Eckpunkte und Neuerungen im 6. Sachstandsbericht des Weltklimarats

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Der 6. Sachstandsbericht (AR6) des Weltklimarats (IPCC) enthält drei Berichte mit Ausführungen zu den Themen: (I) Physikalische Auswirkungen des Klimawandels; (II) Auswirkungen und Anpassung an den Klimawandel sowie (III) Klimaschutz und Klimapolitik. Die Berichte der Arbeitsgruppen I und II liegen bereits seit einiger Zeit (September 2021 bzw. Februar 2022) vor, der aktuelle Bericht der Arbeitsgruppe III zu Klimaschutz und Klimapolitik seit gestern (4. April 2022). Allen gemeinsam ist das Ziel, den seit langem geforderten größeren Einfluss von Wissenschaftler:innen aus den Entwicklungsländern endlich auch inhaltlich durch eine systematische Verbindung mit den UN-Zielen zur Nachhaltigen Entwicklung (SDGs) einzulösen. Im Berichtskern der Arbeitsgruppe III stehen die wichtigsten Fakten und Trends zu den Treibhausgasemissionen für die Regionen der Welt und für einzelne Sektoren wie Verkehr, Bau, Landwirtschaft usw. Es werden detaillierte Information über die Veränderungen zu den Vorberichten (AR5, 2014) und die Perspektiven für die kommenden Jahrzehnte bei den Treibhausgasemissionen sowie die entsprechenden Maßnahmen zur Erreichung dieser Klimaschutzpfade erörtert. Besonderen Stellenwert nehmen dieses Mal systemverändernde Ansätze ein, die Erreichung von Zielharmonien zwischen Klimaschutz, Klimaanpassung und nachhaltiger Entwicklung sowie die dazu nötigen Transformationsprozesse. Neu ist auch die breite Diskussion sozialer, sozialpsychologischer und finanzpolitischer Begleitmaßnahmen als Rahmenbedingungen zur Verbreitung und Beschleunigung von Innovationen und Systemtransformationen („enabling conditions“).

Was ist neu? 

Der Beitrag der WG III zum AR6 beschäftigt sich mit Fragen der Bekämpfung des Klimawandels und den damit verbundenen sozioökonomischen und technologischen Folgen. Aufbauend auf den Ergebnissen des AR5-Berichts aus 2014 werden im aktuellen Bericht neue Trends und Szenarien entwickelt. Insbesondere spiegelt der aktuelle Bericht die wachsende Orientierung in den internationalen klimapolitischen Prozessen am 1,5 Grad-Ziel für die Erderwärmung wieder, aber auch die Entwicklungen bei den Zielen der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung (SDGs). Eine besondere Rolle spielen im AR6 die Städte sowie der Privatsektor als gesellschaftliche Akteure zur Bewältigung der Probleme des Klimawandels. Darüber hinaus wird im AR6 ein Schwerpunkt auf die Rolle der COVID-19 Pandemie gelegt – sowohl unter dem Gesichtspunkt der Möglichkeit beschleunigter Maßnahmen zur Eindämmung von Mobilität, aber auch als globale Krisenerfahrung im Rahmen der internationalen Kooperation. Eine weitere Neuerung des Berichts ist die systematische Verzahnung von Klimaschutzmaßnahmen mit der Entwicklungsökonomik und -politik. Angestrebt wird eine Abstimmung der Maßnahmen zur Bewältigung des Klimawandels mit den SDGs sowie eine Verbindung zu den Umwelt-, Sozial- und Governance-Steuerungsinstrumenten (ESG) der Wirtschaft vor allem in den weltweit tätigen Unternehmen. Im Unterschied zu früheren Berichten nehmen soziale und politische Governance-Themen daher einen wichtigen Stellenwert ein. Ebenso neu ist die Betonung der Rolle von Innovation und Technologietransfer bei der Bekämpfung des Klimawandels. Um dieses breite Spektrum abdecken zu können, stützt sich der Bericht auf neue multidisziplinär erarbeitete analytische Rahmen („Framings“) wie etwa die ökologische Ökonomik, Ethik und Gerechtigkeit, Innovation und Übergangsdynamiken sowie Ansätze der Klimasozialwissenschaften.

