Das letzte Männchen seiner Art

Sudan, das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn, ist tot. Ich bin gerade nicht sicher, ob jene, die das hier lesen, noch wissen, weshalb mich die Meldung heute sehr betroffen machte. Mit Nashörnern hat hier alles begonnen, bevor ich mehr und mehr zum Agrar-Blogger wurde.

Es war mein bisweilen pubertärer Humor, der mein Interesse für Nashörner und deren Haltung in Zoos weckte. Die Art und Weise der Sperma-Gewinnung amüsiert mich noch heute. Alles beginnt mit der Narkose. Einem Männchen bei vollem Bewusstsein sollte man nicht zu nahe kommen – auch dann nicht, wenn man ihm einen…lassen wir das. Da eine solche Narkose zu einer ziemlich nachhaltigen Erschlaffung wirklich sämtlicher Glieder führt, braucht es ein spezielles Gerät, das elektronisch für einen dezenten Bums an der Prostata sorgt – Elektro-Stimulation heißt das. Wenn alles läuft, nun ja, läuft es halt – ein feuchter Traum vom Tierarzt. Das so gewonnene Sperma wird dann mit kaum weniger Know-How in ein Weibchen bugsiert.

Als ich damals den Artikel über die Sperma-Gewinnung schrieb, hatte ich reichlich Zulauf im Blog, was mich freute – allerdings kam dieser nicht aus der Fachwelt der Zoos, vielmehr handelte es sich dabei um BDSM-Freunde, die das auch mal ausprobieren wollten, aber ohne Narkose. Ich fand das alles sehr unbefriedigend.

Kommen wir mal zurück zu Sudan. Ziemlich genau in die Zeit meines Interesses für diese Tiere fiel ein Umzug, der größere Aufmerksamkeit auf sich zog – und Sudan war einer der Protagonisten. Eigentlich im tschechischen Zoo Dvur Kralove beheimatet, ging es für Sudan, das zweite Männchen Suni und die beiden Weibchen Najin und Fatu auf nach Kenia. Die Aktion war damals schon eine Art letztes Aufgebot in der Hoffnung auf Nachwuchs der nördlichen Unterart der Breitmaulnashörner. In Zoos ist das oft ein heikles Unterfangen. Ausbleibende Zyklen der Weibchen sind ein Grund, ein anderer ist die Beinmuskulatur. So eine Paarung ist anstrengend, da kann es schon mal passieren, dass das Weibchen das Männchen nicht tragen kann. Oder das Männchen macht schlapp. Nicht zu unterschätzen ist auch die Tatsache, dass die Tiere ständig die gleichen Partner sehen. Da ist die Sache mit der knisternden Erotik irgendwann auch mal durch.

Weitaus wärmere Temperaturen als in Tschechien und ein vielfach größeres Gelände als ihr alter Lebensraum im Zoo sollten nochmal Leben in Körperregionen bringen, wo schon länger keines mehr war. Hier wäre noch wichtig zu erwähnen, dass diese Aktion für die Tiere keineswegs eine Heimkehr darstellte. Tatsächlich war Sudan der einzige, der seine Heimat noch kennengelernt hatte. Anfang der 70er Jahre wurde er als Kind gefangen und ist dann im Zoo gelandet. Über die genauen Umstände und Hintergründe weiß ich allerdings nichts.

Damals hatte ich mich auch immer wieder mit Fachleuten ausgetauscht. Auffällig war, dass der Optimismus nur vordergründig existierte. An einen Erfolg bzgl. eines Arterhalts glaubte schon damals niemand mehr so wirklich. Bei damals vier verbliebenen Tieren muss man kein Genetik-Professor sein, um zu begreifen, dass das keine Basis für den Aufbau einer neuen Population sein konnte. Wenn wir also ein bisschen ehrlich sind, war das Vorhaben der Arterhaltung schon lange durch. Aber es war eine schöne Geschichte.

Und ich bin mir sicher, dass die vier Nashörner ein paar wundervolle Jahre hatten. Wobei wir nicht vergessen sollten, dass die beiden Weibchen Najin und Fatu noch leben. Sie können ihr Leben noch genießen – in einem stark gesicherten Gebiet. Sie müssen also keine Wilderer fürchten.

Wenn ich mir noch etwas wünschen darf, dann wäre es etwas mehr Entspannung. Wie gesagt, das Ding ist durch. Auch heute las ich wieder in einigen Meldungen zum Tode Sudans, dass er jetzt zwar auch noch tot sei, aber man hätte da noch „one more thing“ – also Möglichkeiten im Gefrierschrank, in der Petrischale oder sonst wo. Solcherlei Meldungen lese ich seit 10 Jahren. Nichts ist daraus geworden. Lasst uns also den Mantel des Schweigens darüber legen und einsehen, dass das Leben keine Apple-Keynote ist.

Mach’s gut Sudan!


Eine Chronologie meiner Artikel

 

Veröffentlicht von

Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Lässt sich da nichts klonen, unter Mithilfe unserer elephantischen Freunde oder bei der südlichen Unterart?
    Tja, das nördliche Breitmaulnashorn hatte wohl ein wenig Pech im Norden, weil das Horn hier auf einmal sozusagen kein Evolutionsvorteil mehr war.

    MFG + schöne Mittwoche,
    Dr. Webbaer

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