ein Minderheiten-Reisenführer?

BLOG: Uhura Uraniae

Ko(s)mische Streifzüge durch Zeit und Raum
Uhura Uraniae

Wenn Sie wissen, was diese Skulptur darstellt: super! Tipp: sie steht hinter dem Musicaltheater am Marlene-Dietrich-Platz (nahe Potsdamer Platz) in Berlin in einem künstlichen Wasserbecken.

Skulptur_kombi

Wenn Sie es nicht wissen, dann brauchen Sie vielleicht diese Buch. Denn so, wie hier dargestellt, haben Sie Berlin gewiss noch nie gesehen. Und damit meine ich nicht die Tatsache, dass alle Abbildungen in dem Buch leider in schwarz/ weiß sind. Vielmehr ist es das Thema des Buches: “Das physikalische Berlin”. Es beschreibt also jene Orte – Häuser, Gedenkstätten, Skulpturen etc. – die an Stationen der Physikgeschichte erinnern.

Das leichte Taschenbuch beschreibt auf ca. 250 Seiten sehr viele Sehenswürdigkeiten und “Pilgerorte” in Berlin, die insbesondere für Wissenschaftsfreaks interessant sind. Ein Kollege aus der Klassischen Philologie, mit dem ich hin und wieder zusammenarbeite, kommenierte das Buch daher kürzlich kopfschüttelnd als “Minderheitenreiseführer” – und verhalf dem Blogpost damit zu seiner Überschrift. Ich weiß nicht, ob das wirklich eine Minderheit, die sich für sowas interessiert – aber wenn es so sein sollte, dann fällt diese Minderheit bestimmt unter das Gesetz des Artenschutzes und darum möchte ich alle Neugierigen hier darüber informieren.

physBerlin_titDas Buch erzählt wirklich das, was ein Stadtführer wissen sollte: kurz, knapp und anekdotenreich wird gesagt, welche Orte in Berlin geschichtsträchtig sind. z.B. hat Kaiser Wilhelm dereinst Institute der nach ihm benannten Gesellschaft eröffnet und dann liefert die Autorin erstens ein Bild eines der heutigen Max-Planck-Institute, aber auch ein Bild vom Kaiser, der zwischen seiner Garde stolziert.

Man kann leicht ausrechnen, dass bei 125 Kapiteln auf 250 Seiten die einzelnen Kapitel nicht sehr lang sind. Wenn man allgemeine Infos, Service-Teil etc abzieht, kommt man sogar in den meisten Fällen auf weniger als zwei Seiten pro Kapitel. Naturgemäß können dadurch die Infos nicht sehr detailiert sein, aber sie müssen sehr dicht sein – es ist ein bißchen wie ein Bilderbuch für Erwachsene: für Dozenten auf Exkursion und Klassenlehrer auf Klassenfahrt … oder eben: wie ein Ausstellungskatalog, der eine ganze Stadt betrifft. – Man könnte damit auch eine Schnitzeljagd gestalten.

Eine zusätzliche Gliederung der Inhalte nach bestimmten Kategorien bereichert das Ideenrepertoir, wonach man überhaupt Ausschau halten kann: Zuerst gibt’s Informationen über „Wissenschaftsgeschichte der Berliner Physik“, „Physikalisch-Historische Apps für Berlin“ (wo Berliner Erfindungen genannt werden), „Physikalische Orte in Berlin und Umgebung“ und „Physikalische Berliner – Biographien“. Dann folgt eine kommentierte Auflistung über Hintergrundinformationen, also Dinge, die keine echte dingliche Repräsentation mehr haben: „Fusionen in der Berliner Physik“, nennt historische Gesellschaften für Physik, „Ausgezeichnete Physik: Nobelpreis & Co“, „Erinnerungskultur“ informiert über öffentlich angebrachte Denkmäler und Gedenktafel sowie Grabstätten. Die Auflistung über „Physikalische Exponate im öffentlichen Raum“ stellt Bilder wie das Mosaik am Haus des Lehrers und die Archimedes-Skulptur an der Archenhold-Sternwarte (die übrigens nicht mehr öffentlich, sondern eingezäunt ist) vor.

Alles in allem ist dieser etwas ungewöhnliche Reiseführer sicher ein Kompendium für Interessierte! Obwohl solch eine Auflistung wahrscheinlich niemals vollständig sein wird, ist es eine lustige Idee!

DATA

Iris Grötschel
Das physikalische Berlin
Eine Reise durch Raum und Zeit
Berlin Story Verlag
Berlin, 2013

Im selben Verlag erschien übrigens auch “das mathematische Berlin” und “Chemie in Berlin” … das nur für alle diejenigen, die sich auch für unsere Nachbarwissenschaften interessieren.

Auflösung des Rätsels:

physBerlin_Innen

Die oben gezeigte Figur hinterm Marlene-Dietrich-Platz ist ein Denkmal für Galilei. Man kann es entweder als Abstraktion des Menschen Galileo Galilei sehen oder als abstrakte Repräsentation seines Lebenswerkes.

