Gastrezension: Die Kuh im Harnstoff-Wahnsinn

BLOG: Vom Hai gebissen

Notizen aus dem Haifischbecken
Vom Hai gebissen

Wenn sich die Schlinge der Zeit um den eigenen Hals legt wie eine hungrige Würgeschlange, muss man auch mal bloggen lassen. Genau deshalb stammt die nächste Rezension auch nicht von mir, sondern aus der Feder Franzbuas, der hier im Blog in den Kommentaren schon den einen oder anderen praktischen Akzent setzen konnte. Das fällt ihm leicht, ist er doch ausgebildeter Landwirt und staatlich geprüfter Betriebswirt für Agrarwirtschaft. Die beschädigte Kuh im Harnstoff-Wahnsinn oder auch Das Degenerationssystem des Rindes von Dr. Karl-Heinz Schmack ist vermutlich nicht das, was man sich auf den Nachttisch legen würde, interessant wirkt es aber schon. Genug der Einleitung, ich gebe ab…

Wie man dem Titel bereits entnehmen kann, dreht sich das Buch maßgeblich um Harnstoff und damit die Eiweißversorgung der Milchkuh.
Die Beratung, die Kuh auf Milchharnstoff von 250 mg/l zu ernähren, sei die größte Katastrophe, die ihr Leben, ihre Gesundheit und ihre Wirtschaftlichkeit zerstört habe. Der ausschließliche Faktor, der diese Kriterien bestimmt, sei die Höhe der Rohproteinversorgung – so Dr. Schmack.

Seiner Meinung nach sind unsere Milchkühe alle “krank”. Das mag erstmal absurd klingen, wird allerdings bereits auf den ersten Seiten gut erklärt. Das Rind als Steppentier musste sich in früherer Zeit in Abhängigkeit der Jahreszeit ernähren, d.h. eiweißreiche Nahrungsquellen standen nur im Mai im Rahmen der jungen Wiesen zur Verfügung. Das restliche Jahr gab es nur relativ karges Futter. Als der Mensch sich in das Leben der Kühe einmischte, war dies vom Prinzip her recht ähnlich. Während der warmen Jahreszeiten wurden die Rinder auf der Weide gehalten und in der Winterperiode im Stall wurde fast ausschließlich Heu und etwas Getreideschrot gefüttert. Bis hier hin war noch alles gut. Erst als Eiweißfuttermittel konserviert wurden und ganzjährig zur Verfügung standen, nahm das Elend seinen Lauf. Mit einer Erhöhung der Eiweißversorgung stieg natürlich die Milchleistung der Tiere. Jedoch können die Stoffwechselorgane der Tiere damit nicht auf Dauer umgehen. Das Degenerationssyndrom findet seinen Anfang und spitzt sich von Generation zu Generation zu, d.h. eine Kuh, die den Harnstoff nicht ordentlich ausscheiden kann und somit einer Art “innerlichen Vergiftung” unterliegt, versorgt ihr Kalb im Mutterleib bereits mit Blut welches zu viel Harnstoff enthält. 

Diese Behauptungen werden von Dr. Schmack durch klinische Befunderhebungen aus 10 Jahren seiner Tätigkeit untermauert. Klinische Symptome der Leber- und Nierendegeneration werden sehr gut erklärt und einige durch Abbildungen dargestellt. Um einige zu nennen:
– Schaumflockenbildung beim Wiederkauen- Parese der Schwanzwurzel (Lähmung, man greift den Schwanz 30 cm unterhalb des Ansatzes und versucht ihn anzuheben. Das Tier muss den Schwanz deutlich nach unten ziehen. Viele können dies nichtmehr.)- Schaumbildung des Urins (Der Schaum der sich beim fallen auf eine Betonfläche bildet muss so schnell gehen, wie er gekommen ist.)- Farbe des Urins (Der Urin muss goldgelb bis dunkelgelb sein, nicht hell und klar!)
Es werden noch zahlreiche weitere Möglichkeiten der Diagnose aufgezeigt, die von jedem selbst im Stall durchgeführt werden können. Viele der Krankheiten die große Probleme in der Milchkuhhaltung verursachen sind nach Meinung von Dr. Schmack darauf zurück zu führen. Vielzahl an Euterentzündungen, Klauen- und Gelenkprobleme, sowie Fruchtbarkeitsprobleme.
Was soll man nun dagegen tun?Die Eiweißversorgung reduzieren und auf den Gesundheitszustand der Tiere, sowie ihrer Leistung anpassen. Um dies zu unterstützen empfiehlt Dr. Schmack in seinem Buch den Einsatz von Bierhefen um die Pansenbakterien zu unterstützen. Die genaue Wirkungsweise wird auch erläutert. Die Energiekonzentration des Futters sollte 7 MJ NEL, bei maximal 13,5 %  Rohprotein liegen. Die Harnstoffwerte in der Milch sollten <100 mg / 1000 ml liegen. Eigentlich gehört Harnstoff überhaupt nicht in die Milch!

