Physikerinnentagung

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Blick über den Plasmarand
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Laut Statistiken werden Physikerinnen noch immer seltener zu Fachvorträgen ausgesucht bzw. eingeladen als ihre männlichen Kollegen. Um dem etwas entgegenzuwirken, und um die Vernetzung unter den Physikerinnen zu fördern, findet jedes Jahr die Physikerinnentagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft statt.

Da diese Veranstaltung dieses Jahr bei uns in München war, habe ich sie heuer zum ersten Mal besucht. Mein Resumée ist gespalten. Die Tagung bietet eine schöne Übersicht über die Themen der Physik, die im Moment gerade aktuell sind. Und es war wirklich einmal nett, so viele weibliche Physiker auf einmal zu erleben und sich nicht immer in der Minderheit zu fühlen – wobei ich mich andererseits dann doch wieder etwas als Außenseiterin gefühlt habe, denn ich war mit meinem Fachgebiet dort eine ziemliche Exotin. Die Stimmung war während der Tagung auf alle Fälle sehr gut; mir wurden bei einer Konferenz noch nie so viele Türen aufgehalten und ich angelächelt.

Leider waren die Teilnehmerinnen sehr jung, hauptsächlich Doktorandinnen und Studentinnen, sogar einige Schülerinnen. Ich hatte eigentlich gehofft, auf mehr gestandene Physikerinnen zu treffen. Die Vorträge waren trotzdem sehr interessant und spannend. Leider ist die Vortragende des Talks, auf den ich mich am meisten gefreut hatte, nicht aufgetaucht. Das war übrigens das erste Mal, dass ich das erlebt habe, ansonsten wird höflicherweise wenigstens der Vorsitzende informiert, dass man nicht kommen kann.

Was mich auch gestört hat, war die etwas seltsame Einstellung einiger weniger Teilnehmerinnen. Eine der Physikerinnen hat sich beispielsweise mit ihrem kleinen Baby mitten unter die Zuhörer gesetzt und fand nichts dabei, dass das Kind häufig geschrien oder auf den Tischen geschlagen hat. Ich wünschte ja, dass dem nicht so wäre, aber mich stört so etwas einfach. Ich muss mich konzentrieren, um wissenschaftlichen Fachvorträgen folgen zu können, und das geht leider nicht, wenn jemand Lärm macht.

Am befremdendsten fand ich die Diskussion am Ende der Tagung. Es ging um die Frage, ob in der Zukunft auch Männer zugelassen werden sollten. Im Moment ist es so, dass Männer die Tagung besuchen dürfen, aber nichts präsentieren. Es wurde dann per Handzeichen abgestimmt, ob das geändert werden solle. Mir schien es, dass die meisten Physikerinnen dafür waren, Männer zuzulassen, ich hatte aber keine Zeit für eine Zählung.

Dies hat einiges an Widerstimmen bei denjenigen ausgelöst, die weiterhin unter sich bleiben wollen. Einige Argumente dafür waren (neben dem, dass dann der spezielle Charakter der Tagung verloren gehen würde):
– dass die Physikerinnentagung dann von Männern überschwemmt werden würde und die den Physikerinnen "auch das noch" nehmen würden
– dass man sich ja so sicher fühlen würde ohne Männer, weil man dann sicher die Beste in dem Fachgebiet sei (aus dem einfachen Grund, dass niemand sonst von dem Gebiet anwesend ist).

Wie man vermutlich schon merkt, fand ich diese Argumente bestürzend. Ich war eigentlich der Meinung gewesen, dass wir Physikerinnen uns nicht vor unseren männlichen Kollegen verstecken müssen und auch gar nicht wollen. Dass einige oder zumindest eine Einzelperson das doch so sieht, finde ich einfach peinlich. Zum Glück gab es dann auch gleich einiges an Gegenstimmen. Im Endeffekt war es eine große Diskussion ohne viel Ergebnis. Nun ja.

Die Vorträge immerhin waren sehr spannend. Eine Besonderheit der Physikerinnentagung sind die Vorträge zu Thema "Arbeitswelten". Das ist vermutlich am ehesten für Leute interessant, die auf der Suche nach Arbeit sind. Ich möchte allerdings in der Forschung bleiben und habe diese Vorträge kaum besucht – es gab immer parallel Fachvorträge.

Bei dem Vortrag von Carola Meyer vom Arbeitskreis Chancengleichheit der DPG war ich allerdings. Dort wurden hauptsächlich die Ergebnisse einer Umfrage unter den Mitgliedern der DPG aus dem Jahr 2001 vorgestellt, die nächstes Jahr wiederholt werden soll. Es zeigte sich damals, dass die Physikerinnen hoch motiviert sind und die meisten von ihnen wieder Physik studieren würden. Falls sie Kinder hatten, nahmen sie typischerweise nur kurze Auszeiten, weniger als ein Jahr.

Trotzdem verdienen sie weniger als ihre männliche Kollegen. Physikerinnen in Leitungspositionen haben ein um 25% geringeres Bruttoeinkommen als männliche Physiker in Leitungspositionen, und immer noch ein 2% geringeres Einkommen als Physiker, die nicht in Leitungspositonen sind! Zudem werden die weiblichen Physiker von ihren Vorgesetzten im Mittel weniger gefördert, was allerdings im Einzelfall normalerweise dem Zufall zugeschrieben wird. Viele kleine Benachteiligungen summieren sich dann aber im Laufe eines Physikerlebens zu geringeren Karrierechancen.

Jedenfalls war die Situation so vor zehn Jahren. Seitdem hat sich einiges getan, es wurden vielerorts Fördermaßnahmen eingerichtet. Nun soll eine neue Umfrage nächstes Jahr klären, ob diese Maßnahmen gegriffen haben.

Über die Fachvorträge, die ich besonders spannend fand, werde ich im nächsten Post berichten.

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Erhöht man die Spannung zwischen zwei Elektroden, die ein Gas umgeben, beginnt das Gas irgendwann zu leuchten: Freie Elektronen im Gas haben genug Energie, um die Gasteilchen zu ionisieren und noch mehr Elektronen aus den Atomen zu schlagen. Ein Plasma wurde gezündet, die Zündspannung ist erreicht. Gibt man nun noch zusätzlich Mikrometer große Teilchen in das Plasma, erhält man ein sogenanntes "Komplexes Plasma", mit dem ich mich zunächst als Doktorand und Post-Doc am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik und nun an der University of California in Berkeley beschäftige. In diesem Blog möchte ich sowie ein wenig Einblick in den Alltag im Forschungsinstitut bieten, als auch über den (Plasma)-Rand hinaus blicken. Mierk Schwabe

2 Kommentare

  1. Als eine der Organisatorinnen (vom Exzellenzcluster Universe) möchte ich mich über das differenzierte Feedback bedanken! Ich werde nicht auf alle Punkte eingehen, nur so viel:

    Die Veranstaltung wird ja von der DPG und vom Arbeitskreis Chancengleichheit getragen – organisiert wird die Tagung an jährlich wechselnden Universitäten von jährlich wechselnden Teams. Auch den Münchner Organisatorinnen ist aufgefallen, dass das Publikum sehr jung war, und auch wir hätten uns mehr gestandene Physikerinnen gewünscht. Ich persönlich meine, dass sich die Veranstaltung in dieser Form überlebt hat, und dass eine Neuausrichtung erforderlich ist. Wir werden demnächst im Kreis der Organisatorinnen darüber entscheiden, ob wir diesbezüglich eine “offizielle” Empfehlung an DPG/AKC richten werden.

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