Tierwohl – Fegefeuer der Ideenlosigkeit

Vom Hai gebissen

Julia Klöckner hat kürzlich offiziell das staatliche Tierwohl-Label vorgestellt, dessen zwei Haupteigenschaften mich völlig fertig machen: es ist staatlich und freiwillig – ein super Konzept, wäre es das erste seiner Art. Tatsächlich ist es mittlerweile acht Jahre her, dass ich mir in einem bayrischen Geflügelstall den Hintern abgeschwitzt habe, während ich Picksteine, Sitzstangen und Heuballen betrachtete, die von den ebenfalls anwesenden Küken auch begeistert angenommen wurden. Hintergrund war der Start des Tierschutzlabels, welches der Tierschutzbund entwickelt hat und unter anderem Wiesenhof dafür gewinnen konnte. Das Unternehmen vermarktet darüber sein Privathof-Geflügel.

Zugegeben, ich hatte 2011 bei weitem nicht jenen Überblick über das Thema Tierwohl, den ich heute habe, weshalb mir die während der Presse-Konferenz genannten 5 Freiheiten als Rahmen völlig richtig und ausreichend erschienen. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nichts über die Geschichte der Entstehung eben jener 5 Freiheiten.

Wie alles begann

Gehen wir mal kurz drauf ein: 1964 erschien das Buch “Animal Machines” der Tierwohl-Aktivistin Ruth Harrison, in dem sie die Zustände der Intensivtierhaltung kritisierte. Aufgrund des durchschlagenden Erfolges und der folgenden gesellschaftlichen Empörung beauftragte die britische Regierung eine Experten-Kommission, um doch mal nachzusehen, wie es um die Tierhaltung im Lande bestellt sei. Das Ergebnis dieser Bestandsaufnahme wurde ein Jahr später publiziert – mit dem etwas unhandlichen Titel: Report of the Technical Committee to Enquire into the Welfare of Animals kept under Intensive Livestock Husbandry Systems.

Deutlich bekannter wurde der Report dann als „Brambell-Report“, benannt nach dem verantwortlichen Autor Professor F. W. Rogers Brambell. Jene im Report genannten Vorschläge zur Verbesserung des Tierwohls haben dann den Grundstein für die spätere Formulierung der 5 Freiheiten gelegt.

Seit den 1970er Jahren gibt es bereits wissenschaftliche Untersuchungen zu den Interaktionen zwischen Mensch und Tier. Die Ergebnisse aus dieser Zeit haben das Bild des selbstbewussten und in sich gekehrten Tierhalters als Idealbild für Milchkühe und den damit einhergehenden Umgang mit Tieren geprägt. Genug der Geschichtsstunde.

Die Gegenwart – fröhliche Ziegen vs. störrische Tierhalter

Seit einigen Jahren geht es in der Tierwohl-Wissenschaft zunehmend um die kognitiven Fähigkeiten der Tiere. Letztes Jahr schrieb ich über eine Studie, in der Christian Nawroth zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen herausgefunden hat, dass Ziegen freundliche Gesichter sympathischer finden als weniger freundlich schauende Gesichter. Und schon ist das Idealbild des Tierhalters aus den 70er und 80er Jahren nicht mehr universell gültig. Stichwort Tierwohl-Wissenschaft: die gibt es natürlich nicht im eigentlichen Sinne. Tiergesundheit, Tierernährung, Tierverhalten oder auch die Tierzucht sind konkrete Bereiche der Forschung – und natürlich spielen diese auch eine wichtige Rolle beim Tierwohl. Ich beobachte aber seit einiger Zeit eine inflationäre Verwendung des Begriffes. Gerade im Zusammenhang mit Precision Livestock Farming geht das mir Anpreisen beliebiger Sensoren zur Verbesserung des Tierwohls mächtig auf den Sack. Es geht dabei schlicht um die Tiergesundheit. Tierwohl wird daraus erst, wenn ein Mensch drüber schaut, die richtigen Schlüsse aus den anfallenden Daten zieht und daraus ein insgesamt besseres Management entsteht.

