Beruf Wissenschaftlerin: Warum ich seit 2005 im Zölibat lebe

BLOG: Uhura Uraniae

Ko(s)mische Streifzüge durch Zeit und Raum
Uhura Uraniae

Letzten Sonntag gab es auf dem Jenenser Marktplatz eine leicht satirisch aufzufassende Veranstaltung eines Frühschoppens, bei dem einige Burschenschaften (das sind studentische Zusammenschlüsse, ursprünglich eine Art Studenten-Wohnheim-Bund, bei denen sich die Lernenden zusammenschließen, die aus der gleichen Kasse (Burse) leben – also sind moderne Burschenschaften offen für Männchen UND Weibchen) aus Thüringen, Sachsen und Bayern das “Patriachat abtreiben” und durch ein Matriachat ersetzen wollen. Ich war zwar immer eher für Doppelspitze, aber ganz unrecht haben die jungen Damen nicht mit ihrer Satire und nach den Gesprächen dort denke ich, dass ich es den jungen Frauen schuldig bin, ein bisschen mehr aus dem Nähkästchen zu plaudern, was mir im Alltag so widerfährt. Ich würde auch gerne andere Frauen mit mehr Lebensjahren auf den Schultern animieren, es mir ähnlich zu tun, um für die jüngeren (sowie die vielen guten Männer, die es ja auch gibt und die sich derlei nicht vorstellen können) aufzudecken, was noch immer los ist. Ich werde keine Namen der Akteure nennen und keine Institution angeben, denn erstens war ich an hinreichend vielen und habe zudem stets in der Öffentlichkeit präsentiert, so dass meine Erlebnisse sich nicht nur um akademische Elfenbeintürme beschränken. Zweitens – und das ist sogar wichtiger – gehört das Personifizieren nicht in ein Weblog, sondern in andere Kommissionen. Dieser Beitrag soll in erster Linie zeigen, dass manches, von dem wir dachten, es sei seit hundert Jahren Geschichte, leider immer noch praktiziert wird.   

Gendern?

Das widerliche Neusprech, in politischen Reden jede Berufsbezeichnung doppelt zu nennen (zu gendern), weil sich manche Feministinnen andernfalls nicht angesprochen fühlen, halte ich nicht für zielführend auf dem Weg zur grundgesetzlich garantierten Gleichberechtigung. Es führt hingegen leider oft dazu, dass Sätze umständlicher und weniger gut verständlich werden, d.h. man entstellt damit die deutsche Sprache bis hin zur Unverständlichkeit, liebe Mitmenschinnen und Mitmenschen. Es war vllt nützlich in den 80ern, um ein Wachrütteln zu bewirken, aber Emanzipation und Gleichberechtigung bewirkt das eher nicht, sondern die müssen in den Köpfen der Menschen passieren, in Erziehungsmethoden für Kinder etc. Wenn ich z.B. gefragt werde, welchen Beruf ich habe, dann muss ich einfach antworten dürfen “Ich bin Astronom”, weil das die Tätigkeit beschreibt. Es ist nicht grammatisch korrekt (oh, die Leute sprechen manchmal soooo falsch!), da ich eine Frau bin und grammatisch korrekt sagen müsste “Astronomin“, aber es sollte inhaltlich kein Drama sein, denn es kommt doch nicht darauf an – “Frau sein” ist nicht mein Beruf und ist daher eine Zusatzinformation, die nicht Bestandteil der Antwort auf die oben genannte Frage sein muss. Das generische Maskulinum, das die deutsche Sprache für Gruppenbezeichnungen (alle Astronomen weltweit, egal welchen Geschlechts) bereit hält, macht unsere Sprache einfacher und verständlicher und sollte daher wieder salonfähig werden! Darum geht es nicht beim Anti-Sexismus. Ich finde das allzu konsequente “Gendern”, ehrlich gesagt, sogar kontraproduktiv, weil es  (siehe obiges Beispiel) eine Informationsebene einbringt, die eben nicht zur Sache tun sollte. 

