Gastbeitrag: Von Visionären und Praktikern

Kaum hab ich zwei Beiträge in diesem Weblog geschrieben, gibt’s schon den ersten Gastbeitrag. Der Artikel Wie viel Vision darf sein hatte die Gemüter erhitzt, auch in Twitter. So ist Maik Riecken aka @mccab99 auf die Geschichte aufmerksam geworden und gibt hier seinen Gedanken dazu Ausdruck, die definitiv nicht in 140 Zeichen passen. Bitte schön, Maik!

Der Praktiker

Weißt du Visionär eigentlich, woher ich dich als Praktiker kenne? Gar nicht. Aber ich kenne deine Produkte, die z.B. Eingang in die amtlichen Vorgaben für meinen Unterricht gefunden haben. Und ich kenne deine Antworten auf meine Kritik an dir. Wer „du“ eigentlich bist, das weiß ich nicht. Ernst nehmen kann ich kaum eines deiner Produkte der letzten Jahre. Außerdem kann ich nur ahnen, wie du in Kommissionen deine Ideen durchsetzt. Aber ich denke mich dir so: Du Visionär sitzt an irgendeiner Fachhochschule oder Universität. Wenn du gut bist, betreust du didaktische Seminare von angehenden Lehrerinnen und Lehrern. Wenn du besser bist, hast du seit deiner eigenen Schulzeit auch hin und wieder unterrichtet – aber das ist eher selten. Als ganz schlimm erlebe ich oft Menschen aus deinen Kreisen, die selbst einmal Lehrer gewesen sind und meinen, die Lage an den Schulen daher zu kennen. Das tust du nicht. Das konstruierst du dir allenfalls aus deinen Kontakten in die Schulwelt. Aber auf jeden Fall weißt du aber, woran unsere Schule heute krankt. Das belegen dir zahlreiche Statistiken und Evaluationen. Deswegen entwickelst du neue Methoden und Ansätze. Diese lässt du von willigen Lehrkräften oder Praktikanten unter deinen Studenten im Unterricht erproben. Mit ihren Rückmeldungen verfasst du ein Paper. Viele Visionäre wie du treffen in Kommissionen der Kultusministerien zusammen und erarbeiten auf Basis von vielen Papieren und gemeinsam mit Lehrkräften das neue Curriculum für den neuen Unterricht – ach was, für die neue Schule!

Die von dir mit erarbeiteten Vorgaben werden in einem Bundesland verbindlich und es geschieht – nichts. Im Gegenteil: Du musst mit ansehen, wie das System Schule deine Ideen so in seinen Alltag einbaut, dass sie möglichst wenig stören. Das System hat darin Übung. Es hat viele Visionäre vor dir gesehen. Du findest das System Schule daraufhin doof. Du sagst, was es machen soll, aber keiner tut es. Du weißt, wie man guten Unterricht erkennt, du kannst aber nicht erklären, wie man ihn macht. Du willst doch nur helfen. Du hegst den Gedanken, dass es mittelfristig ohne Zwang und Austausch von Personal wohl nicht gehen wird.

Ich prangere dich an, du Visionär…

… weil du für dich das Recht beanspruchst, es besser zu wissen, aber oft nicht die Notwendigkeit siehst, es selber umzusetzen.

… weil du von Dingen sprichst, die du misst oder messen lassen hast ohne zu realisieren, dass deine Stichprobengrößen selten in den Bereich mathematisch fundierter Aussagekraft kommen. Das begründest du übrigens oft mit „fehlenden Mitteln“, „wenig Personal“, „flächendeckend unmöglicher Durchführbarkeit“

… weil du im Erfolgsfall die Lorbeeren für dich beanspruchst und im Falle des Scheiterns das System oder die mangelnde Bereitschaft der Praktiker verantwortlich machst.

… weil man dich oft genug zufriedenstellen kann mit irgendwelchem ungelebten Konzeptgeseier. Man nehme deine Buzzwords, setze sich einen Nachmittag hin und verfasse mit dem Impetus eines Parodisten für dich ein wenig Metageseier – und schon bist du des Lobes voll.

Der Visionär

Weißt du Praktiker eigentlich, woher ich dich als Visionär kenne? Gar nicht. Aber ich kenne deine Produkte, die sich z.B.  niederschlagen in desolaten Erfolgszahlen von deutschen Schulen, die sich niederschlagen in wachsender sozialer Ungerechtigkeit in unserem Land. Und das in Zeiten, in denen sich eine Volkswirtschaft wie unsere kein Kind leisten kann, was zurückbleibt – schließlich lebt dieses Land von Kreativität und Ideen – Bodenschätze sind eher rar. Ich schüttle den Kopf über
dich. Ich stelle mich dir so vor:

Du Praktiker sitzt an irgendeiner Schule in diesem Land. Wenn du gut bist, schaust immer wieder einmal über den eigenen Tellerrand hinaus und nimmst aus Fortbildungen von mir und Kollegen Dinge mit in deinen Unterricht. Wenn du besser bist, probierst du neue Lernarrangements aus, auch auf die Gefahr hin, dass dich irgendwer sanktionieren könnte – aber das ist eher selten. Du begegnest mir mit Skepsis, du glaubst in der Regel nicht, dass sich durch meine Ideen im Schulsystem etwas bewegt. Du begründest das gebetsmühlenartig mit „schwierigen Umständen“, „schlechter Ausstattung“, zunehmender „emotionaler Verwahrlosung“ im Elternhaus oder überbordender Bürokratie – für die du mich auch noch verantwortlich machst und dabei deine eigene Verantwortung für das System Schule vergisst. Du bist kreativ – kreativ im Umgehen der von mir mit erarbeiteten Vorgaben für guten Unterricht, ach nein, für eine gute Schule! Du strukturierst dich einfach so um, dass du das Neue möglichst lange vermeidest. Dabei gerätst du mehr und mehr ins Hintertreffen, weil der Berg, den du irgendwann aufholen musst, immer größer wird. Eigentlich tust du mir Leid, weil du dir letztendlich selbst schadest, indem du dich der Freude und des Spaßes an deinem Beruf durch deine Schutzmechanismen beraubst. Und dann tust du mir nicht Leid, weil du schließlich neben dir selbst auch unsere Kinder beraubst.

Ich prangere dich an, du Praktiker …

… weil du dir in deinem zur Schau getragenen Leiden gefällst und es oft genug an die weitergibst, die nichts dafür können: unsere Kinder!

… weil du nichts als Misstrauen für neue Ideen übrig hast, weil du grundsätzlich annimmst, dass etwas undurchführbar sei, ohne es zumindest versucht und erlebt zu haben.

… weil du in deiner Begrenztheit – Redest du auf Partys eigentlich auch über andere Dinge als Schule? – gar nicht mehr erkennen kannst, dass dich viele Ideen ganz konkret in deinem Beruf unterstützen können, die du von vornherein ablehnst.

… weil dein Argument, ich hätte keine Ahnung, weil ich nicht im System Schule lebte, kolossal nervt. Man kann Dinge besser wissen, ohne sie selbst zu machen.

Ich sage:

Die Vision ist keine Arbeit im Vergleich zum Management des Change. Wenn wir unsere Rollen beide ernst nehmen, dann verwenden wir 10% unserer Zeit auf die Visionen und 90% auf das Change-Management, weil das die Arbeit ist, bei der der Praktiker Hilfe braucht und der Visionär zeigen kann, dass auch er Betonsäcke zu schleppen vermag.

Alles hat damit angefangen, dass Christian Spannagel mal gerne Lehrer werden wollte. Für Mathe und Latein. Man hat ihm damals abgeraten, weil es keine Stellen gibt und so. Stattdessen hat er Informatik studiert (was ihm auch Spaß gemacht hat). Irgendwie ist er trotzdem in den Bildungsbereich geraten. Zur Computernutzung beim Lernen und Lehren promoviert, zunächst an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg in der Mathematik- und Informatiklehrerausbildung tätig, nun Professor für Mathematik und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Inhaltlich beschäftigt er sich zudem mit Informatikdidaktik, E-Learning und öffentlicher Wissenschaft. Gerne schaut er über seinen Tellerrand (vielleicht hat sich ja eine Pommes verflüchtigt). In diesem Blog wird er sich allgemein mit Bildungsfragen befassen - da gibts viel zu sagen, und zwar aus ganz verschiedenen Perspektiven: Pädagogik, Psychologie, Fachdidaktiken, Neurodidaktik, Bildungspolitik, Schulpraxis, Hochschuldidaktik, E-Learning, ... (bitte ergänzen Sie die Liste durch drei weitere Disziplinen und begründen Sie Ihre Wahl!) Ach ja: auf Twitter ist er als @dunkelmunkel zu finden. Follow me! :)

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  1. Visionen – Arbeit – Definitionen

    Die Vision ist keine Arbeit im Vergleich zum Management des Change. Wenn wir unsere Rollen beide ernst nehmen, dann verwenden wir 10% unserer Zeit auf die Visionen und 90% auf das Change-Management, weil das die Arbeit ist, bei der der Praktiker Hilfe braucht und der Visionär zeigen kann, dass auch er Betonsäcke zu schleppen vermag.

    Die Idee der Zusammenarbeit gefällt mir und auch die Proportionen zwischen Vision und Change-Management – nur mit der Definiton von Arbeit hadere ich. Ich glaube, die größte Arbeit (sprich Aufgabe) liegt in der Vision – und zwar für Praktiker ebenso wie für Visionäre. Ist es nicht die größte Herausforderung, gemeinsam jenes eine Ziel des Bildungssystems zu formulieren und zu verinnerlichen?

    Ist das erst einmal geschafft, dann organisiert sich das System doch von selbst, von unten ebenso wie von oben. Und diese Organisation von Praktikern und Theoretikern ist nötig, da niemand die optimale Position aller Stellschrauben eines komplexen Systems planen kann. Und hat das nicht schon Sait-Exupérie so formuliert:

    Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen,
    sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer.

    Alle die von dieser Sehnsucht infiziert sind, alle werden kreativ zum Ziel beitragen. Und wie das genau abläuft muss dann keiner mehr genau wissen, muss keiner mehr planen…

  2. Weil Praxis nicht ohne Theorie und Theorie nicht ohne Praxis funktioniert, hilft das gegenseitige Anklagen wenig. Über die Proportionen von Vision und Arbeit kann man sich neben den Definitionen sicher streiten, über die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit – ohne (An)Klagen – aber bestimmt nicht.

  3. @Kristina Lucius: Definition = Symptom?!

    Über Proportionen wollte ich gar nicht schreiben und die Frage nach der Definition war mir eher Mittel, denn für mich ist die gegenseitige (An)Klage ein Symptom für das bzw. Ausdruck des implizit allseits geteilten Zieles. Und dieses heute alleinige Ziel heißt Wettbewerb.

    Wettbewerb der Praktiker mit Theoretikern. Wettbewerb der Theoretiker mit Theoretikern. Wettbewerb der Schüler mit Schülern. Wettbewerb als Vorbereitung auf Wettbewerb…

    Und wie es Ludwig Trepl in einem Parallelbeitrag zum Wettbewerb in den Wissenschaften schon skizzierte: Der sache hilft das nicht, sprich hier nicht den Schülern, nicht den Praktikern und nicht den Theoretikern.

