Ein Wissenschaftscomic für die Transformation ins Anthropozän – Hilft das was? Ein Ergebnisbericht

Nachfolgend finden Sie eine Vorabpublikation zu den Ergebnissen aus nachfolgendem  Forschungsprojekt  ( >>pdf-VersionDOI: 10.13140/2.1.1973.0728 )

 

Das WBGU-Transformations-Gutachten als Wissenschaftscomic:
Ein Kommunikationsprojekt zu alternativen Wissenstransferansätzen für  komplexe Zukunftsthemen – Die Ergebnisübersicht.

Reinhold R. Leinfelder, Berlin

Einleitung und Zielsetzung

Das Forschungsprojekt zum Thema „Das WBGU-Transformations-Gutachten als Wissenschaftscomic: Ein Kommunikationsprojekt zu alternativen Wissenstransferansätzen für komplexe Zukunftsthemen“ hatte zum Ziel, anhand der Inhalte des überaus gesellschaftsrelevanten Transformationsgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU 2011) zum ersten Mal ein wissenschaftliches Politikberatungsgutachten als Comic umzusetzen, um die wesentlichen Ergebnisse einem möglichst breiten Publikum zu kommunizieren.  Um die Inhalte des Gutachtens zu authentifizieren und Handlungsempfehlungen nachvollziehbar zu machen, setzten wir auf umfassende Personalisierung und konzipierten den Wissenschaftscomic als Set von graphischen Interviews, in denen die WBGU-Mitglieder zu „ihren“ Themen berichteten (Hamann et al. 2013). In einem zweiten Schritt sollte umfassende Begleitforschung zur Rezeption und Eignung dieses Buchs als Beispiel für alternative Wissenstransferansätze durchgeführt werden, um damit eine wissenschaftlich fundierte Einschätzung zum Potential von Sachcomics als neues Wissenstransfermedium für komplexe Sachverhalte bzw. Fragestellungen im Anthropozän zu ermöglichen.

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Abb. 1: Eine Gruppenabbildung des WBGU aus der letzten Szene des Transformationscomic dient sowohl für die Buchwebseite als auch für die Facebook-Seite als Seitenbanner. Die Schrift ist dem Buchcover entnommen. Hier ist das Banner der Webseite (www.die-grosse-transformation.de) angeben. Zu sehen sind auch die generellen Unter–kategorien der Webseite. FB: Link zur Facebook-Seite.

 

Disseminationswege

Um den Impact bzw. die Rezeption des Comics auswerten zu können, war es wichtig, möglichst geeignete Verbreitungswege zu finden. Der Comic konnte in vielen Vorträgen und zahlreichen Diskussionsrunden bekannt gemacht und sein eventuelles Potenzial zur Erläuterung komplexer Sachverhalte diskutiert werden. Weiterhin gingen die Herausgeber direkt in Schulen bzw. kooperierten mit lehrdidaktischen Instituten, insbesondere an der Humboldt-Universität zu Berlin. Wir vergaben auch drei Master–arbeitsthemen (s. Reile 2013, Koch 2014, Knorr 2014), welche die Verwendbarkeit und Aufnahme des Comics insgesamt näher beleuchten sollten. Auch die vielen Medienberichte und Rezensionen waren hilfreich für das Wecken von Aufmerksamkeit für den Comic. Zum Comic wurde durch den Berichterstatter sowohl eine Webseite (www.die-grosse-transformation.de) als auch eine Facebook-Seite (www.facebook.de/trafo-comic) erstellt. In einem gewissen Umfang wurde die Facebookseite des Comics fallweise beworben, um zu eruieren, ob dies tatsächlich Unterschiede in der Wahrnehmung und Reichweite bewirkt. Um Lehrkräfte im Schulunterricht zu unterstützen wurden zusätzlich innovative Lehrerhandreichungen zum Buch (Zea-Schmidt & Hamann 2013) produziert.

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Abb. 2: Interesse für die jeweiligen Kapitel gemäß der anonymen Online-Umfrage