Worum es aber geht

Beim Aufräumen ist mir kürzlich ein Buch in die Hände gepurzelt: “Sine Laude! Sexismus an der Hochschule”, Drucklegung 1994. Damals dachte ich noch, dass sexistisches Verhalten nur den früheren Generationen eigen war und mich nicht mehr betrifft – dank der vielen feministischen Vorkämpferinnen von den Suffragetten für Frauenwahlrecht um 1900 (gute histor. Verfilmung “Suffragette”), der “equal pay” Bewegung der 1960er (großartiger Film “We want sex”), bis hin zur 1960er “unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren”-Bewegung (Spiegel, wikipedia), die allgemein flachere Hierarchien an deutschen Hochschulen einführte und den Generationen danach, bei denen mehr und mehr Frauen auch auf Professuren berufen wurden und man den Eindruck gewinnt, dass der Trend in die richtige Richtung zur Gleichberechtigung geht. Um 2000 herum dachte ich noch, ich könnte Physik studieren, mich auf mein Wunschfach Astrophysik spezialisieren und obwohl ich in meiner Wissenschaft dermaßen aufgehe, dass ich einen eventuellen privaten Partner garantiert nur in der Astronomie finden könnte, dachte ich damals noch, dass es doch möglich sein sollte, Astronomin zu sein und gleichzeitig privat eine liebevolle Beziehung – später vielleicht sogar eine Ehe – zu führen. Doch ich wurde bereits während des Studiums eines besseren belehrt.

Nachdem sich der Versuch einer Beziehung als nicht von Dauer erwiesen hatte (passiert halt mit Anfang 20, menschlich), war ich die blöden Sprüche während des Studiums à la “wenn sie nach 10 Semestern ihren Doktor nicht hat, muss sie ihn selber machen” dermaßen leid, dass ich beschloss, während der anschließenden Promotion im Zölibat zu leben. Es geht nicht um den einzelnen flotten oder blöden Spruch (menschlich), sondern um deren Summe über Jahre (Gedicht), die aufgrund großer Anspannung (aus anderen, privaten Gründen) auf einen Boden leichter Reizbarkeit fielen. Ich brauchte eh mal eine Pause von den Männern im Privaten und aus beruflichen Gründen schien es mir angemessen, damit ich nicht zu hören kriege, ich würde mich hochschlafen oder so etwas.

Diese Festlegung auf Zölibat vereinfacht mir die Alltagskommuikation, weil meine Gedanken dann klarer beim Thema sind und ich nicht über Subtexte bezüglich der Wünsche nach einer Intimpartnerschaft (von mir oder anderen) nachdenken muss. Sollte es die je gegeben haben, habe ich sie gewiss einfach geflissentlich überhört oder ausgeblendet. Sogar der Satz von einem attraktiven Kollegen “schaust sexy aus” heißt dann einfach nur, dass dem Gegenüber mein Outfit gefällt und freut mich, weil ich einem anderen Menschen eine Freude machen konnte. Nicht mehr als das. Das entspannt den Büro-Alltag ungemein und ich muss sagen, dass ich von dieser Warte her recht zufrieden bin mit meiner Entscheidung.

Man versteht auch besser, was mit Menschen passiert, wenn man sich distanziert und auf bestimmte Sachen verzichtet. 

Zölibat auf dem Weg zur Emanzipation

Mein Gedanke damals, der aus meinen eigenen Bedürfnissen und Erlebnissen gewachsen war, hat (was ich damals nicht wusste) ein historisches Analogon: Das Beamtinnenzölibat für Lehrerinnen bis ins beginnende 20. Jahrhundert: abgeschafft vor genau 100 Jahren, d.h. am 31. Juli 1919. Wie wikipedia schreibt “Aus heutiger Sicht erscheint es schwer verständlich, dass die bürgerliche Frauenbewegung mit dem Lehrerinnenzölibat auch emanzipative Aspekte verknüpfte: Im Zuge der bürgerlichen Frauenbewegung hatten sich Frauen am Ende des 19. Jahrhunderts den Zugang zum Besuch mittlerer und höherer Bildungseinrichtungen und zu einer Reihe qualifizierter Berufe erkämpft (…)”. Als ich damit anfing, hatte ich zwar schon eine berufliche Ausbildung (ein Physik-Diplom), aber die Bildung im Sinne des Humboldtschen Bildungsideals, d.h. die Weiterentwicklung durch Promotionsstudium und der Abschluss des zweiten Studiums (Magisterstudium Wissenschafts- und Technikgeschichte) standen noch an und mussten durch Nebenjobs finanziert werden. 

