Sand – Sonne – Sahara

BLOG: Uhura Uraniae

Ko(s)mische Streifzüge durch Zeit und Raum
Uhura Uraniae

Sahara … das arabische Wort für die trockene Sandwüste. Aus dem Weltraum sieht man eine große beigefarbene Fläche im Norden des Kontinents, den wir Afrika nennen. Doch bei genauerer Betrachtung sieht man Details: Sand ist nicht gleich Sand. Die aktuelle Mars- und andere Planetenforschung weiß nur zu gut, was es alles für verschiedene mineralogische Kompositionen gibt. Meine muslimischen Kollegen und ich haben hier mal eine kleine Sammlung zusammengestellt:

All diese Sandfarben findet man schon auf relativ kleinem Areal, dem Erg zwischen den mauretanischen Städten Wadane und Schingett. "Erg" ist das Wort für ein Dünenmeer aus weichem Sand. Das sieht ungefähr so aus: 

Was man noch in dem weichen Sand findet, will ich Ihnen hier gerne zeigen. Ich habe dazu eine Ausstellung in der islam-heiligen Stadt Schingett erweitert und meine primitiven "Vitrinen", nämlich ehemaligen Pralinenschachteln fotografiert: 

["Not macht erfinderisch." heißt es – und wahr ist auch, dass dieses Land wirklich sehr arm ist. Da erfordert es viel Kreativität und Erfindungsreichtum, trotzdem etwas Schönes zu basteln.]

In dieser Schachtel sehen wir in einem Bett auf Sand einen grünlichen Stein. Er liegt hier nur in der Schachtel, weil er eine schöne Farbe hat. Der Rest, die braunen Stücke unten in meinem "Osterei" sind von Menschen bearbeitet: Rotbraun ist ein Stück gebrannter und verzierter Ton. Die beigefarbenen Stücke sind nur oberflächlich hell und innen schwarz.  

Die weißen, sehr filigranen Stücke oben sind vermutlich noch älter. Es handelt sich um Überreste aus jener Zeit, als dieses Land noch der Boden eines Ur-Meeres war. 

Aus der Ferne sieht man immer wieder größere Plateaus, die sehr kalkhaltig sind. Schnurgerade Oberflächen entstehen durch das Lösen des Kalks aus ehemaligen Korallenbänken im seltenen Regenwasser und dessen Sedimentation, wenn sich das Wasser wieder verflüchtigt hat.  

Auf dem Bild links sieht man dies deutlicher: links oben ist eine Muschel, die ich in der Nähe der Hauptstadt Mauretaniens, Nuwakschut, fand. Daneben ein kleines dunkles und ein metallfarbenes Stückchen Stein, dessen Oberflächengestalt deutliche Spuren eines Schmelzprozesses zeigt. 

Auf helleren Sand gebettet ein weiteres Schmelzkrümmelchen, eine Spur menschlicher Töpferkunst und ein sonnengebranntest Stück Stein. 

Der farbige Stein unten rechts ist offenbar behauen worden. Wahrscheinlich ist er der Überrest einer Bearbeitung, ein missratenes steinzeitliches Werkstück (Ausschuss) oder der Reststein, von dem ein Faustkeil oder etwas ähnliches rausgeschlagen worden ist. 

Mein Mini-Sahara-Museum 

Auch Speer- und Pfeilspitzen urzeitlicher Bevölkerung der Sahara durch Menschen findet man im Sand. Das Bild unten ist mein kleiner Schaukasten im Museum in Schingett: links sieht man neben einem besonders schön verzierten Rand eines Töpfergefäßes eine Sammlung von Pfeilspitzen, die teilweise noch heute sehr spitz und scharf sind. Rechts, in dem unterteilten Bereich, sieht man kleine Stückchen von Quarz (aufgeschmolzener Sand: links unten und oben), Kalk von den Meeresbodenplateau (oben, mittig) und in der Mitte ein paar urzeitliche Muscheln und Schnecken. Sie sind ca 1 cm groß.

Mitunter läuft man zwischen den Dünenkämmen, im Wadi (arabisch für Tal), über große Felder solcher Schnecken. Sie liegen dort dicht an dicht.

