The remains of a school in Port-au-Prince, Haiti on September 15, 2008

Wie die UN die Cholera nach Haiti brachte

Kaum ein anderer Staat hat gemessen an seiner Einwohnerzahl so viele Cholera-Fälle wie Haiti. 27000 waren es allein dieses Jahr bisher, und nach den Zerstörungen durch den Hurrican Matthew kamen schon angeblich 1000 weitere Infizierte dazu. Der Witz ist: Vor dem 21. Jahrhundert gab es mindestens 150 Jahre lang keine Cholera in Haiti.

Die Krankheit wurde erst vor ein paar Jahren eingeschleppt, und zwar im Jahr 2010 von UN-Blauhelmen, nachdem bei einem schweren Erdbeben auf der Insel etwa 150000 Menschen gestorben waren (kein Tippfehler. Hundertfünfzigtausend) und 1,5 Millionen ihr Obdach verloren. Die Friedenstruppen haben, was in einer solchen Situation schon völlig unverantwortlich ist, sich schlicht nicht an irgendeine Form von hygienischen Mindeststandards gehalten: Es gab zu wenig Toiletten, Seife und Desinfektionsmittel in dem Camp. Die Abwässer wurden einfach in die Landschaft entsorgt, praktisch am Ufer von Haitis wichtigstem Fluss, dem Artibonite.

Die UN-Blauhelme brachten die Cholera

Das völlig Unfassbare daran ist, dass die UN-Soldaten ausgerechnet aus Nepal stammten, wo zu jener Zeit gerade die Cholera grassierte. Was da am Camp des Nepalesischen Batallions passierte, war irgendwo zwischen Worst Case und Bioterror. Jedenfalls sind ziemlich schnell immer mehr Menschen entlang des Artibonite krank geworden. Der Rest ist Geschichte. Mangel an Geld und Ausrüstung dürften die Situation herbeigeführt haben, und vor allem, dass anscheinend niemand einen blassen Schimmer hatte, worauf es in einem Katastrophengebiet ankommt.

Die Cholera ist eine der gefährlichsten Seuchen überhaupt. Wenn der Erreger Vibrio cholerae irgendwo in der Wasserversorgung auftaucht, kann er binnen extrem kurzer Zeit so viele Opfer anstecken wie kaum ein anderes Pathogen – und man kann innerhalb von 24 Stunden an Cholera sterben. Gerade in Katastrophengebieten steht sauberes Trinkwasser nur begrenzt zur Verfügung und sanitäre Anlagen sind knapp – gute Bedingungen für die Cholera. Gut ausgestattete Armeen haben meistens Leute dabei, die sowas wissen oder zumindest vor der Mission rausfinden können. Das Problem der UN-Friedensmissionen ist, dass einige Staaten diese Missionen als Geldquelle für sich entdeckt haben – die UN zahlt pro Monat und Soldat etwa 1000 Euro. Damit sich das lohnt, dürfen die Missionen nicht allzu viel kosten, was sich natürlich bei Ausbildung und Ausstattung zeigt.

Die Blauhelme sind allerdings nicht allein verantwortlich für das Desaster in Haiti. Möglich gemacht hat die fortlaufende Katastrophe überhaupt erst das viel größere globale Scheitern des Kampfes gegen die Cholera. Seit 1961 zieht eine große Cholera-Pandemie von Ausbruch zu Ausbruch rund um den Globus, ohne dass sie jemand hätte stoppen können. Genauer gesagt, ohne dass jemand wirklich versucht hätte, sie mit medizinischen Mitteln zu stoppen.

Wir haben das Problem mit der Cholera vor einer Weile in diesem Video etwas ausführlicher erklärt. (Bitte geht auch zu Youtube und bewertet das Video, wir sind nämlich im Finale des Community-Award von Fast Forward Science und brauchen eure Stimmen und Kommentare für die Endwertung.)

Als man im 20. Jahrhunderts begann, Seuchen systematisch global zu bekämpfen, wählte man bei Cholera einen anderen Ansatz als zum Beispiel bei den Pocken oder bei Polio. Cholera tötet durch den schweren Durchfall und geht ansonsten einfach irgendwann wieder weg. Man kann die Krankheit deswegen vergleichsweise einfach heilen, indem man die Patienten durch Zufuhr von Wasser und Elektrolyten so lange am Leben erhält, bis die Krankheit sich durch ein Antibiotikum oder von selbst verzogen hat.

Haiti wird die Cholera so bald nicht los

Statt also eine systematische globale Impfkampagne zu starten, verließ man sich auf diese einfache und günstige Therapie zur Bekämpfung, während man hoffte, das Grundproblem durch bessere Wasserversorgung und sanitäre Anlagen langfristig zu lösen. Das hat sich als Illusion erwiesen, die ausgerechnet die ärmsten Regionen mit schlechter Infrastruktur sehr verwundbar hinterlassen hat – zumal Cholera zum Beispiel im Chaos nach einer Naturkatastrophe weitaus schneller zuschlägt als Gegenmaßnahmen wie die durchaus vorhandenen Cholera-Schluckimpfungen greifen. In Haiti warten nach Matthew nach wie vor Zehntausende auf Hilfe.

In Haiti war die Cholera 2010/2011  vermutlich deswegen so extrem aggressiv, weil die Bevölkerung zuvor keinen Kontakt mit dem Erreger hatte. Wenn ein aggressives Pathogen auf eine immunologisch naive Bevölkerung trifft, die zuvor keinen Kontakt mit der Krankheit hatte, verbreitet es sich viel schneller und ist deutlich gefährlicher. Der Erreger verbreitete sich nach seiner Ankunft binnen weniger Wochen auf der ganzen Insel, insgesamt starben in den ersten zwei Jahren 9000 Menschen.

Die große Zahl von Cholera-Fällen seither hat immerhin den Vorteil, dass der neue Ausbruch nach dem Hurrican Matthew bei weitem nicht so dramatisch sein wird – auch weil die Krankheit bereits bekämpft wird. Das Problem ist, dass Haiti sein Cholera-Problem wohl bis auf Weiteres nicht los wird. Der Wiederaufbau nach der Katastrophe von 2010 ist an der Inkompetenz der Regierung, Korruption und ineffizienten zivilen Projekte komplett gescheitert: Rund um die Hauptstadt Port-au-Prince ziehen sich Slums, 40 Prozent der Bevölkerung hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und drei Viertel keine sanitären Anlagen. Und der nächste Hurrican kommt bestimmt.

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

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