Zentrale Befunde

Die bereits vorliegenden Ergebnisse der WGI und der WGII deuten darauf hin, dass der Zielrahmen des IPCC und der Klimapolitik sich in Richtung des 1,5°C-Ziels verschiebt. Die Beschlüsse von Glasgow (COP26) haben das „harte 1,5°C-Ziel“ und das Ziel des Erreichens des Netto-Nullpunkts bis Mitte des Jahrhunderts gestärkt. Das erfordert einen sofortigen starken Rückgang der Treibhausgasemissionen (THG) von nie dagewesenem Umfang. Tatsächlich ist seit 2010 dagegen ein stetiger Anstieg der Treibhausgasemissionen zu verzeichnen, der aktuell (2019) den höchsten Stand in der Geschichte der Menschheit erreicht hat. Die THG-Emission von 2019 ist um 12 Prozent höher als der Wert von 2010 und um 54 Prozent höher als das Niveau von 1990. Der Bericht weist auf die anhaltend unterschiedliche Verantwortung der armen und der reichen Länder dieser Welt für diese Entwicklung hin. Die Gerechtigkeitsschieflage wird besonders deutlich, wenn man dies verbrauchsbezogen für arme und reiche Haushalte weltweit betrachtet. Dann zeigt sich: Die 10 Prozent Haushalte mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen sind für 34 – 45 Prozent der globalen THG-Emissionen verantwortlich, während die ärmsten 50 Prozent der Haushalte nur 13-15 Prozent der Emissionen verursachen. Wichtig ist aus Sicht der Berichtsautor:innen auch die Tatsache, dass der Konsum der reichsten Haushalte besonders auf Produkte mit einem übermäßigen Kohlenstoff-Fußabdruck wie SUVs und Fernreisen entfällt. Nach wie vor ist die Energieerzeugung mit 34 Prozent der THG-Emissionen die wichtigste Emissionsquelle der Welt. Ihr Anteil schrumpft jedoch drastisch auf 12 Prozent, wenn man diese Emissionen den Verbrauchssektoren Industrie und Bau zurechnet, deren Anteile von 24 Prozent auf 34 Prozent (Industrie) und von 6 Prozent auf 16 Prozent (Bau) anwachsen. Sie erfahren in diesem Bericht ein besonderes Augenmerk, weil sie damit zusammengenommen die Hälfte aller THG-Emissionen weltweit steuern. Bauen und Gebäude spielen auch deshalb in diesem Bericht eine besondere Rolle, weil Anstrengungen schon in dieser Dekade darüber entscheiden, ob das Ziel der Klimaneutralität zur Jahrhundertmitte erreicht werden kann. Die COVID-19 Pandemie spielt im Bericht auch eine Rolle, aber die wissenschaftlichen Daten deuten darauf hin, dass die THG-Emissionen nur im Jahr 2020 im Vergleich zu 2019 gefallen sind (-5,8 Prozent), aber schon im Folgejahr 2021 nahezu ausgeglichen wurden (+3,8 Prozent bis +5,7 Prozent gemäß Carbon Carbon Monitor[i]).  

Innovationen und Umsetzungsdefizite    

Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass neue Technologien, Politiken und Investitionsmuster die weltweiten Emissionsszenarien drastisch verändern können. Der IPCC stellt fest, dass die Kosten für die Einführung fortschrittlicher Technologien seit den 2010er Jahren beträchtlich gesunken sind. Den schnellsten Rückgang der Kosten verzeichnet der 6. Sachstandsbericht bei Solar- (85 Prozent), Wind- (55 Prozent) und Batterietechnologien (85 Prozent). Zugleich ist die Verbreitungsrate besonders in den Entwicklungsländern nach wie vor niedrig, weil Rahmenbedingungen wie funktionierende Finanzmärkte und abgestimmte Steuerungsinstrumente dort fehlen.