Obwohl ich als schüchtern beschrieben wurde, hatte ich nie ein Problem mit öffentlichen Auftritten oder damit, anderen Arbeit zu machen – ggf. auch “Umstände” zu bereiten, wenn es einer guten Sache dient (wie in einem Artikel der Zeit kürzlich beschrieben wird). Ich hatte nur einen Interessenkonflikt von Privat und Beruflich.

Hat es funktioniert: Für mich ein klares Ja! Wenngleich mit anderen Motiven als ein Jahrhundert zuvor und wenngleich anders realisiert und mit dankenswert unstrittiger Hochschulzugangsberechtigung: Es hat für mich den gewünschten befreienden (emanzipatorischen) Anspruch erfüllt, d.h. es hat funktioniert… so dass ich es auch nach der Promotion beibehielt. Für mich entpuppte es sich als der einzige gute Weg, selbstbewusst und natürlich locker mit denjenigen männlichen Kollegen umzugehen, die für zart besaiteten wie mich zu ruppig, zu unbegründet stolz, zu arrogant… (irgendwas davon) …zu macho… sind. Vor allem den Machos unter den Kollegen (die es immer mal gibt, d.i. menschlich) gegenüber gibt mir diese innere Einstellung, nicht nach einem Partner fürs Privatleben suchen zu dürfen, die gebotene Sicherheit und Standfestigkeit: Ich bin zwar nicht mehr 17, also in einem Alter, in dem alles, das jemand sagt, sexuelle Hintergedanken haben könnte … aber für ein ungebundenes menschliches Wesen auf der Suche nach einem passenden Privatpartner könnte vieles, das im Alltag gesagt oder getan wird, ein Flirt sein. Ich suche z.B. oft nach Partnern – aber nach beruflichen und nicht nach privaten, denn den Wunsch nach letzterem habe ich mir per Zölibat verboten und so kann ich ganz locker flockig mit jedem über alles reden, frei nach Berliner Schnauze auch manchmal herzlich sein, weil ich in mir selbst ruhe und einfach nichts und niemanden mit sexuellen Hintergedanken interpretiere. Eine Kollegin hat mir vor ein paar Jahren erzählt, dass ihr die Ehe diese Sicherheit und innere Ruhe gibt – aber für mich ist es eben die innere Einstellung, die sich im Kollegium am besten beschreiben lässt mit den Worten “ich lebe im Zölibat” … und weil die meisten zuerst denken, das sei ein Witz: “schon seit 2005”, nachdem ich es in dem Jahr davor (2004) reiflich überlegt hatte.

Warum es manchmal schwer ist

Schützen tut einen das natürlich nicht vor Sexismus bzw. Diskriminierung aus egal-welchem-Grund, denn man ändert ja nicht die Einstellungen und das Benehmen anderer Menschen, sondern nur das/die eigene(n).

Dennoch gibt es bei größeren Problemen im Alltag natürlich den menschlichen Wunsch nach einem Partner, der einen in den Arm nimmt und moralisch unterstützt. Gute Freunde sind daher das wichtigste bei diesem Lebensstil (und vielleicht ein großer Teddybär 😉 – oder wenigstens ein kuschliges Sofa). Denn das größte Problem ist und bleibt der (oft latente) Sexismus.

Es geht schon mit dem Dilemma los, dass potentielle Arbeitgeber mitunter die Lebensplanung insbes. mit Blick auf Kinderwünsche für weibliche Kandidaten übernehmen “wollen”: Je älter frau wird, desto mehr muss sie sich wohl ranhalten… Der biologische Fakt wird zum Anlass für Hirngespinste, denn fragen darf ein Arbeitgeber das nicht offiziell, also macht man sich seine Gedanken… Egal, wie man es macht, ist es verkehrt: Die Frage gestellt zu bekommen ist unangenehm für die Kandidatin, die Frage nicht stellen zu dürfen ist unangenehm für den Arbeitgeber und beides kann negative Konsequenzen haben, ebenso wie ggf. jede denkbare Antwort. Problem gelöst für eine Person, die im Zölibat lebt. 