Bekanntlich haben weder Archimedes noch Galilei in Berlin gelebt, aber ihre Abbilder tragen hier und in diesem Kontext zu einem weiteren Weltbild der Physikgeschichte bei. Natürlich: Die geometrische Figur aus rostigem Metall quasi „neben“ der Staatsbibliothek haben wohl die meisten Berliner schon gesehen, nur eben nicht mit dem italienischen Gelehrten verbunden. Auch solche Kuriositäten hat Iris Görtschel also gefunden und expliziert.

 


GIMMICK

Für eine Kollegin habe ich kürzlich ihr Lieblingssternbild aus Schokoriegeln gelegt. Es versteht sich, dass die Schoko”sterne” beschriftet sind mit ihren Sternnamen, wie wir sie heute verwenden. So war es ein süßes Vergnügen nach jeder Mittagspause die Namen der Sterne in die richtige Reihenfolge zu bringen. … Wer erkennt’s auch?

SchokoriegelConst

Tipp: Auch ungeübte Sterngucker können das finden, denn es gibt einen Tipp im Bild.

 

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

7 Kommentare

  1. Neben dem Physik-, Mathe-, und Chemiereisefüfrer Berlin, kann man sich noch eine Unzahl von weiteren Reiseführern vorstellen, beispielsweise einen Philosophiereiseführer, einen Terroristenenreiseführer Berlin und vieles mehr. Doch muss man für jeden dieser Aspekte ein Buch schreiben? Ich meine nicht, denn die Informationen sind alle schon vorhanden – in der Wikipedia beispielsweise. Schon vor langem hatte ich die Idee, ein intelligenter Filter, der einen interessierenden Aspekt aus der Wikipedia extrahiert, wäre sehr nützlich. Man könnte sich thematische Filter, aber auch ans Zielpublikum angepasste Filter vorstellen, muss doch ein “Reiseführer” für Jugendliche oder eine Museumstour für Kinder die speziellen Bedürfnisse und kognitiven Voraussetzungen dieser Zielgruppe berücksichtigen.
    Bin dann zum Schluss gekommen, dass ein solcher Filter wohl nur dann professionelle Ergebnisse liefert, wenn eine Intelligenz dahintersteht, dass aber einfachere Versionen eines solchen Filtertools auch mit einer Art halbautomatisch erstelltem Wikipediaindex arbeiten könnten. Noch einen Schritt weiter ginge eine Zuflüsterer-App, beispielsweise als App für Google-Glass, welche einem beim Passieren der Galileo-Skulptur auf sie aufmerksam macht, weil sie weiss, dass man physikalisch interessiert ist.

  2. »Die oben gezeigte Figur hinterm Marlene-Dietrich-Platz ist ein Denkmal für Galilei. Man kann es entweder als Abstraktion des Menschen Galileo Galilei sehen oder als abstrakte Repräsentation seines Lebenswerkes.«

    Bei solchen Interpretationen scheint eine gewisse Vorsicht geboten. In Stuttgart ist beispielsweise eine der Berliner “Galileo”-Plastik ausgesprochen ähnliche Skulptur zu bewundern, die mit “Lobotchevsky” betitelt ist. Dazu wird erklärt:

    Bei diesem Titel handelt es sich weniger um eine Hommage an den Mathematiker [Nikolai Ivanovich Lobachevsky], sondern eher um eine Deutungsrichtung. Suveros Werktitel sind oft assoziativ, poetische Formulierungen oder rätselhafte Kürzel. Kurz gesagt, seine Titel folgen keinem Schema.

    Mark di Suvero hat tatsächlich eine ganze Serie praktisch motivgleicher Skulpturen angefertigt, deren rätselhafte individuelle Benennung vielleicht ja gerade ein Teil seiner künstlerischen Botschaft ist.

  3. »Für eine Kollegin habe ich kürzlich ihr Lieblingssternbild aus Schokoriegeln gelegt.«

    Crux, würde ich mal raten.

  4. @Martin Holzherr: so eine App, die mir eine SMS schickt, wenn ich vor einer rostigen Figur im Wasserbecken stehe und nie darauf kommen würde, dass ich jetzt an einen großen Naturforscher denken soll, wäre durchaus wünschenswert. ABER ZUSÄTZLICH, das Buch ergänzend und nicht es ersetzend. Ich denke, das platzbegrenzte Medium Papier hat durchaus qualitäten für Kompilationen und Monografien … mal abgesehen davon, dass ein gefülltes Bücherregal einfach dekorativer in der Wohnung ist, zumindest mehr als ein (mehr umzugstaugliches) elektronisches Gerät, auf dem tausende von Büchern gespeichert sind.
    Ich bin zwar (glaube ich, gerade so/ ungefähr) ein digital native, aber ich lese wirklich gerne hin und wieder was auf Papier und ich mache auch ca. einmal die Woche einen e-mail-freien Tag, weil es doch irgendwie etwas entspannend ist, um mal runter zu kommen und geistig den Kopf für Forschung frei zu haben und nicht andauernd kommunizieren zu müssen: Kommunizieren ist schließlich ein eigener Beruf (z.B. Sekretariat, Lehrer/ Dozent/ Professor, Management).