    Aber alle Diskussionen um das WIE eines Bildungssystems hängen für mich an der (impliziten) Definition dieses einen Zieles. Wer sich für Wettbewerb entscheidet lehrt und lernt anders als wer sich etwa für Persönlichkeitsbildung entscheidet. Persönlichkeiten werden nicht im Wettbewerb gebildet. Wer auf Karriere lernt hat selten Zeit zum Flow. Auf dem Markt ist jedes Versagen katastrophal – für die Persönlichkeit(sbildung) ist es meist ein Gewinn.

  4. „Ist es nicht die größte Herausforderung, gemeinsam jenes eine Ziel des Bildungssystems zu formulieren und zu verinnerlichen?“

    Visionen erlebe ich zur Zeit nicht als begrenzte Ressource, gleichwohl erlebe ich das Ringen Formulierungen sehr zirkulär bzw. als Echokammerstruktur – das wird dann natürlich als Arbeit erlebt. Oft formulierte Hypothese: „Übergangsphänomen!“ Eine Hypothese, die zwar sein kann, aber auch davor schützt, die eigenen – durchaus auch flow- und lustgetriebenen Strukturen zu hinterfragen.

    Ich berate Schulen – in Ausstattungsdingen und ein klitzekleines Bisschen in Change-Management. Ich erlebe in meinem Beratertraining, dass meine Visionen dem Beratungsprozess mehr als hinderlich sind: „Mein Anspruch ist Verengung“. Wenn ich mich darauf konzentriere, die verinnerlichten, unbewussten Strukturen in einem System sichtbar zu machen, sind die Ergebnisse fruchtbarer und nachhaltiger als durch das Aufstellen einer „Vision“ – sowas kann eine Schule viel besser alleine mit ihren Ressourcen. „Ziel des Bildungssystems“ ist ein externer Anspruch. Dann bin ich ganz schnell wieder „der von da oben“.
    Und eigentlich bin ich zu 2/3 meiner Zeit Lehrer, ganz normaler Lehrer…

  5. @Maik Riecken: Doch dieselbe Meinung?

    Ich erlebe in meinem Beratertraining, dass meine Visionen dem Beratungsprozess mehr als hinderlich sind: „Mein Anspruch ist Verengung“. Wenn ich mich darauf konzentriere, die verinnerlichten, unbewussten Strukturen in einem System sichtbar zu machen, sind die Ergebnisse fruchtbarer und nachhaltiger als durch das Aufstellen einer „Vision“…

    Diese Formulierung kann ich in meiner Auslegung gut unterschreiben – denn das von mir gewünschte gemeinsame Formulieren (besser ist vermutlich Erarbeiten) und Verinnerlichen geht in meiner Perspektive jedenfalls einher mit dem gegenseitigen Aufzeigen von unbewussten Strukturen und der über die Diskussionen erfolgenden stückweisen Annäherung ebendieser strukturellen Wertungen bzw. Ziele. Das externe Aufstellen oder Postulieren von Visionen allein fördert die Kreativität genauso wenig wie die Vorgabe irgendeines Zieles oder Anspruches. Und doch braucht es wohl Visionen, um das Feld für die Erarbeitung der gemeinsamen Vision aufzuspannen.

    Insofern ist es dann vielleicht doch auch im Visionenstreit ein bisschen so wie Dierk Haasis schieb: Vasteh‘ ik nich‘ – Theoretiker lieben Visionen als neue Strukturidee, Praktiker hassen Visionen als neues Planziel. Vielleicht muss das sogar so sein, denn Praktiker haben ja oft nicht einmal die Zeit für Theoretiker ganz selbstverständliche Grundlagen nachzudenken. Und darum ist sicher gerade Ihre von Definitionen unabhängige Vermittlung so fruchtbar.

    Meine Vision, mein Ziel des Bildungssystems ist insofern die Befähigung zur umfassenden Diskussion. Zur Demokratie würde es jedenfalls passen…

  6. Change-Management

    Die Vision ist keine Arbeit im Vergleich zum Management des Change.

    Liest sich gut, gerade auch dann, wenn die allgemeinen oder die die Sache betreffenden Verhältnisse grundsätzlich annehmbar erscheinen. (Je schlechter die Lage, desto eher ist der Visionär gefragt.)

    Visionen darf man, weil sie mit den Konzepten der Schwarmintelligenz kollidieren, negativ konnotieren. – Visionäre können natürlich auch in der praktischen Arbeit sehr unangenehm werden.

    MFG
    Dr. Webbaer

  7. @Noït Atiga: Persönlichkeit – Wettbewerb

    Denkst Du nicht auch, dass Musiker/Sportler im und für den Wettbewerb leben und dabei Flowerlebnisse haben können? Ich finde, dass sie gerade durch den Wettbewerb eine Persönlichkeitsbildung erfahren – von früher Kindheit an.

  8. Wo sind sie denn, die Visionäre?

    Echte Visionäre wissen um den langen und schweren Weg der Umsetzung ihrer Visionen. Zum Zweck der Umsetzung gehen sie auch selbst in die Niederungen der Praxis.
    Wo sind sie denn die Visionäre? Weit und breit sehe ich vor allem selbstverliebte Eitelkeit: Schaut mal, ich habe die Lösung aller Probleme. Bei genauerem Hinsehen sind die „Lösungen“ alt und lange bekannt. Für den „Visionär“ ist klar, warum es bisher nicht geklappt hat: Die Visionen wurden ja nicht von ihm verbreitet. Jetzt da es ihm oblag, die Dinge noch mal zu verbalisieren, sieht die Sachlage natürlich ganz anders aus. Folgt mir, ich führe Euch in eine bessere Zukunft.

    Es wäre ja schön, wenn wir wirkliche Visionäre hätten. Zur Erkärung: „Alles Lernen ist Projektlernen“ und „Kollaboration im WEB 2.0 wird die Welt retten“ sind keine Visionen sondern Unfug. Der echte Visionär weiß das, der andere ist ein Schwätzer und verwendet nun Unmengen von Zeit darauf, das zu verschleiern.

    Was sind eigentlich Betonsäcke?

  9. „Was sind eigentlich Betonsäcke?“

    Stimmt – es muss Zementsäcke heißen. 40kg schwer und relativ kompakt, da sie eine schier unglaubliche Dichte besitzen (weswegen muss in Beton auch nicht untergehen kann).

    Ansonsten sehe ich das als Allegorie zur Organisation und Begleitung des Change :o)…

  10. Aufhebung des Dualismus

    Lisa Rosa hat es an anderer Stelle beschrieben und ich selbst habe es 30 Jahre lang (in privilegierter Position) selbst erlebt und praktiziert. Wenn Theoretiker und Praktiker strukturell in einer Person vereinigt sind (Monismus), löst sich das Dilemma. Der „Visionär“ in mir hat dem Praktiker in mir Visionen unterbreitet und der hat sie im Alltag getestet. So habe ich zumindest meine Umwelt nicht mit ungeprüften Vorschlägen belästigt und war etwas glaubwürdiger, wenn ich vor Ganztagspraktikern auftrat. Diese blieben kritisch und sekptisch und hatten auch Gründe dazu. Denn meine empirische Basis war nur eine Klasse (5 Stunden in der Woche), meine Kollegen unterrichteten 23 Stunden. Auch das macht einen großen Unterschied.

  11. Anthropologische Konstanten

    @Noit Atiga
    „Wer sich für Wettbewerb entscheidet lehrt und lernt anders als wer sich etwa für Persönlichkeitsbildung entscheidet.“
    Wettbewerb ist im Menschen – auch in Ihnen – verankert. Man kann sich nicht dafür oder dagegen entscheiden.

  12. @Kristina Lucius & Jean-Pol Martin: NEIN

    @Kristina Lucius: Musiker/Sportler haben durch den Wettbewerb weder Flowerlebnisse noch bildet sich durch ihn eine Persönlichkeit aus – im Gegenteil. Das heißt jedoch nicht, dass beides nicht für Verbesserungen der eigenen Leistungen gilt und genau da liegt das allgemeine Missverständnis.

    Flow entsteht, wenn man sich auf die Sache konzentriert, und dabei hat man gar keine Augen für die Mitstreiter. Ich kenne das aus eigener Erfahrung als Leistungssportler, aus Gesprächen mit „Konkurrenten“ und es gab dazu einige Berichte in der Presse. Flow entsteht, wenn man nicht für oder gegen Andere streitet, sondern für sich, wenn man seine Technik verbessert, seine Konzentration, seine Interpretation…

    Und Persönlichkeitsbildung (wie ich sie meine) wird durch Wettbewerb eher unterbunden. Es stimmt, dass der Wettbewerb leider oft von früher Kindheit das Leben mancher Musiker/Sportler bestimmt – die Person wird davon beherrscht aber eine Persönlichkeit kann nicht entstehen, es wird ihr gar keine Zeit gelassen. Das fällt solange nicht auf, wie sie erfolgreich sind – und wenn sie Talent haben, dann sind sie es meist lange Zeit. Aber irgendwann kommt der Punkt, wo sie versagen. Manche sind dann weg vom Fenster, andere finden zu sich, das sind die, bei denen neben dem Training einige Grundlagen für Persönlichkeit gelegt worden sind. Und wenn sie dann wiederkommen, dann sind sie oft plötzlich viel besser als vorher.

    Gunter Dueck vom Wild Dueck Blog hat mit Verweis auf die Jedi in StarWars in einem seiner Bücher sehr schön geschrieben, dass man Talente erstmal entwickeln muss damit aus ihnen Persönlichkeiten werden – sonst werden sie verheizt und verbrennen schnell. Und Entwickeln heißt Freiraum lassen für intrinsisch motiviertes Fragen und Verbessern bei gleichzeitiger Förderung und Forderung – aber nicht durch Bestenbestimmung.

    @Jean-Pol Martin: Der Wettbewerb ist nicht zwingend in uns, der Wettkampf mit uns selbst und die Selbstbehauptung schon. Der Wettbewerb, das Ausstechen Anderer wird uns nur im heutigen System von kleinauf als einziges oder wichtigstes Ziel eingeimpft. Darum glauben wir es sei menschlich.

    Es gibt aber anthropologische Untersuchungen, die das Gegenteil zeigen. Es gibt Stämme, die überhaupt nicht verstehen, wie man solche Wettbewerbe überhaupt nur durchführen kann, wieso daran jemand teilnehmen soll. Eine wettbewerbslose Gesellschaft beschreibt etwa Jean Liedloff in Auf der Suche nach dem verlorenen Glück: Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit. Aber auch die Forschung von Sarah Blaffer Hrdy gehen in diese Richtung. Und dass wir uns das nicht vorstellen können, das ist eher eine Frage fehlender Vorbilder. Übrigens kennt schon die asiatische Kultur den Wettbewerb nicht wirklich, auch dort geht es eher um die Verbesserung der eigenen Fähigkeiten – für die Gesellschaft als Ganzes.

  13. Schön wär’s

    @Noit Atiga
    Ja, eine gesellschaft ohne wettkampf und gegenseitiges ausstechen wünschen wir uns sosehr, dass wir sogar nach entlegenen kleinpopulationen suchen, um zu belegen, dass man in frieden und nächstenliebe leben kann. Diese sehnsucht zieht sich durch die ganze menschheitsgeschichte durch. Dabei würde es genügen in sich selbst hinein zu horchen. Solltest du in partnerschaft leben, musstest du dich nicht dafür im wettbewerb behaupten? Und für deinen job? Für deine freunde? Für die beachtung in deinen diversen bezugsgruppen? Werden bei geburtstagen nicht die einzelnen beiträge verglichen? All das nur ergebnis einer falschen sozialisation?

