Wie wär’s mit einem “Tag der Neubewertung” zum Jahreswechsel? Prosit!

Alle Jahre wieder kommen nicht nur das Christkind / der Weihnachtsmann / die Geschenke, sondern auch die guten Wünsche und Vorsätze für das Neue Jahr. Was alles habe ich dieses Jahr wieder nicht geschafft, was aber nächstes Jahr nicht wieder passieren darf? 10 Kilo abnehmen, mehr mit den Kindern zusammensein,  weniger in Facebook rumhängen, mal wieder mehr gute Bücher lesen oder einfach mal die Steuererklärung rechtzeitig fertigbekommen?  Ja, und natürlich persönliche, materielle oder ideelle Wünsche: auf dass der Schiurlaub nächstes Jahr aber klappen wird, das Geld für die überfällige neue Küche zusammen kommen möge und hoffentlich die Tochter den fast-schon-Schwiegersohn endlich heiraten wird.  Alles keine verwerflichen Dinge, ganz und gar  nicht, aber wir bleiben damit halt auch in unserer kleinen persönlichen Welt und in Pfaden, wie wir sie kennen und irgendwie halt doch schätzen gelernt haben bzw. sie zumindest als gegeben bzw. erstrebenswert hinnehmen, weil sie uns auch vermeintliche Sicherheit geben. Für alle anderen Dinge hatten wir ja gerade die päpstliche Urbi et Orbi-Weihnachtsbotschaft, ja, da schließen wir uns doch gerne noch an!  Das reicht dann aber auch, ok, vielleicht noch ein bisschen was spenden?  Auch gut, klar!

Themenwechsel (oder vielleicht doch nicht?):  Wir sind uns doch in folgendem einig, oder? Zumindest ist dies hier das Thema im Blog: Um eine Transformation zu einem zukunftsfähigen Anthropozän hinzubekommen, hilft es nichts, nur mit dem Finger auf die anderen (die UN, die eigene Regierung, die Schwellenländer, die anderen Mitbürger, welche nicht mitmachen) zu zeigen, richtig? Eigentlich brauchen wir ein neues Verständnis der Welt, wie alles mit allem zusammenhängt, wie lokales Handeln globale Auswirkungen hat, wie globales Shoppen Chancen für Entwicklungsländer eröffnen, aber auch viel lokales und regionales Leid verursachen kann, wie kurzfristiges Handeln Auswirkungen über geologische Zeiträume haben kann und wie wir eben insgesamt Teil eines integrierten Erdsystems sind. Mit anderen Worten, wir brauchen so etwas wie einen Gesellschaftsvertrag für diese Transformation, bei der möglichst viele mitmachen, also neben der Politik und dezidierten Aktions- oder Umweltgruppen eben auch die Wissenschaft, innovative Unternehmen, Bildung, vorhersehende Behörden, aber eben vor allem auch jeden von uns. Dazu ist viel geschrieben worden, bis hin zu Comics, wir kennen das Thema also.

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Frohe Weihnachten, einen erfolgreichen “Revalidation Day” und ein mutiges Neues Jahr (gescribbelt von R. Leinfelder)

Denkschubladen: Davon wollen wir über die Festtage aber mal lieber nicht schon wieder reden, oder? Das ist ja auch verständlich, denn unsere Entschuldigungsmechanismen funktionieren gerade an Festtagen ganz besonders gut. Und es ist ja auch nichts dagegen zu sagen, sich mal den Kopf für ein paar Tage freizumachen von Sorgen und Beklemmungen. Aber passt es dazu, sich fürs nächste Jahr doch wieder dieselben Muster wie jedes Jahr herbeizuwünschen? Dies auch noch in einer Zeit, in der wir konkret wieder zusehen müssen, welche Ängste vor der Zukunft auch bei uns (angeblich) vorhanden sind, die derzeit auch noch von Populisten kräftig geschürt und ausgenutzt werden. Wäre denn nicht gerade die Jahreswende der beste Zeitpunkt, sich anderes vorzunehmen? Überflüssiges loszuwerden, anderes auf dem persönlichen Teststand zu prüfen und dann bewusst zu behalten? Ich meine damit unsere generellen Sichtweisen auf die Welt incl. unserer persönlichen schwarz-weiß-Muster und Denkschubladen. Vermutlich wäre es zuviel verlangt, alles laufend zu hinterfragen, täglich Dinge neu zu bewerten. Vermutlich würden wir uns dabei verheddern, wüssten gar nicht mehr, was für uns richtig oder falsch ist und würden damit erst recht nichts neues anpacken. Vermutlich gilt es also zu  akzeptieren, dass wir uns nicht täglich neu definieren und neu erfinden können. Wir brauchen Zugehörigkeit zu Gruppen, unsere Standpunkte und den Rückgriff auf unsere anscheinend bewährten Erfahrungen. Überlieferungen, unsere Erziehung und unser eingeübtes Sozialverhalten helfen uns, einigermaßen gut durch den Alltag zu kommen. Vielleicht denken zwar einige bei jedem Rotlicht an der Ampel nach, ob sie nicht doch über die Straße gehen sollten, die meisten verlassen sich einfach darauf, dass die konventionelle Regelung, bei Rot stehen zu bleiben, in der Summe ok ist, selbst wenn gerade mal kein Auto kommt. Die Handtasche auf dem Weihnachtsmarkt nahe am Körper zu tragen, scheint durchaus auch noch fürs nächste Jahr seine Berechtigung zu haben. Und die Nachbarin freundlich zu grüßen, hilft auch, um eventuelle Probleme, vielleicht mit der Lautstärke unserer Silvestermusik, gar nicht erst aufkommen zu lassen. Kurzum, Konventionen und etablierte Ansichten helfen uns, leichter durch den Alltag zu kommen und für viele Dinge brauchen wir auch unsere Schubladen, um rasch reagieren zu können und keinen ständigen mentalen Overload im eigenen Hirn zu generieren.