Tierwohl vom Staat – eine Einschätzung

Aber es soll ja hier um das staatliche Tierwohl-Label gehen. Eingangs erwähnte ich ja schon, dass es freiwillig sei. Es hat etwas Tragisches an sich, dass ich gerade nicht weiß, was ich Euch noch dazu sagen soll. Klar, es gilt für Schweine, hat mehrere Stufen und erhöht den Mindeststandard. Leider folgt die Politik hier jenen Marketing-Konzepten, die schon länger auf dem Markt sind – dazu gehört das bereits erwähnte mehr-stufige Tierschutzlabel des Tierschutzbundes, die Initiative Tierwohl des Einzelhandels oder auch die seit Längerem wieder verschwundene Aktion Tierwohl. Alle verfolgen den identischen Ansatz und wurschteln so‘n büschen überm Mindeststandard rum – mit etwas Luft nach oben. Und dieses Konglomerat der Einheitlichkeit wird jetzt ergänzt durch ein staatliches Label mit exakt derselben Idee. Juhu! Dabei ärgert mich am meisten der Aspekt der Freiwilligkeit. Man müsse ja nicht teilnehmen. Wenn aber alles nur noch mit Labeln versehen wird, habe ich die Befürchtung, dass der Mindeststandard irgendwann etwas Anrüchiges bekommt. Gut, manch andere würden vielleicht behaupten, dass das Kind schon in den Brunnen gefallen sei. Genau deshalb hätte ich mir von der Politik etwas anderes gewünscht. Worauf ich hinaus will, seht Ihr in dieser unbedingt sehenswerten Reportage der ÖR:

Noch viel zu tun

2018 hat Rebeca Garcia Pinillos ihre Idee eines neuen Tierwohl-Rahmens publiziert, den One Welfare Framework. Das „Ding“ ist grandios! Grob gesagt geht es dabei um die Tatsache, dass die Gesundheit von Menschen und Tieren zusammen mit einer gut funktionierenden Umwelt verwoben sind. Heißt in der Praxis bspw, dass der für Tiere am besten ausgestattete Stall am Ende kein bisschen mehr an Tierwohl bringt, wenn die verantwortlichen Menschen depressiv in der Ecke liegen oder anderweitig erkranken. Tierwohl ist auf eine Art komplex, die sich nicht in „cm“ oder „kg“ messen lässt. Seit der Publikation des Brambell-Reports und der Etablierung der 5 Freiheiten ist viel passiert – in der Tierhaltung, aber auch bei der Art wie wir uns dem Thema Tierwohl nähern. Praktisch herrscht aber noch immer Technokratie – auch in der Politik. Temple Grandin glaubte zu Beginn ihrer Karriere an Technologien zur Lösung von Problemen. Seit einiger Zeit weiß sie, dass der Mensch die entscheidende Rolle spielt. Da sollten wir auch hinkommen.

Disclaimer: Ich habe nichts gegen Label. Als ich im besagten Sommer 2011 nach dem Stallbesuch und einigen Gläsern Wasser wieder zu Verstand gekommen war, hielt ich das Privathof-Geflügel für eine verdammt gute Sache. Das ist auch heute noch so. Von der Politik im Jahre 2019 hätte ich mir allerdings einen Rahmen gewünscht, der das Thema Tierwohl weiterbringt und seine Komplexität würdigt.

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

9 Kommentare

    • Hallo Leonie,

      der One Welfare-Rahmen ist erstmal Rebecas Idee, die sie erst im kleinen Kreis diskutiert und etabliert hat und jetzt nach und nach an der Verbreitung arbeitet. Der Rahmen ist so angelegt, dass er überall Anwendung finden kann. Grundsätzlich herrscht beim Thema Tierwohl noch sehr viel Konfusion bzgl. der Herangehensweise oder bzgl. der Frage, wie man das Thema überhaupt greifen soll.

      Trotzdem täte es auch uns gut, wenn wir mal etwas “out of the box” denken würden. Ich empfehle Dir die verlinkte Reportage, da bekommst Du einen guten Eindruck, was Tierwohl ausmacht. Spoiler: ein Label ist es nicht. Jetzt stell dir mal vor, der gezeigte Schweinehalter wirtschaftet weiter wie er möchte, um seine Freiheit zu behalten – das wäre offiziell nach Mindeststandard. Kann ja wohl nicht sein. Daher hätte die Politik hier die Chance gehabt, Dinge auf die Füße zu stellen. Tierwohl definiert sich nicht nur am Tier, sondern auch am Menschen.

  1. .. Tierwohl (“bzw.” animal rights) .. Interaktion zwischen Mensch & Tier .. Ein komplexes Thema ..

    Noch ein “Label”:

    .. The humans are overwhelmingly in favour of animal rights — Every animal has the right to be eaten by a human ..

