Abschied und Dank

Die Überlegungen der letzten Monate – u.a. hier auf den Scilogs mit den vielen engagierten Kommentatoren/-innen und Ko-Bloggern/-innen – hatten das Ergebnis, dass ein Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaften im Grunde nicht möglich, die ganze Idee eines solchen Dialogs letztlich inhaltlich und methodisch verfehlt ist. Die Konsequenz ist, dass ich diesen Blog “WIRKLICHKEIT – Hirnforschung & Theologie” mit diesem heutigen letzten Beitrag beenden möchte.

Ich nenne hier noch einmal kurz und knapp die entscheidenden Gründe für diese Einschätzung und die daraus logisch folgende Entscheidung:

  1. Die Naturwissenschaften sind weder an einer wie auch immer gearteten theologisch-religiösen, philosophischen oder künstlerischen “Interpretation” ihrer Resultate noch an der Kompatibilität derartiger Weltinterpretationen mit naturwissenschaftlicher Erkenntnis interessiert. Zum einen lägen derartige Weltdeutungen außerhalb der methodischen Reichweite der Naturwissenschaften. Zum anderen lässt die naturwissenschaftliche Methodologie keine Rückwirkungen fachfremder Ideen auf die naturwissenschaftliche Erkenntnisgewinnung selbst zu. Die Theologie könnte demnach zwar z.B. mit der Naturphilosophie in einen Dialog eintreten, aber nicht mit den Naturwissenschaften selbst (einschließlich der “Hirnforschung”).
  2. Ich sehe dieselbe Problematik wie für die Theologie auch für die (Natur-) Philosophie; denn auch deren Fragestellungen, Konzepte usw. liegen außerhalb der naturwissenschaftlichen Theoriebildung und können auf diese aus methodischen Gründen ebenfalls nicht zurückwirken. Regelmäßig überschätzen Philosophen ihre Rolle für den natur- und neurowissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt, und sie unterschätzen die Theorie bildende Kraft der Naturwissenschaften selbst (einschl. der Psychologie). Meines Erachtens ist beispielsweise das Leib-Seele-Problem heute gar kein philosophisches Problem mehr, sondern ein rein naturwissenschaftliches; Philosophen können dazu ebenso wenig Relevantes beitragen wie Theologen.
  3. Insofern (und nur insofern) Religionen durch Phänomene und vermeintliche Fähigkeiten konstituiert werden, die im Widerspruch zu Naturgesetzen stehen (= “Wunder” im engeren Sinne), werden sie bei den Naturwissenschaften ausschließlich auf Skepsis und Ablehnung treffen. Die für die Naturwissenschaften konstitutive Idee des Naturgesetzes entspricht einem axiomatischen Ausschluss von Wundern im engen Sinne bzw. dem Ausschluss eines Eingreifens übernatürlicher Wesenheiten in den Weltenlauf. Theologen bzw. andere Religionsvertreter können heute nicht mehr erwarten, von einem Naturwissenschaftler als Gesprächspartner ernst genommen zu werden, wenn sie an Wunder im engen Sinne glauben. Wohl bangend um ihre akademisch-universitäre Stellung gestehen die meisten christlichen Theologen heute auch gerne zu, dass es Wunder im engen Sinne sowie echte paranormale Fähigkeiten wohl nicht gibt und auch nie gab. Manche Theologen vertreten heute tatsächlich weltanschauliche Positionen, die den Überzeugungen von Atheisten fast näher kommen als denen ihrer Kirche und vieler Gläubiger, in deren Dienst die Theologie eigentlich steht. Innerreligiöse Spannungen erscheinen Außenstehenden nicht selten fast größer als die Spannung zwischen moderner Theologie und Religionskritik! Wenn man moderne Theologen dann aber auf die Auferstehung Christi oder die Erwartung einer eigenen Auferstehung anspricht, wird es auch da schon mal eng … Gebete, religiöse Rituale, usw. können demnach alle möglichen psychischen und sozialen Wirkungen entfalten, aber sie können kein göttliches Eingreifen in den Lauf der Welt, kurz: Wunder im engen Sinne bewirken. Dies unumwunden zuzugestehen und damit den wissenschaftlichen Erkenntnisstand anzuerkennen, ist den Religionen heute (noch) nicht möglich; sie würden ein solches Zugeständnis vermutlich als Existenz bedrohend empfinden. Man möchte auch Gläubigen die Hoffnung auf (echte) Wunder nicht nehmen.
  4. Der Gedanke, die Naturwissenschaften könnten vielleicht Ergebnisse und Erkenntnisse erzielen, die einen bestimmten religiösen Glauben belegen oder begründen könnten (vielleicht auch mehr als einen anderen), – also die Idee einer natürlichen (christlichen) Theologie – ist einfach nur absurd. Überall wo dieser Eindruck erweckt wird, liegt Missbrauch von Naturwissenschaft vor. Dies ist auch der entscheidende Grund, warum ich dieses Blog beenden will: Ich möchte nicht (mehr) den Eindruck erwecken, der christliche Glaube sei mit den Ergebnissen moderner Hirnforschung “kompatibel”. Es ist im Hinblick auf die Hirnforschung beispielsweise theologischerseits noch immer unmöglich, die vollständige Abhängigkeit aller uns bekannten seelisch-geistigen Vermögen und Phänomene von materiellen Hirnprozessen einzugestehen; hier, an dieser zentralen Stelle, liegt demnach völlige Inkompatibilität zwischen Theologie und Hirnforschung vor. Es besteht ganz offensichtlich ein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis des Geistigen vom Materiellen, wovon man sich in einer neurologischen oder psychiatrischen Klinik oder in einem Operationssaal jeden Tag auf’s Neue gerne überzeugen kann. Im Grunde ist uns in Zeiten der Hirnforschung jede Vorstellung von einem Geist an und für sich (z.B. Gott) abhandengekommen; es liegt vielmehr in der Natur aller uns bekannten geistigen Phänomene, dass sie hirnphysiologisch (zukünftig vielleicht auch in silico) realisiert werden. Die meisten Religionen und manche Philosophien wollen dies nicht wahrhaben und verkehren dieses Abhängigkeitsverhältnis durch allerlei Sophismen in sein dualistisches oder idealistisches Gegenteil.
