil, Geheimnisverrat ist eine Straftat in den meisten westlichen Staaten und zerstört zumindest die Karriere und solchen wird man wohl begehen, wenn man eine „Verschwörung“ aufdeckt.

      • @ Anonym :
        Verschwörungen gibt es natürlich überall, in „westlichen“ oder aufklärerischen Systemen aber selten, weil dort zwingend Erpressungspotentiale entstehen, die bspw. oft nicht im Sinne einer Omertà bearbeitet werden können, sondern eher gesellschaftlich als Whistle-Blowing zelebriert werden.
        Es gibt hierzu eine Beleglage.

        Gemeint war weiter oben, dass es sich nicht lohnt Verschwörungen anders als im aufklärerischen Sinne konzeptuell zu bearbeiten, weil die Verschwörung andernorts oft Grundlage gesellschaftlichen Seins ist, in etwa so, wie Nachbars Lumpi mit dem Schwanz wackelt.

        MFG
        Dr. W

  7. War die Watergate-Affäre zunächst nicht auch eine Verschwörungstheorie? Sind die Enthüllungen eines Snowden Verschwörungen? Um Verschwörungstheorien doch zu bewahrheiten, bedarf es Leute, die an der Quelle sitzen, d.h., sie müssen handfeste Daten liefern. Die Verschwörungstheorien um den 11.9. (u.a.) werden meist von Laien in die Welt gesetzt. Bei solchen VT liegen dann die Treffer für die Wahrheit im Zufallsbereich. Also schön locker bleiben.

    • Nein, die Watergate-Affäre war keine Verschwörungstheorie, sie war eine waschechte Verschwörung, die niemand vorher vermutet hatte. Snowden hat enthüllt, in welchem Maße die NSA und der britische Geheimdienst GDHQ das Internet abhören. Das hatte in diesem Maße auch niemand vorher behauptet. Tatsächlich beruhen Verschwörungstheorien ausschließlich auf Misstrauen. Um Erfolg zu haben, müssen nicht einmal ansatzweise wahr sein. Weil sie aber eine Art Parallelwelt konstruieren, müssen auch nicht falsch sein. In der Tat wäre das Zufall, aber auch Zufälle kommen vor.

      • „Nein, die Watergate-Affäre war keine Verschwörungstheorie“

        Danke für die Antwort. Da hatte ich mich wohl geirrt. Ich erinnerte mich wohl zu dunkel, daß es zunächst eine Spekulation der Washington Post war.

        Eine weitere Frage stellt sich mir: was ist, wenn sich mutige Menschen, die an der Quelle sitzen, nicht mehr finden lassen? Wenn sich VT ausschließlich auf Mißtrauen gründen, so muß dem gegenüber ja ein Vertrauen bestehen, daß auch künftig mutige Menschen unter den Journalisten und anderswo existieren. Und wenn ja: kann dieses Vertrauen Begründung finden?

        • Eine weitere Frage stellt sich mir: was ist, wenn sich mutige Menschen, die an der Quelle sitzen, nicht mehr finden lassen?

          In aufklärerischen Systemen hat der Mitwisser oft keine Strafe, sondern Ansehen zu erwarten, wenn er aufdeckt, er kann auch eher profane andere Ziele verfolgen, d.h. an Aufdeckern dürfte dort, zumindest theoretisch, wenig Mangel bestehen, eher an Verschwörung (u.a. weil sie fast zwingend Erpressungspotentiale generiert), alleine verschwört es sich zudem schlecht.

          • Die Verschwörungen werden uns wohl erhalten bleiben. Ehrgeizige Aufsteiger in Politik und Wirtschaft verschwören sich immer dann, wenn sie einen Karrierevorteil sehen. Die möglichen Folgen einer Aufdeckung ihres Komplotts sind ihnen in der Regel egal, wenn nur der mögliche Gewinn groß genug ist. Und Geheimdienste sind ausdrücklich dafür geschaffen, Verschwörungen in anderen Ländern anzuzetteln und im eigenen Land zu verhindern. Es bleibt also spannend.

      • Das hatte in diesem Maße auch niemand vorher behauptet.

        Es gab in den 90er Jahren im Internet einige Gerüchte, dass z. B. aller Datenverkehr, der über bestimmten „Internet-Backbone“ läuft mitgeschnitten wird.

        „Echelon“ hat zum Beispiel auch als Verschwörungstheorie angefangen und erst durch nähere Untersuchungen wurden dann teile davon bekannt.