    Global gesprochen, also nicht auf das konkrete Buch bezogen, denke ich, dass es sehr wertvoll ist, solche gefilterten Infos gedruckt zu haben: Wer’s genauer wissen will, wird im Zweifelsfall ein e-lexikon wie wikipedia, encyclopedia britannica oder so konsulieren … aber um erstmal überhaupt zu wissen, wonach man googlen sollte/ kann, ist so ein Bilderbuch sehr nützlich.

    Außerdem möchte ich anmerken, dass es jederzeit in der Geschichte üblich war, Infos zu kompilieren, von denen man annahm, dass sie als (vorläufig) gesichert galt. Ich selbst habe in meinen fachübergreifenden Forschungen zwischen Philosophie, Medienwissenschaft, Fachdidaktik-Astro, Kunst … sehr oft festgestellt, dass ich in einem der Fächer etwas “entdeckt” zu haben glaubte, das für alle der dortigen Kollegen komplett neu war, sodass man mir sagte “schreib ein Buch darüber” und dann ging ich in ein anderes Fach, um es dort abzurunden und hörte genau diese vermeintlich “brillante Erkenntnis” in einem anderen Fach in der Einführungsvorlesung. SO ist das einfach … man muss manchmal die Infos aus vielen Fächern zusammentragen und in einem übergreifenden “Stichwort”- und/oder Bilderverzeichnis kompilieren.

    Darum halte ich das Buch durchaus für ganz hübsch. Ich meine: es gibt ja nicht vor, eine große Neuerung zu sein, neue Erkenntnisse zu liefern oder so… sondern ist eine niedlcihe kleine Kompilation, keine besonders hohen Ansprüche, weder in Bild noch in Text … einfach ein Schmökerbuch, ein etwas anderes hübsches Souvenir. 🙂

    • Sie meinen wohl die sogenannten Coffe table books, wenn sie vom Bucherlebnis sprechen. Hier in Europa gibt es diese Bücher zur Dekoration (Zitat: ” ein gefülltes Bücherregal einfach dekorativer in der Wohnung ist” ja genau so wie in den USA, aber man tut hier so als ginge es um etwas Seriöses, während die Amerikaner solche Bücher schon in den 1960er Jahren konzipiert haben um eben etwas anderes als nur Inhalte zu portieren.. Bekannte von mir haben in ihrem riesigen Loft ganze Regale mit Kunstbänden und andern grossformatigen Büchern und jeder Gast wird wohl darin schmökern.
      Ich sehe den Wert solcher Auslagen (Präsentationen) als Kommunikationsmittel und um eine Atmosphäre für Besucher oder auch einen selbst zu schaffen. Nicht einig gehe ich mit Ihnen bezüglich dem Wert von dauerhaft fixierten Extrakten im Sinne von “Infos zu kompilieren, von denen man annahm, dass sie als (vorläufig) gesichert galt”, denn
      1) Was gesichert ist, ändert sich auch in einem ständig aktualisierten Werk wie der Wikipedia oder einem Online-Wissenschaftsarchiv nicht
      2) Filtern ist ein Prozess, der in sehr vielen Gebieten vorkommt, beispielsweise bei der Suche in einer Datenbank oder beim – heute meist noch manuellen – Zusammenfassen einer Arbeit oder wenn sie beim Stadtbummel die gerade aktuelle Mode an der Kleidung der Passanten ablesen wollen. Zum Wesen des Filterns gehört gerade die enge Verknüpfung mit einem aktuellen Inhalt. Mit dem Filtern wollen sie auf einen Aspekt der brandakutellen Realität fokussieren. Ob das nun gewöhnliches Schauen und Neugierigsein ist oder Informiertsein über einen Aspekt aus der Wissenschaft oder Politik, der Anspruch ist meist dass man etwas von der Realität mitbekommt und nicht etwa Vorurteile und Fehler eines Intermediärs, der vorgibt, das Richtige herausgefiltert zu haben.

  5. @Chrys: nicht Crux, denn dann müssten die MilkyWay hindurch gehen und nicht seitlich dran vorbei. Außerdem hat Crux 4-5 Sterne und hier ist aber jeder der 12 Schokoriegel im Bild ein Stern, bzw.: eigentlich sind es 11 Schokoriegel, die mit Sternnamen beschriftet sind (ja, ich hab mir wirklich Mühe gegeben). Der 12. Riegel ist umgedreht: nein, es ist weder Rigil Centauri noch Rigel im Orion … sondern der Lion-SchokoRiegel, auf dem das Label lesbar ist, markiert die Position eines Galaxientrios.

    • Ach so. Meine Gravitationslinsen müssen mir da die Observation etwas verzerrt haben, sodass der Lion-Riegel mir als solcher nicht erkennbar war, und ich hielt ihn für einen Mars-Riegel. 😉
      Inzwischen ist das Bild klarer.

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