Corsia verschwindet im Rauschen des Marktes

Ab 2020 will die Luftfahrt ihr Emissionswachstum kompensieren – zunächst auf freiwilliger Basis. 67 Staaten haben ihre Teilnahme an dem vereinbarten Ausgleichs- und Reduktionsmechanismus Corsia inzwischen zugesagt, verkündete die UN-Luftfahrtbehörde ICAO in dieser Woche. Doch zahlreiche Ausnahmen und der rein auf Zuwachsausgleich basierte Offset-Ansatz sorgen dafür, dass Corsia nicht halten wird, was sein Name verspricht.
Eine Einschätzung von Prof. Dr. Reimund Schwarze, Klimaökonom am UFZ.

Bereits 1997 beauftragten die Mitgliedstaaten des Kyoto-Protokolls die internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO damit, eine Lösung für die globalen Emissionen im Flugverkehr zu finden. Damit wurde grundlegend die Verantwortung in diesem Bereich von der UNFCCC, der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen, an die ICAO abgetreten. In Paris gab es 2015 einen Versuch, dies im Artikel 3.20 zu ändern. Doch in der letzten Verhandlungsphase wurde dieser Artikel erneut ersatzlos gestrichen. „Die Lobby hat wieder einmal ganze Arbeit geleistet“, kommentierte Regine Günther, die jetzige Verkehrssenatorin in Berlin, damals. Dem ist nur zuzustimmen.

Denn der Ausgleichs- und Reduktionsmechanismus Corsia, den die ICAO im Oktober 2016 schließlich als großen Durchbruch zu mehr Klimaschutz in der Luftfahrt präsentierte, hält nicht, was sein Name verspricht. Zu einer Reduktion von Treibhausgase-Emissionen wird Corsia (Carbon Offsetting and Reduction Scheme for International Aviation)  jedenfalls nicht beitragen.

Die Grundidee ist zunächst einmal ganz einfach: Corsia funktioniert nach dem sogenannten Offsetting-Prinzip. Dies ist ein Ausgleichmechanismus, bei dem die ausgestoßenen CO2-Emissionen mittels umweltfreundlicher Projekte ausgeglichen werden. Unternehmen kaufen Projektzertifikate, durch die sie Klimaschutzaktivitäten – meist in Entwicklungsländern – finanzieren.

Laut ICAO bietet Corsia viele Vorteile. Erstens ist Corsia ein globaler zwischenstaatlicher Mechanismus. Selbst Staaten, die über keine eigenen Fluggesellschaften verfügen, können ihre Flugverbindungen einbringen. Auf diese Weise werde es ab 2020 zu einer weltweiten Anstrengung für ein klimaneutrales Verkehrswachstum kommen, so die Behörde. Durch den rasant wachsenden sogenannten „Ökotourismus“ würden Staaten und Fluglinien besonders profitieren.

Zweitens ist Corsia ein freiwilliges System, das besonders armen Entwicklungsländern beim Aufbau von Klimaschutzkapazitäten hilft und damit ihr internationales Ansehen, ihr “Ranking” im Klimaschutz verbessert. Man muss dazu sagen: Das gilt natürlich auch für die Luftfahrtindustrie als Ganzes.

Und drittens erzeugt Corsia nach Aussage der ICAO eine große weltweite Nachfrage nach “Offsets”, also Ausgleichsprojekten in Entwicklungsländern. Damit werde ein ökonomischer Anreiz geboten, dort in Klimaschutzprojekte zu investieren.

Zusätzliche Einnahmen, die für die Förderung von Entwicklungsländern genutzt werden könnten, wird Corsia jedoch nicht erzeugen. Bei der Entscheidung, welche marktbasierte Maßnahme eingesetzt werden soll, standen letztes Jahr unter anderem ein Offsetting mit steuerähnlichen Einnahmen und eines ohne Überschusserzielung zur Auswahl. Am Ende gab es eine klare Entscheidung zugunsten einer Maßnahme ohne Gewinngenerierung. Die „Einnahmen“, die aus dem Kauf der Offsets entstehen, werden ausschließlich für die Finanzierung von Klimaschutzprojekten zu Marktpreisen genutzt.

Ob das Geld aber tatsächlich nur in neue Klimaschutzprojekte fließen wird oder ob bereits angeschobene Projekte einfach nur anders finanziert werden, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Entscheidend wird sein, welche Kriterien die ICAO für Offsets festlegt. Diese hat die UN-Organisation jedoch noch nicht fest beschlossen. Sollten die Kriterien – und ihre Kontrollen – schwach ausfallen, besteht die Gefahr der „Doppelzählung“. Dortige Aktivitäten könnten dann sowohl als nationale Beiträge zum Paris-Abkommen als auch als Offsets für das klimaneutrale Wachstum des Flugverkehrs gezählt werden.