  14. @J.-P.Martin: Sozialisation & Strukturen

    Ja, es stimmt, dass die nötige Selbstbehauptung in unserer Gesellschaft kaum noch ohne Wettbewerb möglich ist. Aber das ist eine Folge aus Sozialisation und Gesellschaftsstruktur – die beide auf Haben ausgerichtet sind, statt auf Sein, Wie Erich Fromm es treffend formulierte.

    Haben ist exklusiv – Sein ist inklusiv. Haben braucht Wettbewerb – Sein braucht Kooperation.

    Wenn ich jemandem zum Freund habe und er mich – dann schließt diese Beziehung Andere aus. Wenn ich ihm aber ein Freund bin und er mir – dann kann diese Beziehung Andere einschließen, wir können diesen gleichzeitig Freund sein und diese uns. Wir können uns gemeinsam ent-wickeln. Und potentiell ist diese Inklusion unendlich, lediglich unsere Kapazität schränkt sie faktisch ein. Dazu gehört natürlich, dass man Freundschaft nicht über den materiellen Austausch definiert, sondern den ideellen. Doch gerade bei den angesprochen Geburtstagsgeschenken geht das heute schon sehr gut. Mir ist völlig egal wieviel Geld sie gekostet haben – entscheidend ist, welche Gedanken sie mitbringen, dass sie Beziehung sind. Der Vergleich ist dann zwar nicht ausgeschlossen, aber er vertieft die Beziehungen der Gruppe – sieh mal an, das wusste ich noch nicht…

    Insofern ist das Reinhorchen in sich ein sinnvolles Mittel: Es ermöglicht mir die derzeit zu mir gehörenden Wertungen zu realisieren und damit aktiv weiterzuentwickeln. Doch es scheint mir eine untaugliche Methode zur Klärung der Frage, was zwingend zum Menschen gehört. Jeder einzelne Mensch und wir als Gruppe konstruieren doch unsere Realität und unsere Empfindungen nach unseren Erlebnissen. Vieles was in mir ist, ist also wegen meiner Errahrungen dort – auch die Liebe zum SEIN…

    Und auch wenn ich den konkreten Kant-Beitrag nicht kenne, ich halte es insofern eher mit Michel Foucault, Wittgenstein und F.A. von Hayek (Sensory Order): Absolute A-priori-Urteile sind wenn nicht gänzlich unmöglich, so doch extrem selten. Viele, die heute so bezeichnet werden, sind nicht „ewige Wahrheiten, sondern Ausdruck von historischen und kulturellen Bedingungen“ (siehe Wikipedia: a priori).
    Oder, um mit Wittgenstein zu sprechen, ein Fluss im Fließen.

  15. Philosphen

    Gerade die beschäftigung mit der geschichte der philosophie (beginnend mit Heraklit) hat sowohl meine intuitionen als auch meine ausgedehnten lektüren über psychologie, soziologie, systemtheorie und gehirnfoschung bestätigt: es gehört zu unserer natur, dass wir antinomisch strukturiert sind (vereinfachend: „gut“/“böse“). Beide komponenten sind vorhanden und notwendig. Das muss man einfach akzeptieren. Vielleicht als hinweis: http://jeanpol.wordpress.com/2008/11/11/warnung-vor-selbstidealisierung/

  16. Philosophie

    Man kann sich drüber aufregen, dass überall dieser böse Wettbewerb herrscht und die verschiedensten verklausulierten Appelle starten, dass wir uns bitte doch alle anders verhalten sollten. Solange wie man nicht begreift, dass der Wettbewerb seine Grundlage insbesondere im Wirtschaftssystem hat, wird es einem nicht gelingen, Abhilfe zu schaffen.
    Versucht es mal mit Marx, der ist gar nicht so böse, wie ihr immer glaubt. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Ihr wollt dieses Wirtschaftssystem, dann lebt auch mit ihm und all seinen Konsequenzen. Wenn das klar ist, ist auch klar, dass die Schaffung von Inseln, die die Mechanismen des üblichen Zusammenlebens außer Kraft setzen, ein Verbrechen an der jungen Generation ist, die letztlich nicht wirklich auf das spätere Leben vorbereitet wird.

  17. Idealisierung

    @m.g.
    „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“
    – Zum Sein gehört die menschliche natur. Sie ist wie sie ist und sie zu idealisieren ist sehr kontraproduktiv. Den menschen „verändern“ zu wollen, also besser machen als er ist, führt stets zu unmenschlichen systemen (zu besichtigen bei allen utopisten, angefangen mit platon, thomas morus, fourier, auguste comte…). Das hat (nicht nur) karl popper erkannt und gut beschrieben. Und das wirtschaftssystem, lieber m.g., ist auch ein produkt des menschen. Rousseau meinte: „der mensch wird als gut geboren, die gesellschaft verdirbt ihn“. Woraus besteht die gesellschaft wenn nicht aus menschen?

  18. @J.P.Martin&m.g.: Vision vom Menschen

    Es geht nicht darum, den Menschen besser zu machen als er ist.
    Es geht nur darum, den Menschen sein zu lassen wie er ist.
    Es geht darum, alle menschlichen Potentiale sich frei entwickeln zu lassen.

    Und ich halte es für eine große Selbstüberschätzung, von den klassischen Aussagen einer Entwicklungslinie des Menschen auf den Menschen insgesamt zu schließen. Und die genannten Autoren gehören genau dazu (außer vielleicht Rousseau – aber der sah Wettbewerb auch nicht als menschlich an).

    Und wenn Wettbewerb wirklich so grundlegend im Menschen verankert wäre, warum kannten ihn dann die Ureinwohner Amerikas nicht? Warum kennen ihn die kleinen Völker nicht, die die Anthropologen untersucht haben (auch Claude Lévi-Strauss)? Warum gibt es diese Konkurrenz, dieses Gegeneinander, diesen Egoismus erst seit kurzem in Asien und nur in einigen Ländern? Warum haben selbst die Europäer es erst vor ca. 200 Jahren zu wirklichem Wettbewerb und Egoismus geschafft? Warum gibt es selbst hier noch heute kleine Dörfer wo jeder dazugehört, wo der Wettbewerb fehlt? Warum braucht es in den großen Unternehmen wettbewerbsmäßig geschulte Berater, damit der Wettbewerb richtig funktioniert? Warum wird, kurz gesagt, der Wettbewerb überall dort behindert, wo es menschlich zugeht?

    Aus heutiger Perspektive ist sie eine Vision (um zum Thema des Originalbeitrags zurückzukommen), eine Welt auf dem Prinzip der Kooperation, der Beziehungen und des Austausches, eine Welt in der alle Menschen diskutieren – ohne Dogmen. Ich werde sie nicht mehr erleben. Und ich gebe m.g. Recht – sie als Insel zu etablieren ist wenig hilfreich. Ebensowenig hilfreich scheint es mir aber, sie als Ideologie zu etablieren – damit setzt man nur die Gegnerschaft auf anderer Ebene fort. Ebensowenig hilfreich ist es, diese Vision sofort umzusetzen.

    Vielmehr – und das scheint mir für alle Visionen zu gelten – vielmehr scheint es mir wichtig, die Möglichkeiten aufzuzeigen, die Sehnsucht nach ebendieser Freiheit zu wecken… Die Strukturen können sich dann langsam wandeln, und es werden ganz andere sein, als ich sie mir derzeit vorstellen kann, als wir sie uns vorstellen können. Den Kapitalismus heutiger Form hätte vor 200 Jahren auch keiner sich so vorgestellt, nicht einmal Marx hat so schwarz gemalt.

    Und doch hat gerade der Kapitalismus den oben genannten Weg beschritten – er war/ist eine Vision der Kapitalisten, eine Vision von oben, die wir Stück für Stück umgesetzt haben. Zuerst wurde nur die Vision des Reichtums aufgezeigt, die Sehnsucht geweckt, ebenfalls dazuzugehören. Und die Beispiele haben gewirkt: vom Tellerwäscher zum Millionär. Darum auch wurde kapitalistisches Denken in den USA so stark. Europa hinkt(e) immer hinterher. Und doch hat (hier wie dort) der aus der Ökonomie kommende egoistische Wettbewerb stück für Stück weitere Bereiche des Lebens erobert. Immer mehr wurde/wird effizienzorientiert umgestaltet – bis man mittlerweile sogar den Staat wie ein Unternehmen führen muss, sonst flüchtet das Kapital. Aber die Allgegenwart des Wettbewerbsprinzips verunmöglicht den Wettbewerb, sie schwächt die für guten Wettbewerb notwendige Kooperation, hemmt ihn durch enorme Nebenkosten und das kritisieren mittlerweile sogar Ökonomen (treffend und allgemeinverständlich etwa: Stephen A. Marglin, The Dismal Science: How Thinking Like an Economist Undermines Community, 2010).

    Aber es fehlt noch an neuen Visionen. Es fehlt an einem überzeugenden Bild, dass unsere Sehnsüchte konkretisiert – wie bisher noch materieller Reichtum. Was mich aber hoffen lässt, dass sind die kleinen Kinder auf dem Spielplatz nebenan. Wenn die Erwachsenen wegschauen, dann spielen sie miteinander, dann entdecken sie verträumt die Welt – und sehen sie doch realistisch. Sie wissen oft schon jetzt, wie sie sich mit wem verhalten müssen. Ich wünschte, sie müssten nicht soviel, sondern sie dürften unserer Wissen entdecken, sie dürften von uns lernen ohne unsere überholte Vision verinnerlichen zu müssen. Sie würden sich mit unserer Vision auseinandersetzen und sie wären auf unsere Welt vorbereitet, aber sie behielten ihre Visionen. Das ist meine Vision eines Bildungssystems.

  19. Wettbewerb

    Und wenn Wettbewerb wirklich so grundlegend im Menschen verankert wäre, warum kannten ihn dann die Ureinwohner Amerikas nicht? Warum kennen ihn die kleinen Völker nicht, die die Anthropologen untersucht haben (auch Claude Lévi-Strauss)? Warum gibt es diese Konkurrenz, dieses Gegeneinander, diesen Egoismus erst seit kurzem in Asien und nur in einigen Ländern?

    Es gab womöglich in jenen Regionen keinen Wettbewerb auf das Geistige bezogen, weil dort sehr viel abgemurkst worden ist?

    Die Europäische Aufklärung, die christlich und vielleicht auch jüdisch grundiert war, war auch keine Vision, die ausgefeilten sozialen Systeme waren eine Gesamtleistung der Aufklärer, das waren Hunderte oder Tausende von reflektiert aufgestellten Persönlichkeiten, manche irrend, alle irgendwie in mindestens einigen Punkten irrend, aber in einem friedlichen und der Schwarmintelligenz folgenden Modus sehr hilfreich.

    Wettbewerb oder Marktwirtschaft ist das, was zwangsläufig entsteht, wenn man die Menschen (vs. Bären) frei und ohne furcht abgemurkst zu werden, handeln lässt.

    HTH
    Dr. Webbaer (ganz im Sinne der Altvorderen unterwegs)

  20. @Dr.Webbaer: Von-einander-Lernen

    Es gab womöglich in jenen Regionen keinen Wettbewerb auf das Geistige bezogen, weil dort sehr viel abgemurkst worden ist?