  5. Es ist auch inakzeptabel, wenn Naturwissenschaftler (wie ich selbst dies nun Jahre lang getan habe) öffentlich als Theologen oder Christen in Erscheinung treten und dadurch indirekt ein wenig Glanz von den Naturwissenschaften auf den jeweils vertretenen Glauben fallen lassen möchten. Denn für viele gläubige Zuhörer ist genau dies die Wirkung; ich habe es bei Vorträgen in kirchlichen Zusammenhängen doch oft selbst erlebt: “Wenn selbst jemand wie der Herr Hoppe, der die ganzen Einwände der Naturwissenschaftler und Hirnforscher gegen die Theologie doch kennt, bei der Theologie bleibt und gläubig ist, dann muss da doch was dran sein!” Ich habe gerne damit kokettiert, dass ich nach einem (religionskritischen) neurowissenschaftlichen Vortragsteil doch mindestens noch einen theologischen Epilog zur Vereinbarkeit von Theologie und Hirnforschung anbieten konnte. Weitere Vertreter in dieser Richtung mit ähnlicher Wirkung auf Gläubige sind Harald Lesch (ZDF), Manfred Lütz (auf allen Kanälen) oder (zumindest früher) auch Gert Scobel (3sat). Aber die ganze Frage nach einer “Kompatibilität” von Glaube und Naturwissenschaft wird meines Erachtens meistens falsch gestellt. Natürlich hinkt folgender Vergleich, aber man wäre doch auch verwundert, wenn ein Borussia-Dortmund-Fan irgendwie indirekt zeigen möchte, dass die Naturwissenschaften mit seiner Vereinsvorliebe “vereinbar” sind; man fände es schon eigenartig, dass er überhaupt gedacht hat, die Naturwissenschaften könnten gegen den BVB sprechen … Anders als der BVB stellen Religionen im Kernbestand ihrer Überzeugungen jedoch zum Teil weltanschauliche Behauptungen über reale Phänomene oder Fähigkeiten auf, die tatsächlich jedoch nicht existieren; hier kann es nur Inkompatibilität mit den Naturwissenschaften geben, ein wirklicher Dialog von Gleichberechtigten ist hier unmöglich (auch wenn sich immer wieder Naturwissenschaftler netterweise mit auf das Podium setzen). Wer wissen will, wie sich die Dinge in der Welt wirklich verhalten, hält sich heute an die Naturwissenschaften (einschl. Psychologie), nicht mehr an die Theologie oder die Philosophie; das gilt gerade auch für die ganz großen Fragen nach der Entstehung des Kosmos, des Lebens, des Bewusstseins und des Menschen.
  6. Ebenso absurd ist die Vorstellung, die Religionen wüssten heute bereits von realen Phänomenen, die die Naturwissenschaften erst noch nach und nach entdecken werden. Nicht wenige Esoteriker behaupten ja, die moderne Quantenphysik beweise ihre abstrusen esoterischen Vorstellungen (die sie zudem schon seit Jahrhunderten hatten). Das mag alles gern im Feuilleton irgendwelcher Tageszeitungen oder in TV-Sendungen stattfinden, hat aber mit Naturwissenschaft nicht das Geringste zu tun; es ist nichts als Quantenesoterik. Fakt ist: Was real existierende Phänomene und Zusammenhänge angeht, sind die Naturwissenschaften vollständig an die Stelle der Religion getreten; nur sie verfügen über Methoden, mit denen wir belastbares Wissen über die Beschaffenheit der Welt, in der wir leben, gewinnen können. Auch Analogien und Metaphern, die Naturwissenschaft und Theologie irgendwie in Bezug zueinander setzen wollen, helfen nicht weiter; in der Regel sind es einfach nur schlechte Vergleiche (z.B. physische Trias Masse – Energie – Information als Analogie zur göttlichen Dreifaltigkeit o.ä.).
  7. Es gibt nicht nur seitens der Naturwissenschaften gute Gründe, einen Dialog mit der Theologie aus methodischen und teilweise konzeptuellen Gründen für unmöglich zu halten. Auch die Theologie bzw. der Glaube gerät meines Erachtens umgekehrt in ganz falsches Fahrwasser, wenn er sich auch nur indirekt zu quasi-naturwissenschaftlicher Welterklärung aufschwingt oder Phänomene behauptet, die naturwissenschaftlich betrachtet unmöglich sind. Schon der Versuch, eine Weltanschauung zu formulieren, liegt vermutlich gar nicht im ursprünglichen Interesse von Glaube und Religion! (Jesus hat jedenfalls niemanden nach seinen naturphilosophischen Überzeugungen gefragt, wenn er ihn für den Glauben gewinnen wollte.) Im Grunde liegen vermutlich fast immer theologische Missverständnisse vor, wenn Glaubensaussagen quasi-naturwissenschaftlich gelesen werden (was heutzutage allerdings naheliegt und kaum vermieden werden kann) und der Eindruck entsteht, es sei ein Dialog mit den Naturwissenschaften möglich oder gar erforderlich. Von mir selbst weiß ich, dass ich durch die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften gerne mehr Gewissheit hinsichtlich des Glaubens gewonnen hätte (“natürliche Theologie”) – ein aus beiden Perspektiven völlig törichter Wunsch!
  8. Die entscheidende Glaubensfrage, die sich jedem Menschen Tag für Tag stellt, ist die Frage, wem oder was er seine Zeit, seine Aufmerksamkeit und seine Liebe schenkt. Jeder Tag ist unwiederbringlich; d.h. auch keine Entscheidung zu treffen, ist eine Entscheidung. Fragen nach der Liebe – ihrem Wesen, den Bedingungen ihrer Möglichkeit, ihrem Scheitern, der Sehnsucht nach ihr – sind die Fragen, die als Leseschlüssel zum Verständnis des Christentums taugen. Diese Fragen liegen aber weit außerhalb der Reichweite und des Erkenntnisinteresses der Naturwissenschaften.