Ich hoffe ich konnte einen kleinen Einblick in die Thematik geben. Mein Fazit lautet, die 70 € für das Buch sind sehr gut angelegt! Auch wenn es sich im ersten Moment komisch anhört und diese Theorie von einigen abgelehnt wird, wird man nicht dümmer. Alle Annahmen sind ausführlich erklärt und plausibel. Wir füttern jetzt seit ca. 2 Jahren nach diesem Schema und werden in unregelmäßigen Abständen auch von Dr. Schmack besucht. Hier ein paar Erfahrungen aus unserem Betrieb: Die Tiergesundheit ist deutlich gestiegen, vor allem Euterprobleme sind seltener geworden. Die Futterkosten wurden deutlich gesenkt. (Maissilage, Anwelksilage, ZR-Schnitzel, Getreideschrot, Bierhefe (naturavit), Futterkalk, Viehsalz, Monocalciumphosphat sowie ca 0,5 bis 0,75 kg Rapsextraktionsschrot) Kein Soja mehr, kein geschützten Eiweiße, Fette oder ähnliche “Wundermittelchen”. Die Milchleistung ist nach der Fütterungsumstellung erwartungsgemäß von 9500 kg auf 6000 kg am Tiefpunkt gefallen. Dies hat sich relativ schnell wieder erholt und wir liegen derzeit bei 8000 kg, Tendenz steigend. Wir sind sicher noch nicht am Ziel, aber ich denke wir sind auf einem guten Weg. Die Nutzungsdauer der Tiere steigt leider nur sehr langsam, da die Degeneration nur langsam wieder rückgängig zu machen ist und Tiergenerationen braucht.


 

Tierarzt Dr. Karl-Heinz Schmack

Die beschädigte Kuh im Harnstoff-Wahnsinn

oder

Das Degenerationssystem des Rindes

Agrar Media

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Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

17 Kommentare

  1. Zu kurz!

    Und es gibt wieder Kühe … ^^ Das klingt aber ausnehmend logisch (und ich als Sojaallergikerin schöpfe Hoffnung, dass sich das schnell herumspricht). Hoffentlich meldet sich hier auch noch ein Landwirt, der was klügeres als ich dazu sagen kann.

  2. Kurze Kühe…

    Hallo Theres,

    tatsächlich müssen jetzt schon andere ran, damit die Kühe nicht zu kurz kommen. Traurig, oder? 😉

    Immerhin ist der Artikel ja von einem Landwirt geschrieben. Die Schilderungen zur Beschaffenheit des Speichels oder Urins kann ich so bestätigen, aber mangels Erfahrung nicht sagen, wie ausgeprägt das geschilderte Problem ist.

  3. Falscher Verlag

    Vielen Dank für die sehr positive Rezension unseres Fachbuches “Die beschädigte Kuh im Harnstoffwahnsinn”. Erfreulicherweise hat das Buch Ihrem Gast-Rezensenten Franzbua gut gefallen. Aber einen kleinen Kritikpunkt haben wir schon: Das Buch ist nicht im DLG-Verlag erschienen, sondern bei uns, bei Agrar Media. Der DLG-Verlag ist lediglich einer von mehreren Vertriebspartnern, die das Buch in ihrem Onlineshop anbieten. Selbstverständlich können Sie es aber auch (in Deutschland versandkostenfrei) über unsere Internetseiten (www.agrar-media.de) oder über den regulären Buchhandel beziehen.

  4. @Sören (auch)

    Es ist traurig ja, aber gar nicht schlimm, dass ein anderer aushilft. Der macht das gut und kommt immerhin vom Fach, nur solltest du ihm anraten, längere Beiträge zu schreiben. Und über Kühe (na gut, Schweine oder Pferde gingen auch ^^). Ich maule schon seit längerem, weil man den lieben Rindern Soja verfüttert – und ich vertrage das nicht und vermute, dass etwas zurückbleibt, oder es ist das oben geschilderte Syndrom. Darüber muss ich mich erst mal schlauer machen, ist ja nur Interesse.

    Ein Bericht aus dem Stall vielleicht noch? Ich wohn schon so lange in der Großstadt, ich weiß schon nicht mehr, wie Ställe aussehen. Franzbua? Gefallen am Bloggen gefunden?

  5. Ach, so ernst meinte ich das mit dem traurig gar nicht. Ich finde das sogar richtig toll, hier auch mal Landwirte zu Wort kommen zu lassen.
    Wo Du gerade von Kuhställen schrieb(e)st, frage ich mal vorsichtig nach, ob Du meinen mittlerweile schon etwas länger zurückliegenden Artikel noch kennst?

    https://scilogs.spektrum.de/…d-die-landwirtschaft-2050

    Ansonsten schau ich mal, was ich in den Semesterferien so anstellen kann^^

    Den guten Franzbua werde ich mir auf jeden Fall nochmal bei ökonomischen Fragen vorknöpfen 😉

  6. Impliziert mal wieder, dass Tiere in der Wildnis mehrheitlich gesund wären.

    (Abgesehen davon, dass die kranken Individuen dazu neigen, zuerst von Räubern gerissen zu werden.)