Forschungsmethodik

Die Auswertungsmethodik war teils theoretischer Art – welche Rolle können Bildgeschichten für die Authentifizierung von Wissenschaften, zum Verständnis für Zusammenhänge, für die persönliche Motivation, für erleichtertes Lernen, zum Mutmachen für Verhaltensänderungen usw. spielen? -, wozu wir die Fachliteratur auswerteten, aber auch mit vielen Experten diskutierten. Insbesondere versuchten wir jedoch, empirische Daten zu Zielgruppen und zur Rezeption des Comics gewinnen (quantitativ, semiquantitativ, qualitativ). Hierzu verwendeten wir zum einen eine anonyme, an die Buchwebseite angebundene Online-Umfrage, zum anderen werteten wir das Nutzerverhalten der Facebook-Buchseite (Nutzeralter, -Geschlecht, Verschiebungen in der Zeit etc.) sowie weiterer Nutzergruppen (Teilnehmer am Projektunterricht, Geographiestudierende als Testleser etc.) aus. Die Buchverkaufszahlen, die zeitliche Entwicklung des Buchrankings, Leserrezensionen, Buchbesprechungen, Medienartikel und Auszeichnungsarten wurden ebenfalls analysiert und ausgewertet. Besonders wichtig zur Einschätzung der Buchrezeption waren uns auch die Fachdiskussionen mit Wissenschaftlern aus verschiedensten Bereichen (Natur-, Kultur-, Sozial-, Geisteswissenschaften), darunter auch wissenschaftliche Comic-Spezialisten, aber auch Diskussionen und Projektarbeiten mit Studierenden, bei denen Geographiestudierende, aber auch Biologiestudierende besondere Zielgruppen im Rahmen der erwähnten Masterarbeiten waren. In Sachen Schulintegration gab es neben den erst etwas später erstellten Lehrerhandreichungen und etlichen Lehrerfortbildungen mit entsprechendem Feedback u.a. auch Lehrproben mit und ohne Comic im Unterricht sowie einen großangelegten Projekttag mit 70 Schülern, der auch umfassend von den Schülern selbst evaluiert wurde.

Die Ergebnisse sollen in detaillierterer Weise sukzessive in Fachjournalen publiziert werden. Dieser Bericht stellt die Vorab-Ergebniszusammenfassung und Quintessenz aus dem Forschungsprojekt dar (basierend auf Leinfelder 2014 coord).

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Abb. 3: Beantwortung der offenen Fragen in der anonymen Online-Umfrage. Positive Einschätzungen (Likert- Kategorien +, ++, +++) jeweils unterhalb der grünen Linie. Bei den beiden Fragen ganz rechts befinden sich wegen der indirekten Fragestellung die bzgl. des Buchs positiven Einschätzungen oberhalb der roten Linie. (Likert-Kategorien —, –, -).

 

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Abb. 4: Auswertungsbeispiele der Nutzer der Facebook-Seite zum Buch, mit Verjüngungstrend des Publikums zwischen August und November 2013.

 

Zusammenfassung der Ergebnisse und Empfehlungen

 

  • Der Transformationscomic erfuhr durch die überaus zahlreichen Medienberichte und Rezensionen sowie die social media-Begleitmaßnahmen (Webseite, Facebookseite, Twittertätigkeit) und Vortragstätigkeit weite Verbreitung. Kritik an Form und Inhalt ist teilweise vorhanden, divergiert jedoch sehr. In der Gewichtung überwiegen die positiven Aussagen in allen Bereichen deutlich.  Eine zusammenfassende Darstellung zu allen Medienberichten und Rezensionen findet sich unter www.die-grosse-transformation.de (Kategorie Presse).
  • Zielgruppen für wissenschaftliche Sach-Comics sind „liquid“. Eine offene, jedoch klar strukturierte Form eines entsprechenden Comics erscheint daher geeigneter als ein zu zielgruppenspezifisches Vorgehen. Am Thema vorinteressierte Leser wurden besonders gut erreicht, klassische Comic-Leser laut unseren Daten eher weniger. Die Verbreitung in Schulen ist durch gut darstellbare Best Practise-Beispiele sowie durch die für den Transformationscomic erstellten kostenlosen Lehrerhandreichungen erleichtert und hilft, Gruppen aus allen Bevölkerungsbereichen (Sinus-Milieus) zu erreichen. Die zwischenzeitlich auf Schulservern von Bundesbehörden und mehreren Landeskultusministerien abrufbaren Lehrerhandreichungen sowie Informationen zum Buch erleichtern die weitere Verbreitung in Schulen.
  • Ein großer Vorteil für Sachcomics besteht in der Abholung der Leser aus dem „richtigem“ Leben, also in der leicht nachvollziehbaren Kontextualisierung wissenschaftlicher Themen im persönlichen Umfeld; dies wurde insbesondere auch für den Transformationscomic umgesetzt.
  • Das Comic-Format kann den Zugang sowie das persönliche Involvement zu komplexen Wissenschafts- und anthropozänen Zukunftsthemen via Motivation, Visualisierung und  Personalisierung deutlich erleichtern und fördert so das Erlernen vielschichtiger Kompetenzen.
  • Sachcomics zu inter- und transdisziplinären Themen können einen guten Startpunkt für transdisziplinären Unterricht darstellen. Insbesondere erscheint Projektunterricht nach der Design-Thinking-Methode als besonders geeignet für komplexe, systemisch zu erarbeitende Themen wie Klimawandel und weitere Umweltproblematiken samt Lösungsansätzen.