Sine laude!

Was die meisten Menschen noch nicht verstanden haben, steht im Klappentext des oben genannten Buches (dessen sonstigen Inhalt ich übrigens nicht für besonders und teilweise etwas einseitig halte) über Sexismus an Hochschulen:

Bei sexueller Diskriminierung, Belästigung und Gewalt geht es weder um “Bettgeschichten” noch um “erotische Beziehungen” zwischen einzelnen Lehrerenden und Studentinnen. Es geht überhaupt nicht um Sex oder gar um Liebe! Es geht um Sexismus, um geschlechtsspezifische Diskriminierungen, Herabwürdigungen und Ausgrenzungen, um Erpressungen, um Karriereknicks (bevor die Karriere überhaupt begonnen hat), um blanke Unverschämtheiten; ja, und auch um Sprech- und Denkverbote.

All diese Sachen, die hier aufgezählt werden (Diskriminierungen, Herabwürdigungen, Ausgrenzungen, Sprech- und Denkverbote – sogar beinahe Erpressungen), sind mir in den letzten 20 Jahren unterschiedlich oft und in unterschiedlichem Maße widerfahren und könnte ich umfassend auflisten (mache ich auch, aber an anderer Stelle … evtl. auch in einer Fortsetzung hier später). 

Ehrlich gesagt, ist der Grund dafür selten offensichtlich und man ist nicht sicher, ob die Kollegen das aus sexistischen Gründen tun oder aus anderen Gründen: Gründe zur Diskriminierung lassen sich immer finden und wenn es keine Fakten gibt, dann nötigenfalls auch erfinden. Niemand stellt sich hin und sagt, er oder sie sei absichtlich frauenfeindlich oder sexistisch. Fakt ist aber, dass mehr Frauen als Männer herabgewürdigt und ausgegrenzt werden (mitunter unbewusst, weil eine Minderheit schnell als “anders” wahrgenommen wird und Alterität und Fremdheit oft Hand in Hand gehen) und dass man(n) es mit Erpressung versucht, was aber ein typisches Machtspiel ist und nichts geschlechterspezifisches.

Metafeminismus

Wenn man diese Themen anspricht, begegnet man mitunter der Vorstellung, dass Frauen eben sensibler seien als Männer und daher sich früher angegriffen fühlen. Ehrlich gesagt: Ich habe gerade das Gegenteil erlebt. Einige Männer gaben mir den freundschaftlichen Rat, dass ich mich wegen Mobbings beschweren sollte, denn kein Mann hätte die Stärke besessen, sich so viel und so lange derlei Herabwürdigungen und Arbeitsverhältnissen aussetzen lassen – und die Contenance dennoch lächelnd mit den anderen, den kameradschaftlichen Kollegen zu arbeiten und Studierende zu betreuen als wäre nichts.

Und selbst wenn es richtig wäre, dass Frauen sensibler sind: Was wäre daran schlimm? Warum müssen wir gleich zu Männern werden oder verrohen, um einen angemessenen Job machen zu dürfen? Es soll doch eben im Job gerade nicht darum gehen, was zwischen unseren Beinen hängt (oder nicht hängt), sondern es soll um den Job gehen.

Darum lebe ich seit 2005 im Zölibat. 

GIMMICK (Nachtrag vom 4.8.)

Eine andere Satire zum Thema sandte mir kürzlich ein (männlicher) Freund, vorgetragen von einem Komiker (Mann): 

Der Sketch ist ein kleiner Geniestreich des Jürgen von der Lippe, denn die Machos lachen, weil sie es für einen Witz halten, dass Frauen ein Gehirn bekamen, die Feministinnen lachen, weil das Bild von den impulsiven und schwanzgesteuerten Männern im Kontrast zu den geduldigen und viel grübelnden Frauen in die Propaganda passt… und alle anderen lachen, weil es wie eine Geschichte aus dem Leben wirkt, die sich so oder so ähnlich zugetragen haben könnte: als Karrikatur ist es zwar überspitzt erzählt, aber irgendwie ist was dran. 