Einen erheblichen Wandel beobachten die Autor:innen dagegen im sozialen, rechtlichen und politischen Bereich, wo sich auf nationaler und subnationaler Ebene einschneidende Veränderungen in den letzten Jahren vollzogen haben. So enthalten die – erst nach dem Abschluss des AR5 in 2014 – abgeschlossenen internationalen Klimaabkommen (z. B. das Pariser Übereinkommen) sehr ehrgeizige Ziele, um die globale Erwärmung zu begrenzen (das „harte 1.5 Grad Ziel“ in der Fassung von COP26, Glasgow). Die zunehmende Verankerung dieses Ziels bei den wichtigsten Interessengruppen wurde dadurch erleichtert, dass sich auf der Ebene von gesellschaftlichen Akteuren wie Unternehmen und Städten neue Informationspflichten zur Offenlegung von Klimarisiken etabliert haben, begleitet durch Klimaklagen der Betroffenen und Bottom-Up-Initiativen zur beschleunigten Erprobung von Instrumenten z.B. in Modellstädten und -kommunen.

Trotz allem stellt der Bericht eine anhaltend große Lücke von über 80 Prozent zwischen den derzeitigen klimabezogenen Finanzströmen und dem weltweiten Bedarf fest. Es werden daher vermehrte Anstrengungen gefordert, um private, grüne und nachhaltige Investitionen zu mobilisieren und diese Lücke zu schließen. Der Mangel an finanziellen Mitteln ist aus Sicht des Weltklimarats einer der Gründe, warum die aktuellen klimapolitischen Zusagen hinter den politischen Zusagen hinterherhinken. Weitere Gründe für unzureichende Durchbrüche bei den grünen und resilienten Technologien sind: mangelnde Koordinierung, fehlende Infrastrukturen, regulatorische Trägheit und fehlende technologische Kapazitäten – besonders in den Entwicklungsländern.  Um diese Innovations- und Umsetzungsbarrieren zu überwinden, ist aus Sicht des IPCC die Schaffung förderlicher Rahmenbedingungen zur Verbreitung und Beschleunigung von Innovationen und Systemtransformationen erforderlich. Dazu gehören (1) eine besser koordinierte und effizientere Politik auf nationaler und internationaler Ebene, (2) eine Umlenkung von Finanzströmen aus kohlenstoffintensiven Anlagen in grüne und widerstandsfähige Aktivitäten und (3) der Aufbau von Handlungskompetenzen vor Ort – vor allem in den Städten und Kommunen.

Zielharmonien zwischen Klimaschutz, Klimaanpassung und nachhaltiger Entwicklung

Die Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels und zur Anpassung an den Klimawandel sollten nach Expertenrat auch die Erreichung anderer SDGs erlauben. Derzeit werden solche Maßnahmen als Konflikte mit anderen Entwicklungszielen, wie Bildung und Zugang zu sanitärer Versorgung und Trinkwasser, betrachtet. Es müssen daher Wege gefunden werden, um nicht nur das das SDG 13 (Klima), sondern auch weitere SDGs zu erreichen. In der Tat gehen strenge klimabezogene Maßnahmen mindestens kurzfristig mit wirtschaftlichen Einbußen einher. Um den damit verbundenen sozialen und politischen Herausforderungen weltweit zu begegnen, wird das Konzept eines sozial gerechten Übergangs (“Just Transition”) vorgeschlagen. Es wird derzeit schon in den Industrieländern wie der EU umgesetzt. Die weltweite Anwendung des Konzepts soll sicherstellen, dass der Übergang zur Klimaneutralität die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen in der Gesellschaft auf allen Ebenen und in allen Regionen berücksichtigt. Bemühungen zur Eindämmung des Klimawandels sind eng verknüpft mit den Herausforderungen für die gefährdete Bevölkerung und die Ökosysteme, bei denen Lebensmittel-, Wasser- und Energiefragen im Vordergrund stehen müssen. Gleichzeitig können Klimaschutz und Klimaanpassung, z.B. Gründächer, Frischluftkorridore und Parks, ökonomische und soziale Vorteile in städtischen Gebieten mit sich bringen, etwa die Eindämmung von Überschwemmungen, die Verringerung des Drucks auf die städtische Kanalisation, den Abbau von städtischen Wärmeinseln etc. Bei den flächenbezogenen Maßnahmen könnten auch bestimmte Zusatznutzen für die Anpassung an den Klimawandel in ländlichen Regionen entstehen, etwa die Bekämpfung der Wüstenbildung, die Eindämmung der Bodenzustandsverschlechterung und eine Verbesserung der Ernährungssicherheit.

