Was ist eigentlich Astronomie?

BLOG: Uhura Uraniae

Ko(s)mische Streifzüge durch Zeit und Raum
Uhura Uraniae

In meiner Personenbeschreibung steht hier wie anderswo, dass ich freie Astronomin bin. Sie möchten wissen, was das heißt? Was tut eine Astronomin? – Die Antwort ist naheliegend und trivial: Sie beschäftigt sich mit Astronomie. – Und was genau ist Astronomie? Was sagen uns denn die Sterne? Können Sie mir mein Horoskop erstellen?

Genau genommen gibt es in Deutschland die Berufsbezeichnung "Astronom(in)" bisher nicht, insofern ist es quasi ein Analogon zu einem "Firmennamen" für mich als Freiberuflerin. Was ich faktisch tue, ist einerseits Forschung und andererseits widme ich mich der Popularisierung meines Faches in möglichst allen verfügbaren Medien. Wie TV-Moderator Ranga Yogeshwar (im Interview: SuW 5/2008) sehe ich Medien als Chance zur Information und Mündigkeit (Kant) der Menschen.

Zusammen mit der Mathematik und der Medizin ist die Astronomie die älteste von allen Wissenschaften und in allen Kulturen der Welt unabhängig von anderen entstanden. Im Laufe der Zeit zerfaserten sich die Wissenschaften immer mehr. Aus der Naturphilosophie wurde ungefähr mit der Generation Newtons (1643 – 1727) die Naturwissenschaft und diese spaltete sich später auf in Physik, Chemie und viele Teildisziplinen. Heute gibt es einerseits viele naturwissenschaftliche Disziplinen, die nichts mit den Sternen zu tun haben und andererseits auch manche kosmologische Fragen, die fast schon einen theologischen Touch haben oder eher ontologisch erschließbar sind.

Von je her haben die Sterne den Menschen fasziniert, inspiriert und die Phantasie von Dichtern und Denkern beflügelt. In vielen erregte die himmlische Ordnung und Ebenmäßigkeit eine tiefe Bewunderung, die uns vielleicht auch emotional anspricht. Insofern kann man auch sagen, dass die Sternkunde eine anthropologische Wissenschaft ist, wenngleich viele ihrer Wurzeln heute an andere Wissenschaften abgegeben wurden: die Zeitrechung wird bei den Atomphysikern verwaltet und die Astrologie als spiritueller Zweig wurde bereits vor 400 Jahren von Johannes Kepler als "närrisches Töchterlein" der (mathematischen) Astronomie von dieser getrennt.

Astronomie ist eine Wissenschaft 

Bleibt die Frage: Natur- oder Geisteswissenschaft? – Ihre Zwillingsschwester Mathematik, die etwa gleichzeitig geboren wurde und eine ähnliche Entwicklung durchlief, zählt man im akademischen Bereich zu den Geisteswissenschaften und unterrichtet sie gemeinsam mit den Naturwissenschaften an den Math.-Nat.-Fakultäten.

Die Astronomie ist es m.E. ähnlich fakultätsübergreifend anzusiedeln:
Die Physik ist unverzichtbar und faszinierend schön – aber sie ist nicht alles. In ihrer Vollkommenheit erschließt sich die Astronomie erst unter Betrachtung auch der Geisteswissenschaften. Aus meiner Sicht gehen in der Astronomie die beiden Fakultäten Hand in Hand: Physik mit Philosophie, Natur- und Kulturwissenschaft.

Fazit

Natürlich gibt sie in Gestalt der Astrophysik nebst all ihren technischen Begleiterscheinungen im Sinne der Grundlagenforschung und Weltraumfahrt vieles an die Gesellschaft zurück – aber es ist nicht der unmittelbare Zweck der Astronomie, einen Nutzwert hervorzubringen wie es z.B. von Medizin oder Materialforschung erwartet wird. Daher ist die Astronomie ebenso eine Kulturwissenschaft sowie gleichzeitig ein Sujet der Kulturwissenschaften.

Faszinierend!

Und die Moral von der Geschicht’:

1. Sternkunde (Astronomie) und Sterndeutung (Astrologie) sind zwei völlig verschiedene Sachen, wenngleich beide homophile Astraldisziplinen sind.

2. Wer Astronomie mit Astrophysik gleichsetzen wollte, unterschlüge mindestens die Hälfte dieses traditionsreichen Faches. Ja, Astronomie ist auch Physik – aber eben auch Philosophie, auch Geschichte, auch Kulturwissenschaft… und sie hat mithin auch eine gesellschaftliche Verpflichtung – so wie die Physik, die Philosophie und die Kulturwissenschaften.


PS zur letzten Eingangsfrage: Nein, ich kann kein Horoskop erstellen, denn das lernt man im Physikstudium nicht. Allerdings kann ich auf Wunsch etwas zur Geschichte und Genesis des Horoskops als kulturwissenschaftliches Phänomen sagen, und ich kenne außerdem jemanden, die Horoskope erstellen und deuten kann.
 

 

Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

2 Kommentare

  1. Da bleibt kaum eine Frage offen …

    … bis auf die, wie denn der Begriff “homophile Astraldisziplin” definiert ist?

  2. homophile Astraldisziplin 😉

    … ein Planetariumsprogramm aus meiner früheren Jugend endete mit dem Satz “Der Kosmos ist menschenfreundlich.” Ungefähr das meinte ich wohl auch hier – wenngleich Astronomen und Astrologen dies wohl verschieden interpretieren werden.

    Danke der Nachfrage!

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