Für die Freudianer unter den Kommentatoren empfehle ich die Freudiana und bemerke (nicht ohne die verschmitzte Anspielung auf ein verbreitetes Klischee, woran Männer typischerweise am häufigsten denken), dass Sigmund Freud, soweit überliefert, ein Mann war: 

Susanne M. Hoffmann

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

10 Kommentare

  1. Dass, was sie als “Sexismus” bezeichnen ist doch eigentlich die ganze Bandbreite des Mobbings in dieser Gesellschaft. (Diskriminierungen; Herabwürdigungen,
    Ausgrenzungen etc.) Egoistisches Denken ist gefragt, ist der gültige WERT. Man benutzt alle Mittel, um in der Hackordnung ganz oben zu sein, um Macht zu haben. Dass in diesen Machtkämpfen die schwächsten (sensibelsten) zuerst daran glauben müssen, ist logisch, da Menschen nach unten treten und nach oben sich anbiedern und einschleimen. Solche Typen, die auch den Sexismus beherrschen, haben Erfolg – Und nur der zählt in dieser Gesellschaft.

  2. Freud ist der Meinung, dass alle Handlungen sexuell motiviert sind und dem Motiv entspringen sich in eine Position zu bringen, die in der Partnerwahl die jeweils bestmögliche darstellt. Ziel ist möglichst gesunde, intelligente und überlebensfähige Nachkommen hervor zu bringen.

    Der Machtkampf der Geschlechter (hier an der Uni) entspringt dem psychosozialen Evolutionssprung zukünftig in der Partnerschaft auch im wesentlichen die Bestimmung über die Erziehung, finanzielle Mittelverwendung, politische Ausrichtung, Positionierung innerhalb sozialer Gruppierungen u.ä. zu erhalten.

    Dazu dienen auch die Vereinigungen in Burschenschaften, was die spätere “Verbindung” zur gemeinsamen Förderung des Einzelnen in Machtpositionen erleichtert, der dann wieder die anderen Mitglieder fördern kann.

    Siehe Beispiel Schäuble, Merz und Kollegen.

    Das Zölibat ist dabei eher hinderlich. Aber: Auch die Oberin ist eine Führungsposition.

  3. “wenn sie nach 10 Semestern ihren Doktor nicht hat, muss sie ihn selber machen”

    ist eigentlich eine etwas unverschämte Äußerung, aber vergleichbares gibt es unter Männern auch. Aber als sexistisch würde ich das nicht bezeichnen. Es resultiert aus der Erfahrung, daß junge Paare oft viel besser harmonieren, als Paare die erst älter (40+) zusammengefunden haben. In einer Beziehung muß man Kompromisse eingehen können und auf einander zu gehen. Und das fällt den meisten Menschen immer schwerer, je älter sie werden. Das Gefühl einer Liebe ist in jüngeren Jahren auch viel gewaltiger, und so ist man auch leichter zu Kompromissen bereit.

    Ich empfinde es als schade, daß Sie nie einen Lebenspartner gefunden haben. Ich (Mann) hätte mir nie vorstellen können, zölibatär zu leben und mir die Liebe einfach zu verbieten. Und ich verstehe auch Ihren Ansatz nicht, daß der Partner aus dem beruflichen Umfeld kommen soll. Wollen Sie sich zu Hause auch nur über Sternentstehung, Umlaufbahnen und Schwarze Löcher unterhalten ? Ich bin der Meinung, zu Hause benötigt man eine Abwechslung vom beruflichen Umfeld. Man unterhält sich über schöne Musik, Ausflüge in schöne Gegenden, interessante Veranstaltungen, Verschönerung der Wohnung und natürlich auch über die alltäglichen Notwendigkeiten. Auch wenn der Beruf großen Spaß macht, und der berufliche Erfolg sehr viel Erfüllung gibt.