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Abb. 5: Cover der Lehrerhandreichungen zum Transformationscomic (Zea-Schmidt & Hamann 2013) sowie drei Möglichkeiten vierdimensionalen interdisziplinären Unterrichts aus diesen Handreichungen.

 

  • Die Offenheit des Comic-Formats ist gut für Zukunftsvisualisierungen geeignet, allerdings sollten Ausflüge in die utopische Science Fiction-Welt vermieden werden.
  • Als Slow Media sind Comics mit komplexen Ausstellungen vergleichbar. Komplexe Sachcomics erfordern eine  hohe Partizipation beim Lesen, was erhöhte Memorisierung und Handlungsmotivation, aber auch das Einüben weiterer Kompetenzen erwarten lässt.
  • Das verwendete Graphic Interview-Genre (vergleichbar mit dem neuen Genre des Comic Journalism) erfordert eine besonders klare Strukturierung, Nachvollziehbarkeit (mit Glossar und Quellenangaben) und Authentifizierung via Personalisierung. Auf fiktionale und zu weitgehende emotionale Elemente sollte eher verzichtet werden.
  • Der Aufwand zur Erstellung und Bekanntmachung eines derartigen Comics ist hoch und nicht zu unterschätzen.
  • Es besteht aus unserer Sicht noch weiterer Forschungs- und Monitoringbedarf für derartige Projekte, insbesondere aber Bedarf für weitere vergleichbare Projekte.

Die Quintessenz: Mission Accomplished?

Nicht nur Comics allgemein, sondern auch Sachcomics im Speziellen sind ein weites und noch nicht sehr gut erforschtes Feld, obwohl der Trend zur (Sach-)Comicforschung zunehmend ist (vgl. Dolle-Weinkauf 1990, McCloud 1993, Versaci 2001, Alves et al. 2007, Jacobs 2007, Yang 2008, Jüngst 2010, Hangartner et al. 2013, Mahrt et al. 2013). Jüngst (2010) empfiehlt, bei Sachthemen eindeutig erkennbare Genres einzuhalten, um den Leser bei seiner persönlichen Comicerfahrung abzuholen und nicht zu verwirren. Besonders komplexe Themen hält sie für nicht geeignet, um in Form von Sachcomics behandelt zu werden. In ihrer später vorgenommenen Bewertung des Transformationscomics hält Jüngst dieses Projekt jedoch dennoch für überaus geglückt (Jüngst 2013). Damit revidiert die ausgewiesene Sachcomic-Expertin in gewisser Weise ihre eigene frühere Einschätzung, da der Transformationscomic ja ein sehr komplexes Thema behandelt. Um diese hohe Komplexität übersichtlich zu gestalten,  war es also auch rückwirkend betrachtet sehr sinnvoll, die generelle Gliederung des zugrundeliegenden Gutachtens zu durchbrechen und strikt in historische Einleitung, ein Übersichtskapitel, die Problemanalyse-Kapitel, ein Mutmacher-Kapitel, und mehrere Lösungsansatz-Kapitel (Technologie, Globale Kooperation, Finanzierung, Politik) sowie ein finales, gesellschaftliches Involvementkapitel klar zu differenzieren. Einige Leser bzw. Testpersonen vermissten allerdings comic-typischere Narrative. Auch die Personalisierung und die Authentifizierung erscheinen geglückt, wenn auch einige wenige Befragte dies anders sahen. Insgesamt zeigen alle Umfrageergebnisse und Diskussionen nicht nur mit Lesern, sondern auch mit Wissenschaftlern und Comic-Spezialisten, dass hier Meinungen und Einschätzungen doch sehr weit divergieren können. So sind viele von den geschilderten Arbeitsumgebungen der Protagonisten angetan, einige halten dies für eher langweilig. Die Illustrationen und Umsetzungen der Infografiken halten viele für sehr gelungen, einige wenige kritisieren sie. Emotionale Zugänge sind vorhanden, etliche finden sie zu gering entwickelt, anderen sind sie bereits zu stark und damit manipulativen Charakters. Die meisten halten die Verkürzung der Texte auf Sprechblasen und kurze Kastentexte für gelungen und beurteilen die Texte als sachlich, jedoch gut verständlich. Manchen sind sie zu komplex, einigen zu langweilig.

