Zitieren – aber wie(viel)?

Viel wurde schon diskutiert über richtiges Zitieren und es dürfte jedem klar sein, dass man natürlich die Quelle von Aussagen angibt, die nicht von einem selbst stammen. Dennoch ergibt sich in der Praxis oft ein Problem, das jedoch eher ein “wieviel” als ein “wie” ist: Ich glaube, man kann zitieren in zwei große Kategorien einteilen: Wir (in der Wissenschaft) zitieren, entweder wenn wir uns auf andere berufen, also deren geistiges Eigentum nicht verletzen wollen oder wenn jemand etwas besonders schön formuliert hat und man selbst es nicht treffender ausdrücken könnte.

Im zweiten Fall zitiert man ein “Bonmot” (also die Form, die Art und Weise wie etwas gesagt wird), im ersten Fall zitiert man einen Gedanken/ einen Inhalt, den man für sinnvoll hält.

Im Fall eines Bonmot ist es klar, dass man den Erstautor wertschätzen möchte und darum die Quelle klar angibt. Im ersten Fall allerdings, wo wir Inhalte zitieren, die wir nicht durch eigene Forschung gefunden haben, ist der Übergang vom Zitieren-müssen zum Zitieren-können grenzenlos und appelliert an die Ehrlichkeit des Zitierenden. Dieser Fall beschäftigt mich daher seit einer Weile:

Problem 1) Es gibt immer ein gewisses “Schulwissen”, womit ich nicht buchstäblich das zwischen Klasse 1 und 10 Gelernte meine, sondern das Wissen und Können, das das Individuum während seiner Ausbildung erwirbt. Zur Ausbildung von Forschenden gehört dabei nicht nur die Schule bis zum Abitur, sondern auch das, was die Universität lehrt – und das ist sehr verschieden, insbesondere durch individuell bestimmbare Lehrveranstaltungen: Von allen Personen, die z.B. an einer großen Uni in Berlin (oder Hamburg…) das gleiche Fach studiert haben, wird trotzdem jede einzelne ein im Detail anderes “Schulwissen” am Ende des Hochschulstudiums mitbringen. Dennoch gibt es eine gewisse gemeinsame Basis, die alle Absolventen eines Faches ungefähr haben sollten – und diese wird man (in Fachartikeln) nicht zitieren: Man geht davon aus, dass alle, die ein Physikstudium absolviert haben, bestimmte Rechenoperationen durchführen können und schreibt sie daher nicht auf. Analog gehen Sprachwissenschaftler davon aus, dass alle Fachkollegen wissen, was ein Akkusativ oder ein Verb ist (und dass “Verb” eben nicht verbum=Wort meint, sondern das, was Kinder als “Tu-Wort” kennenlernen) und schreibt das nicht auf. So gibt es für alle Fachartikel ein ungeschriebenes Grundwissen, so genanntes tacit knowledge, das bei den Lesenden vorausgesetzt wird und für das man folglich keine Quellenangabe macht, selbst wenn man es im Rahmen einer Argumentation benutzt.

Aber hier liegt das Problem im Detail: Man weiß manchmal nicht so genau, was die anderen als Grundlage oder Fortschrittenenwissen betrachten. Weder möchte man “Eulen nach Athen tragen” noch “zu abgehoben” über das Publikum hinweg reden.

Problem 2) Liest nun jemand Fachfremdes diesen Artikel und hat dieses “tacit knowledge” nicht (oder ein Mensch einer anderen historischen Epoche, der auf ein anderes Vokabular an Begriffen geschult wurde), dann gibt es Probleme, den Fachtext zu verstehen.

Daraus ergibt sich ein neues Problem für die inter- und transdisziplinäre Forschung: Sehr viele Kollegen bringen hier eine fachliche Expertise ein, wobei allerdings nur in der Zusammenschau von mehreren unterschiedlichen Fachrichtungen auf ein Problem dafür eine Lösung entsteht. Der/ die einzelne hat dabei oftmals nicht das tacit knowledge der jeweils anderen beteiligten Fächer, weshalb man gut erklären und begründen muss, warum man etwas so und nicht anders macht.

ABER Wenn man zu viel Grundlagenwissen in einen Fachartikel schreibt, dann wird man von den eigenen Fachkollegen wiederum nicht mehr ernst genommen und kriegt so Sätze zu hören wie “das ist (zu) populärwissenschaftlich”. Also wie macht man es richtig?

In der Wissenschaftsgeschichte kennen wir das Problem nur zu gut: Es ist ein kleines Fach, das interdisziplinär zwischen der jeweiligen Wissenschaft und der Geschichtsforschung arbeitet. Vielleicht ist es nötig, den Kollegen, die “nur” Geschichtswissenschaft studiert haben, die Entstehung von Sonnen- und Mondfinsternissen auch in einem Fachartikel zu erklären – von den Personen, die “nur” Astronomie studiert haben, erwartet man das allerdings zu wissen. In einem Artikel von zwei Co-Autoren, nämlich 1 Astonom (m/w) und 1 Historiker (m/w), wird also vermutlich der Astronom dies erklären und der Historiker ebenso überflüssigerweise erklären, wann Alexander der Große lebte. In einem Artikel von Astronomiehistorikern wird beides vorausgesetzt und Leserkreise der beiden Nachbarfächer mit Teilen des vorausgesetzten “tacit knowledge” überfordert sein.

