Queer History – revisited

BLOG: un/zugehörig

Wien. Heidelberg. Berlin: ein israelischer Blick auf Deutschland
un/zugehörig

In der Ausstellung zum SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt, von der ich im letzten Text erzählt habe, gab es auch einen Bereich, der der SS-Porzellanmanufaktur in Allach (“Schönheit mit der SS-Rune”) gewidmet war. Ausgestellt waren Kataloge und auch einige Erzeugnisse, der Großteil hiervon absolut banal, nicht mehr als nationalsozialistisch beeinflusste Variationen über Althergebrachtes. Schließlich war der Nationalsozialismus auch und gerade in seiner Symbolpolitik nicht wirklich originell war, sondern eher ein massenorientiertes, proletarisches Potpourri aus Übertreibungen (man denke etwa an den Totenkopf, der in der heutigen Popkultur so stark mit dem NS assoziiert wird aber in der damaligen Popkultur des NS eine Entlehnung von der Braunschweiger Schwarzer Schar war, deren Totenkopf selber auf ältere Vorbilder zurückgeht).

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Ebenfalls ausgestellt war ein Julleuchter. Den Julleuchtern bin ich früher in der Wewelsburg begegnet. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht ganz, warum es einer Porzellanmanufaktur bedurfte, um solche bewusst primitiv wirkenden Tonobjekte zu produzieren. Leider habe ich vom Julleuchter kein Foto gemacht, aber derlei findet sich reichlich im Internet, z. B. auf Wikipedia:


Julleuchter (aus Wikipedia)

Und angesichts des Julleuchters wurde es interessant. Gerne würde ich so was haben, habe ich der Verlobten erzählt, die ihrerseits gerne zwei hätte. Wieso zwei, habe ich gefragt. “Für die Shabbat-Kerzen”, hat sie mir erklärt. Was für eine geniale Idee!


Jüdische Shabbat- und Feiertagskerzen (aus Wikipedia)

Hierin spiegelt sich genau das wider, was ich hier vor einem halben Jahr mit “queer history” gemeint habe: Neue Perspektiven jenseits herkömmlicher Zuschreibungen. Unerwartete Kompositionen, die der Fantasie neue Horizonte eröffnen (schließlich ist die Fantasie nichts anderes als eine kritische Entfernung zur Gegenwart).

Im Frühjahr 2009, an irgendeinem langweiligen Tag im Bundestag, versuchte ich ebenfalls, mit den festen Denkschablonen bei den Grünen, in deren Fraktion ich arbeitete, zu brechen. So entstand an meinem Computer mithilfe des grünen Parteilogos, eines Özdemir-Fotos und einer in der deutschen Politik kaum noch verwendeten Landkarte das folgende Bild als Werbeplakat für eine imaginäre Landtagswahl 2009:

  Fertig Ostpreußen 2039

Meine Kollegen konnten aber dieses “was wäre, wenn?” nicht kapieren, also entstand eine zweite Version, die ich für ausdrücklicher hielt:

update 2010

Aber auch diesmal blieben den meisten Sinn und Symbolik verwehrt. Ich nehme an, dass nicht mehr so viele die Konturen Ostpreußens erkennen können. Naja, queer history bedeutet eben auch einfach Spaß am Experimentieren.

Nach der Ausstellung sind wir ins Kino gegangen, um uns endlich “Hannas Reise” anzuschauen. Wie erwartet, ist es ein schöner und süßer Film, der die Trailer-Analyse bestätigt (“Deutschland? Auschwitz!” als historisches Äquivalent für “Brille? Fielmann!”). Nur ist mir dabei noch was eingefallen, dem gegenüber ich bislang blind gewesen bin. Wohl wegen der zeitlichen Nähe zum Shabbat-Julleuchter-Einfall der Verlobten, ist mir nach dem Film klar geworden, dass dieser ganze Themenkomplex “Deutsche in Israel – Israelis in Berlin” nichts anderes ist als queer history.

Nur mündet in diesem Fall das Experimentieren nicht in einem mehr oder weniger abgesonderten “Kunstobjekt”, sondern in einer gelebten Wirklichkeit. Verglichen mit meinen kleinen Einfällen ist diese Bewegung von Deutschen nach Israel und Israelis nach Deutschland ein weitaus größeres Experiment mit “unerwarteten Kompositionen” – und zwar eines, das nicht zuletzt auch mein eigenes Leben als Jude und Israel in Berlin umfasst: die gelebte Form von queer history (oder: das Leben als künstlerisches Experimentieren).

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www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

2 Kommentare

  1. Irgendwie liest sich hier ganz schwer die Reaktion heraus: Königsberg, die russische Enklave, fehlte übrigens noch, was wird mit ihr geschehen, wird sie vielleicht einer alsbald annektierten Krim gleichgestellt werden?

    Wir wissen es nicht,
    MFG
    Dr. W

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