Abb. 6: Buchcover des Transformationscomics (Hamann et al. 2013)

Abb. 6: Buchcover des Transformationscomics (Hamann et al. 2013)

Da kein Buch, sei es Sachbuch oder Prosa nur Gefallen finden kann und da bei grafischen Formaten die Meinungen gerne noch weiter auseinandergehen, ist wegen der doch deutlich überwiegend positiven Kritik und Einschätzung aller befragten, rezensierenden oder wissenschaftlich (etwa im Rahmen von Masterarbeiten) daran arbeitenden Personen das Projekt aus unserer Sicht als insgesamt sehr erfolgreich anzusehen. Ein Vorbehalt gilt jedoch weiterhin. Auch insgesamt sehr positiv einschätzende Personen, wie etwa die Studierenden der Geographie oder die am Projektunterricht beteiligten Schüler sahen die Inhalte zwar richtig und verständlich wiedergegeben, die Lektüre zum Denken anregend und Mut auf Beteiligung machend. Dennoch meinten etliche dieser Personen bei entsprechenden Fragen auch, dass Comics allgemein zu „flach“ oder zu „unseriös“ seien, was die Geschichte der Sachcomics sowie ihre aktuelle Vielfalt verkennt und wohl teilweise deutschlandspezifisch ist, da Deutschland etwa im Unterschied zu den USA, Frankreich oder Japan über eine nur mäßig ausgeprägte Comic-Kultur verfügt. Obwohl Jüngst (2013) meint, der Transformationscomic „widerlegt sehr schön die ad nauseam wiedergekäute These, dass Comics Analphabetenliteratur seien“, sitzt das entsprechende Vorurteil dennoch weiterhin bei vielen weiterhin tief. Gefördert werden kann der Eindruck auch dadurch, dass etliche sehr interessante Sachcomics, etwa zum Thema Plastikmüll in den Ozeanen zwar künstlerisch wertvoll sind und auch konkrete hilfreiche Problembeschreibungen liefern, jedoch hohe Anteile an fiktionalen Elementen beinhalten, in dem sie etwa „echte“ Superheroes (z.B. Harris & Morazzo 2013) oder fiktionale Technologien wie die eines auf Plastik spezialisierten Magneten, welcher Plastik aus dem Meer ziehen kann, darstellen (Klobouk 2012).

Darüber hinaus erinnern sich die meisten Leser an viele fiktionale klassische Unterhaltungscomics, in denen Wissenschaftsintegration ohne Wahrheitsanspruch verwendet wurde oder wird. Zu nennen wären hier etwa Daniel Düsentrieb aus den Donald Duck-Comics, Superman, Batman und ähnliche Superheldengeschichten, aber auch das gesamte Science-Fiction Comic Genre.

In diesem Kontext – und unterstützt durch alle erarbeiteten Ergebnisse – sind wir in Anlehnung, aber auch Modifikation der Thesen von Jüngst (2010) sowie der Kriterien zur Erstellung journalistischer Comics von Plank (2013) der mit diesem Projekt begründeten Ansicht, dass die Vermittlung komplexer, zukunftsrelevanter Wissenschaftsthemen in Verbindung mit transdisziplinären Elementen, wie Handlungsempfehlungen, darunter auch Empfehlungen zur Werteveränderung gelingen kann, wenn

  • fiktionale Elemente vermieden bzw. bestenfalls als Gimmicks oder sich eher zurücknehmende Sidekicks verwendet werden,
  • die Ansprüche an Authentizität und Dokumentation ähnlich hoch wie bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen und mindestens so hoch, wenn nicht höher als bei sehr gut recherchierten klassischen Medienartikeln sind,
  • die Texte dennoch leicht verständlich, jedoch nicht simplifizierend sind,
  • die Illustrationen ästhetisch, aber auch leicht erkennbar, mit einer klaren Tendenz zu realitätsnahen Darstellungen gestaltet werden,
  • Text und Bildsequenzen sich in geeigneten Fällen zwar komplementär verhalten können, gerade bei schwierigen Passagen sich jedoch eher gegenseitig stützend, also verstärkend verhalten sollten,
  • bei komplexen Sachcomics emotionale Elemente sowohl in Wort als insbesondere auch im Bild zwar verwendet werden sollten, insgesamt jedoch eher zurückhaltend einzusetzen sind,
  • der Leser nicht mit einer Situationsanalyse allein zurückgelassen wird, sondern konkrete Handlungsoptionen zumindest diskutiert werden und sich der Leser hierbei einbezogen fühlt.