  7. Hallo Earli,

    jetzt habe ich das Buch nicht gelesen, Deinen Eindruck teile ich aber nicht, vielleicht etwas dramatisch, aber dass hier die Wildnis als besser dargestellt wird, sehe ich nicht.

  8. Ja, aber wiederholen …

    schadet auch nicht, Sören.
    Ich kenne auch den Beitrag vom Bauernblog, weil ich keinen Link auslasse, wenn ich Zeit habe. “Damals” hab ich bloß nicht kommentiert.
    (Wildnis im Stall? Earli hat da was missverstanden, vermutlich …)

  9. Hallo

    @Theres
    Zum Gefallen am Bloggen:
    Mich freut es sehr wenn es Leute gibt, die etwas von mir lesen, was sie interessiert 😉 Leider ist auch meine Zeit relativ knapp bemessen 🙁 Über Erfahrungen zum Thema “Rinderfütterung” gebe ich natürlich Bescheid wenn ich Neues zu Berichten habe.

    Zum Bericht aus dem Stall:
    Für einen ausführlichen Bericht fehlt mir gerade die Zeit. Weiterhin ist unser derzeitige Milchviehstall nicht gerade ein Vorzeige-Stall, da wir die Tiere noch in einem Anbindestall halten. (keine Angst, Neuer Stall, komplett auf Stroh mit Melkroboter befindet sich in der Bewilligungs-/Genehmigungsphase) 😉 Alles zu seiner Zeit…

    Eines möchte ich richtig stellen – ich helfe Sören nicht aus, sondern habe ihn gefragt ob er auf seinem Blog etwas Platz für mich hat (kleiner aber feiner Unterschied 😉 ) Ich möchte mich nochmal fürs Korrektur-Lesen bedanken. Wenn mir mal wieder was in den Fingern brennt können wir das gerne wiederholen.

    @ Earli
    Deine Aussage ist mMn völlig richtig! ICh würde den Gedanken noch etwas weiter spinnen und sagen “Der ganze Planet wäre ohne den Menschen gesünder”. Nun hat jedoch das Schicksal/Gott/die Evolution oder wer auch immer es so eingefädelt, dass der Mensch da ist. Unsere Aufgabe sehe ich darin, so wenig Schaden wie möglich anzurichten, wie wir das genau tuen sollten ist leider von sehr vielen Faktoren abhängig und nicht so leicht gesagt. Wir müssen aus Fehlern lernen und uns entwickeln (so, genug palavert, bin etwas abgeschweift) Eine kleine Ausführung noch zu deiner Aussage. Wir dürfen niemals vergessen: Die Natur ist grausam! Dafür, dass z.B. die Kuh nicht nach einem Raubtierangriff halb zerfleischt irgendwo verendet, sondern im Krankheitsfall von uns behandelt wird, sind gewisse Einschränkungen ethisch vertretbar, oder?

    P.S. Ich spreche für mich bzw. unseren Betrieb, nicht für den gesamten Berufsstand.

  10. @Franz: Antworten

    Vielen Dank Franz für Deine Erläuterungen, die auch für mich das eine oder andere noch etwas klarer gemacht haben.

    Und nein, ich wollte Dich nicht aus dem Hinterhalt heraus annektieren, die bestehende lockere Kommunikation ist schon ganz in Ordnung 😉

  11. Danke für die Antwort …

    Okay, ich als Leserin mache solche Unterschiede nicht, was eher inkorrekt war, und ich hoffe, ich bin dir damit nicht auf die Füße getreten. Für mich ist es einfach: Guter Artikel, ich lese und freue mich und habe höchstens die kurze Arbeit, mein Lob zu formulieren.
    Dann warte ich mal auf Neues zur Rinderfütterung. Das ist eine Wissenschaft für sich …

    … und die Nashörner, Pferde …^_°

  12. Pferde-Artikel

    Hallo Theres,

    jetzt erwähnst Du auch schon Pferde, Mona hatte mich kürzlich noch gefragt, ob ich da nicht mal einen Artikel schreiben wollte. Wollte ich, habe aber das Material vergessen und komme gerad nicht dran. Erinnere mich doch bitte ab Juli nochmal dran^^ (Mona, Du natürlich auch, wenn Du das hier gerad liest)

    • Hallo Herr Scheer, ich bin bei Recherchen über Herrn Schmack auf Ihren Beitrag gestoßen und fand ihn sehr interessant.
      Ich habe eine Frage. Diese Umstellung ist jetzt über 10 Jahre her. Fahren Sie das Konzept nach wie vor in Ihrem Betrieb? Wenn ja, wie schätzen Sie den Erfolg ein? Ist die Nutzungsdauer der Kühe jetzt höher?
      Vielen Dank für Ihre Antwort.
      Ich

      • Hallo Herr Schewe,
        beim erneuten Durchlesen habe ich die Fehler in meinem Text gesehen. Ich entschuldige mich für das falsche Schreiben Ihres Namens, leider ist es anscheinend nicht möglich, den Eintrag zu bearbeiten.
        Es fehlt ganz unten:
        Ich bedanke mich im Voraus für Ihre Antwort.

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