    Entgegen dem üblichen Bild der Romane stimmt das mit dem „Abmurksen“ schon nicht für die Indianer, doch auch in den anderen Regionen gab es viel mehr Handel auch zwischen Gruppen als kriegerische Auseinandersetzungen, und selbst im Krieg blieb das Töten nicht ohne Rückwirkung auf die eigene Person.
    Und Wettbewerb im Geistlichen gab es nicht – aber gerade die asiatische Kultur bietet eine viel reichere geistige Auseinandersetzung (ein Miteinander im Denken) als wir es uns als Europäer meist vorstellen, denn dort gehört (Selbst)Bildung zum allgemeinen Lebensziel. Nicht Wettbewerb, sondern gegenseitiges Von-einander-Lernen.

    Und was die Aufklärer angeht, so will ich deren Bedeutung für den Westen nicht bezweifeln, im Gegenteil. Doch Lehren vom Menschen gab es in Asien schon gut 2000 Jahre früher – und sie sind dort tiefer in die Alltagskultur hineingewachsen als die aufklärerischen Ideen bisher in Europa. Die Ideen von Konfuzius bestimmen noch heute das Denken und sind ein Grund, warum sich Wettbewerb dort nie richtig etabliert hat – dort geht es eher um Harmonie.

    Nun ist Harmonie auch im jüdischen und christlichen Glauben ein Ziel, aber – anders als im Konfuzianismus – nur ein abgeleitetes Ziel. In ersteren liebt man seinen Nächsten, weil es der vereehrte Gott befiehlt – Milde und Mitleid mit dem Sünder liegen dann nahe. In letzterem liebt man seinen Nächsten, weil er einem in seiner einzigartigen Form (gerade auch mit seinen Fehlern) hilft, sich selbst zu vervollkommnen: „Wenn du einen Würdigen siehst, dann trachte ihm nachzueifern. Wenn du einen Unwürdigen siehst, dann prüfe dich in deinem Innern!“

    Abgeleitete Ziele aber können wir Menschen recht schnell ablegen, wenn wir denn den Glauben wechseln (oder den Herrscher). Anders ist das mit originären Zielen – der neue Glaube (oder der Herrscher) muss sich an deren Stelle setzten und immer wird ein zweifel bleiben, oder er muss sie in seiner Ideologie umdeuten. Beides ist versucht worden, beides hat teils reussiert, doch Bildung und die mit ihr einhergehende Selbstvervollkommnung sind geblieben.

    Mir gefällt darum auch die folgende Definition von Weisheit: „Zu den Pflichten stehen, die man gegenüber dem Volke hat, die Geister verehren, aber nicht darin aufgehen – das kann man Weisheit nennen.“

  21. Indianer und andere

    @Atiga:

    Entgegen dem üblichen Bild der Romane stimmt das mit dem „Abmurksen“ schon nicht für die Indianer (…)

    Bitte prüfen Sie das.

    Ansonsten, klar, der Buddhismus hat in vielerlei Hinsicht Niveau, epistemologisch ist das erst einmal eine feine Sache, aber wenn Sie bspw. mal konkret in die geschichtliche Lage gehen wurde dort eben auch fleißig abgemurkst. Der Tibet bspw., der freundliche Dalai Lama lässt grüßen, scheint zivilisatorisch keineswegs ungesegnet mit dem Maoismus (der dann ja nach und nach in eine pseudokommunistischen Plutokratie überging).

    Letztlich geht’s darum, was man als zivilisatorisch gut erachtet, idR ist hier NUR die EA allgemein anerkannt, aber man kann’s auch anders drehen, no prob.

    Aber dann braucht’s wohl Visionen und Visionäre.

    MFG
    Dr. Webbaer (btw, was für ein Landsmann sind Sie?)

  22. Ich halte die Aufklärung als Beispiel für eine gelungen umgesetzte Vision für schwierig: Was hatte die größte Bevölkerungsgruppe (je nach Land Bauern oder schon Arbeiter) konkret von der Aufklärung? Das ist das eine.

    Das andere ist, dass sich hier etwas im Thread entwickelt, was für mich immer wieder sehr typisch und vorhersagbar ist: Für mich stehen mehrere Fragen im Raum:

    Was hindert den Praktiker an der Umsetzung von Visionen?
    Was tut der Visionär konkret, um die Umsetzung seiner Vision zu ermöglichen?
    Was hindert den Visionär daran, einen Teil seiner Zeit darauf zu verwenden, Ideen zu entwickeln, wie(!) eine Vision in ein bestehendes System einspeist und verstetigt werden kann? Die meisten Visionäre empfinde ich als Wasmatisch.
    Warum empfindet der Visionär das Formulieren und immer wieder neu Deskribieren als „Arbeit“?

    „Da du nun Suleika heißest, soll auch ich benamset sein!“ – Goethe, westöstlicher Diwan. Beim Streit im Namen und Begriffe sind alle da und kommen nie zu einem Ergebnis oder of genug wieder bei bei Ausgangspunkten an.

    Bei der Aufklärung, gerade der europäischen sollte nicht idealisiert werden: Das ging nicht von selbst, sondern wurde mit Blut und Leben bezahlt. Das ist heute offenbar in manchen Erdteilen immer noch notwendig. Nicht das Internet ermöglichte die Revolution in Ägypten, sondern die Haltung ganz vieler Menschen, die bereit waren, Risiken einzugehen.

    Welches Risiko geht der Visionär im Vergleich zum Praktiker ein?

    Welchem Zweck dient das immerwährende Diskutieren von Menschheitsfragen in der Reflexion des Verhältnisses von Visionär und Praktiker?

    Meine Hypothese zur letzten Frage:
    Es geht dem Visionär im Prinzip darum, Risiken zu vermeiden, denen und deren Folgen sich der Praktiker nicht entziehen kann.

  23. Visionärstum

    Es geht dem Visionär im Prinzip darum, Risiken zu vermeiden, denen und deren Folgen sich der Praktiker nicht entziehen kann.

    In einer total geblendeten Gesellschaft oder in einem verblendeten Biotop stimmt das sogar, Sarrazin ist hier idT konservativ, also bewahrend, und versucht eben aus dieser Sicht (Theorie) oder Vision (ebenfalls Sicht, aber womöglich negativ konnotiert) heraus Risiken zu zu meiden.

    Letztlich wird die Sache mit dem EURO aber doch ganz unvisionär und grauplig den Bach heruntergehen ohne dass der zurzeit in wirtschaftlichen Fragen womöglich Verständigste angenommen werden wird.

    Ansonsten – das war ja ein Ausnahmefall – ist er Visionär idR das Risiko selbst.

    MFG + schöne Grüße nach D,
    Dr. Webbaer

  24. @Maik Rieken: Danke!

    Stimmen wir überein, dass eine (zumindest damals) gelungene Vision der Schule von Montessori stammt? (Auch wenn sie am Ende dogmatisch wurde.) Vorstellen könnte ich sie mir, diese Übereinstimmung, denn Montessori hat sich ausgehend von einem visionären WAS Gedanken nach dem WIE der Einführung in das System gemacht und beides in ihren Materialien umzusetzen versucht.

    Und in diesem Sinne ist mir „das Formulieren und immer wieder neu Deskribieren“ zwar „Arbeit“, aber keine Last. Es ist Arbeit, denn es scheint mir in Anlehnung an die Schiffsmetapher die wichtigste Aufgabe (obgleich es nicht ohne Vorschläge zur Umsetzung geht). Es ist mir aber keine Last, denn jede neue Formulierung, jedes Eingehen auf Einwände ist eine Suche nach neuen Hintergründen.

    Diese Hintergründe aber, sie sind aus meiner Sicht die größten Hürden gelungener Kommunikation, auch von Visionen. Und diese Hintergründe werden implizit wahrgenommen und können zur Ablehnung eines vorgetragenen Weges führen – obwohl man in der Sache gleicher Ansicht ist. Gerade bei Kindern und Jugendlichen kommt dem auch nach eigener Erfahrung eine große Bedeutung zu. Vereinfacht: wenn ich ihre Gedanken aus wahrem Interesse hören will, wenn ich sie in ihrer individuellen Entwicklung unterstützen will, dann arbeiten wir gut zusammen – egal wie anspruchsvoll ich bin. Wenn ich aber nur abfrage und benote, dann muss ich ihre Rebellion mit Macht (Strafe, Belohnung, Manipulation etc.) im Zaume halten. Aus ihrer Erfahrung mit der heutigen Gesellschaft aber erwarten zumindest die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen eher die letztgenannte Umgangsform, und sind bei jedem anderen Vorgehen zunächst mindestens verwirrt. (Bei Kindern ist das oft noch anders.)

    Und was die Risikoverteilung angeht, so gibt es sie sicher, diese lauten „Visionäre“, die nur das Risiko vermeiden wollen und aus ihrer sicheren Position heraus die Wahrheit verkünden. Ich glaube aber nicht, dass sie die Mehrheit der Visionäre stellen – nur sind die anderen nicht gleichermaßen bekannt. Das hängt auch mit unserer Gesellschaft zusammen, wer nämlich auch zweifelt, der wird selten bekannt.

    Aber es gibt dafür (aus meiner Sicht) auch noch einen anderen Grund und der hängt mit dem zusammen, was Thomas S. Kuhn für die Wissenschaft alltagstauglich gemacht hat (The Structure of Scientific Revolutions): Wirkliche Neuerungen entstehen nur auf der Basis einer ganz neuen Philosophie, und diese Philosophie muss man sich erst einmal erarbeiten. Dann kann man die Vision stimmig gestalten und irgendwann nach langer Zeit als Vision veröffentlichen.
    In den Naturwissenschaften (ohne diese irgendwie abwerten zu wollen!) reicht das dann so – schließlich kann man mit Empirie und Mathematik zumindest langfristig überzeugen. In den Gesellschaftswissenschaften aber fängt die Arbeit damit erst an: Man muss die Philosophie verständlich machen und damit muss man sie nicht nur intuitiv erfasst haben, sondern auch noch reflexiv. Und dann muss man reflexiv die Unterschiede zur alten Philosophie bearbeiten, um sich Gedanken zur Umsetzung zu machen. Mit denen man sich dann möglichst solange beschäftigt, bis sie intuitiv ausprobieren kann. Und das wird mit zunehmender Komplexität immer schwieriger.

    Der Praktiker hat es da insofern „einfacher“. Er entwickelt seine Philosophie stückchenweise als Antwort auf die tagtäglichen Probleme. Er ist pragmatischer und kann es sein, denn wegen der Nähe zum „Versuchssubjekt“ kann er vieles intuitv erspüren, was sich der Theoretiker (zumindest auch) reflexiv erarbeiten muss. Darum auch ist mir die Kommunikation zwischen beiden Seiten so wichtig, darum auch ist jeder Einwurf von jeder Seite ein Gewinn.