Schubladensichtung und ein neuer Silvesterbrauch? Aber wie wäre es, wenn wir wenigstens einmal im Jahr alles in diese Schubladen sehr kritisch anschauen, also unsere Meinungen, Überzeugungen, sog. positiven Erfahrungen, aber auch unsere Emotionen, Befürchtungen und Ängste auf den Prüfstand stellen?  Vieles davon war zu seiner Zeit vermtluch berechtigt, vielleicht ist es das immer noch, vielleicht aber eben auch nicht? Könnte es nicht so ähnlich sein, wie mit der Technikentwicklung? Was für Meisterleistungen waren etwa die Dampfmaschine, der Dieselmotor, die Erfindung von Plastik, die Grüne Revolution. Zu ihren Zeiten waren sie positiv zu sehen, haben enorm viel neues bewirkt, vieles vereinfacht, was zuvor sehr mühsam war. Allerdings ist all diesen Dingen keine Garantie für die Ewigkeit beigefügt Die Aufskalierung der Motorisierung, der Nutzung von Plastik und der landwirtschaftlichen Produktion haben den Gebrauch dieser Dinge vom Positiven ins Bedenkliche gedreht, deswegen suchen wir nach neuen Lösungen, die wir grundsätzlich auch jetzt wieder haben. Viele wollen allerdings nicht von dem sogenannten Bewährten weg, blenden die inzwischen negativen Auswirkungen aus bzw. verweigern sich zumindest neuen Lösungen.

Auch wenn wir für die Energiewende, für weniger Fleisch essen, für weniger Plastik, für weniger Müll usw sind, wir (der Autor selbstverständlich inbegriffen) sind gut in allen möglichen Arten von Selbstentschuldigungen und getrauen uns nicht wirklich, neues auszuprobieren, vielleicht auch, weil wir nicht genügend sehen, ob andere da mitmachen würden. Der erste Schritt wäre also doch, seine eigenen Verhaltensmuster regelmäßig zu überprüfen. Leichter gesagt als getan. Aber wenn dies alle machen würden,  sogar darüber reden würden, ihre neuen Erfahrungen dazu schildern würden? Wie wäre es also mit einem neuen Silvester-Brauch, bei dem wir uns von Überflüssigem, Sich-selbst-überlebt-habendem, kontraproduktiv Gewordenem trennen und uns mutig, gerne auch gemeinsam auf neues, bislang vielleicht von uns argwöhnisch betrachtetes, einlassen. Kann ja sein, dass wir uns damit täuschen, aber in einem Jahr könnten wir uns ja ggf. wieder davon verabschieden, falls sich dies nicht bewährt haben sollte. Weg mit Dingen, die uns die Zukunft für uns selbst und für nachkommende Generationen verbauen! Darauf könnte man doch sehr gut anstoßen! Ich wünsche mir den Jahreswechsel als “Tag der Neubewertung” hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit unseres eigenen Verhaltens. Social Media, Slams, Varietés, Cabarets, Theater, Medien, alle greifen das Thema auf, das kann richtig lustig werden. Endlich mal ein Gesellschaftsouting, was Mut machen könnte, gerne auch mit vielen Selfies dazu! Ich glaube, so etwas könnten wir für ein zukunftsfähiges Anthropozän gut gebrauchen, jedenfalls viel besser als Bleigießen. Statt Kaffeesatzlesen für die Zukunft lieber selbst anpacken und die Zukunft gestaltend angehen, und dazu gehört vor allem auch, manch altes loszulassen und neues auszuprobieren.

Prosit! Willkommen im Anthropozän!

Ihr/Euer Reinhold Leinfelder

Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Er ist Professor an der Freien Universität zu Berlin (Leiter der Arbeitsgruppe Geobiologie und Anthropozänforschung) sowie Principal Investigator am Exzellenzcluster "Bild-Wissen-Gestaltung" der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2012 ist er Mitglied der internationalen Anthropocene Working Group der International Stratigraphic Commission. Von 2006-2010 war er Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, von 2008-2013 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), von 2011-2014 Research Fellow und affiliate Carson Professor am Rachel Carson Center an der LMU, München, von 1. Sept. 2014 bis 15. Sept. 2016 Gründungsdirektor der Futurium gGmbH in Berlin. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen beim Anthropozän, Korallenriffen, neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers und Museologie | Homepage des Autors | blog in english, via google translate

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