Das nördliche Breitmaulnashorn – Kampf ums Überleben

BLOG: Vom Hai gebissen

Notizen aus dem Haifischbecken
Vom Hai gebissen

Das nördliche Breitmaulnashorn steckt in der Klemme – und das weit schlimmer als das Sabah-Nashorn. Lebt letzteres noch mit ca. 50 Tieren in der Wildnis, existiert das nördliche Breitmaulnashorn gar nicht mehr in freier Wildbahn und wäre vermutlich ohne die Anstrengungen des tschechischen Zoos Dvur Kralove (mit einigen Häkchen oberhalb und unterhalb der Buchstaben) schon längst vollständig von dieser Erde verschwunden. Über die Gründe für diese schwierige Situation und die Bemühungen vieler Wissenschaftler und Praktiker (Tierärzte, Kuratoren, Pfleger und Zoo-Direktoren) um das Austerben zu verhindern, werde ich hier berichten.

Bei dem nördlichen Breitmaulnashorn handelt es sich um eine Unterart der Breitmaulnashörner. Dazu gehört auch das südliche Breitmaulnashorn. Die mitochondriale DNA beider Arten unterscheidet sich nur geringfügig (1-4%). Beide Unterarten können sich miteinander fortpflanzen. Ursprünglich erstreckte sich der Lebensraum des nördlichen B. von Uganda über den Tschad, Sudan und Kongo. Bei den momentan lebenden Tieren handelt es sich um das männliche Breitmaulnashorn Suni und die Weibchen Nabire, Najin und Fatu, die alle im Zoo Dvur Kralove geboren wurden. Es gab auch noch einen Hybriden, also eine Mischung aus südlichem und nördlichem Breitmaulnashorn. Leider ist dieses Tier schon verstorben.*

Die Gründe für das Verschwinden…

…sind vielfältig. Einerseits haben Bürgerkriege und politische Unruhen schon frühere Schutzmaßnahmen und -pläne durchkreuzt, andererseits war es für die Jäger der Nashörner einfach zu verlockend diese zu jagen, brachte das Horn doch eine Menge Geld – 1000 bis 2000 Dollar. Verwendung findet es häufig in der chinesischen Medizin gegen den permanenten Weichzustand eines nur bei Männern zu findenen Organs.

Aufbau der Population

Leider hat sich die Nachzucht der Nashörner in Zoos als schwierig und sehr langwierig herausgestellt. Die aus Platzgründen im Zoo grundsätzlich anderen Bedingungen – verglichen mit jenen in freier Wildbahn – und das daraus resultierende unnatürliche Sozialverhalten haben bei den weiblichen Tieren zu ausbleibenden Östren und Komplikationen bei Paarung und Geburt geführt. Um diese Komplikationen zu vermeiden, hat man sich dazu entschieden, die noch verbliebenden Nashörner "auszuwildern" – also in sicheren Reservaten ihres ursprünglichen Verbreitungsgebietes auszusetzen. Damit sich die Nashörner nicht erschrecken und bei den so wichtigen Paarungen gestört fühlten, wurde das Gebiet des für sie reservierten Gebietes komplett abgesucht. Wilde Tiere wurden narkotisiert und umgesetzt. 

Das vorrangige Ziel der Aktion ist erstmal, dass die zeugungsfähigen Tiere möglichst viele Nachkommen in die Welt setzen. Interessanterweise kommen hier jetzt auch die südlichen Breitmaulnashörner ins Spiel – aus mehreren Gründen. Sie sollen dafür sorgen, dass es ein intaktes Sozialgefüge gibt, welches mit einer Handvoll Tieren nur schwer zu konstruieren ist, und können – weil Paarungen untereinander möglich sind – auch als Hybriden dazu dienen, Merkmale des nördlichen Breitmaulnashorns weiterzugeben. Letzteres ist aber nur eine Notlösung und kommt erst in Betracht, wenn die Zeugungsfähigkeit der Individuen der "reinen" nördlichen Unterart nachlässt. Für den Fall, dass alle Stricke reißen, werden am Berliner Institut für Zoo- und Wildtierforschung noch Spermien eingefroren aufbewahrt – auch wenn sich die Methode der künstlichen Befruchtung nicht besonders bewährt hat. Sollten sich tatsächlich noch ein paar wilde Überlebende der nördlichen Unterart finden, wird versucht, diese zu erhalten und mit den Tieren aus Dvur Kralove zu vergesellschaften. 

Um sich die Aktion der "Auswilderung" besser vorstellen zu können, habe ich hier noch ein passendes Video gefunden:

Wer regelmäßig auf dem Laufenden bleiben möchte, kann natürlich hier vorbeischauen oder diese Seite besuchen mit Tagebuch und vielen zusätzlichen Informationen:

Northernwhiterhinolastchance.com

*Anmerkung: Teilweise gingen die Informationen über die genaue Anzahl etwas auseinander. Insgesamt gibt es acht Tiere der nördlichen Unterart und nicht vier wie oben geschrieben, wovon sechs im tschechischen Zoo Dvur Kralove beheimatet sind. Bei den vier nach Afrika "Verschickten" handelt es sich um zwei Paare, bestehend aus den Bullen Sudan und Suni und den Weibchen Najin und Fatu.

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Wissenschafts- und Agrarblogger seit 2009 – eher zufällig, denn als „Stadtkind“ habe ich zur Landwirtschaft keine direkten Berührungspunkte. Erste Artikel über Temple Grandin und ihre Forschungen zum Thema Tierwohl wurden im Blog dann allerdings meiner überwiegend ebenfalls nicht landwirtschaftlichen Leserschaft derart positiv aufgenommen, dass der Entschluss zu einer stärkeren Beschäftigung mit der Landwirtschaft gefallen war. Auch spätere Besuche bei Wiesenhof und darauf folgende Artikel konnten die Stimmung nicht trüben. Seit 2015 schreibe ich auch gelegentlich für das DLG-Blog agrarblogger.de, teile meine Erfahrung in der Kommunikation als Referent und trage nebenbei fleißig weitere Literatur zum Thema Tierwohl zusammen. Auf Twitter bin ich unter twitter.com/roterhai unterwegs.

5 Kommentare

  1. Ich finde sehr schlimm das Menschen vom aussterben bedrohte Tiere töten (müssen), aber das sagt sich leicht wenn man in Europa lebt…

  2. Denkfehler

    @ Alex:

    Die Nashörner werden nicht gejagt, obwohl sie vom Aussterben bedroht sind, sondern sind durch die Jagd erst in die prekäre Lage gekommen. Mittlerweile dürfte das aber schon fast wieder stimmen^^

    In gewisser Weise kann ich die Jäger sogar verstehen: das Horn der Tiere brachte eine Menge Geld. Die Chinesen ließen sich ihre Akt-Schwierigkeiten richtig was kosten^^

  3. Nashörner bewahren

    Au Mann, echt unglaublich. Was Menschen alles tun. Aber man muss auch sehen welche Chancen die Leute dort haben. Meist haben die einen Dollar pro Tag zum Leben, was weiß Gott nicht viel ist. Auf der anderen Seite steht der Artenschutz natürlich – alles immer etwas zwiespältig.

    Liebe Grüße Dirk

  4. Pingback:Suni ist tot – einer der letzten seiner Art › Vom Hai gebissen › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  5. ” Die mitochondriale DNA beider Arten unterscheidet sich nur geringfügig (1-4%). Beide Unterarten können sich miteinander fortpflanzen. ”
    Interessant. Das ist in etwa auch der Unterschied zwischen uns und den Bonobos und Schimpansen.

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