    Und was das Risiko angeht, so glaube ich, es ist auf beiden Seiten vorhanden – aber in unterschiedlicher Form. Der Praktiker geht sein Risiko tagtäglich ein – im Kontakt mit seinen Lernenden (um in der Bildung zu bleiben). Der Theoretiker aber geht sein Risiko mit (je)der Veröffentlichung ein – wird man seine Konzepte und Wege verstehen, wird man sie implementieren können und wollen? Und die Zeit bis zur Veröffentlichung ist schon beim WAS einer Vision möglicherweise lang, wenn man aber auch das WIE erklären will noch viel länger…

  25. (Lebenszeichen)

    (kurzer Zwischenruf, falls sich jemand fragt, wo der „Hausherr“ eigentlich bleibt… ich verfolge die Diskussion, die mir sehr gut gefällt. Ich bin aber bis Dienstag unterwegs und mit Musik hören und Tanzen und Chillen beschäftigt. Ich klinke mich nächste Woche ein)

  26. Tja…

    …. und jetzt sitz ich hier und kriege keinen Anfang, weil die Geschichte ziemlich komplex geworden ist… 🙂

    Zu @jeanpols Monismus möchte ich zustimmen, das ist der Königsweg. Die Vereinigung von Theoretiker bzw. Visionär (also „Nur-Denker“) und Praktiker (also „Nur-Handelnder“) in einer Person ist ein spitze Ansatz. Ich versuche das selbst, und es ist verdammt anstrengend, weil man auf ganz unterschiedlichen Ebenen arbeitet. Mit Theorien Handlungen planen, dann handeln, schließlich die Handlungen (in Verbindung mit Theorien) reflektieren usw… verdammt anspruchsvoll, aber wenn beides in einer Person stattfindet, sind rasante Entwicklungen möglich. Nichtsdestotrotz habe ich manchmal den Eindruck: Man macht beides nur halb gut. Zumindest fühle ich mich so… ich müsste mich eigentlich viel mehr in Theorien einarbeiten… ach nein, eigentlich brauche ich viel mehr Praxiserfahrung… ach nein, eigentlich… usw. (Das soll den Monismus-Ansatz nicht in Frage stellen, sondern die Schwierigkeit des Ansatzes zeigen.)

    Insofern bin ich froh und dankbar, mit Menschen zu tun zu haben, die – ich sag jetzt einfach mal – anders sind. Mit Menschen, bei denen das Theorie/Praxis-Verhältnis ein anderes ist. Mit Menschen, die Vollpraktiker sind und deren Perspektive wertvoll finde. Mit Menschen, die nichts weiter tun als Visionen zu entwickeln, dies aber vollumfänglich und mit der vollen Zeit, die ihnen dafür zur Verfügung steht. Und mit allen Mischungen dazwischen. Um es mit Noït Atiga zu sagen: „Darum auch ist mir die Kommunikation zwischen beiden Seiten so wichtig, darum auch ist jeder Einwurf von jeder Seite ein Gewinn.“

    Es hilft nichts und niemanden, einem Theoretiker vorzuwerfen, dass er kein Praktiker ist (um umgekehrt). Weshalb nicht Theorien und Visionen nehmen und – wenn es schon der Visionär nicht tut – selbst versuchen umzusetzen? Profitieren da nicht beide Seite von? Ist nicht der Visionär vielleicht dankbar, dass jemand seine Idee aufgreift und erprobt? Ist nicht der Praktiker für eine gute Idee dankbar? Ich weiß, die Denke ist oft nicht so, sondern eher so, wie Maik im Text beide Parteien sprechen lässt. Gerade deswegen finde ich Diskussionen wie diese hier wichtig: Vielleicht hilft sie ein Stück dabei, Vorbehalte zu reduzieren…

  27. It depends…

    Profitieren da nicht beide Seite von? Ist nicht der Visionär vielleicht dankbar, dass jemand seine Idee aufgreift und erprobt? Ist nicht der Praktiker für eine gute Idee dankbar?

    Der Praktiker hat Ideen und ist für Ideen dankbar, der Visionär hat Visionen (vs. Sichten oder Theorien). Letztlich hängt viel davon ab, wie man Visionäre und Visionen einstuft, Dr. W ist hier nah bei Helmut S. (‚Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.‘), Sinn macht diese Abneigung aber nur bei einer bestimmten Auffassung das Visionäre betreffend (und nach nachhaltigem Dilbert-Konsum :), loge.

    Außerdem braucht man eben Visionen und V.-Träger, wenn die Zustände allgemein inakzeptabel sind, das kommt hinzu, muss aber nicht vermischt werden.

    MFG
    Dr. Webbaer

  28. Ockhams Rasiermesser

    @christian
    Genau dein scheindilemma („es gibt soviele theorie, die ich noch bearbeiten muss und auch die praxis betreibe ich nicht intensiv genug“) lässt sich durch das Ockhamsche Rasiermesser lösen. Beim durchlesen deiner und anderer pädagogisch/didaktischen blogs und mit rückblick auf die ozeane an literatur, die ich seit 1968 sichten musste fällt mir auf, wie redundant, überkomplex und unergiebig die theorie sein kann. Gehe mal selbst deine blogs, interviews und sonstige kollektiven reflexionen durch, du wirst feststellen, dass jede halbwegs relevante frage zig mal gestellt und zig mal beantwortet wurde. Beispielsweise die notenfrage, oder die frage der schülermotivation. Beide habe ich für mich persönlich 1982 bzw. 1985 gelöst. Es gibt aber einen ausweg: die praxis ist der prüfstein für die relevanz der theorie. Alles was nicht ERKENNBAR praxisrelevant ist, mag zwar mittelbar von bedeutung sein, aber kann man getrost auf die zeit nach der pensionierung verlegen. Das wäre mein Ockhamsche Rasiermesser. Die praxis ist also das nadelöhr, durch das man schlüpfen sollte, bevor man sich theoretisch über unterricht äußerst. Und schon sind hunderttausende von lehrstühlen + mitarbeiterstellen frei. Die schickt man dann in die schulen und davon bleibt auch ein haufen auf der strecke, weil – wie jeder weiß – schule schon was anders ist als ein uniseminar über – say – motivation. Das wäre mein beitrag zur budgetsanierung. Cum grano salis, natürlich!:-))

  29. Dennoch: deinen kommentar finde ich gut!

    Ich meine, du interessierst dich für alle positionen und tätigkeiten und bringst sie in einen kontinuierlichen diskurs zusammen. Das finde ich echt gut! Und (nebenbei) das ist deine praxis! Insofern bist du ein prominenter praktiker, der über deine praxis und hauptsächlich über deine praxis reflektiert. Ockhamsche Rasiermesser eben!:-)

  30. Kollegen einer Schule, die ich berate, hatten gestern einen Zettel im Fach, auf dem um eine Meinung gebeten wurde, ob mobile Geräte an der Schule per Hausordnung:

    (a) generell verboten werden sollen
    (b) während der Unterrichtszeit und im Gebäude verboten werden sollen
    (c) während der Unterrichtszeit verboten werden sollen.

    Willkommen in der Praxis! Ich habe nichts gegen Visionen – ich finde sie wichtig und inspirierend. Ich habe etwas gegen Wasmanie unter den Visionären. Ein Vision wird für mich als Praktiker dann völlig wertlos, wenn sie „nackt“ eingeliefert wird, d.h. ohne Ansätze wie (sic!) sie im bestehenden System umgesetzt werden kann. Bei dem „Wie“ sehe ich gerade im Bildungsbereich Visionslücken unter den Visionären. Die Reaktion von wasmatischen Visionären auf diese Kritik lautet wahlweise:

    a) Du hast einfach noch nicht verstanden, dass du gar nicht verhindern kannst, dass meine Vision eintritt!
    b) Man kann und darf doch wohl auch denken ohne das gleich umzusetzen!

    Ich bewundere die hellseherischen Fähigkeiten der Reaktion (a) und buche diesen Visionär für meinen nächsten Lottotipp.

    Klar kann ich mich (b) als Mann zur Heftigkeit von Geburtsschmerzen einer Frau äußern – aber dabei gleichzeitig zu erwarten, dass sie mir auf Knien für meine Ausführungen dankt und diese ernstnimmt und umsetzt, nunja.

  31. Theorie/Praxis seit der Antike…

    Da ich über mehr zeit als früher verfüge, habe ich mich im zusammenhang mit dieser diskussion in dem buch „Macht des Wissens – Die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft“ (Richard von Dülmen et al., 2004) vertieft. Seit der Antike versuchen „Theoretiker“ immer ihren Status zu erhöhen durch Abgrenzung zu den Praktikern. Es geht nur um den gesellschaftlichen status. In dem von mir zitierten buch wird über die kluft zwischen den akademisch gebildeten musikern und den praktikern berichtet, dasselbe gilt für die architekten, für die ärzte, usw. Zur Musik und Architektur: „(Plato) unterscheidet strikt zwischen dem Praktiker und dem Wissenschaftler. Der Praktiker weiß um die Gesetze, nach denen sein Handwerk funktioniert, intuitiv und sozusagen präwissenschaftlich. Der Baumeister entscheidet auftrund der jeweiligen örtilchen Gegebenheiten aus seiner Erfahrung heraus, welche Materialien in welcher Form zusammenzufügen sind, damit eine Brücke hält. Der Entscheidung liegen natürlich die allgemeinen physikalischen Gesetze der Statik zugrunde, aber ohne dass sie vom Baumeister in abstrahierter Form gewusst werden. Der Gelehrte oder Weltweise dagegen weiß jene allgemeinen Prinzipien, nach denen die Welt funktioniert, aber er weiß sie in einer abstrakten Form, die zur unmittelbaren Überführung in die Praxis nur sehr bedingt taugt. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wird sich füär die Musik eine Situation ergeben, in der von einem bis dahin abstrakten und philosophischen Wissen mit einem Mal Erklärungen gefodert werden, die unmittelbare praktische Relevanz haben. Vor dieser Aufforderung versagen alle Theorien der Musik. Und unter dem Druck dieses Erklärungsnotstandes wird sich das Wissen der Musik grundlegend verändern.“ (S.213). Und das war nur ein Beispiel.

  32. @Alle: Monismus wäre schön

    … – doch das wird mit zunehmender Komplexität immer weniger möglich. Andere Wissenschafts-Disziplinen spalten sich ja insofern schon jetzt – etwa in theoretische und praktische Physik. Aus meiner Sicht lässt sich dieser Weg nicht aufhalten. Stattdessen muss sich (aus meiner Sicht) ein dauerhafter Dialog zwischen Theorie und Praxis etablieren, denn die Praxis dient zur Entwicklung neuer Theorien, die dann zur Entwicklung neuer Praxis führen, die…

    Und natürlich gibt es (Un-)Massen von Literatur und (Un-)Massen von Praxis, alles kann niemand mehr studieren. Aber darum geht es aus meiner Sicht nicht, vielleicht haben wir hier insofern auch eine andere Vorstellung von Vision.

    Für mich sind Visionen nur Vorstellungen vom Großen Ganzen – und insofern gibt es nicht soviele. Was es hingegen in (Un-)Massen gibt, dass sind Umsetzungsansichten und -vorschläge. Nur diese Umsetzungsansichten bringen eben nicht viel, wenn sie nicht mit einer passenden Vorstellung vom Ganzen einhergehen. Und um das Aufzeigen dieser Hintergründe geht es mir, denn wie ja auch @Maik Rieken schrieb hilft und bewegt das weit mehr als der Anspruch auf eine gewisse Umsetzung.

    Bewusst provokativ formuliert: Vieles was existiert kuriert nur Symptome, und lindert nicht das Leiden. Viele der aktuellen „Visionen“ sind aus meiner Sicht nur das, was ich oben schon andeutete: geschicktere Formen zur Etablierung von Macht (durch Manipulation, Belohnung, Strafe). Und weil sie das sind oder weil sie das bei Übernahme durch das System Schule (eher die entsprechend gebildeten Lehrer) werden, sind sie untauglich.