    “;)”

    • Hallo Axel,

      damit da keine Verwechslung auftritt: Tierrechte sind nochmal was anderes als Tierwohl. Ich kann sehr gut über Tierwohl bei Tieren in menschlicher Obhut sprechen, auf Basis von Tierrechten wird das schwierig. Ich hatte da vor Jahren mal eine Diskussion mit einem Tierrechtler über Zoos…

  2. Temple Grandin glaubte zu Beginn ihrer Karriere an Technologien zur Lösung von Problemen. Seit einiger Zeit weiß sie, dass der Mensch die entscheidende Rolle spielt. Da sollten wir auch hinkommen.

    Yup, lieber Herr Schewe, vielen Dank für Ihre Nachricht.

    Dr. Webbaer rät an das Tierwohl definitorisch zu bearbeiten, also erst einmal eine Definition bereit zu stellen.
    Eine Skizze geht so :
    Tierwohl liegt vor, wenn das Tier, insbesondere auch das Nutztier, das sozusagen von humanen Kräften ausgenutzt wird, Verhältnisse vorfindet, die denen in der Natur nicht nachstehen, um es dann zu verwerten, zu scheren, abzumelken und auch manchmal zu schlachten.
    Leider leider ist auch mit vorzeitiger Tötung des guten Tiers zu rechnen, das aber zuvor lange Zeit zumindest genau so gut gelebt hat, wie in der Natur (die übrigens recht grausam ist).

    Wichtig hier die humane Maßgabe, also das sog. Tierwohl bleibt menschlich zu bestimmen und sozusagen stellvertreterisch (das gute Tier redet nicht), nie gefühlig werdend, denn es will ja auf Abnehmerseite vertilgt oder anderweitig genutzt werden, und im Bewusstsein, dass der Mensch hier etwas auch für sich selbst tut, i.p. Selbstachtung.

    Der Mensch spielt hier zusammen mit ‘Technologien’ die ‘entscheidende Rolle’, er darf hier den Maßstab “Natur” herbeiholen, vergleichsweise.

    MFG
    Dr. Webbaer

    • Zugegeben, ich bekenne ich mich dahingehend schuldig, dass ich bzgl. Tierwohl auch öfter von Definitionen gesprochen habe. Mittlerweile meide ich diesen Ausdruck, weil ich – gerade auch dank des One Welfare Frameworks – zu dem Schluss gekommen bin, dass Tierwohl nicht über eine Definition funktionieren kann. Da spielen zu viele Faktoren mit hinein, die sich in ihrer Gesamtheit nur innerhalb eines Rahmens erfassen lassen. Tierwohl kann also nicht gemacht werden, sondern emergiert unter Berücksichtigung verschiedenster Faktoren.

  3. Definitorisch geworden zu sein oder diesbezüglich so zu werden ist natürlich (geboren) das Wesen von Naturwissenschaft.
    Ansonsten bleibt auch außerhalb o.g. Wissenschaftlichkeit einzuordnen, erklärtermaßen und um ein wenig zu sitzen zu kommen.
    Hierzu – ‘Tierwohl kann also nicht gemacht werden, sondern emergiert unter Berücksichtigung verschiedenster Faktoren.’ – ,es bleibt eine gesellschaftlicher Prozess und Dr. W mag und folgt gerne Ihren diesbezüglichen Einschätzungen und Überlegungen.

    MFG
    Dr. Webbaer

    • Wobei mir der Aspekt eines gesellschaftlichen Prozesses schon wieder zu weit gefasst ist. Dazu gab es schon mal vor 3 oder 4 Jahren eine Idee, wie sich eine gesellschaftlich akzeptierte Nutztierhaltung realisieren ließe. Allein der Entwicklungsprozess bis zu einem Ergebnis hätte schon locker Jahre gedauert – und dann hätte das Ergebnis noch umgesetzt werden müssen – plus all jene Dinge, die sich die Politik überlegt plus sich wandelnde Markt-Bedingungen, da wäre nie was Vernünftiges entstanden.

      Ich würde mir aktuell erstmal wünschen, dass wir mit der technokratischen Betrachtung des Tierwohls aufhören und diesem Thema den nötigen Rahmen geben, in dem es sich entwickeln kann – was ich gerade für Einzelbetriebe als extrem wichtig erachte. Zudem – wie ich schon schrieb – macht mir der Mindeststandard sorgen.

  4. Es gilt sich schon, auch das sog. Tierwohl betreffend, sozusagen abzufeimen.
    Einwände betreffend und Einwandbehandlung, ein Begriff aus dem Marketing, Sie, lieber Herr Schewe, machen abär sozusagen alles richtig.

    LG
    Dr. Webbaer

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