    Sie haben etwas angesprochen, was mich gewaltig stört : man bietet jungen Wissenschaftlern heute keine Lebensperspektive. Immer nur Arbeitsverträge über einzelne Projekte. Meist nicht mehr als drei Jahre. Und wenn ich lese, wie oft Sie umgezogen sind, kann ich mir schon vorstellen, wie schwer es ist, unter diesen Bedingungen eine Familie zu sein. Mein Sohn mußte das auch erdulden. Als der im Netz einen adäquaten unbefristeten Arbeitsplatz gefunden hat, war der weg. Heute stolpert er in seinem neuen Lebensbereich die Karriereleiter hoch.

    Ich bin der Meinung, man muß den politisch Verantwortlichen klar machen, daß man jungen Wissenschaftlern eine dauerhafte Lebensperspektive geben muß. Projektarbeit über Jahrzehnte des Lebens geht nicht !

  4. Zu Uwe
    “Psychosozialer Evolutionssprung…”
    Ich denke, da gibt es keinen Machtkampf der Geschlechter, da gibt es einen Kampf zweier unterschiedlicher Egos die jeweils ihre eigenen Vorstellungen vom Leben haben und durchsetzen wollen(Selbstverwirklichung).
    Liegen diese Vorstellungen zu weit auseinander dann reicht der Sextrieb nicht mehr aus um dieses Konstrukt zusammenzuhalten und es knallt, sprich man trennt sich oder macht sich das Leben gegenseitig zur Hölle. Die Evolution will doch nur die Erhaltung der Art ,sprich Nachkommen, mehr nicht. Die psychischen Probleme hierbei sind der Evolution egal, die liegen in der Toleranz oder Nichttoleranz dieser triebgesteuerten Wesen.

  5. Sehr geehrte Frau Hoffmann,

    vielen Dank für diesen Bericht und die sehr offene Beschreibung der von Ihnen erlebten Situation.
    Ich habe selber Physik studiert mit anschließender Promotion in der Biophysik (als Mann – dafür kann ich nichts, genausowenig wie Sie und mittlerweile habe ich der Universität aufgrund der oben genannten Perspektivlosigkeit den Rücken gekehrt) und finde es sehr schade, dass die Frauenquote derart gering ist. Verstanden habe ich das nie, denn in anderen Naturwissenschaften oder der Mathematik ist das ja nicht so und die Annahme, Frauen seien per se unqualifiziert für die Physik ist völlig haltlos bzw. vielleicht sogar das Problem (Andorra-Effekt…). Ich habe im Gegenteil die sowohl im Studium als auch der romotion die Zusammenarbeit mit den weiblichen Kollegen sehr geschätzt bzw. für mich hat es keine Rolle gespielt und ich glaube, meinem Umfeld ging es ähnlich.

    Ich stimme Ihnen völlig zu in Bezug auf das gendern in der Sprache: auch ich hatte immer das Gefühl, das geht am eigentlichen Problem vorbei und Sie bringen das damit, das Beruf nicht ist, männlich oder weiblich zu sein, sehr schön auf den Punkt.

    Was mich betrübt, ist allerdings, dass Sie auf gesellschaftliche Probleme (und nichts anderes ist in meinen Augen diese Art von Sexismus) durch eine extreme Art der Selbstkasteiung antworten. Zudem finde ich es sehr schade, dass Sie offenbar in Ihren Beziehung nur an ziemliche Vollpfosten (um nicht zu sagen Arschlöcher) geraten sind und Ihnen während des Studiums auch niemand Rückendeckung gegeben hat, als Sie z.B. durch derartige Sprüche so gemobbt wurden.
    Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber ob und wie man Parterschaft und/oder Sexualität lebt, hat aus meiner Sicht mit dem Beruf exakt gar nichts zu tun (außer vielleicht, man ist Eheberater oder so – was nebenbei gesagt aus meiner Sicht gegen Zöliba für Geistliche spricht, da diese ja auch in derartigen Fragen Hilfestellung geben sollen). Man kann alles sein, Wissenschaftler und Partner und sexuell aktiv, oder auch nicht. Und wie es für den Beruf nicht wichtig ist, ob man männlich oder weiblich ist, so wenig ist es Partnerschaft oder Sexualität.

    Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie die Stärke, sich solchen Äußerungen und derartigem Mobbing entgegenzustellen, nicht aus dem Wissen, bewusst auf Sex zu verzichten ziehen müssen, sondern stattdessen einfach aus dem tiefen inneren Wissen heraus, dass Sie ein großartiger Mensch sind, die Leute, die das sagen, hingegen Idioten und Arschlöcher – und aus diesem Grund Ihre Energie nicht wert und vor allem nicht den Verzicht auf so etwas schönes wie Sex und/oder Partnerschaft (aus meiner Sicht am Besten kombiniert, aber rein praktisch: ich hatte nie den “schnellen Sex”, durfte diesen aber mit mehreren Partnerinnen in Beziehungen erleben – und ich bin fest davon überzuegt, dass Sex auch für Frauen ein einzigartiges und schönes Erlebnis sein kann, wenn alle Teilnehmer entsprechend einfühlsam und rücksichtsvoll sind). In gewisser Hinsicht geben Sie dem Sexismus ja erst dadurch die Macht über Sie, dass Sie ihm anstelle Ihrer Unsicherheit, wie Sie damit umgehen sollten, Ihre individuelle Abstinenz bzw. Asexualität entgegen stellen – anstatt das in Ihr Verhalten nicht einfließen zu lassen, denn genau darum geht es doch: die persönliche Freiheit, die jeder genießen darf und die letztendlich Gleichberechtigung darstellt.

    Denn, davon bin ich überzeugt: Sie sind ein großartiger Mensch, Sie dürfen leben und Sie dürfen (sofern legal… 🙂 ) alles tun, was zu diesem Leben gehört, ohne sich vor irgendjemand außer sich selbst rechtfertigen zu müssen!
    Deshalb wünsche ich Ihnen einfach alles Gute und die richtigen Entscheidungen für die Zukunft, aber auch das Glück, die richtigen Menschen zu treffen und diese zu erkennen!

  6. @ AuchPhysiker

    Die Berufswahl ist von den Interessen des Wählenden diktiert. Einen Beruf übt man ein Leben lang aus und er sollte auch Spaß machen und Befriedigung bieten. Und so gibt es Berufe, wo die Frauen in der Überzahl sind, und es gibt Berufe, wo die Männer in der Überzahl sind. Und das ist meist von der Interessenlage der Frauen und Männer abhängig und hat heute (in Deutschland) nichts mehr mit der Diskriminierung von Frauen zu tun. In Berufen, wo viel mehr Männer tätig sind, mag es auch Riten geben, die auf Frauen ungewöhnlich wirken. Das wird wohl in Berufen, wo die Frauen deutlich in der Überzahl sind, auf Männer genau so wirken.

    Physiker / Astronom scheint mir ein Beruf zu sein, an dem die Männer deutlich mehr Interesse haben. In betreuenden Berufen (Lehrerin, Krankenschwester, Kindergärtnerin) haben eindeutig die Frauen mehr Interesse, auch wenn es Lehrer, Pfleger und Kindergärtner gibt. Und deshalb ist es in meinen Augen unsinnig zu sagen, wir brauchen genau so viele Physikerinnen / Astronominnen wie Physiker /Astronomen. Jeder gute Wissenschaftler sollte gesellschaftliche Achtung und eine Lebensperspektive haben, unabhängig vom Geschlecht. Ich habe schon in den 1990ziger Jahren Männer erlebt, die sich nur von Projekt zu Projekt weitergehangeln mußten und nur befristete Arbeitsverträge bekommen haben. Das waren Spitzenprogrammierer. Übrigens auch ein Beruf, wo es mehr Männer als Frauen gibt.

    Ich habe in der Industrie auch an Projekten gearbeitet. An der Entwicklung von Produkten. Aber ich hatte einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Nach einem Projekt folgte das nächste. Projektarbeit selbst ist nicht schlecht. Aber die Befristung der Arbeitsverträge auf Projekte ist grausam.