    Richtig gut gefällt mir insofern die Darstellung und Vision von Lisa Rosa, wie sie sie im Bildungsreporter-Interview dargelegt. Wir wollen alle lernen, wir wollen uns alle verbessern – nur wir als freie Wesen reagieren wir rebellisch, wenn wir nur das Wissen anderer aufnehmen sollen. Die Theorie (=der Lehrplan) lässt es in Hamburg wohl schon zu, das intrinsisch motivierte Lernen – nur die Lehrer können es sich nicht vorstellen, sie sind noch im extrinsisch motivierenden System sozialisiert, was dementsprechend auch für die Schüler (je älter desto mehr) gilt.

    Und diese Idee ist schon ziemlich alt, denn Wagenschein hat das in Verstehen lehren schon in den 60ern dargestellt. Und er hat auch aufgezeigt, dass man als Lehrer dann immer noch sehr wichtig ist und dass man trotzdem die Lerninhalte in gewissem Rahmen steuern kann.

    @Maik Riecken: Zum Handy-Problem – auch gerade dieses könnte man in diesem Sinne angehen. Dann dürfte man aber nicht verbieten, sondern man müsste es indirekt zum Lernthema machen. Man müsste – je nach Alter, Vorbildung, Verhalten etc. – für die Schüler anregende und Fragen aufkeimen lassende Materialien anbieten. Dann würden sich die Schüler, nach einiger Zeit selbst mit diesem Thema auseinandersetzen – und fragen, was es bedeutet. Und sie würden irgendwann dazu kommen, was diese Medium mit ihnen macht. Warum nicht in einem Projekt? Und diese Erkenntnis kann eine ganz andere sein, als sie die Lehrer erwarten – das müssen Lehrer aber dann ebenso akzeptieren wie ihnen genehme Erkenntnisse. Einzige Forderung, die sie stellen können – das ist der Respekt ihrer Persönlichkeit, was den Schülern aber gar nicht schwerfällt wenn (und weil) sie ja von ihren Lehrern akzeptiert werden…

  33. @Jean-Pol Martin: Mein Vorschlag auch

    …, denn bis auf das Beispiel redete ich von Pädagogik und Didaktik. Aber auch die werden in einer freien Welt immer vielfältiger, auch deren Erforschung immer aufwändiger. Und Beide gehen nicht ohne Bild vom Menschen – wenn auch ohne reflexiv bewusstes Bild vom Menschen. Das ist auch ein Grund, warum manche Praktiker ohne jede theoretische Reflexion so gut sind/waren – sie treffen intuitiv das von den Schülern verinnerlichte Bild vom Menschen. Und das ist auch ein Grund, warum Bildungssystem früher anders und scheinbar besser funktioniert haben. Das Menschen-Bild war in der Gesellschaft deutlich homogener, selbst in den Umbruchszeiten.

    Und das ist auch ein Grund, warum der Monismus langfristig kein Ideal sein kann, auch wenn jede Seite etwas Kenntnis der anderen Seite braucht. Wir Menschen haben nun einmal ein beschränktes Leistungsvermögen. Und in einer freien Welt, in einer Demokratie müssen wir uns über die Grenzen des Individuums hinaus über Ziele und Wege austauschen können (zumindest im Grunsatz).

  34. „Man müsste – je nach Alter, Vorbildung, Verhalten etc. – für die Schüler anregende und Fragen aufkeimen lassende Materialien anbieten. Dann würden sich die Schüler, nach einiger Zeit selbst mit diesem Thema auseinandersetzen – und fragen, was es bedeutet. Und sie würden irgendwann dazu kommen, was diese Medium mit ihnen macht. Warum nicht in einem Projekt?“

    Kein Problem in einem Umfeld, welches die Vision verinnerlicht hat und umsetzt. Dieser Vorschlag ist typisch Wasmatisch: Er ignoriert die zurzeit gelebte Praxis und formuliert ein Ziel. Für meine erlebte Praxis wertlos bzw. völlig utopisch.

    „Aus meiner Sicht lässt sich dieser Weg nicht aufhalten.“

    Welche Veränderungen hat dieser Weg bewirkt? Wie ist es um das Verhältnis zwischen theoretisch und praktisch ausgerichteten Zweigen der Wissenschaftsdisziplinen bestellt? Ist das Wissenschaftssystem vielleicht auch „falsch“ sozialisiert, wenn es die Anforderungen des Monismus nicht abdecken kann, weil das nicht mehr als leistbar (= zu anstrengend) empfunden wird? Hat eine Lehrkraft das Recht, sich mit „nicht leistbar“ den Anforderungen zu entziehen? Welche Faktoren lösen die häufige Reaktion aus?

  35. @Maik Riecken: Oups… und Entschuldigung

    Zu 1: Wenn das schon als Wasmatisch ansehen, dann verstehe ich, dass Sie keine Wie-Visionäre finden. Und besser noch, dann weiß ich endlich (oder noch besser glaube endlich zu wissen), inwiefern wir bisher noch aneinander vorbeigeredet haben. Denn dieser Weg scheint mir prinzipiell an jeder heutigen Schule umsetzbar. Jede Schule kann doch eine Projektwoche mit entsprechendem Inhalt einführen – für alle Klassen, oder?
    Welche Zwischenschritte kann ich mir als „Visonär“ vorstellen? Nun warum nicht die mobilen Geräte erstmal im Unterricht verbieten – und das mit den eigenen Interessen der Lehrenden begründen und darauf verweisen, dass man ja auch die Interessen der Schüler an Kommunikation respektiert – eben außerhalb des Unterrichts.
    Der nächste Schritt könnte dann sein, die von mir skizzierte Diskussion um die Bedeutung dieser Geräte anzustoßen. Je nach Gusto kann das ja mehr dozierend, mehr fragend oder mehr anregend geschehen. Und mit der Grundlage des gegenseitigen Respektes kann sich diese Vision vielleicht gerade über die mobilen Geräte etablieren – weil eben die Lehrer merken, was diese Geräte den Schülern (nicht) bedeuten, und die Schüler merken, was diese Geräte den Lehrern (nicht) bedeuten.
     

    Zu 2: Der Weg hin zu Speziealisierung ist ein genereller in der Wissenschaft – und er hat schon viel bewirkt, der größte Teil unser alltäglichen Annehmnichkeiten beruht darauf. Ich gebe Ihnen aber völlig Recht, er hat auch große Probleme mit sich gebracht.

    Das Hauptproblem sehe ich im fehlenden Austausch zwischen den Spezialisten, im Fehlen der vermittelnden Generalisten. Und die Anerkennung und Förderung dieser Generalisten ist mir auch zwischen Wissenschaftsdisziplinen eine Herzensangelegenheit.

    Nur geht kein Weg mehr zurück, wir wissen zuviel und es passiert zuviel als dass einzelne Personen alles integrieren könnten. Aber gerade die Naturwissenschaften sind mir insofern ein gelungenes Modell – zumindest in ihren Einzeldisziplinen. Zwischen der theoretischen und der praktischen Physik scheint mir keine grundlegende Konkurrenz zu herrschen, dort wird jeder anerkannt (auch wenn Statuskämpfe nicht ausgeschlossen sind). Und ähnlich ist es anderswo mit dem empirischen Testen oder der Umsetzung gelungener Theorien.
    Gravierende Probleme gibt es aber in den Geisteswissenschaften – auch weil wir hier (gerade in Deutschland) noch zu stark das Ideal eines Universalgelehrten verinnerlicht haben, einer Person, die als Theoretiker beansprucht ebenso guter Praktiker zu sein oder als Praktiker ohne Theorie auskommen zu können. Kein Ingenieur würde den Sinn seiner theoretischen Aus- und Weiterbildung bestreiten und kein Naturwissenschaftler den Sinn der praktischen Erprobung seiner Theorien.

    Überspitzt tun Geisteswissenschaftler aber immer wieder genau das. Praktiker behaupten, Theorien behinderten nur unsere Arbeit. Theoretiker behaupten, alle Umsetzungsprobleme lägen am Unwissen der Praktiker. Allenfalls sind wir bereit, Theorien von Praktikern zu akzeptieren.

    Was uns fehlt, das ist die Wissbegier auf beiden Seiten – und auf geisteswissenschaftlichem Gebiet bedeutet Wissbegier eben Erklären, Fragen, Erklären, Fragen… solange bis wir einander verstehen.

  36. Ich habe es bewusst sehr scharf formuliert. *Ich* schaffe es fast immer in dem bestehenden System meine Wege zu gehen. Das nützt aber i.d.R. niemandem etwas, weil es ja nicht wichtig ist, was ich – mit jahrelang erkämpften Freiräumen mache – sondern wie der Change ins System selbst kommt – einer bringt da nichts. Auch meine Ideen werden natürlich sytemisch so integriert, dass sie möglichst wenig stören.

    Jeder Vorschlag kann je nach Kontext wasmatisch oder nicht sein. In manchen Schulen passt der Kontext, in manchen vielleicht nicht.

    Ich habe übrigens eine Geistes- und eine Naturwissenschaft als Fach, kenne zumindest also ein wenig die grundsätzliche „Denke“. Es geht mir nicht um den Anspruch alles wissen zu müssen. Naturwissenschaft entwickelt meist problem- oder neugierorientiert mit Rückkopplung zu Phänomenen. Pädagogik erfindet sich für mich zur Zeit immer wieder neu, d.h. es gibt oft genug neue Begriffe für längst beschriebene Phänomene. Grundsätzlich steckt für mich hinter dem oft kolpotierten „neuen Lernen“ eigentlich nichts weiter als humanistische Pädagogik bzw. Psychologie, die es mindestens schon 40 Jahre gibt. Die Diskussion „Wettbewerb vs. Kollaboration“ ist alt. Trotzdem ist der Wettbewerb noch nicht verschwunden. Kontext halt.

  37. @Maik Riecken: Bloß gut

    … ich zweifelte schon ganz grundsätzlich an mir. Denn beim Stöbern in Ihrem Blog konnte ich meinen urspünglichen Einduck immer weniger widerlegt finden: Wir sind uns wohl sehr ähnlich! Eigentlich (das steht hier ganz bewußt) haben wir aus verschiedenen Perspektiven dieselbe Ansicht entwickelt.

    Und daher stimme ich Ihrem letzten Post fast vollkommen zu. Was ich als Visionär (als Praktiker teile ich Ihre Zweifel) allerdings grundsätzlich anders sehe ist nur Eines: Ihr Schaffen nützt allen!

    Das System wird nicht geändert werden, sondern es wird sich ändern. Es wird sich ändern, wenn viele so denken und handeln wie Sie. Es ist aber zu komplex, um von außen geändern werden zu können. Denn wie Sie schon oft so treffend beschrieben: Das system integriert jede Änderung so, dass sie möglichst wenig stört – das ist seine Aufgabe, sein alleiniges Ziel (denn nur so kann es überleben).

    Luhmann hat das in seinen Arbeiten theoretisch sehr gut aufgearbeitet. Das System reproduziert sich selbst – alles was es also zu Änderungen bewegen kann, das ist massive Störung. Und massive störung kommt von innen, kommt daher, dass viele Mitglieder des Bildungssystem andere Wege gehen und damit das system selbst verändern.