Ein Kapitel für Suffizienzstrategien

Erstmals wird in einem IPCC-Bericht den Strategien zur Änderung des Konsumverhalten ein eigenes Kapitel gewidmet. Das Potenzial für nachfrageseitige Maßnahmen des Klimaschutzes und neue Wege der Dienstleistungserbringung in den Bereichen Mobilität, Ernährung und Lebensstile ist beträchtlich, schreibt der Weltklimarat. Das Potenzial zur Verringerung der Treibhausgasemissionen in den Endverbrauchssektoren liegt bei 40-70 Prozent im Jahr 2050 gemessen an Szenarien des Business-as-Usual. Optionen für den Lebensstil, die zu den Maßnahmen auf der Nachfrageseite zählen – etwa die Anpassung der Heiz- und Kühlungseinstellungen, eine reduzierte Nutzung elektrischer Geräte, die Verlagerung der Mobilität auf den öffentlichen Nahverkehr, weniger Flugreisen und ein verbessertes Recycling – können Einsparungen von 2 GT CO2-Äquivalenten im Jahr 2030 bzw. 3 GT CO2-Äquivalenten im Jahr 2050 über die konventionellen Technologie-zentrierten Minderungsszenarien hinaus bewirken. Eine Umstellung auf eine Ernährung mit einem höheren Anteil an pflanzlichem Eiweiß in Regionen mit einem übermäßigen Verbrauch an Kalorien und tierischen Nahrungsmitteln führt zu einer erheblichen Verringerung der Treibhausgasemissionen und bietet gleichzeitig Vorteile für die Gesundheit. Eine fleisch- und milcharme Ernährung ist in vielen Ländern und Kulturen bereits weit verbreitet und wird in anderen Ländern immer häufiger praktiziert, obwohl der Anteil derzeit noch sehr gering ist. Eine pflanzliche Ernährung kann die Emissionen im Vergleich zur durchschnittlichen emissionsintensiven westlichen Ernährung um bis zu 50 Prozent senken. Die Bereitstellung ressourcen- und energieärmerer Dienstleistungen ist möglich und steht im Einklang mit der Schaffung von Wohlstand für alle, stellen die Autor:innen fest.

Übereinstimmung erst nach zähem Ringen

Zusammenfassend stellt der IPCC im 6. Sachstandsbericht fest, dass Szenarien, die die Erwärmung auf 1,5 °C begrenzen, Systemtransformationen in allen Bereichen und allen Ländern implizieren. Dies hat tiefgreifende Verteilungskonsequenzen zur Folge, etwa Veränderungen im Konsumverhalten oder bei der Beschäftigungs- und Wirtschaftsstruktur. Nur Wege, die die Gerechtigkeit in den Vordergrund stellen und eine breite Beteiligung der Betroffenen ermöglichen, können einen Konsens für diese Veränderungen ermöglichen. Dafür gibt es viel Evidenz in der Literatur, aber erst nach zähem Ringen und 48-stündiger Verspätung der Berichtsveröffentlichung eine breite Übereinstimmung im Weltklimarat.

