Süß und ehrenvoll: Avi Primor zum 100. Jubiläum des Ersten Weltkrieges

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Wien. Heidelberg. Berlin: ein israelischer Blick auf Deutschland
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Im bevorstehenden Jahr wird viel, sehr viel über den Ersten Weltkrieg geschrieben und veröffentlicht werden. Natürlich wird der Großteil davon um politisch korrekte Geschichtsverdrehungen kreisen. Aber es gibt auch jetzt schon Ausnahmen, eine von ihnen ist der Debütroman “Süß und ehrenvoll” aus der Feder von Botschafter a. D. Avi Primor.

In unseren vielen Gesprächen – ich habe als Lektor an der Entstehung der hebräischen Fassung mitgewirkt – hat er mir erklärt, warum er diesen Krieg für so wichtig hält, der vielen anderen nur wie der Prolog zum eigentlichen Krieg erscheint. Laut Primor ist es nämlich seit der Antike der erste und – hoffentlich – letzte Krieg, bei dem Juden gegen Juden gekämpft haben. Diese Sichtweise bedarf aber einer Erklärung.

Tatsächlich haben Juden schon vorher gegen andere Juden gekämpft, etwa 1870. Aber damals haben sie es nicht als Juden getan, sondern als Untertanen bzw. Bürger, als “Individuen”, sagt er. Erst 1914 begeisterten sie sich als Juden für den Krieg. Anders ausgedrückt: Im Ersten Weltkrieg haben Juden erstmals gegeneinander gekämpft, nicht obwohl sie Juden waren, sondern gerade deswegen, weil sie Juden waren.

Das gilt natürlich nicht für alle Länder. In Russland identifizierten sich die Juden kaum mit dem Zaren, um es milde zu formulieren. Aber in Frankreich und Deutschland (den beiden Ländern, auf die Primor sich in seinen Erzählungen fokussiert), zogen die Juden 1914, so Primor, nicht mehr in individueller, sondern vielmehr in nationaler Weise an die Front, d.h. als Ausdruck ihrer jüdischen Identität. Wichtig waren es ihnen sowohl im eigentlichen Sinne, d.h. als geradezu jüdische Soldaten im Dienste der Großmächte, wie auch im metaphorischen Sinne als Unterstützer der “gerechten” Kriegssache Frankreichs bzw. Deutschlands.

Mit diesem ausgesprochen jüdischen Engagement für den Krieg wollten sie (in seiner Sicht, die ich teile) die “endgültige” Anerkennung als vollwertige Deutsche bzw. Franzosen erlangen. In Deutschland wie in Frankreich zeigten sich Juden als die größten Militaristen, um sich als hundertprozentige Deutsche bzw. Franzosen zu stilisieren. Doch dieses hehre Ziel scheint der Tod vieler Juden auf dem Felde der Ehre geradezu unterminiert zu haben. Indem sie einschließlich zahlreicher Rabbiner und sonstiger Anführer gerade als Juden agierten, betonten sie den Unterschied. Gerade die echten Deutschen bzw. Franzosen zogen individuell aus ihrer jeweiligen Heimat in die Schlacht, wie es 1870 die Juden auch noch taten. Und so war es auch gerade die nunmehr “nationale”, also gruppenbezogene, spezifisch-jüdische Kriegsbegeisterung, die im Widerspruch zum ersehnten Aufgehen im jeweiligen Gastvolk stand. Für die “Assimilation durchs Sterben” wäre eine Low-Profile-Strategie wohl besser gewesen, die es für selbstverständlich gehalten hätte, dass Juden mit in den Krieg ziehen, nicht mehr und nicht weniger als Deutsche oder Franzosen.

Im Nachhinein erweist sich dieser Versuch, sich durch Selbstaufopferung beliebt zu machen, als verzweifelt, naiv und tragisch. Mich erinnert es an ein Mädchen, das hoffnungslos in einen Jungen verknallt ist, der sich kaum für sie interessiert. Anstatt sich von ihm zu entfernen, versucht sie sich ihm umso eindringlicher aufzuzwingen. Ihre naive Liebe macht sie blind für die Wirklichkeit, sodass sie in ihrem Eifer, ihn zu beeindrucken, gar nicht wahrnimmt, wie unwillkommen sie auf der Party des Jungen ist, dem sie nur noch auf die Nerven geht. Und weil sie so blind ist, kommt sie gar nicht auf die Idee, ihre eigene Party zu veranstalten.

Primors Roman bringt diese Tragik zutage, und zwar auf eine sehr leicht zu lesende, ja fast filmische Erzählweise. Am Ende kann wohl jeder verstehen, warum Kriege im Allgemeinen keine gute Idee sind und warum es für Juden im Besonderen eine noch schlechtere Idee ist, für andere Völker, für fremde Länder und fremde Ziele ihr Leben zu opfern. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts vermochte es leider knallhart zu beweisen: Solche söldnerischen Dienstleistungen macht einen weder beliebt oder geehrt, sondern einfach nur lächerlich.

 

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Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

4 Kommentare

  1. “Im Nachhinein erweist sich dieser Versuch, sich durch Selbstaufopferung beliebt zu machen, als verzweifelt, naiv und tragisch.”

    Ich halte es für ziemlich … den Juden dieser Zeit soviel Bewußtsein für Wahrheit, Weltlage und Religion zuzusprechen!

  2. Das ist das Problem mit der Zugehörigkeitsdefinition über die Religion: Christen haben in Kriegen NIEMALS Christen bekämpft.

    Gelle, jetzt merkste: was ist das eigentlich, wenn ein Botschaftsehemaliger und sein Adept historischen Stoff zusammenklaubt…

    • Du scheinst den Text missverstanden zu haben. Weder Primor noch seinen Protagonisten im Buch geht es um Religion. Dieser Begriff ist im obigen Text nicht einmal erwähnt.

  3. Mit “social bias” wird in der modernen Anthropologie die “ultrasoziale” (Richerson & Boyd 1998) Grundvoreinstellung des modernen Menschen (H. sapiens sapiens) bezeichnet, genauer: dessen extreme soziale Intelligenz und deren Folgeerscheinungen (s. Herrmann et al. 2007).

    Nur die sozial intelligentesten Tiere sind zu kognitiven Höchstleistungen fähig wie Empathie, Theory of Mind, Liebe, Mobbing, Eifersucht, Neid, Hass, etc.

    Kennzeichnend für den social bias sind unhinterfragte Voraussetzungen in Aussagen wie “unser Volk”, “wir Juden”, “die Deutschen wollen…”, “Rothemden vs. Gelbhemden”, “FC-Bayern Fans”, etc. etc.

    Dieser social bias dürfte spätestens mit der Sesshaftwerdung genetisch verankert worden sein (vgl. Blut-und-Boden-Ideologien, Nationalismus, Chauvinismus, Kriege).

    Auch das heutige (2014) mediale Jubelgeschrei (!) anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums (!) des Ausbruchs des 1. Weltkrieges dürfte ein Anzeichen für einen zunehmenden “deutschen” bzw. “gesamteuropäischen” social bias sein.

    Literatur

    HERRMANN, Esther et al. (2007): Humans Have Evolved Specialized Skills of Social Cognition: The Cultural Intelligence Hypothesis. Science 317 : 1360-6

    RICHERSON, PJ, BOYD, R. (1998): The evolution of human ultrasociality. In: Ethnic conflict and indoctrination (edited by I. Eibl-Eibesfeldt & F.K. Salter), pp. 71-95, Oxford.

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