Insgesamt kann auch aufgrund unserer Untersuchungen angenommen werden, dass die Behandlung komplexer Zukunftsthemen komplexes, vielschichtiges Lernen in der Schule befördern, sofern ein geeignetes Medium, wie etwa ein dem Transformationscomic entsprechender Sachcomic als Ausgangsmaterial verwendet wird. Nach Yang (2003) und weiteren Autoren ergeben sich gerade durch (Sach-) Comics Vorteile für die Bildung und Wissenskommunikation. So sind Comics

  • motivierend: positiver Zugang, Bildsprache ggf. tief im Menschen verwurzelt (Beispiele Trajansäule, Teppich von Bayeux, Altamira etc.)
  • visualisierend: „puts a human face on a given subject“ (Versaci 2001), baut eine persönliche, emotionale Verbindung zwischen Leser und Charakteren eines 
Comics. Erleichtert das Lesen uvm.
  • permanent: im Unterschied zu Film gibt der Leser die Geschwindigkeit des Vorankommens vor, hat Vor- und Rückschaumöglichkeiten, verordnet Zeit räumlich (McCloud 1993), „slow media“
  • intermediär: vermittelt zwischen Text und Bild, zwischen verschiedenen Disziplinen und Konzepten (z.B. Versaci 2001)
  • populär: überbrückt die Kluft zwischen Leben innerhalb und außerhalb der Schule (Morrison et al. 2002), erlaubt Schülern das Studium aktueller Lebensstile, Mythen und Werte (Brocka 1979)

Im Schulunterricht geht es um den Erwerb vielfältiger Kompetenzen, wie Kulturfähigkeiten (z.B. Schreiben, Lesen, Rechnen), Information (z.B. Verfügungswissen, Bildungswissen), handwerklichem Können (z.B. Spielen von Musikinstrumenten), sozialen Umgangsformen (z.B. sprachlicher Auseinandersetzung), aber auch von gefühlsmäßigen Einstellungen, grundsätzlichen Haltungen, Werten, Ich-Bewusstsein, Identität und Selbstwirksamkeit. Wir postulieren, dass die Behandlung des Transformationsthemas im Unterricht mit Hilfe des Transformationscomics sowie der Lehrerhandreichungen (insb. bei Verwendung der Design-Thinking-Methode, Plattner et al. 2009, Zea-Schmidt & Hamann 2013) den Erwerb multimodaler Fähigkeiten insgesamt unterstützen kann (vgl. auch Jacobs 2007). So könnten Kulturfähigkeiten etwa durch das Üben vom Umgang mit Visionen und Wahrscheinlichkeiten, Informationsfähigkeiten durch Einüben von vernetztem Wissen, handwerkliches Können durch gestalterische Fähigkeiten aus dem Projektunterricht und soziale, emotionale und normative Fähigkeiten durch eigene empirische Datenerfassung (z.B. in Interviews oder partizipativen Projekten), Rollenspiele, Entwicklung von Prototypen sowie Umsetzung von Projekten basierend auf dem Transformationscomic entwickelt und erweitert werden.

Das Projektteam:
Prof. Dr. Reinhold Leinfelder (Projektleitung), Alexandra Hamann, Claudia Zea-Schmidt; die Illustratoren Jörg Hartmann, Jörg Hülsmann, Iris Ugurel, Robert Nippoldt, Christine Goppel, Astrid Nippoldt; alle WBGU-Beiräte der 5. Berufungsperiode (1.11.2008-28.2.2013); Dr. Hauke Hellwig, Anneli Rost, die Masterarbeitsautoren Susanne Knorr, Robert Koch, Robert Reile; die Referendare Nicola Leu, Steffen Sladek, sowie viele weitere Beteiligte (siehe Leinfelder 2014).

Das Projekt wurde mit finanzieller Unterstützung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Freie Universität Berlin durchgeführt. Die Erstellung der Lehrerhandreichungen wurde durch finanzielle Unterstützung der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft des Landes Berlins ermöglicht.