Im folgenden Bild habe ich mir zuhause auch kleine Schaukästen gemacht: Alles mögliche, das ich fand, aus ganz verschiedenen Epochen, liegt hier nebeneinander aufgebarrt. Der bizarrste Fund war einmal ein Geschoss, verwendet wahrscheinlich aus einem Gewehr im Westsahara-Konflikt oder gar noch viel früher – wir haben darüber lange gerätselt, denn eigentlich ist Mauretanien im Kontrast zu seinen Nachbarn ein sehr friedliches, nicht von Bürgerkriegen zerrüttetes Land. 

Tableau 1: links mittig ist eine getrocknete Frucht. Sie hat einen großen harten Kern, der von einem gelee-artigen Fruchtfleich umgeben ist, darum nur eine dünne pfirsichartige Haut. Wenn man diese entfernt hat, kann man das Fruchtfleisch lutschen wie einen Bonbon. Angeblich – so sagen die Einheimischen – ist diese Frucht gut gegen Diabetes. Schräg darüber die Kerne einer anderen Frucht, die ein leckeres früchtetee-ähnliches Getränk ergibt, wieder ein paar Muscheln, Pfeilspitzen und andere schöne Sandstrukturen. 

Rechts unten mittig liegt ein graugrünes Stück Stein, das rechts oben wie angemalt wirkt: Es sieht aus, als hätten sich hier pflanzliche Überreste abgedrückt, doch in der Tat ist dies eine rein mineralogische Formation, die durch Eindringen von Flüssigkeit entstanden sein muss.

Die Muscheln oben links sind vom Strand an der Atlantikküste, also nicht aus der Wüste. Mit solchen Muscheln sind in der Hauptstadt, Nuwakschut, die Gehwege gepflastert. Sonst wieder ein bißchen Quarz, Urzeitschnecken, ein leider beim Umzug in Berlin (nicht auf dem Weg von Mauretanien nach Deutschland) zerstörtes Schlangen-Ei (rechts). 

 

Der Sand erzählt aus seiner Geschichte

Links, neben den grünen Steinen liegen zwei beigefarbene Stücke. Das sind ebenfalls Eierschalen – und zwar von Straußeneiern. Heute gibt es diese Tiere natürlich nicht mehr in der Sahara, sondern nur im südlichen Afrika. Dass man die Straußeneierschalen trotzdem in großer Zahl findet, weist wiederum auf den starken klimatischen Wandel hin. Meistens findet man nur Schalenbruchstücke wie diese hier, doch mitunter sollen auch nahezu vollständige Eier gefunden worden sein. Alternativ sind sie aus Bruchstücken rekonstruiert worden, denn sie zieren die Türme von Moscheen in Mauretanien. Hier vermischen sich Gahiliya-Bräuche mit islamischer Kultur, denn für die Ungläubigen waren die Straußeneier ein Symbol der Fruchtbarkeit: junge Ehepaare mit Kinderwünschen beteten früher die Straußeneier an, die in den Moscheen lagen. Weil das natürlich nicht zum Islam passt, wurden die Eier als dekoratives Element auf die Turmspitzen gesetzt, so dass man sie noch immer sehen kann, aber sie nicht mehr rituell-anfassbar "herumliegen".

 

Rechts im Bild liegt ein "Sandblitz" quer in der Schachtel. Ein weiterer ragt nach oben aus dem Sand heraus. Diese Formation finde ich persönlich eine der faszinierensten, die der Sand zu bieten hat: 

Schlägt ein Blitz in den Sand ein, heizt er diesen schockartig kurz auf. Es entsteht eine Schmelze in einem länglichen "Kanal", je nachdem in welchem Winkel der Energiefluss auf den Sand trifft. Da der Blitz aber instant wieder verschwunden ist, also keine weitere Energie mehr zugeführt wird, erstarrt der Sand ebenso instantan, wie er schmolz. Dabei entstehen winzige und sehr filigran verästelte Erstarrungsmuster – ähnlich wie eine Mandelbrotmenge in 3D. 

Man weiß nie, wie alt diese Blitze sind. Sie können einfach vom Sand überspült worden sein, um dann nach Jahrzehnten erst wieder freigegeben zu werden.

Im folgenden noch ein paar weitere Bilder solcher Blitzstrukturen: Diese wirken eher flunderartig-platt; sie lagen flach auf dem Sand auf. 

 

 


Wie dereinst Alexander von Humboldt reise auch ich um die Welt und versuche, das dabei Gelernte zu dokumentieren. Falls Sie Lust haben, können Sie ja einiges mehr über das Land von Sand erfahren, wenn Sie meine kleine Broschüre zum Thema herunterladen.

 

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"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglichte, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).

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