Das ist nicht das einzige Problem. Aufgrund der vereinbarten vielen Ausnahmen und der gewählten marktbasierten Maßnahme, den reinen Offsets, ist generell nicht damit zu rechnen, dass das starke Wachstum der CO2-Emissionen aus dem Flugverkehr nachhaltig eingedämmt wird. Zum einen wird durch reine Offsets – also ohne Überschusserzielung und ohne Begrenzung nach oben – der Emissionszuwachs ab 2020 allenfalls ausgeglichen und nicht etwa begrenzt beziehungsweise aktiv reduziert.

Zum anderen sind vorhersehbar 118 von 191 Mitgliedsländern der ICAO von der Maßnahme vorerst befreit. Das sind 60 Prozent aller Staaten. Ein Anstieg der Emissionen scheint somit unausweichlich. Unabhängige Studien zeigen, dass nur 64 Prozent des Wachstums der Flugleistungsnachfrage und damit nur elf Prozent der weltweiten Flugverkehrsleistung in den freiwilligen Phasen bis 2026 durch Corsia ausgeglichen werden.

Bis 2035 werden diese Werte auf 75 Prozent des Nachfragezuwachses und 32 Prozent der weltweiten Flugverkehrsleistungen ansteigen. Aber gut ein Viertel des Emissionszuwachses bleibt damit von Corsia unberührt. Darüber hinaus muss bedacht werden, dass viele Treibhausgase des Luftverkehrs – Stickoxide, Ozon, Ruß und Sulfat – gar nicht erst in Betracht gezogen wurden. Diese tragen zur Klimawirkung des Fliegens aber mindestens noch einmal genauso viel bei wie dessen CO2-Ausstoß.

Auch die umweltökonomischen Vorteile, die die ICAO dem marktbasierten Instrument Corsia zuschreibt, sind kritisch zu sehen. Um umweltökonomisch Vorteile zu bieten, müssen marktbasierte Instrumente einen wirksamen Beitrag zur Bepreisung von klimaschädlichen Gasen leisten. Ein nüchterner Blick auf die Zahlen zeigt aber, dass das von Corsia ausgehende Preissignal vernachlässigbar klein ist.

Der International Council on Clean Transportation (ICCT) schätzt das Preissignal auf 0,4 Prozent des Kerosinpreises in der freiwilligen Phase bis 2026, wachsend auf 1,1 bis 2,4 Prozent in der verpflichtenden Phase bis 2035. Das liegt deutlich unter den Preisschwankungen für Flugzeugtreibstoffe im gleichen Zeitraum von 0,9 Prozent im Jahr 2025 beziehungsweise 2,2 bis 4,8 Prozent im Jahr 2035. Damit verschwindet Corsia im Rauschen des Marktes.

Besser wäre es, einen internationalen Emissionshandel einzuführen, wie wir ihn heute bereits für innereuropäische Flüge im Grundsatz haben. Laut einer Studie der Umweltorganisation CE Delft reduziert das EU-Emissionshandelssystem EU-ETS mit seinem nur auf innereuropäische Flüge begrenzten Einflussrahmen genauso viele Emissionen wie das globale Corsia in der Ausbauphase.

Die Fortentwicklung und Umsetzung des EU-ETS für den Flugverkehr ist zwar im Sinne der „Globalisierung“ – also der weltweiten Verbreitung marktbasierter Maßnahmen – keine Alternative zu Corsia. Sie ist aber ein wichtiges Vorreitermodell mit einem effektiven Beitrag zur Begrenzung der Emissionen aus dem Flugverkehr. Noch besser wäre die Einführung einer CO2-Steuer. Ein entsprechender Vorschlag ist aber vom Tisch.

Quellen:
http://www.klimaretter.info/klimakonferenz/klimagipfel-paris/hintergrund/20315-ein-blick-in-die-paragrafen

http://www.theicct.org/sites/default/files/publications/ICAO%20MBM_Policy-Update_13022017_vF.pdf

http://www.cedelft.eu/ce/about_ce_delft/263

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ernst der Lage,
    bei allen Abkommen, die auf CO 2 Reduzierung oder sonstiger Schadstoffe basieren, zeigt es sich, dass die Gefährlichkeit der Erderwärmung noch nicht in den focus geraten ist. Die Wissenschaftler sind sich im Klaren darüber, die regierungen und die weltweite Bevölkerung noch nicht.
    Deswegen noch mehr solche Blogs!

  2. Erst wenn der Energie- und Strassentransport/-verkehr seine Emissionen immer mehr senkt, werden die CO2-Emissionen des Flugverkehrs als untragbar betrachtet werden. Das gleiche gilt für die CO2-Emissionen der Landwirtschaft oder die der Zement- und Stahlherstellung. Diese Emissionen verstecken sich heute quasi hinter den Grossemittenten, den Kohlekraftwerken und Verbrennungsmotoren. Wenn aber am Schluss der Flugverkehr zusammen mit der Landwirtschaft und der Zementherstellung dafür verantwortlich ist, dass sich die CO2-Emissionen nicht weiter senken lassen, dann wird die Luftfahrt nicht mehr darum herumkommen, „abzuspecken“.

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