© R. Leinfelder 2014

Literatur

  • Alves, T, McMichael, A., Simões, A., Vala, M., Paiva, A. & Aylett, R. (2007): Comics2D: Describing and creating comics from story-based applications with autonomous characters. International Conference on Computer Animation and Social Agents, Proceedings CASA 2007 Conference 11-13 june 2007, Hasselt, Belgium. http://www.tiagoalves.net/
comics2d/GeneratingGraphicalContentForComics_CASA2007.pdf
  • Brocka, B. (1979): Comic books: In case you haven’t noticed, they’ve changed.- Media and Methods, 15 (9), 30-32.
  • Dolle-Weinkauff, B. (1990): Comics. Geschichte einer populären Literaturform in Deutschland seit 1945, 390 S., Weinheim und Basel (Beltz-Verlag)
  • Hamann, A., Zea-Schmidt, C. & Leinfelder, R. (Hrsg.) (2013): Die Große Transformation. Klima – Kriegen wir die Kurve? (Graphik Hartmann, J., Hülsmann, J., Nippoldt, R. et al.; in Kooperation mit dem WBGU), 144 S., Berlin (Jacoby & Stuart)Hangartner, U., Keller, F. & Oechslin, D. (eds) (2013a): Wissen durch Bilder. Sachcomics als Medien von Bildung und Information.- 330 S., Bielefeld (transcript Verlag)
  • Harris, J.  & Morazzo, M. (2013): Great Pacific. Trashed! – unnummerierte Seiten, Image Comics, Inc.
  • Jacobs, D. (2007): More than Words: Comics as a Means of Teaching Multiple Literacies.- The English Journal, 96 (3), 19-25 (National Council of Teachers of English, http://www.jstor.org/stable/30047289)
  • Jüngst, H.E. (2010): Information Comics.- Leipziger Studien zur angewandten Linguistik und Translatologie, 7, 366 S., Univ. Leipzig (Verlag Peter Lang)
  • Jüngst, H.E. (2013): Aktuell, anspruchsvoll, anregend (Rezension zu Die Große Transformation).- In: 1000 und 1 Buch, Das Magazin für Kinder- und Jugendliteratur, 3/2013, S. 68, Wien (Institut für Jugendliteratur).
  • Leinfelder, R. (2014, coord.): Abschlussbericht zum BMBF-geförderten Projekt: „Das WBGU-Transformations-Gutachten als Wissenschaftscomic: Ein Kommunikationsprojekt zu alternativen Wissenstransferansätzen für komplexe Zukunftsthemen“ (Projekt-Nr. FKZ 01WJ1213).- 68 S. (Teil 1, Bericht) + 192 S. (Teil 2: Anlagen 1-12) + 144 S. (Teil 3, Anlage 13, Transformationscomic, siehe Hamann et al. 2013) (unveröffentlichter Projektbericht)
  • Klobouk, A. (2012):  Polymeer. Eine apokalyptische Utopie.- unnummerierte Seiten, Berlin (Onkel & Onkel).
  • Koch. R. (2014): Identifizierung von Kriterien zum Lehren und Lernen mit Comic ähnlichen Medien im Biologieunterricht und ihre Anwendung auf die grafische Novelle „Die große Transformation: Klima – Kriegen wir die Kurve?“ – 63 S. + Anhänge, Masterarbeit, AG Fachdidaktik und Lehr-/Lernforschung Biologie, Humboldt Universität zu Berlin (unveröffentlicht).
  • Knorr , S. (2014): „Die große Transformation. Klima – Kriegen wir die Kurve?“ Das WBGU-Gutachten in Form eines Comics – Ein Beitrag zur Popularisierung integrativer Themen in der Geographie.- 79 S. + Anhang., Masterarbeit FB Geowissenschaften, Freie Universität Berlin (unveröffentlicht).
  • Mahrt, N., Packard, S. & Wilde, L. (2013): Tagungsbericht „Comics und Naturwissenschaften“ 8. Wissenschaftstagung der ComFor „Comics und Naturwissenschaften“, 15.-17.11.2013, Univ. Erlangen.  
http://www.comicgesellschaft.de/?p=4771
  • McCloud, S. (1993): Understanding Comics. New York (Harper Collins). Hier in der deutschen Übersetzung verwendet: McCloud, S. (2001): Comics richtig lesen. Die unsichtbare Kunst.- 224 S., Hamburg (Carlsen)
  • Plank, L. (2013). Gezeichnete Wirklichkeit : Comic – Journalismus und journalistische Qualität Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades eines Master in Social Sciences (MA), 185+39 S. Wien (FH Wien, Fachhochschul – Studiengang Journalismus & Neue Medien, 2013).
  • Plattner, H., Meinel, C. & Weinberg, U. (2009): Design-Thinking. Innovation lernen – Ideenwelten öffnen.- 224 S., mi-Wirtschaftsbuch, München (FinanzBuch Verlag)
  • Reile, R. (2013): Schülervorstellungen zur biologischen Vielfalt als ein Indikator für nachhaltige Entwicklung unter Einfluss des Comics „Die große Transformation“ im Biologieunterricht in der Sek. II.-  46 S. + Anlagen, Masterarbeit, AG Fachdidaktik Biologie, Humboldt Universität zu Berlin (unveröffentlicht).
  • Versaci, R. (2001): How Comic Books Can Change the Way Our Students See Literature: One Teacher’s Perspective.- The English Journal, 91/2, S. 61-67.
  • WBGU (Schellnhuber, H.J., Messner, D., Leggewie, C., Leinfelder, R., Nakicenovic, N., Rahmstorf, S., Schlacke, S., Schmid, J. & Schubert, R.) (2011): Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation.- Hauptgutachten, Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, 420 S. (WBGU, Berlin),
  • Yang, G. (2008): Graphic novels in the classroom.- Language Arts, 85/3, S. 185–195.
  • Zea-Schmidt & Hamann, A. (2013): Lernen in globalen Zusammenhängen. Die große Transformation. Jahrgangsstufe 9 und 10. Materialien für den Unterricht.- 64 S., Berlin (Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft / Engangement Global). (kostenlos bestellbar bei SenBild-Berlin, solange Vorrat reicht. Download als pdf unter http://www.berlin.de/imperia/md/content/sen-bildung/ganzheitliche-bildung/die_grosse_transformation_web.pdf?download.html

