Queer History

un/zugehörig

Nein, damit ist keine Geschichte der Queerness gemeint, sondern eine queer-artige Geschichtsperspektive.

Ist so was möglich? Kann man auf dem Gebiet des Geschichtsverständnisses das machen, was die Queer Studies auf dem Gebiet der Geschlechterforschung gemacht haben?

Wie ist es, wenn man mit den herkömmlichen Kategorien von Opfer und Täter bricht, wenn man jenseits von Gut und Böse mit der Geschichte umgeht, wenn man mit sich selbst experimentiert?

Das Resultat eines solchen Experiments ist morgen, Samstag den 31.8.2013, um 22:15 Uhr auf 3sat zu sehen. Dann wird nämlich ein Film von Alice Agneskirchner ausgestrahlt, “Ein Apartment in Berlin”, bei dem die deutsche Regisseurin sich und drei junge Israelis, darunter auch der Schreiber dieser Zeilen, auf die Probe stellt. In meinen Augen ist es ein Film über das (letztendlich einem jeden innewohnende) Verhältnis von Gegenwart(en) zu Vergangenheit(en) – und umgekehrt.

PS.
Mehr dazu: eine Filmkritik auf taz.de

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

8 Kommentare

  1. Dekonstruieren?

    Kann man auf dem Gebiet des Geschichtsverständnisses das machen, was die Queer Studies auf dem Gebiet der Geschlechterforschung gemacht haben?

    Es gibt nicht das biologische Geschlecht, es gibt nicht den Nationalsozialismus, es gibt nicht das Böse, sondern nur Sichten von Individuen, die Projektionen gleichkommend nun, …, hmmm, …, eben weiter dekonstruiert werden müssen?

    MFG
    Dr. W

  2. Die Filmbeschreibung http://www.berlin.de/…tment_in_berlin_100001270/ fand ich gut verständlich und nachvollziehbar. Was das jetzt mit den “herkömmlichen Kategorien” von “Gut und Böse ” hier im Blogpost zu tun hatten soll, erschließt sich mir freilich nicht. Warum sollte es notwendig sein, gut und böse neu zu definieren, wenn es eigentlich nur darum geht, nicht mehr die Opferrolle spielen zu wollen?

  3. Opfer / Täter

    Die TAZ schrieb (Link siehe oben unter @tk):

    »Auf die Frage, was ihn an den Tätern fasziniere, antwortet er [Yoav]: Die Deutschen würden sich gern als Opfer sehen. «

    Ich habe erst nicht verstanden, wie das gemeint war, aber nachdem ich den Film gesehen habe, habe ich, glaube ich, verstanden: Den oder vielen Deutschen wäre es lieber, ihre Eltern oder Großeltern wären Opfer statt Täter gewesen. Weil sie glauben, von Opfern abzustammen sei weniger schmachvoll. Aber das ist ein Irrtum. Von Tätern abzustammen ist im Grunde „besser“.

    Ich kann nicht beurteilen, wie es ist, von Tätern oder Opfern abzustammen, von meinen Vorfahren sind keine Gräueltaten bekannt, und verfolgt wurden sie auch nicht. Aber der Gedanke, dass Opa geholfen hat, viele Menschen umzubringen, ist wohl auch nicht so toll.

  4. The Long Now

    Das besondere am Film ist für mich die nahtlose Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart. In einem gewissen Sinn vergeht nichts. Es verblasst nur das Gedächtnis. Die Deutschen mit ihrer Gründlichkeit, Gründlichkeit auch im Aufzeichnen haben mitgeholfen diese Gedächtnisspur zu erhalten. Und unbeabsichtigt (?) damit auch dokumentiert wie in ihrer damaligen Auffassung alles mit rechten Dingen zuging, alles den vorgesehenen Lauf nahm. Die Damaligen fühlten sich wohl nicht als Täter sondern als Vollstrecker. Als Vollstrecker eines Urteils, das schon lange gefällt war. Und somit fühlten sie sich im Recht. Mindestens einige, wenn auch nicht alle.
    Das wäre eine mögliche Sicht. Zugleich wussten sie, dass sie Unrecht taten, sonst hätte es kein Fotographierverbot bei der Versteigerung von Hausrat aus jüdischem Besitz gegeben.
    Nichts vergeht wirklich und alles fließt den immerselben Fluss hinunter und erscheint immer wieder neu oder auch altvertraut, je nachdem wie man es anschaut.

  5. Herr Sapir

    , ja gut, nun sind da drei Juden, die Probleme mit Israel haben, der Filmbesuch ist hier nach ca. 57 Minuten abgebrochen worden, repräsentativ erschienen die Nachrichten nicht.

    BTW, so hat man die Juden bei einer bestimmten Rezipienz in D gerne, von Moshe Zimmermann geschult oder anti-traditionalistisch.
    Fanden Sie’s angemessen, Herr Sapir, diesen Film?

    MFG
    Dr. W

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