        Es gibt ja eine alte Redensart (ein Usent-Law?): 90% von allem ist Mist. Dies scheint auch auf Theorien zuzutreffen. Wichtig ist nur, die restlichen 10% (scheint mir etwas hochgegriffen – was solls) zu finden.

        Weil sie aber eine Art Parallelwelt konstruieren, müssen auch nicht falsch sein. In der Tat wäre das Zufall, aber auch Zufälle kommen vor.

        Im Dienste der Aufklärung: Wie bekommen wir die Leute aus ihren Parallelwelten wieder in die Wirklichkeit?
        Das muss doch die Frage sein!

  8. Pingback: Verschwörungstheorien bei ARTE mit Dr. Sebastian Bartoschek @ gwup | die skeptiker

  9. Vorab möchte ich mich entschuldigen, wenn ich ein wenig vom Thema abgekommen sein sollte, aber ich denke, etwas wesentliches zum Thema gesagt zu haben. Der Test krankt wahrscheinlich daran, dass der falsche Autor ihn schreiben musste:

    Erstmal brauchen wir eine Verschwörung, also eine heimliche Absprache, die entweder kriminelle oder unmoralische Ziele verfolgt.

    Mein erster spontaner Gedanke: Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.

    Aber Verschwörungstheorien befassen sich nicht mit solchen Kleinigkeiten wie Bürointrigen oder Gerüchten über Promis. Nein, sie spekulieren über richtig gefährliche Aktion von richtig bösen Menschen

    Es geht um den „Zentralsteuerungshypothese“. 😉

    Im realen Leben gibt es ja tatsächlich „Dinge“, die man als Verschwörung bezeichnen kann. Nur geht es da weniger um die Weltherrschaft oder Satan oder ähnliches, sondern z. B. um die Vergabe eines Postens (meist gut bezahlt oder einflussreich).
    Es sind ja entsprechende Fälle bekannt.

    Wenn man sich mit den Geheimdiensten der Welt befasst, wird man auch auf einige Tatsachen stoßen, die sich erst wie Verschwörungstheorien anhören. Beispielsweise die Contra-Affäre oder Watergate in den USA.
    Das hat natürlich Paranoikern und Verschwörungstheoretikern Stoff geboten, noch wesentlich weiter zu gehen. Zum Beispiel UFOs im Besitz der US-Regierung oder Gedankenkontrolltechnologie. Dies überzieht das Ganze dann ein wenig und raubt den plausibleren Thesen jede Glaubwürdigkeit.

    Da wird das Ganze aber, dem Blog angemessen, wissenschaftlich betrachten wollen, müssen wir differenzieren:
    1. Sicherlich gibt es Fälle, in denen man bei einem Verschwörungstheoretiker schon von klinischer Paranoia sprechen kann, etwa, wenn behauptet wird der/die Ex-FreundIn kontrolliert die Gedanken telepathisch und der Geheimdienst sei hinter einem her.
    Allerdings scheint, nach der bescheidenen Lektüre eines Laien zu urteilen, die Mehrheit der sog. „Paranoiden“ eigentlich eher eine um sich selbst kreisende Verschwörung entwickelt zu haben. Deshalb spricht man in der Literatur auch von „Eigen- und Beziehungsideen“ oder ähnliches.
    Das kann an dieser Stelle nicht ausführlich genug diskutiert werden, ich bin auch der falsche Autor dafür.
    2. Dann gibt es das grundsätzliche, angedeutete Misstrauen gegen „die da oben“. Das liegt wohl daran, dass es keine persönliche Beziehung mehr zwischen den Beherrschten und den Herrschenden gibt und dass die Gründe für eine persönliche Benachteiligung (oder was als solche empfunden wird) häufig nicht kommuniziert werden. Wenn man sich mit den sozialen Strukturen von Primaten befasst, kommt man auf den Gedanken, dass diese „bürokratische Herrschaft“ vielleicht nicht ganz der jahrtausende alten, evolutionär entstandenen menschlichen Psyche entspricht. Vielleicht liegt es aber auch ganz vulgär daran, dass es ja auch tatsächlich Beispiele von Lobbyismus usw. gibt, die öffentlich bekannt sind. Die Leute haben allgemein die Erwartung, dass es ums Geld geht.
    Bitte nicht missverstehen: Ich halte die Herrschaft ohne direktes Ansehen der Person für toll und eine Errungenschaft der Moderne.

