Das Übel dieser Welt – die Experten?

BLOG: Zündspannung

Blick über den Plasmarand
Zündspannung

Das Schimpfen über Experten scheint im Moment in der Mode zu sein. Letzte Woche hat der Spiegel den Fehlern von Ärzten das ganze Titelthema gewidmet, das hauptsächlich aus einer Sammlung haarsträubender Fehldiagnosen bestand.

Jetzt wurde ein TED-Vortrag von der der Wirtschaftswissenschaftlerin Noreena Hertz vom November letzten Jahres veröffentlicht, in dem es darum geht, wie und wann (nicht!) man Experten ‘verwenden’ soll:

Frau Hertz sagt, dass wir uns in der modernen Zeit viel zu sehr auf den Rat von Experten verlassen, um unsere Entscheidungen zu treffen. Wir fühlen uns ihrer Meinung nach durch die ‘elternhafte Authorität’ der Experten beruhigt und sind von ihnen abhängig geworden. Das sei ein großes Problem – sie führt beispielsweise wieder eine Statistik zu Fehldiagnosen im medizinischen Bereich an (vier von zehn Diagnosen von Ärzten seien falsch).

Es gäbe zwar auch einige Ausnahmen, bei denen Experten die Welt zum besseren änderten, aber als vorherrschendes Modell sieht Frau Hertz das folgende: Experten beten ihre eigenen Gurus an, können nicht aus der allgemein vorherrschenden Meinung ausbrechen. Sie machen außerdem extrem viele Fehler, so zum Beispiel im Bereich der Wirtschaft und – wieder – der Medizin.

Als Gegenstategie schlägt sie das folgende vor:

1) Man soll sich mit den Experten anlegen, sich nicht von ihren Professorentitel und Fachwissen einschüchtern lassen, sich Beweise und Methoden erklären lassen. Hier führt sie an, dass es vor kurzem ‘herausgekommen’ sei, dass ‘Experten’ Medikamente hauptsächlich an Männern testen, aber die Wirkung auf Frauen eventuell anders sei. Dies führt Frau Hertz als Argument dafür an, dass die Annahmen der Experten leicht falsch sein können.

2) Es soll Raum geschaffen werden für abweichende Meinungen. Damit die vorherrschenden Mythen zerstört werden können, muss über sie offen diskutiert werden.

3) Es soll neu definiert werden, wer Experten sind. Im Moment werden diejenigen als Experten angesehen, die Diplome in ihren Fachgebieten haben und darüber Bücher schreiben. Frau Hertz möchte Expertise demokratisieren, so dass nicht nur die Chirurgen und Firmenchefs als Experten angesehen werden, sondern auch die Verkäuferin. Sie erzählt dazu eine Anekdote von einer Firma, in der Wetten darauf abgeschlossen werden sollten, wann ein neues Geschäft in China eröffnet werden würde. Dabei hat eine ganze Gruppe aus der Finanzabteilung darauf gewettet, dass die Eröffnung nicht im Zeitplan möglich sein würde. Es stellte sich heraus, dass sie im Gegensatz zu den anderen Firmenmitgliedern Insider-Wissen hatte, und daher genau wusste, dass die Eröffnung sich verzögern würde.

Um auf diese Punkte einzugehen, erst einmal einen Schritt zurück. Was sind ‘Experten’ eigentlich? Wikipedia führt die Schlüsseleigenschaften von Experten auf:

<Zitat>
   1. sie erkennen große Bedeutungszusammenhänge
   2. sie arbeiten schneller und machen weniger Fehler
   3. sie haben ein besseres Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis
   4. sie achten mehr auf Strukturen als auf oberflächliche Eigenschaften
   5. sie verwenden viel Zeit auf qualitative Analysen
   6. sie können ihre eigenen Fähigkeiten und Leistungen richtig beurteilen
   7. all das gilt nur in ihrem jeweiligen Fachgebiet.
<Zitat Ende>

Dass das oft mit Diplomen und Professorentitel zusammengeht, ist klar: Um diese Titel zu erlangen, muss man sich lange mit einem bestimmten Thema befassen, so dass sich die oben genannten Fähigkeiten einstellen. Aber man kann auch ohne formelle Ausbildung zu einem Experten in einem Thema werden.