Nicht unbeachtet blieb auch der Ukraine-Krieg. Viele Delegierte bedauerten mit offiziellen Erklärungen die russische Invasion und brachten ihre Wertschätzung für die ukrainische Delegation beim IPCC zum Ausdruck. In ihrer Schlusserklärung erklärte die Ukraine, dass mehrere Mitglieder ihrer Delegation aus dem Untergrund arbeiten mussten und betonte, dass die Invasion „in vielerlei Hinsicht eine Folge der Nutzung fossiler Brennstoffe“ ist.

IPCC-Sekretär Abdalah Mokssit gab bekannt, dass die nächste Tagung des Weltklimarats vom 26. bis 30. September in Genf, in Präsenz stattfinden wird, um die Zusammenfassung für Entscheider des AR6-Syntheseberichts im Einklang mit den Vorberichten der Arbeitgruppen I und II zu genehmigen.

[i]Zhu Liu, Zhu Deng, Davis, Steven J., Giron, Clement and Philipp Ciasis (2021). Monitoring global carbon emissions in 2021. Nat. Rev. Earth and Environ. (2022). https://www.nature.com/articles/s43017-022-00285-w. Diese Zahlen lagen bei der Berichtslegung noch nicht vor.

Reimund Schwarze ist Klimaexperte im Department Ökonomie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ). Als Professor für Volkswirtschaftslehre hält er Vorlesungen an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Seine Forschungsschwerpunkte sind ökonomische und juristische Untersuchungen zur Klimapolitik. Er beobachtete in den letzten Jahren die Klimakonferenzen der UNO und berichtete davon im UFZ-Klimablog.

10 Kommentare

  1. Besten Dank für diesen umfangreichen Bericht.

    Mein Gesamteindruck: Wenn der IPCC das 1.5 Grad-Ziel erreichen will, dann muss man fragen ob eine riesige Liste von Massnahmen, zu denen beispielsweise Suffizienzstrategien, JustTransition, (angeblich spottbillig gewordene) Erneuerbare und vieles mehr gehört, das Richtige ist.

    Denn: Wenn es darum geht, möglichst schnell möglichst viel zu erreichen, dann braucht es nicht viele Einzelmassnahmen, sondern wenige, dafür unmittelbar wirkende Massnahmen, denen kein Individuum, kein Staat und keine Firma ausweichen kann. Also ganz einfach: ein hoher Preis für CO2-Emissionen. Die unmittelbare Folge wäre doch, dass beispielsweise Fliegen ganz von alleine stark zurückgehen würde , denn bei einer Verdreifachung des Preises von Flugbenzin würde auch das Flugticket so teuer werden, dass Ferienflüge stark zurückgingen.
    Genau diese unmittelbare Wirkung einer Verteuerung wollen die meisten Staaten, Firmen und Individuen wohl vermeiden, denn wer will schon eine einbrechende Wirtschaft, selbst wenn nur ein paar Wirtschaftszweige stark betroffen sind? Ja, es genügt wohl schon ein zu erwartender Einbruch in der Tourismusbranche um einer Massnahme das Genick zu brechen. Eigentlich ist klar welche Art von Übergang sich die meisten wünschen: einen Übergang, den niemand als einschneidend empfindet, einen stetigen Umstieg von fossilen wirtschaftlichen Aktivitäten zu nicht fossilen. Und das auch noch bis 2050, also innert weniger als 30 Jahren, was eine äusserst kurze Zeitspanne ist, wenn man bedenkt, dass in dieser Zeit der Energiesektor, das Transportwesen und der Immobiliensektor völlig umorientiert werden muss, denn Kraftwerke, Autos, Lastwagen und Häuser innerhalb dreier Jahrzehnte völlig anders zu bauen und zu unterhalten ist ein sportliches Ziel.