    Viele Verschwörungstheorien nutzen dieses Misstrauen dann einfach aus. Die „offizielle“ Version kann dann noch so viele Experten und deren Erklärungen präsentieren, das weckt dann sogar noch viel mehr Misstrauen auf Seiten „der hier unten“.
    3. Es gibt Verschwörungstheoretiker, die mehr an gescheiterte Schriftsteller erinnern und mit ihren Büchern und sonstigen Medien sehr viel Geld verdienen können. Die materielle Motiviation dieser Verschwörungstheorien ist für viele Leute so offensichtlich, dass diese Gruppe selbst unter das Misstrauen von (2) fallen kann, weswegen sich diese Verschwörungstheorien nicht in der Allgemeinheit, wohl aber in dafür affinen Gruppen durchsetzen.
    4. Eng verwandt mit Gruppe (3), aber wesentlich weniger unter das Misstrauen von (2) fallend, ist die Gruppe von Leuten, die sich eine persönliche Aufwertung durch Verschwörungstheorien erhofft. Sie selbst sind also die Erleuchteten, die die Wahrheit erkannt haben, während die Mehrheit der Bevölerkung durch Werbung und andere Medien in „Gedankenkontrolle“ gehalten wird und ähnliches.
    Natürlich fühlt man sich persönlich ganz großartig, wenn man erst der Überzeugung ist, zu so einer kleinen Elite zu gehören. Nur muss man sich dann bald gegen andere vermeindlich „Erleutete“ abgrenzen, damit die Nische nicht zu groß wird.
    5. Es gibt vielelicht auch Leute, die konkrete politische Interessen mittels Verschwörungstheorien verfolgen. Zum Beispiel das Vertrauen der Bevölkerung in etablierte Autoritäten zu erschüttern…
    6. Last but not least noch die Gruppe der Leute, die wirklich auf der Suche nach der Wahrheit waren, aber sich irgendwann haben (aus verständlichen oder unverständlichen Gründen) haben täuschen lassen und dabei in eine Selbstimmunisierungsfalle getapt sind.

    Diese Aufzählung erscheint mir vollständig, wahrscheinlich wurden aber wesentliche Punkte übersehen.

    Die Beobachtung, dass Menschen zur dumpfen Feindschaft gegenüber anderen Gruppen neigen, ist nicht neu

    Ist die Verachtung gegenüber den „Massenmenschen“ eigentlich auch Teil davon? 😉

    Im Ernst: Man muss schon unterscheiden zwischen den Verschwörungstheoretikern auf der einen Seite, die überall das Böse am Werk sehen und den Demokraten auf der anderen Seite, die es gern sehen würden, wenn das Volk (also die Allgemeinheit) mehr über die politischen Fragen diskutiert statt sie einer kleinen Elite bestehend aus den Spitzenpolitikern diverser Parteien zu überlassen, die vieles im Hinterzimmer aushandeln, bevor es an die Öffentlichkeit kommt.
    Die öffentliche Diskussion um die Voratsdatenspeicherung hat zum Beispiel immer wieder (nach meinem Gefühl) ergeben, dass die Mehrheit der Leute, die dieses Thema betrifft/interessiert, dagegen war.
    Die nun kommende Voratsdatenspeicherung wurde aber im Wesentlichen zwischen Ministerien ausgehandelt und hatte dabei kein (!) öffentliches Echo. Dabei geht es hier um eine elementare Entscheidung zur Netzpolitik und nicht nur um die handwerkliche Verbesserung eines für die Mehrheit irrelevanten Gesetzes.
    Ähnliche Kritikpunkte gibt es ja auch über die EU und das bevorstehende Handelsabkommen (wird wahrscheinlich kommen).

    Das obige Berührt wohl vieles unter Punkt (2) zusammengefasstes. Grade im Internetzeitalter könnte man manches Misstrauen sicherlich durch öffentliche, transparente Debatten, bei der man die Argumente und Interessen der Gegenseite auch ernst nimmt, begegnen. In manchen Punkten haben wir das ja schon, es ist also keine Utopie.