Natürlich muss und darf man, wenn man nun einem Experten gegenüber tritt, nicht einfach alles glauben, was dieser von sich gibt. Auch Experten können sich irren, Fehler machen, oder in ihrer Sichtweise festgefahren sein. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie dies tun, ist weitaus geringer, als dass Fehler einem Nicht-Experten unterlaufen.

Dies möchte ich auf Punkt 1) erwidern. Ich stimme insofern zu, dass blindes Vertrauen nie gut ist, man soll ‘den Kopf nicht abschalten’ und skeptisch bleiben. Wenn Beweise vorgelegt werden oder auf Literatur verwiesen wird, in denen diese zu finden ist, muss man aber auch bereit sein, sich damit zu beschäftigen.

Das führt uns gleich zu Punkt 2). Abweichende Meinungen sollen berücksichtigt werden. Frau Hertz hat hier eine schöne Beschreibung der wissenschaftlichen Methode geliefert. Die Wissenschaft ist intrinsisch selbstverbessernd. Natürlich ist das System wie alles Menschengemachte, nicht perfekt, aber abweichende Meinungen, Erklärungen und Hypothesen gibt es zuhauf, und sie werden an Experimenten getestet.

Ich sehe hier nicht, inwiefern dies Experten diskreditieren sollte, oder gar den dritten Punkt unterstützen würde, nämlich, dass das Expertentum demokratisiert werden müsse. Um auf Frau Hertz’ favorisiertes Thema zu kommen: Sollen Ärzte in einem Krankenhaus demnächst gemeinsam mit den Verwandten eines Kranken und dem Putzpersonal abstimmen, um welche Krankheit es sich handeln könnte? Ich denke, niemand wird ernsthaft annehmen, dass dadurch die Zahl der Fehldiagnosen sinken wird.

Das angeführte Beispiel mit den Wetten zeigt, dass Menschen sich zu Experten entwickeln können, wenn sie sich mit einem Thema beschäftigen. Allerdings ist dies keinesfalls garantiert, um wirklich sicher zu sein, müssen wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt werden. Zu leicht ist es möglich, sich zu täuschen, wenn keine Statistik geführt wird. Ohne eine Untersuchung kann man beispielsweise nicht unterscheiden, ob eine Erkältung von selbst auskuriert wurde oder nicht doch das homöopathische Mittel geholfen hat.

Und hier wird es gefährlich – wenn Experten trotz wissenschaftlichen Methoden und Beweisen nicht geglaubt wird, sondern jede Anekdote gleich viel zählt wie eine Studie, ist man ganz schnell zurück im Mittelalter. Eine gesunde Dosis Skepsis ist schön und gut, aber der Rat wissenschaftlicher Experten ist viel wert, und wir sollten ihn nicht schlecht reden.

Mierk Schwabe

Veröffentlicht von

Erhöht man die Spannung zwischen zwei Elektroden, die ein Gas umgeben, beginnt das Gas irgendwann zu leuchten: Freie Elektronen im Gas haben genug Energie, um die Gasteilchen zu ionisieren und noch mehr Elektronen aus den Atomen zu schlagen. Ein Plasma wurde gezündet, die Zündspannung ist erreicht. Gibt man nun noch zusätzlich Mikrometer große Teilchen in das Plasma, erhält man ein sogenanntes "Komplexes Plasma", mit dem ich mich zunächst als Doktorand und Post-Doc am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik und nun an der University of California in Berkeley beschäftige. In diesem Blog möchte ich sowie ein wenig Einblick in den Alltag im Forschungsinstitut bieten, als auch über den (Plasma)-Rand hinaus blicken. Mierk Schwabe

6 Kommentare

  1. Noch weniger?

    Also das Video werde ich mir bestimmt nicht anschauen, da rege ich mich nur auf. Heißt das jetzt schon, dass ich nicht offen bin für andere Meinungen?
    Wir sollen ihrer Meinung nach also weniger auf Experten hören. Ehrlich gesagt kann ich mir ein Weniger als momentan kaum vorstellen. Allein der Erfolg von einem Buch wie “Tiere essen” zeigt sehr schön, dass ihre Kritik völlig fehlgeleitet ist.

  2. Ihre Aussage “Sollen Ärzte in einem Krankenhaus demnächst gemeinsam mit den Verwandten eines Kranken und dem Putzpersonal abstimmen, um welche Krankheit es sich handeln könnte?”
    trifft meiner Ansicht nach nicht den Kern. Vielleicht sollten die Ärzte sich mal mit den Schwestern und Pflegern abstimmen. Mit den Personen, die den ganzen Tag mit den Patienten arbeiten. Diese Personen sind vielleicht durch Erfahrung zu Experten geworden. Nicht auf dem Niveau eines ausgebildeten Arztes (ich will hier Ärzte nicht schlecht reden oder für überflüssig erklären), aber doch ein “Experte der Praxis”.