    Eine wichtige Einsicht ist sicher, dass mehr Konsum und mehr Industrialisierung heute ganz klar mit mehr Treibhausgasemissionen einhergeht, was im obigen Artikel so dargestellt wird:

    Die Gerechtigkeitsschieflage wird besonders deutlich, wenn man dies verbrauchsbezogen für arme und reiche Haushalte weltweit betrachtet. Dann zeigt sich: Die 10 Prozent Haushalte mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen sind für 34 – 45 Prozent der globalen THG-Emissionen verantwortlich, während die ärmsten 50 Prozent der Haushalte nur 13-15 Prozent der Emissionen verursachen.

    Leider bedeutet das auch, dass Länder, die wirtschaftlich aufholen und aus der Armut aufsteigen, auch mehr Treibhausgasse ausstossen – mindestens galt das bisher. Es gibt aber Versuche der industrialisierten Länder Entwicklungsländer daran zu hindern, fossile Kraftwerke zu erstellen. Darüber berichtet der Artikel
    Climate Action or Imposed Energy Poverty? The Hypocrisy of COP26 Fossil Fuel International Finance Bans aus dem ETH Energyblog. Dort liest man in der Kurzzusammenfassung:

    Am Ende der COP26-Klimakonferenz der Vereinten Nationen (UN) einigten sich fast vierzig Nationen und Finanzinstitute, von denen die überwiegende Mehrheit nordamerikanisch oder europäisch ist, darauf, die öffentliche Finanzierung internationaler Projekte für fossile Brennstoffe bis 2022 zu verbieten. Insbesondere vernachlässigt die Vereinbarung solche Maßnahmen auf die Unterzeichnerstaaten selbst anzuwenden. Wenn es umgesetzt wird, wird dieses Verbot wahrscheinlich das Wirtschaftswachstum behindern und Zweifel an den Bestrebungen nach Modernität in weiten Teilen der Entwicklungsländer aufkommen lassen. Dieses Abkommen schiebt die Last der Dekarbonisierung genau auf die Nationen, die am wenigsten für die globale Erwärmung verantwortlich sind und die am dringendsten auf wirtschaftliche Entwicklung angewiesen sind.

    Der Autor dieses ETH-Energy Artikels glaubt, dass eine wirtschaftliche Entwicklung ohne jegliche fossile Kraftwerke nicht möglich ist. Tatsächlich ist es gerade bei einer Stromerzeugung primär mit Wind und Sonne sehr schwierig auf mindestens Gaskraftwerke zu verzichten, denn nicht einmal Batterien genügen um längere Windflauten auszugleichen. Das widerspiegelt sich auch in der Statistik. Gemäss Natural gas consumption worldwide from 1998 to 2020* wurden 1998 weltweit 2265 Milliarden Kubikmeter Erdgas konsumiert , im Jahr 2020 waren es schon 3822 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Der Erdgasverbrauch nimmt zu und er nimmt jetzt stärker zu, als vor 20 Jahren. Immerhin: Der Kohleverbrauch ist deutlich zurückgegangen. Doch wenn das 1.5 Celsius Ziel erreicht werden soll, dann muss in den nächsten 30 Jahren irgendwann auch der Erdgasverbrauch zurückgehen. Doch es ist noch völlig unklar, wann das passieren wird.

    • Danke, Herr Holzherr, für die Hinweise! Ich stimme Ihnen in hohem Maße zu. Der Bericht, insbesondere in der Langfassung von knapp 3000 Seiten, aber die verkürzte Form für Entscheider von 63 Seiten ist ein viel zu viel, eine Zumutung, die viele Politiker nicht verstehen und die ein größeres Publikum (die Bürger) nicht erreichen wird. Das ist selbstproduziert, dürfen die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen hernach nicht beklagen. Mein Appell ausser der teilweise ernst gemeinte “Mai Thi Nguyen-Kim, bitte übernehmen Sie!” wäre eine nationale Debatte (durchaus in Deutsch!) zu den Fragen: Wie muss jetzt, nach Bericht und realer Lage die Mitigation-Strategie, wie die Adaptation-Strategie angepasst (verbessert) werden? Da diese beiden Basisstrategien nach Berichtslage nicht ausreichen werden, insbesondere bei Blick auf die 2050-Ziele, welche Varianten des “Carbon Capture and Storage” (CCS) und des “Carbon Dioxid Removal” (CDR) müssen jetzt auf Machbarkeit und Akzeptanz untersucht und getestet werden? In dieser Form eines riesigen Nachschlagewerks und einer Zusammenfassung für Entscheider, die die Entscheider nicht erreicht, kann man sich nicht “hinter der Wissenschaft vereinen”.