(weitere Literatur in Leinfelder 2014 coord).

Adresse des Autors: Prof. Dr. Reinhold Leinfelder, Institut für Geologische Wissenschaften, Freie Universität Berlin, Malteserstraße 74 – 100, Haus D, 12249 Berlin sowie Exzellenz-Cluster „Bild Wissen Gestaltung“ Philosophische Fakultät III, Humboldt-Universität, Sophienstr. 22a, 10178 Berlin. reinhold.leinfelder@fu-berlin.de

Diese online-Publikation sollte folgendermaßen zitiert werden: Leinfelder, R. (2014): Das WBGU-Transformations-Gutachten als Wissenschaftscomic: Ein Kommunikationsprojekt zu alternativen Wissenstransferansätzen für  komplexe Zukunftsthemen – Ergebnisübersicht.- 8 S., SciLogs – Der Anthropozäniker (Spektrum der Wissenschaft). 
http://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/trafocomicprojekt, DOI: 10.13140/2.1.1973.0728

>> pdf-Version dieses Artikels,  DOI: 10.13140/2.1.1973.0728

Reinhold Leinfelder

Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Seit Sept. 2014 ist er Gründungsdirektor des Futurium (vormals Haus der Zukunft) in Berlin. Außerdem ist er Professor an der Freien Universität zu Berlin, Sprecher des Basisprojekts "Die Anthropozän-Küche. Das Labor der Verknüpfung von Haus und Welt" am Exzellenzcluster "Bild-Wissen-Gestaltung" der Humboldt-Universität zu Berlin sowie affiliate Carson Professor am Rachel Carson-Center for Environment and Society an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Von 2006-2010 war er Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, von 2008-2013 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen bei der integrativen Biodiversitätsforschung (mit Schwerpunkt Korallenriffe), neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers, Museologie sowie dem Anthropozän.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wir postulieren, dass die Behandlung des Transformationsthemas im Unterricht mit Hilfe des Transformationscomics sowie der Lehrerhandreichungen (insb. bei Verwendung der Design-Thinking-Methode, Plattner et al. 2009, Zea-Schmidt & Hamann 2013) den Erwerb multimodaler Fähigkeiten insgesamt unterstützen kann (vgl. auch Jacobs 2007).

    Dies ist zu hoffen, btw: es könnte hier ein Genre-Problem vorliegen, möglicherweise ist ein nicht komisches Comic in sich problematisch.

    MFG
    Dr. W

    • Reinhold Leinfelder

      Tja, hier ist es wieder, das Vorurteil – Comics müssen komisch sein. So ging das mal im 18.Jhd. an, und viele von uns sind halt mit Fix und Foxi oder Mickey Mouse aufgewachsen. Im späteren 20. Jahrhundert hat man sich aber zunehmend davon gelöst, spätestens seit Art Spiegelmans Maus (erster Band 1980) sollte klar sein, dass Comics (oder falls länger Graphic Novels) durchaus auch ernste Themen behandeln können und gerade auch dafür Vorteile bieten. Die heutige Definition von Comics bezieht sich nicht mehr auf die etymologische englische Bedeutung des Wortes. Die Definition entspricht eher sequenziellen Bildergeschichten (bande dessinnée). Der Wikipedia-Eintrag zu Comics ist hier recht informativ (Stand 10.5.14): http://de.wikipedia.org/wiki/Comic. Hier werden Comics folgendermaßen definiert: „Comic [ˈkɒmɪk] ist der gängige Begriff für die Darstellung eines Vorgangs oder einer Geschichte in einer Folge von Bildern. In der Regel sind die Bilder gezeichnet und werden mit Text kombiniert; das Medium Comic vereint Aspekte von Literatur und bildender Kunst, wobei der Comic eine eigenständige Kunstform und ein entsprechendes Forschungsfeld bildet. Gemeinsamkeiten gibt es auch mit dem Film. Als genre-neutraler Begriff wird auch „sequenzielle Kunst“ verwendet,…“