    Und ich denke das ist genau der Punkt: Experten sind häufig Theoretiker. Die Experten der Praxis (wie die Verkäuferin) werden als solche nicht ernst genommen. Und durchaus nicht selten hört man aus der Praxis, dass eine Idee der Experten eh nicht umsetzbar sein wird, weil…

    Dies soll durchaus kein Abgesang auf Experten sein. Wir brauchen auch diese. Aber eben AUCH. Und darüber sollte man nachdenken.

  3. Arroganz der “Experten”

    Die meisten Experten vertrauen auf ihren Status und haben kein Interesse daran, ihre Aussagen zu erklären und zu begründen, so dass sie außerhalb von Fachkreisen verstanden wird. Wenn man außerdem weiß, welche große Rolle Dogmen und Paradigmen in der Wissenschaft spielen, ist Mißtrauen immer gerechtfertigt.

  4. Experten für die Beurteilung vonExperten

    Experten sind König in ihrem Wissensbereich, aber es kann sein, dass das betreffende Wissensgebiet keine Urteile von genügender Stringenz zulässt. Beispiele fallen einem da zu Genüge ein: Konjunkturprognosen-Experten sind eben genaus soviel wert wie Konkunkturprognosen.

    Um also das Urteil von Experten einzuschätzen braucht es eine Art Rating für das enstprechende Fachgebiet.

    Die im Artikel angesprochene erwünschte Demokratisierung des Expertenwissens könnte man erreichen, wenn es so etwas wie eine Börse oder einen Markt für Expertenwissen gäbe. Man könnte dann “Marktforschungen” machen und damit zu einer orientierteren Meinung kommen.

    Ein gutes Mittel für die Demokratisierung des Expertenwissens könnten auch Expertensysteme sein – wenn sie einmal eine gewisse Reife erreicht haben. Gut entwickelte Expertensysteme könnten Auskunft geben über die Herkunft ihres Wissens und über Dinge, die es zu beachten gilt um das Expertenurteil im gegebenen Kontext zu verstehen.

    Natürlich braucht man schliesslich auch ein Expertensystem für Expertensysteme – vielleicht sogar ein Expertensystem für Experten-Expertensysteme.

  5. das Übel dieser Welt – die Experten

    Der Ruf nach Demokratisierung von Entscheidungsprozessen, die eigentlich hohe Fachkenntnisse voraussetzen, ist ein neues Phänomen der Informations- und Überfluß-Gesellschaft. Da soll über einen Bahnhof, über Standorte von Windkraftanlagen und Stromleitungen, über Gentechnik im Essen usw. demokratisch abgestimmt werden, weil der über internet „umfassend“ und „in Echtzeit“ informierte Mensch der modernen „Zivilgesellschaft“ sich darin wähnt, über alles und jedes Bescheid zu wissen und sich überall einmischen zu dürfen. Ist ja auch so praktisch: Geht es schief mit dem Ergebnis einer demokratischen Abstimmung ist ja auch keiner verantwortlich dafür. Ausbaden müssen es dann eben alle. Das Beispiel mit der Verkäuferin erinnert doch sehr an die Rechtfertigung für Homöopathie: Wer (anekdotisch) heilt, hat Recht. Völlig ausgeblendet dabei wird das überwiegende Versagen von Voraussagen oder Entscheidungen durch Laien oder die bestenfalls zufallsmäßige Verteilung von richtig/ falsch. Das wird aber gern vergessen in einer Welt, in der es eigentlich an nichts mangelt, außer vielleicht an der eigenen Bedeutsamkeit. Man kann es ja mal versuchen mit dem Verzicht auf Experten wie z.B. den Ärzten oder Statikern. Den „Erfolg“ solcher Experimente kann man in der Geschichte studieren, auch wenn der Verzicht hier nicht freiwillig war.

  6. Die Stimme der Expertin

    Marilyn vos Savant:

    “Lösungen mathematischer Probleme werden nicht durch Abstimmung entschieden.”

    Ich glaube, dass das auch für physikalische und chemische Fragestellungen gilt.

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