  2. “Eine Umstellung auf eine Ernährung mit einem höheren Anteil an pflanzlichem Eiweiß in Regionen mit einem übermäßigen Verbrauch an Kalorien und tierischen Nahrungsmitteln führt zu einer erheblichen Verringerung der Treibhausgasemissionen und bietet gleichzeitig Vorteile für die Gesundheit.”

    Könnte man nicht die Raubtiere umerziehen, so das diese nur noch pflanzliche Nahrung fressen?

    • Ich bin enttäuscht, dass in einem Wissenschaftsmagazin so dumme Kommentare geschrieben werden. Der Naturkreislauf funktioniert und das sollte auch Herr Müller wissen, dass nicht das Fleisch, sondern dessen Erzeugung das Problem ist. Ich halte den Kommentar für Trollmist.

  3. Ein Hebel kann die regionale Erkenntnis sein, dass sich die Verhältnisse schnell zum Schlechten wenden. Eine Nachfrage zu dem Realismus von Flutungsplänen für den Tagebau “Vereintes Schleenhain” im Leipziger Südraum beim Referat 43 im zuständigen sächsischen Landesamt ergab, dass das Hydrologiemodell für Sachsen auf unserem gegenwärtigen Pfad für das Jahr 2100 eine Abflussmenge von Null ergibt. Das beeindruckt nun doch etliche Zeitgenossinnen und Zeitgenossen: Die Aussicht, in 78 Jahren hierzulande keine dauerhaft fließenden Flüsse mehr zu haben. Nun hörte ich, dass am UFZ eine neue Arbeitgruppe mit 6 unbefristeten Stellen zum Thema Klimaentwicklung und Wasser in Deutschland eingerichtet wird. Es sind 8 Millionen Euro bereitgestellt, die Situation unabhängig von den bisher herrschenden Braunkohlelastigen Strukturen zu bewerten. Nach Aussage des angefragten Mitarbeiters der o.g. Behörde hatte der hier tätige Konzern vor einigen Jahren eine eigene Studie zum Wasser gemacht, deren Ergebnisse für sie selbst so schockierend waren, dass sie sofort geheimgehalten wurden.
    Diese regionale Betroffenheit gilt ja weltweit.
    In diesem Sinne ist der Kommentar des “Peter Müller” nur als absurd einzustufen. So etwas bestraft sich selbst.

  4. @Hauptartikel

    „In ihrer Schlusserklärung erklärte die Ukraine, dass mehrere Mitglieder ihrer Delegation aus dem Untergrund arbeiten mussten und betonte, dass die Invasion „in vielerlei Hinsicht eine Folge der Nutzung fossiler Brennstoffe“ ist.“

    Überhaupt ist zur Bewältigung der Klimakrise Zusammenarbeit erforderlich, und nicht Krieg. Nebenbei ist Kriegstätigkeit und auch nur der Unterhalt einer Armee wie der der USA schon ein Emissionsfaktor. Und die hierfür erforderlichen Kosten würden einen erheblichen Unterschied machen, wenn man das Geld in Klimaschutz investieren könnte. Immerhin sind Rüstungsausgaben wertvolle staatliche Mittel, die mit anderen staatlichen Ausgaben konkurrieren müssen.

    Von einer Friedensdividende wurde nach Beendigung des Kalten Krieges 1990 nur kurz geträumt. Man hat dann wohl umgehend neue Feinde gefunden. Bis dass sich inzwischen auch die russischen Großmachtsphantasien wieder gemeldet haben. Bleibt aber begründet zu hoffen sein, das da nicht viel draus wird.