Was tut man also? Man erwartet, dass die Überforderten in der Lage sind, das jeweils nicht Gewusste (erst recht im Zeitalter der wikipedia) nachzuschlagen, verkleinert so aber den Leserkreis. Einerseits ist es ein Potenzial des Faches, zwei Gemeinden ansprechen zu können, andererseits wird man als eigenes (kleines) Fach nicht hinreichend ernst genommen, wenn man den Lesenden Grundlagen ihres jeweiligen Faches “erklärt” (d.h. eigentlich den jeweils anderen, aber das bedenkt der genervte Lesende nicht).

In diesem – sehr übersichtlich konstruierten – Beispiel scheint also die Lösung auf der Hand zu liegen, da beide vorausgesetzten Grundkenntnisse des anderen Faches quasi Schulbuchwissen sind. Allerdings ist die Sache viel schwieriger, wenn es um wissenschaftliche Methoden oder gar um Grundlagenwissen spezieller Fächer oder Kulturen geht (jemand, der in Algerien Physik studierte, hat vllt. auch anderes Grundlagenwissen als jemand, der es in China tat). Dafür (u.a.) gibt es “peer reviewing”, also das Begutachten von “Gleichen”, d.h. anderen Personen, die im gleichen Fachbereich arbeiten und dann entsprechende Hinweise geben können. Trotzdem bleibt das oben genannte Problem und es wächst, je spezieller die wissenschaftliche Fragestellung ist.

Lösen kann man das Problem also damit nicht: Niemand kann in einem Fachartikel (oder auch in Qualifikationsarbeiten) alle Quellen für alle nichteigenen Erkenntnisse aufschreiben, da manches im Studium oder sonstwie Gelernte zwar bekannt ist, aber man längst vergessen hat, woher man es hatte (vllt. hat es ein Prof gesagt, vllt. ein Kommilitone in einer Diskussion beigetragen, vllt. hatte man es in einem Lehrbuch gelesen oder mit anderen als Gruppe erarbeitet… man weiß einfach den Fakt, hat es sich gemerkt).

Problem 3) Entsprechend komplizierter wird es mit wachsender Lebens- und Forschungserfahrung: Wenn nun jemand während einer interdisziplinären Forschung von einem Kollegen etwas “gelernt” hat, also z.B. wenn ich (Astronomin) mit einem Fachwissenschaftler(in) der Archäologie zusammenarbeite, dann lernt jeder vom anderen einige Grundlagen des anderen Faches. Ich habe bspw. bei den Archäologen ein wenig über Landvermessung und verschiedene Bodenzusammensetzungen gelernt (ohne dass ich es jetzt wiedergeben könnte) und die Kollegen von mir etwas über den täglichen und jährlichen Lauf der Gestirne. Das ist aber nicht speziell “meine” Erkenntnis, sondern Grundlagenwissen meines Faches. Es wäre also ungerecht, würden die Kollegen mich zitieren mit einer Aussage wie “die Sonne geht im Osten auf und im Westen unter”, weil das jeder Astronom gesagt haben könnte und nicht speziell mein (selbst angeeignetes oder gar erforschtes) Wissen ist. Außerdem  frage ich mich: Würde man nicht sich selbst (und das ganze interdisziplinäre Projektteam) für dumm verkaufen, wenn man für solches Grundwissen z.B. irgendein Schulbuch suchen würde, in dem es geschrieben steht?
Andererseits: Wie soll man es machen, wenn man z.B. keinen Astronomen im Team hat und obige Tatsache nun einmal für die eigene Erkenntnis unbedingt klar gestellt (zitiert) werden muss?

Auch dieses Beispiel habe ich absichtlich besonders trivial konstruiert; in der Wissenschaft sind die Fälle oft etwas komplizierter.

Was ich damit nur sagen will, ist, dass es wirklich nicht einfach ist, korrekt zu zitieren – nicht nur, dass es quasi unmöglich ist, jede vorausgesetzte Kenntnis mit einer Quelle zu belegen, sondern auch, dass die Frage, wie viel zitiert werden muss, stets eine Gratwanderung ist.

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Frau Hoffmann,
    ich kann Ihren “Problemen” nicht ganz folgen. Wissenschaftliche Abhandlungen besitzen meist einen vordefinierten Zitat-Rahmen, der sich aus der Leser-Zielgruppe ergibt. Wenn Sie glauben, daß bestimmte Sachinformationen nicht allen Lesern erklärt werden müssen, dann lagern sie diese aus (Anhänge).

    Sie schreiben: „Im Fall eines Bonmot ist es klar, dass man den Erstautor wertschätzen möchte und darum die Quelle klar angibt.“

    Ich denke es geht vielen Autoren primär darum sich durch das Zitat (Bonmot, Aphorismus) eine zusätzliche (Aussage-)Wertigkeit zu verschaffen und nur sekundär um die Wertschätzung des Zitierten. Des Weiteren meinen Sie vermutlich mit Quelle klar angibt, nur den Namen des Zitierten.