  10. Ein wichtiges Element von Verschwörungstheorien sind bösartige Unterstellungen. Wer einem Staat, einer Rasse/Bevölkerungsgruppe oder einer Organisation bösartige Absichten unterstellt, der will damit den Gegner moralisch diskreditieren und ihn als gefährlich brandmarken. Die Unterstellungen kommen typischerweise in einer Form der Theory of Mind. Der Gegner wird also seziert, es wird ihm ein geistiges Gefüge unterstellt, ein bestimmtes Denken das zu einem Bild passt, das man sich vom „Feind“ gemacht hat und das in den Augen des Erfinders der Behauptung grosse „innere“ Plausibilität besitzt. Von der bösartigen Unterstellung ist es nicht mehr weit zur Verschwörungstheorie. Anmerkung: Mich interessiert dies, weil ich vermute, dass in Verschwörungstheorien lediglich Elemente zusammenkommen, die es auch in anderem Kontext gibt. Ich vermute es gibt eine ganze Anatomie der Verschwörungstheorie. Hier zwei Beispiele von bösartigen Unterstellungen: 1) Günter Grass hat am 4. April 2012 Israel vorgeworfen (Zitat Wikipedia) “ mit seinen Kernwaffen den „ohnehin brüchigen Weltfrieden“ zu gefährden und einen „Erstschlag“ gegen den Iran zu planen, „der das (…) iranische Volk auslöschen könnte“.“ Bemerkung: Einen atomaren Erstschlag haben bisher erst die USA mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki (den ersten Atombomben überhaupt) zu verantworten. Selbst Staaten wie Nordkorea wird heute kaum jemand einen Erstschlag zutrauen. Wer diesen Verdacht einem Staat gegenüber äussert, der unterstellt diesem Staat das Schlimmste. 2) Bösartige Unterstellungen und Behauptungen gibt es auch bei den meisten Rassenkonflikten oder Konflikten zwischen Bevölkerungsgruppen. So kursierten vor dem Völkerkrieg in Ruanda vielfältige Unterstellungen der Hutus gegenüber den Tutsis. Viele davon wurden über Radio Télévision Libre des Mille Collines ausgestrahlt. Heute, nachdem die Hutu-Regierung durch eine Tutsi-Regierung abgelöst wurde, gibt es ähnliche Unterstellungen von Tutsis gegenüber Hutus.

    IB EINEM FLÜCHTLINGSLAGER in Tansania belehrten mich junge Männer bei einem Bier, mich ja nicht täuschen zu lassen. Alles sei nun in den Händen der Tutsi. Für sie, die Hutu, gebe es keinen Platz mehr in der Heimat. Ich solle einmal in ein Spital gehen und zusehen, was da geschehe. Bei der Einlieferung werde der Kopf vermessen, um Hutu von Tutsi zu trennen! Behandelt würden dann nur die Tutsi. War es Kalkül, Überzeugung oder Angst, die sie so sprechen liess? Sicher ist nur, dass ihre Behauptung nicht der Wirklichkeit entspricht.

    Die Liste könnte noch beliebig verlängert werden. Nahe verwandt mit bösartigen Unterstellungen sind verzerrende Darstellungen und abwertende Kategorisierungen. Davon gibt es noch viel mehr. Hier möchte ich nur ein Beispiel bringen, das im SPON unter dem Titel Ukraine-Konflikt: Berlins Antwort auf Putins Mythen abgehandelt wird. Hier nur die prägnantesten Behauptungen Putins, die eine Feindschaft heraufbeschwören wollen:

    „In Kiew sind Faschisten an der Macht.“
    „In der Ukraine werden ethnische Russen diskriminiert und unterdrückt. Russen in der Ukraine haben Russland daher um Schutz gebeten.“
    „Die EU und ihre Partner haben gegen Russland Sanktionen verhängt, um Russland wirtschaftlich in die Knie zu zwingen.“

    Diese Sätze Putins wollen eine Feindschaft heraufbeschwören und benutzen dazu unbewiesene Behauptungen. Allerdings ist hier Putin keineswegs ein Ausnahmefall. Solche Verunglimpfungen und Behauptungen gehören zum normalen politischen Geschäft fast jeder Seite. Ich erkenne hier ein Kontinuum das von böswilligen Unterstellungen bis zur alltäglichen Verfemung geht und wo es letztlich nicht mehr weit ist bis zur Verschwörungstheorie. Die Nähe zur Verschwörungstheorie kommt vor allem daher, dass die andere Seite dämonisiert wird. Zudem handelt es sich bei der anderen Seite nicht um eine Person oder eine einzelne Firma, sondern um einen anderen Staat, ein anderes System oder eine andere Volksgruppe.

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