Am 13.11.2007 ging mein erster von insgesamt 65 Blog-Beiträgen online. Ich möchte mich nach über zehn Jahren hiermit abschließend und sehr herzlich bei allen Kommentatoren/-innen und den Co-Bloggern/-innen bedanken, denen ich extrem viele Anregungen zum Weiterdenken verdanke (insgesamt 4.329 Kommentare, d.h. > 60 Kommentare/Blogpost im Durchschnitt).

Danke und the best of luck for all of you!

Christian Hoppe

P.S. Und hier geht es weiter zu meinem neuen Blog HIRN-RISSE, in dem ich mich auf mein eigentliches Fachgebiet (Klinische Neuropsychologie/Kognitive Neurowissenschaften/Verhaltensmedizin) konzentrieren werde.

Veröffentlicht von

Geboren 1967 in Emsdetten/Westfalen. Diplom kath. Theologie 1993, Psychologie 1997, beides an der Universität in Bonn. Nach einem Jahr am Leipziger Max-Planck-Institut für neuropsychologische Forschung (1997-98) bin ich seit Oktober 1998 klinischer Neuropsychologe an der Universitätsklinik für Epileptologie in Bonn. Ich wurde an der Universität Bielefeld promoviert (2004) und habe mich 2015 an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn habilitiert (Venia legendi für das Fach Neuropsychologie). Klinisch bin ich seit vielen Jahren für den kinderneuropsychologischen Bereich unserer Klinik zuständig; mit erwachsenen Patientinnen und Patienten, die von einer schwerbehandelbaren Epilepsie oder von psychogenen nichtepileptischen Anfällen betroffen sind, führe ich häufig Gespräche zur Krankheitsbewältigung. Meine Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in den Bereichen klinische Neuropsychologie (z.B. postoperativer kognitiver Outcome nach Epilepsiechirurgie im Kindesalter) und Verhaltensmedizin (z.B. Depression bei Epilepsie, Anfallsdokumentation). Ich habe mich immer wieder intensiv mit den philosophischen und theologischen Implikationen der modernen Hirnforschung beschäftigt (vgl. mein früheres Blog WIRKLICHKEIT Theologie & Hirnforschung), eine Thematik, die auch heute noch stark in meine Lehrveranstaltungen sowie meine öffentliche Vortragstätigkeit einfließt.