      • Ihr Kommentatorenfreund macht nur auf bestimmte Entwicklung, die Etymologie betreffend, aufmerksam, die wegen ihrer Aktualität auch als zeitgenössisch/modisch und als Begriffe umdeutend aufgefasst werden könnte.
        Es sind keineswegs nur unkomische Comics gemeint.


        Ansonsten, Dr. Webbaer hatte mal seine Nase drin im hier gemeinten Comic:
        Kam dort nicht vielleicht die skeptische Sicht auf die zeitgenössische Klimatologie mit sich anschließender Prognostik ein wenig zu kurz? [1]

        MFG
        Dr. W

        [1] Angemessene Begründung für diese Skepsis, die natürlich nicht umfassend ist, könnte jederzeit geliefert werden – Sie kennen aber vermutlich die wichtigen der Sache angemessenen Kritikpunkte selbst.

        • Reinhold Leinfelder

          ad 1: es gibt keinen Kommentatorenfreund. Ich weiß nicht, wer den Wikipediaartikel zu Comics geschrieben hat.
          ad 2: Klimawandelskeptiker: Ziel des Sachcomics war es, die Inhalte des WBGU-Transformationsgutachtens zu vermitteln.Bei unserer anonymen Online-Umfrage gab es allerdings auch Fragen wie „Das Wissensangebot im Comic erscheint mir einseitig manipulativ“. Klimawandelskeptiker und -leugner hatten darüberhinaus die Gelegenheit für Volltextkommentare und haben sie auch kräftig genutzt. Selbstverständlich wurden alle Kommentare oder Antworten für die Auswertung berücksichtigt.

          • Klimawandelskeptiker und -leugner hatten darüberhinaus die Gelegenheit für Volltextkommentare und haben sie auch kräftig genutzt. Selbstverständlich wurden alle Kommentare oder Antworten für die Auswertung berücksichtigt.

            Gerne mal beispielhaft das eingearbeitete Feedback von Kritikerseite [1] an Hand der Auswertung belegen. – Ein kleiner Webverweis genügt.

            MFG
            Dr. W

            [1] Es geht diesem Kommentatoren, der auch Freund sein kann, natürlich nicht um generelle Wissenschaftsgegner („Wissenschaftsfeinde“) oder „Klimaleugner“.

          • Reinhold Leinfelder

            nochmals kurz dazu: Schauen Sie einfach z.B. auf Abb. 3, rechte Säule in obiger Abbildung, da sehen Sie dass alles eingearbeitet ist. Weiteres kommt dann später dazu.

          • Hmja, das wird alsbald sicher schön werden. Vielen Dank für Ihre Nachricht.

            Ansonsten angemerkt: Wäre es vielleicht eine Idee anfallende Kommentatorik nicht systemgesteuert in die Moderation gehen zu lassen, sondern stattdessen default-mäßig und „Realtime“ den möglichst freien Austausch zu suchen?! [1] [2]

            MFG
            Dr. W

            [1] sofern die Nachricht von Störern * nicht Überhand nimmt, der Schreiber dieser Zeilen kennt die hiesigen Verhältnisse nicht – grundsätzlich gilt es aber die Schwarmintelligenz abzugreifen und sich nicht einmal den Anschein des Elit(ar)ismus zu geben – dies eher am Rande von der älteren Kraft angemerkt

            * ‚Trolle‘ gibt es nicht, sondern sind nur ein Abbild unbotmäßiger Meinung, Störer (Definition: Sie wollen Inhaltsangebot bewusst oder unbewusst schaden und sind zu moderieren) gibt es, sind aber se-ehr selten.

            [2] Es scheint hier eine Art Abschottung seitens des klimatologischen Lagers zu geben, Probleme sozusagen auf den Honk zuzugehen, hier könnte vielleicht ein wenig mehr Offenheit gewagt werden.

  2. Pingback: Wie wär’s mit einem “Tag der Neubewertung” zum Jahreswechsel? Prosit! › Der Anthropozäniker › SciLogs - Wissenschaftsblogs

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