frisch auf dem Büchermarkt: Computus Gerlandi

BLOG: Uhura Uraniae

Ko(s)mische Streifzüge durch Zeit und Raum
Uhura Uraniae

Titel_Computus_web“Oft habe ich die Bände des Herrn Beda über die Wissenschaft der Kalenderrechnung aufgeschlagen und darin manches anders gefunden, als die Lehre der gegenwärtigen Gelehrten darstellt und – gestützt auf die Hilfe Gottes, […], meinem Bemühen beizustehen – dabei daraus das, was mir am nützlichsten erschien, entsprechend der Fähigkeiten meiner geringen Begabung exzerpiert und … zusammengefügt.”

Das war das Anliegen des etwas ominösen Gelehrten Gerland aus Lothringen, der ca. im 11. Jh. unserer Zeitrechnung lebte und als Komputist, also (Kalender-)Rechner arbeitete. Genau weiß man das nicht und in der Vergangenheit wurde er auch oft mit englischen und italienischen Gelehrten und Geistlichen ähnlichen Namens verwechselt, so dass bis dato sein Lebenswerk nicht überall korrekt dargestellt ist. Manche schreiben ihm mehr zu, als er eigentlich gemacht hat, da sie ihn mit einer anderen Person idenifizierten – das erläutert der Autor dieser Edition in der Einleitung sehr plausibel.

Aufbau

Die Hauptarbeit besteht aus zwei Teilen: Erstens einem lateinischen “Originaltext” und zweitens einer deutschen Übersetzung dessen. Die Einleitung zeigt auf, wie mühsam es – nicht nur für den mittelalterlichen Kompilator, sondern – auch für den modernen Editor gewesen sein muss, nur das Textoriginal zu kompilieren. Es gibt sage und schreibe 37 Handschriften, die über die Welr verstreut in irgendwelchen Bibliotheken und Archiven liegen. Zunächst sind also die Abschriften (aus z.B. Oxford,  London, Paris, Vaticanstadt, Pisa, NewYork … ), zusammenzutragen und dann aus den selbstverständlich variierenden Texten ein einziger Text zusammen zu stellen, der dann als “das Original” gilt.

Der Philologe fügt dann diesem Puzzle-Werk noch eine Übersetzung in einer modernen Sprache bei. Im vorliegenden Fall sind die 180 Seiten lateinische Manuskript-Edition auf 120 Seiten deutschen Text übersetzt.

Inhalt_Computus_web

CDzumBuch_webDamit nun aber andere Interessierte damit weiterarbeiten können – egal, ob Berufswissenschaftler oder Laienforscher – ist dem Werk noch ein Kommentar des Übersetzers wie auch eine CD beigefügt. Da die moderne Forschung nunmal überwiegend am elektronischen Rechner passiert (außer vllt. in Chemie und Experimentalphysik etc.), erlaubt die Bereitstellung der Daten in elektronischer Form eine bessere Integration der Arbeit in andere aktuelle Projekte. Diese dauernde “doppelte Datenhaltung” mag gewöhnungsbedürftig und manchem zunächst sehr aufwändig erscheinen, ist aber ein extrem nützliches Unternehmen!

Inhalt des Buches

Es ist ein Lehrbuch, das Gerland aus Lothringen verfasst hat. Man sieht, dass er vor allem stark beeinflusst wird von den frühen christlichen Gelehrten wie Dionysius (populär oft bekannt für die “Erfindung” der christlichen Jahreszählung) und Beda Venerabilis, dessen Werk (7.Jh.) er nachahmt.

Was man hier erfährt sind einerseits mathematische Methoden zu Berechnungen – z.B. von Osterterminen, Planetenläufen, Monddaten usw. – Schaltregeln für den Kalender, Fakten über Sonnen- und Mondfinsternisse und die spannende Frage, woher der Januar und der April ihre Namen haben.
Entsprechend der illustren Vielfalt der Themen gestaltet sich auch der Text in großen Varianten: Man findet lange Rechnungen, Tabellen, Skizzen und andere graphische Schemata sowie bisweilen hier und da einen Vers – natürlich zeitgemäß in lateinischen Hexametern. Die Form des Lehrgedichts ist schon damals eine sehr alte Methode gewesen, wie man Schülern einige eher akademische Themen etwas schmackhafter aufbereiten wollte.

Gerland benutzte all diese ihm zur Verfügung stehenden Medien der Textgestaltung, um ein scheinbar eher trockenes Thema zeitgemäß zu erläutern und legt damit ein Werk vor, das vermutlich auch zu Schulungszwecken in zahlreichen Klöstern und Schulen des Mittelalters kopiert wurde. Es muss also auch damals schon als inhaltliche und vor allem didaktisch wertvolle Meisterleistung gegolten haben. Daher ist die relativ stattliche Anzahl von 37 Handschriften bis heute erhalten und macht dem modernen Editor die Arbeit schwer.

Zahlen+latGedicht_web

Doch Alfred Lohr ist dies in seiner Dissertation (2011, Freiburg i.Br.) gelungen: Er hat einen schlüssigen Text kompiliert, den sicher viele Historiker und Philosophen ihm danken werden, wenn sie eher auf einer Metaebene als der rein linguistischen Textedition forschen. Genau solche Bücher sind es, die uns Wissenschaftlern die Arbeit erleichern bzw. interdisziplinäre Zusammenarbeit überhaupt erst ermöglichen: Das ist genauso nötig wie die Mathematik für die Physik & Astronomie.

Ein weiteres kleines Schmuckstück in meinem Bücherregal (wenngleich ich persönlich derzeit nicht über mittelalterliche Kalenderrechnung arbeite).


Gimmick

arab.Handschriften_smhNur damit man mal eine Vorstellung davon bekommt, dass die Edition eine mitunter sehr schwierige – eben wissenschaftliche – Arbeit ist, zeige ich hier ein paar Manuskripte, mit denen ich mich früher einmal geringfügig beschäftigte: Es sind arabische Manuskripte aus dem 13-15.Jh. (J):

Klick aufs Bild sollte es vergrößern können (hoffe ich).

links sieht man ein theologisches Manuskript: In der Mittelspalte gerade herunter geschrieben ist der Haupttext und am Rand, der nach links und rechts dieselbe Spaltenbreite hat, gibt es Kommentare von Kopisten und Editoren. Auch der Haupttext selbst ist bereits eine Kompilation, denn schwarz (glaub ich) ist wohl der Originaltext, während die roten Textpassagen bereits ein Kommentar sind.

Rechts sieht man eine Seite eines Astronomiebuchs mit einer Zeichnung von Sonne und Mond, die sich um die Erde bewegen.

 

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

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