    Und darum ist mir immer wieder, immer noch und wohl für immer – die Faszination das Wichtigste, die Infektion mit einer Vision. Umso mehr Lehrende dieser Vision verfallen sind, umso eher wird sich das System ändern, umso eher kommt der Tag, wo eine Generation mit diesem visionären System aufwächst. Sie wird dann unsere Vision als banal transzendieren und im Angesicht ganz anderer Probleme völlig neue Visionen entwickeln…

    (Insofern ist Ihre Beobachtung zum Wettbewerb äußerst treffend: vor – mit Wagenschein würde ich sogar sagen – 50 Jahren gab es auch schon eine humanistische Pädagogik wie heute, schon damals wurde Wettbewerb kritisiert – aber damals konnte er nicht gehört werden, denn der „Gott des Wettbewerbes“ [siehe die Diskussion bei Michael Blume, Der Nutzen des Unglaubens – Wer forscht mit?] war auf seinem aufsteigenden Ast – heute hat er seinen Zenit überschritten und die Gesellschaft denkt wieder mehr an Kollaboration.)

  38. Fazit?

    @Maike
    Kannst du bitte die diskussion kurz zusammenfassen? Was haben wir gelernt? Mir zumindest scheint, dass Wagenschein, Luhmann und Blume den netten und intelligenten Noit Atiga eher verwirren als weiterbringen. Weiterbringen würden ihn eher 6 wochen eigenständigen unterricht in einer beliebigen schule. Da könnte er auch mal testen, ob seine vorstellung von der handy-problematik-diskussion im unterricht zu realisieren wäre… Wenn das nicht klappt, dann muss er sich überlegen, ob washeit ohne wieheit nicht unter Wittgensteins sottise fällt: „worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen“.

  39. Für Noit: menschenbild

    Wenn du dich hauptsächlich mit theorie befassts, wirst du aktuell in der praxis diskutierte ansätze nur am rande rezipieren. Die aktuell in der praxis entwickelten ansätze werden, wenn überhaupt, erst in 50 jahren in der – trägen und konservativen – theoriediskussion emergieren. Es ist schade, denn du hinkst dann automatisch ein halbes jahrhundert hinterher. Du verlangst beispielsweise ein konsensfähiges menschenbild. Dieses hier habe ich 1994 angeboten und es wurde in der praxis (nicht überall, aber relativ breit) aufgenommen. Kennst du das? Und was meinst du dazu? http://www.gruene-ingolstadt.de/component/content/article/1-news/290-menschenbild-neues-werkzeug-fuer-die-ingolstaedter-gruenen

  40. @Jean-Pol Martin: Theorie & Praxis

    Der nette (hoffentlich nicht als kleine Schwester von … gemeint) Noït Atiga hat nie behauptet, alle in der Praxis diskutieren Ansätze zu kennen (oder kennen zu können). Er ist ja der Überzeugung, dass jeder Mensch seine ganz eigene Perspektive entwickelt und dass Verbesserungen in unserer immer komplexeren Welt nur durch intensiven Austausch entstehen können. Weil kein menschliches Individuum in dieser Welt alles wissen oder können kann – und zwar nicht weil es dem Einzelnen zu anstrengend erschiene, sondern weil es selbst bei lebenslanger konzentrierter Anstrengung unmöglich ist. Nicht umsonst gibt es heute keine Universalgelehrten mehr (und selbst die früheren Spezies wussten nicht alles).

    Er hat auch das Gefühl, dass Ihr Menschenbild sehr widersprüchlich ist. Dabei geht es ihm gar nicht so sehr um Maslow etc. (wo er so seine zweifel hat – siehe etwa die Ausführungen von Sarah Blaffer Hrdy), sondern eher um den Widerspruch zwischen Ihrem Beharren auf pädagogischem Monismus und Ihrem Verständnis des Menschen als Neuron.

    Er versteht nicht, wieso Sie von einem Neuron fordern, dass es alles selber macht. Für ihn spricht Ihr Neuron-Modell nämlich eher für seine Ansicht intensiven Austausches, für die Etablierung von hochqualifizierten Spezialisten der verschiedenen Erfahrungen einerseits und von hochqualifizierten Spezialisten der Theorie andererseits, die allesamt mit hochqualifizierten Generalisten intensiv kooperieren. Denn ein einzelnes Neuron allein kann auch in unserem Gerhin fast nichts – aber es ist wissbegierig auf die Meinungen der anderen Neuronen und deren Spezialwissen.

    Und er hält Luhmann (obwohl er diesem nicht in jedem zustimmt) für einen der größten Geisteswissenschaftler des letzten Jahrhunderts (womit er nicht ganz allein ist). Dieser Luhmann hat nämlich (was einem Jean-Pol Martin vielleicht entgangen ist) extrem viel über die Gesellschaft nachgedacht und eine Systemtheorie entwickelt, die dem Neuronenmodell in mancher Hinsicht gleicht aber weit darüber hinausgeht. Allerdings hat er diese Neuronen selbst aus seiner Betrachtung ausgeschlossen und sich auf die Kommunikation beschränkt.

    Und das Neuronenmodell (um sich Ihrer Sprache zu bedienen) scheint dem Noït Atiga auch für seine anderen Ausführungen zu sprechen – für das Lernen-lassen, für das Projektlernen, dafür dass Unterricht (wie es der langjährige Praktiker Wagenschein formulierte) anregen soll und ergebnisoffen sein muss. Unser Gehirn könnte nämlich nicht funktionieren, wenn den einzelnen Neuronen irgendwie vorgeschrieben würde, was sie „denken“ oder „lernen“ müssen. Dass dennoch alle an einem Strang ziehen, das liegt an der ständigen Kommunikation, die es mit 100.000 bis 200.000 anderen Neuronen unterhält.

    Ja, und so ist das Menschenbild des Noït Atiga extrem ergebnisoffen. Prinzipiell ist alles änderbar – aber es kann nicht alles gleichzeitig geändert werden. Diese Aussage Wittgensteins gilt nämlich auch für die Neuronen, sie können sich ändern (auch im Alter) – doch umso mehr Erfahrungen vorliegen, umso mehr neue Erfahrungen braucht es oder/und umso bewegendere um ihr Verhalten (ihre Synapsen) zu ändern. Und das gilt auch für das System Bildung – es ist schon sehr alt, es hat tausende Erfahrungen gemacht, viel viel mehr Erfahrungen als die 6-18 jährigen lernenden Individuen. Darum auch ist es so starr, darum auch muss es erst viele viele neuartige Erfahrungen machen, bis es sich ändern kann. Und darum auch kommt es immer mehr zu Konflikten – die Lernenden haben ja oft ganz andere Erfahrungen gemacht und ganz andere Erwartungen.

    Darum auch denkt er, dass selbst in der Schule die Diskussion der Königsweg ist. Das Problem (Vorsicht Provokation) sind nämlich die Lehrer, und nicht die Schüler. Und das Problem mit den mobilen Geräten scheint ihm darum ein äußerst geeignetes zu sein – auch wenn er darüber erst seit dem Einwurf von Maik Rieken nachdenkt (denn ihm war das in der Praxis bisher kein Problem). Aber das Handy hat zwei Vorteile gegenüber vielen anderen Schulthemen: es ist recht neu im System und es ist den Schülern (und antagonistisch meist den Lehrern) Herzensangelegenheit. Beides erleichtert die wirkliche Auseinanderesetzung und die Konsensfindung.

    Er denkt daher immer noch, dass ein Projekt über mobile Geräte geniale Konsequenzen für die gesamte Schulbildung haben könnte. Er kann hier aber nur skizzieren, was er damit meint. Aus seiner Sicht könnte man nämlich schon im Lehrerkollegium überlegen, welche unterschiedlichen Bedeutungen das Handy hat. Man könnte sich überlegen (und wenn es sein Forschungsprojekt wäre, dann würde er das auch in Kooperation mit Praktikern tun), welche Verbindungen zu den einzelnen Fächern und Lehrplänen bestehen, welche Gefahren und welche Gewinne für jedes Fach damit verbunden sind, was es vergleichbares gab etc.

    Er könnte sich dann (vorausgesetzt die Lehrer machen mit) vorstellen, darüber weit mehr als eine Projektwoche zu brüten und das sogar mit der gesamten Schule. Die damit „verlorene“ Zeit scheint ihm eine gewonnene zu sein, denn die Schüler hätten viel mehr gelernt als in der gleichen Zeit auf konventionellem Wege – aber die Lehrer und das System riskieren dabei eben Antworten, die ihnen nicht gefallen…

  41. danke

    @Noit
    …für den schönen text. Ich antworte jetzt deshalb nur mit ein paar sätzen, weil ich mit dir weitgehend übereinstimme. Nur, dass ich in 40 jahren als lehrer testen konnte, was geht und was nicht geht. Was das handy im unterricht angeht, so regte ich 2007 meine schüler an, alle (vorhandene) handys einzuschalten und die von mir eingerichtete twitter-wall zu benutzen, um einen anregenden kollektiven diskurs zu führen. Meine vorstellung war auch, dass wir im klassenzimmer permanent alle kommunikationsmittel bereithalten und verwenden. Nur, dass die schüler das abgelehnt haben!:-)

  42. Ich bin Monist

    Nämlich Techniker, Berater, Lehrer, Fachkraft, Belesen in Datenschutzfragen sowie Curricula und im außerschulischen Bereich noch einiges mehr. Wahrscheinlich wird es sich auf Dauer nicht vermeiden lassen, zusätzlich auch politisch aktiv zu sein. Das ist nicht immer lustbesetzt, aber für mich notwendig, um Spaß zu erleben.

    Das, was ich ich erreiche, erreiche ich nicht durch Spezialisierung, sondern eine Spezialisierung würde mich im Gegenteil sofort in vielen Kontexten in eine oppositionelle und eben nicht fördernde Rolle bringen.

    Es gibt in NDS gerade ein groß angelegtes Projekt zum Einsatz des iPads im Unterricht an Schulen.

    Das ist ein visionär geborener Ansatz: Wir nehmen uns ein Gerät und schauen mal, ob es etwas für Unterricht bzw. Lernen bewirkt.

    Das ist ein denkbarer Weg.

    Meine Frage ist aber anders: Was ist jetzt schon an Systemänderungen wie(!) realisierbar und was bzw. welche Geräte können dabei wie(!) unterstützen?

    Literatur wird seit Generationen für Menschen dadurch doof, weil sie an Schulen in bestimmter Weise in einem durch Gefühle bestimmten Kontext gelehrt wird. LdL z.B. verändert diesen Kontext.

    Warum sollte ein mobiles Endgerät, welches in diesem Kontext thematisiert wird, nicht auch irgendwann für Menschen „doof“ sein?

    Weg mit den Endgeräten und den damit verbundenen Visionen. Hin zu z.B. einer veränderte Kommunkationskultur, die sich dann(!) ggf. auf Endgeräte übertragen lässt, die die Umsetzung dieser Kultur erleichtern (nein, heute muss man nicht Gruppen nacheinander Ergebnisse mit Kreide an die Tafel schreiben lassen, man die Ergebnisse im Moment ihrer Entstehung mit einem mobilen Gerät zentral kollaborativ sammeln, sogar asynchron).

    Den Humanismus habe ich z.B. nicht durch Schiller oder Goethe mit in mir assimiliert, sondern durch Menschen, die vor mir mit ihm umgegangen sind.

    Womit wir bei Haltung und Arbeit an Haltung wären. Der Rest kommt dann schon. Du da haben Visionäre bisher m.E. nicht geliefert, sondern weitestgehend deskribiert.

  43. Insofern bin auch ich Monist

    Das, was ich ich erreiche, erreiche ich nicht durch Spezialisierung, sondern eine Spezialisierung würde mich im Gegenteil sofort in vielen Kontexten in eine oppositionelle und eben nicht fördernde Rolle bringen.