    Beispiel: »Höher als das ich soll steht das ich will. Höher als das ich will steht das ich bin.« Friedrich Nietzsche

    Oder meinen Sie?:

    »Wer Mathematik treibt, den kann zuweilen das unbehagliche Gefühl überkommen, als ob seine Wissenschaft, ja sein Schreibstift, ihn selbst an Klugheit überträfe, ein Eindruck, dessen selbst der große Euler nach seinem Geständnisse sich nicht immer erwehren konnte.«

    Ernst Mach (1838-1916), Vortrag, Sitzung der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zu Wien am 25. Mai 1882

  2. Susanne M.H.
    würden Sie bei einem persönlichen Gespräch eine andere Person zitieren?
    Doch nur , wenn man tratschen will, oder wenn es sehr sehr wichtig ist.
    Es ist eine Unsitte, sich selber keine Gedanken zu machen und einfach eine wissenschaftliche “Koryphäe” zu zitieren. Für mich ist das ein Zeichen von Faulheit oder manglndem Selbstbewusstsein.
    Also, Zitat nur in homöopathischen Dosen.

  3. @DirkFreyling Dass die Regeln nicht so klar definiert sind – bzw. die Def. in der Praxis nicht immer so klar umsetzbar ist – ist eine Bemerkung, die mich seit einigen Monaten im Dialog mit KollegInnen verschiedener Fächer sehr beschäftigt und diese Erkenntnis aus der Praxis (dass das scheinbar so klare eben doch nicht klar ist) teile ich hier.

    Mit “Bonmot” meine ich nicht die in manchen Fächern übliche Unsitte, jedes Kapitel mit einem Zitat einer vermeintlich bedeutsamen Person einzuleiten. Vielmehr meinte ich die Tendenz z.B. in der Philosophie, die eigene Meinung auch bei anderen (vermeintlich oder tatsächlich bedeutenden) Philosophen zu suchen/ zu finden und – weil derjenige wohl eine größere Autorität zu sein scheint als der Schreibende – die eigene Meinung von da zu zitieren. … Diese Sitte oder Unsitte ist es wohl, gegen die Wittgenstein im Tractatus [was er als Doktorarbeit einreichte und anerkannt wurde] rebelliert, wenn er schreibt, dass es ihm egal sei, wer vor ihm schon die gleichen Gedanken hatte und daher konsequent gar nicht zitiere.

    Auch meine ich das konstruierte Bsp. oben, als Archäologe solche Tatsachen wie “die Sonne geht im Osten auf” vermeintlich durch ein Zitat aus einem Schulbuch belegen zu müssen, weil es dort (vermeintlich?) besser formuliert ist und man selbst [als Archäolog] nicht für dieses Thema ausgebildet wurde und auch nicht der ebenso ausgebildete Doktorvater des Archäologen.

  4. Sehr geehrte Frau Hoffman,
    Zitate
    Sie schrieben mir am 13.11.2009: „… enthalten tatsächlich auch astronomische Daten. In der Tat gibt es dazu ganz aktuelle Forschung am IANES in Tübingen – übrigens von einem Menschen, der in (astro)physik promoviert hat, bevor er nun die keilschrifttexte auswertet:
    http://www.ianes.uni-tuebingen.de/ Lehrstuhl für Altorientalische Philologie (Prof K Volk, konkret Herr Dr Mathieu Ossendrijver).“
    Ich schrieb ihm: „Es gibt Unterlagen, in denen Steht, dass die Sumerer alle Planeten bis Pluto kannten – und noch einen mehr, als wir heute: Nibiru. Geht das aus Ihren Forschungen auch hervor?“ Er schrieb mir: „… die Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn. Aber es gibt nichts das mit unseren Planeten Uran, Neptun, geschweige Pluto, identifiziert werden kann – nur das meinte ich.“
    In meiner Antwort verwies ich auf das Enuma Elisch, dass der Altorientalist Prof. K. Hecker u. a. übersetzt haben (im Internet ladbar) und hier alle Planeten inklusiv Neberu/Nibiru genannt werden!
    Seit 2017 eine Diskussion des EE: http://amzn.to/2p9wauS.
    Zu den Planeten antwortete er: „Vermutlich entstammt diese Behauptung den Werken eines Herrn Zecharja Sitchin, der seit einiger Zeit wilde Spekulationen ueber diese Sachen verbreitet, und mit Recht als Spinner betrachtet werden kann. Leider ist an diesen Theorien nichts dran, denn sie entstammen der Phantasie. Es gibt keinen einzigen Beweis dafuer, dass weiter Planeten als die 5 klassischen in Mesopotamien bekannt waren.“ Hier hatte der – heute Prof. – wohl nicht nachlesen wollen! – oder wurde hier Prof. Hecker mit Zecharia Sitchin gleichgesetzt?
    Auf meine Antwort – erhielt ich keine Antwort mehr!

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