    • Tobias Jeckenburger
      07.04.2022, 17:26 Uhr

      Nebenbei ist Kriegstätigkeit und auch nur der Unterhalt einer Armee wie der der USA schon ein Emissionsfaktor.
      ______________________________
      Noch nebenbeier: Der Unterhalt jeder anderen Armee jedes anderen Landes ebenso. Es gibt weltweit keine einzige “klimaneutrale Armee”.
      Warum also erwähnen Sie hier ausgerechnet die USA?

      “Man hat dann wohl umgehend neue Feinde gefunden.”
      Sie unterstellen also, Feinde würden “gesucht”?

      “Überhaupt ist zur Bewältigung der Klimakrise Zusammenarbeit erforderlich, und nicht Krieg. ”
      Das ist jetzt aber ein Nullsatz, überflüssig wie ein Kropf.

  5. “Nebenbei ist Kriegstätigkeit und auch nur der Unterhalt einer Armee wie der der USA schon ein Emissionsfaktor”.

    Heißt, Sie erwarten, dass durch den Ukraine-Krieg die CO2-Emissionen weltweit steigen? Das dürfte kaum der Fall; es sind ja doch verhältnismässig wenig Fahrzeuge, die (in der Tat) hohe Emissionen haben. Auch die Fertigung der zusätzlichen Rüstungsgüter verursacht eben doch nur ein Bruchteil der Emissionen, die sie durch ihre zerstörerische Nutzung verhindern. Die großen Kriege des letzten Jahrhunderts waren die wenigen signifikanten Einbrüche eines sonst ungehemmten Emissionswachstums der Welt. Letztlich läuft es – wie bei COVID19 – auf die Frage der Mittelverwendung im Wiederaufbau an. Ich kann mir eine Variante grünen und resilienten Wiederaufbaus nach dem Krieg vorstellen. Die sollten wir heute schon im Auge haben und – wo wir es können – planen.

  6. “Nur Wege, die die Gerechtigkeit in den Vordergrund stellen und eine breite Beteiligung der Betroffenen ermöglichen, können einen Konsens für diese Veränderungen ermöglichen. ”
    Um einen der wichtigsten Sätze wurde hart gerungen, ein Zeichen dafür, daß Viele immer noch an die Quadratur des Kreises glauben, an so etwas wie einen grünen Neoliberalismus, nicht zuletzt übrigens in der Ökobewegung selber.

  7. @Schwarze 07.04. 18:00

    „Die großen Kriege des letzten Jahrhunderts waren die wenigen signifikanten Einbrüche eines sonst ungehemmten Emissionswachstums der Welt.“

    Der Urkrainekonflikt ist ja nun vom Ausmaß her nicht mit dem 2.Weltkrieg vergleichbar.

    „Ich kann mir eine Variante grünen und resilienten Wiederaufbaus nach dem Krieg vorstellen.“

    Mag sein, unterm Strich ginge es mit Klimaschutz dann angesichts dieses Krieges aber wohl nicht schneller. Die Neuinvestitionen zerstörter Häuser und Infrastruktur wären deutlich teurer als eine klimafreundliche Modernisierung, und bräuchten entsprechend mehr Zeit.

    Der Hauptnachteil von hohen Rüstungsausgaben ist aber wohl, dass sie die knappen Mittel der Staatshaushalte verbrauchen, die man alternativ auch in Klimaschutz investieren könnte. Wenn man viel Geld in die Hand nimmt, und PV-Anlagen und Windräder bezuschusst, dann wird der Strom unterm Strich billiger, und die Zustimmung für diese Technik wäre deutlich größer. Wenn man das Geld in Rüstung investiert, und hinterher noch nicht mal ein Feind da ist, gegen den man soviel Ausrüstung auch braucht, dann ist das pure Verschwendung.

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