    Ja, und das ist für mich die Sicht des praktisch tätigen Generalisten. Aber dieser Generalist kennt auch eine theoretische Perspektive und die ist (zum Zwecke der Entwicklung) immer polarisierend gegen – wie ein Maik Riecken 😉 oder ein Noït Atiga hier. Denn als Generalist könnte ich nicht ohne die Spezialisten so leben. Schließlich habe ich mich sowohl durch Probieren als auch durch Studieren entwickelt. Und meine Integrationsversuche greifen neben eigenen Erfahrungen und Kenntnissen auch auf die Berichte von Praktikern und auf Visionen von Theoretikern zurück. Ich kann weder auf die Einen noch die Anderen verzichten, denn sonst wäre ich heute nicht der, der ich bin. (Auch wenn mancher das vielleicht gut fände.)
     

    Vielleicht darf ich das an einem Einwurf von oben illustrieren:

    b) Man kann und darf doch wohl auch denken ohne das gleich umzusetzen!

    Klar kann ich mich (b) als Mann zur Heftigkeit von Geburtsschmerzen einer Frau äußern – aber dabei gleichzeitig zu erwarten, dass sie mir auf Knien für meine Ausführungen dankt und diese ernstnimmt und umsetzt, nunja.
    Maik Riecken, 01.06.2012, 07:48

    Das stimmt: Wenn ich nur die Existenz der Schmerzen behaupte, dann bringt das der Frau nichts.
    Aber wenn ich mich mit deren Ursachen beschäftige, dann kann ich das als Praktiker machen und irgendwann (vielleicht auch sofort spontan) eine Methode finden, ihr und weiteren Frauen zu helfen. Aber dann bleibt das bei mir, ist mir gegeben oder nicht. Und es bleibt umso mehr bei mir, als ich vielleicht nicht schreiben kann und nur schlecht erklären – es war mir ja immer gegeben.

    Und ich kann mich als Theoretiker mit diesen Ursachen beschäftigen und Theorien entwickeln, die weiter gehen als die individuelle Erfahrung. Kann schauen, inwieweit diese Theorie zu Erfahrungsberichten und Versuchen passt. Und ich kann das auch dann noch, wenn ich zwei linke Hände habe. Und ich kann es auch dann noch, wenn ich nicht erklären kann – denn es ist mir ja immer zugefallen.

    Und ich kann das als Generalist tun, weil sowohl die Praxis als auch die Theorie gefallen. Und weil ich gut erklären kann, finden sich auch Menschen, die mir zuhören. Ja die vielleicht sogar nach mir suchen, weil sie die Eingebung des erstgenannten Praktikers nicht haben, weil ihnen der erstgenannte Praktiker auch nicht helfen kann/will und weil sie den Theoretiker nicht verstehen, weil der ihnen zu wasmatisch ist ;-). Aber weil sie dennoch ihren Beitrag zum Lindern der Schmerzen leisten wollenm, deswegen kommen sie zu mir. Denn das Vermitteln liegt mir nun einmal.

    Und dieses Beispiel illustriert auch die Probleme, die durch fehlenden Austausch entstehen können. Solange sich Hebammen und Ärzte nicht ausgetauscht haben, solange entwickelten sie aneinander vorbei – seitdem sie zusammen arbeiten, gibt es immer weniger unheilbare Fälle. Und das umso weniger als es neben den genialen Praktikern geniale Forscher und geniale Vermittler gibt. Und das reduziert sich noch weiter je mehr jeder Einzelne bereit ist, sich mit den anderen Ansichten zu beschäftigen. Und – in welcher Position ich auch bin – ich wäre über jeden Dank auf Knien entsetzt, schließlich lernen wir von- und miteinander.

    So stelle ich es mir auch in der Bildung vor. Ist nicht jeder Lehrer ein Geburtshelfer? Und natürlich sind praktische Ärzte mit hebammenähnlichen Fähigkeiten, die auch noch vermitteln können ideal – aber dafür gibt es (noch) nicht genug talentierte Kandidaten. Zumal deren Ausbildung auch einige Zeit dauert. Und – anders als bei den physischen Geburten – scheint mir diese Differenzierung im Bildungswesen fast noch wichtiger, schließlich entwickeln sich die geistigen Föten immer unterschiedlicher. (Gerade im Hochschulbereich ist das mittlerweile ein ernstes Problem.)

    Doch dieses Ineinandergreifen der verschieden ausgeprägten Fähigkeiten aller Talente kann funktionieren, es funktioniert in den Naturwissenschaften ja schon. Wohl auch, weil diese „meist problem- oder neugierorientiert mit Rückkopplung zu Phänomenen“ entwickeln: Ein Ingenieur, der auf ein Problem stößt, sucht heute oft erstmal nach bestehenden Lösungsvorschlägen. Und ein Theoretiker wird sich die vorhandenen empirischen Daten zu seinem Theorieprojekt anschauen.
     

    Und dieses von-einander und mit-einander Lernen, das hatte ich als Vision bezeichnet – müsste es mit Maik Riecken aber als Haltung definieren, als jene Haltung, an der ich für mich arbeite.

  44. Das technische Varieté

    Nachdem ich nach vielen traurigen Hausarbeiten – bei denen ich immer für die Wälder leide, es sind ja je 30 Blatt, die ich lieber online korrigierte – mal wieder eine gute lesen durfte, schwirrte mir eine Bemerkung von Maik Riecken im Kompf herum:

    Literatur wird seit Generationen für Menschen dadurch doof, weil sie an Schulen in bestimmter Weise in einem durch Gefühle bestimmten Kontext gelehrt wird.
    Scheint doch genau das der überwiegende Grund zu sein: Lesen ist doof und Schreiben sowieso. Naja, Eine kann erwiesenermaßen beides.

    Aber da sehe ich auch eine Problematik in der Nutzung moderer Technik – die meisten Arbeiten sind halbe Plagiate oder doch stümperhaft zusammengesetzte Textschnipsel (von Kenntnissen in Textverarbeitung ganz zu schweigen). Und das hätte ich in meiner Projektwoche im LdL Stil auch thematisieren wollen. Und wenn es nicht von den Schülern kommt, warum nicht mal die Schüler meinen entsprechend zusammengestellten Text verreißen lassen. Und passt das nicht zum Ändern des Kontextes?

    Warum nicht einen moderen Queneau auflegen (siehe Stilübungen) bzw. Das technische Varieté: oder Kunst und Vergnügen beim Schreiben mit Bleistift, Bildschirm und Tastatur?

  45. @Kristina

    @Webbaer: Worin besteht der Zusammenhang zwischen der Frage nach Praxis und dem Link?

    Der Praktiker würde den Zusammenhang erkennen, der Theoretiker nicht?

    Ansonsten: Der Praktiker kann etwas, er setzt um, er existiert, weil er umsetzt. Der Visionär, im schlimmeren Fall der V., der ganz primär didaktisch unterwegs ist, kann dann oft nur Fragen stellen?

    Insofern ist es auch sehr wichtig, dass der Didaktiker den Blaumann kennt und gelegentlich anzieht.

    HTH
    Dr. Webbaer

  46. @Jean-Pol Martin & @Kristina Lucius

    Wissenschaftler, mit Leib und Seele Wissenschaftler, Generalist.

    Persönlich: Weltenbürger – zumindest wäre ich es gern, denn erfahrungsgemäß: Unterschichtenkind, Snob, Adeliger, Pädagoge, Bourgeois, Phyisker, Leistungssportler, Versager, Konformist, Manager, Bankier, Lehrer, Informatiker, Querdenker, Germanist, Ökonom, Soziologe, Organisateur, Mikroelektroniker, Jurist … sowie, je nach Situation, Provokateur oder Mediateur.

    Jedenfalls aber aus Erfahrung Allergiker gegen jeden sich absolut sehenden Monisten (Maik Riecken scheint mir keiner, sondern teils bewusster Provokateur) und im Selbstverständnis keineswegs belesen – das sind die Anderen, ich schaffe nicht einmal einen Bruchteil der mir interessant erscheinenden Werke. Geschweige denn kann ich Alles ausprobieren.

    Und sensibel – stimmt, für Unterschiede habe ich wohl den sprichwörtlichen, aber manchmal auch irreführenden siebten Sinn. Für persönliche Angegriffenheit stimmt es nicht, denn ich lebe mit und für Diskussion, Austausch und Widerspruch – das ist ein, wenn nicht der wichtigste Teil meines Seins. Und ich bin standfest, manchmal stur – aber das liegt an den Erfahrungen (Stichwort Neuron). Und ich kann versichern: Jeder Einwurf bleibt hängen!

    Drum auch nicht mehr zur Persönlichkeit: Lasst die Argumente sprechen – nicht Namen oder Positionen.

    PS: Und wer sich mit meinem Pseudonym doch beschäftigen will, der findet sowohl zu Noït als auch zu Atiga oder ATIGA bei Google, Wikipedia & Co. reichlich Stoff…

  47. „Change meint hier die Änderung oder Veränderung eines Systems …“

    Und was bringt es für den Erkenntnisfortschritt, wenn man jetzt Change sagen muß statt Veränderung? Ich muß das wissen, denn in meinem Arbeitsbereich ist die Change noch nicht angekommen, kommt aber sicher bald, und da will man ja vorbereitet sein.

    Und was ist mit all den Differenzierungen, die die bisherige Sprache ermöglicht (Reform, Revolution, Reformation, Systemwechsel, Wende …)? Muß man da jetzt überall Verbindungen mit „Change“ machen?

  48. @Ludwig Trepl: Keinen, aber…

    Es bringt keinen Erkenntnisfortschitt, gar keinen.

    Aber diese Terminologie ist schon Teil vom Initiieren und Begleiten des Veränderungsprozesses. Das System will ja keine Änderungen oder gar Veränderungen. (An Reform, Revolution, Reformation, Systemwechsel, Wende ist gar nicht zu denken!) Also versucht man das System auf psychologischem Wege auszutricken: Change versteht keiner wirklich und es ist modern, weil English. Und wenn dann doch einer nach der genauen Bedeutung fragt, dann kann man immer noch auf Nebenbedeutungen wie Abwechslung ausweichen und das klingt eben nicht ganz so gefährlich. Die Abwehrkräfte werden also nicht gleichermaßen mobilisiert.

    Das Management hat dann sogar noch einen direkt positiven Effekt: Management klingt nach Leitung, wird also mit Einfluss und Macht der eigenen Person assoziiert, was die Beteiligten motiviert – ganz anders als das deutsche Initiieren oder Begleiten. Die klingen so sehr nach Bevormundung, dass sie schon darum Abwehrkräfte mobilsieren würden (gerade bei selbständigen Lehrern).

    Und auch wenn das dem Gebildeten auf den Magen schlägt – selbst wer um die Bedeutung weiß reagiert auf diese Begriffe weniger emotional als aufs deutsche Pendant. Und natürlich freut sich der Hausmeister, dass er jetzt zum Facility Management gehört…

  49. Du hast mir hier gerade praktisch aus der Seele gesprochen. Auch wenn ich mich in einem Punkt den Vorrednern hier anschließe, und zwar dass das gegenseitige Beschuldigen nichts bringt, so finde ich trotzdem, dass du weitesgehend recht hast. Leider litt ich vor kurzem selbst noch unter der vermeintlichen Verbesserung unseres Schulsystems. Ich hoffe nur, dass meine zukünftigen Kinder in ein besseres System kommen. Hoffen darf man ja.
    Grüße,
    Tina

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