  7. Es geht hier nicht um einen “Machtkampf der Geschlechter”(!), sondern um eine Art, wie ich mir das Leben leichter zu machen versuche, indem ich bestimmte (soziale) Aspekte deklarativ ausblende. Die Natur hat nicht zwei Sorten Menschen geschaffen, damit wir gegeneinander kämpfen, sondern, damit wir lernen, miteinander etwas Neues hervorzubringen (das geht nur zusammen!). Als Physikerin und Naturwissenschaftshistorikerin hab ich nur unbelebte Materie studiert und daher sind wohl soziale und zwischenmenschliche Aspekte des Lebens bisweilen (zu) kompliziert für mich. Sachlich-logisch kann man es nicht fassen und emotional bin ich für manches wohl einfach zu zart. Es hat etwas von “Lass die Leute reden…”, was sie wollen und wie sie wollen und ggf. flotte Sprüche auch ebenso flott und dabei völlig unbefangen (und ohne Hintergedanken) erwidern zu können.

    Von wegen des Einwands “Befriedigung”: wie ich schon mehrfach hier und in anderen posts schrieb, ist es der Job, der mir Befriedigung gibt. Ich LIEBE meinen Beruf und meistens ist er es Wert, wenn ich dafür auf die körperliche Befriedigung verzichten muss. Erinnern Sie sich an die wunderbare Szene im Film “Sister Act”, als die Nonnen sich über den riesigen Erfolg ihrer Musik freuen und sich mit Vergleichen überschlagen, diese Befriedigung durch das Singen sei besser als alles, das ihnen sonst so viel Freude bereitet. Die Frau, die ihnen diesen Erfolg ermöglichte, die Nonne-auf-Zeit, Delores van Cartier (Woopie Goldberg), ergänzt dann “besser als Sex”, worauf ihre Nonnenschwestern mit einem schockierten “ah” reagieren…
    So ähnlich geht es mir mit meinem Beruf: Diesen ausüben zu dürfen, d.h. für meine Arbeit als Astronom bezahlt zu werden, ist für mich das Beste und Großartigste: ich liebe es, für mich im Stillen irgendwelche Erkenntnisse zu finden, nach langem Programmieren etwas zu Erschaffen, das es noch nicht gab oder nachts am Teleskop ein Signal zu detektieren, das bisher niemand detektiert hat. Der Moment, wenn man nach langem Sinnieren, monatelanger harter Arbeit etwas findet, das vorher noch niemand gefunden hat – und der Moment, in dem man begreift “jetzt habe ich ein Quäntchen zum Wissen der Welt begetragen”, das ist sooo unglaublich großartig! Oder die Momente als Performer, wenn man im Abendkleid in einem Planetarium steht, einen Vortrag hält und nach langer Vorbereitung in Gestalt von jahrelangen Forschungen oder längeren Recherchen, Kuppelprogrammierungen, Sequenzänderungen und -Rückänderungen, Tests und Proben dann nach dem Vortrag von Besuchern gesagt bekommt “schöner Vortrag – so hab ich das noch nicht gesehen”… Gutes tun kann auch eine Form von Befriedigung sein.

  8. @ Susanne M Hoffmann

    Gutes tun kann auch eine Form von Befriedigung sein.

    Es ist eine Befriedigung ! Und diese Art der Befriedigung muß auch sein. Aber so etwas mit der Befriedigung, dem Rückhalt durch einen lieben Lebenspartner zu vergleichen ist abwegig. Es gibt Dinge, die kann man nicht mit einander vergleichen. Und auch wenn man einen neuen Versuch, einen Lebenspartner zu finden, gestartet hat, sollte man diesen neuen Lebenspartner(-Versuch) nie mit vorherigen vergleichen ! Jeder ist anders, jeder ist einmalig. Und eine Freundin, die mich (Mann) mit vorherigen Versuchen (Freunden) verglichen hätte, wäre für mich keine Kandidatin als Lebenspartner gewesen ! So etwas ist einmalig.

    Manchmal läuft einem einfach kein Mensch über den Weg, bei dem man fühlen könnte, der soll in meinem Herz zu Hause sein, der paßt zu mir, mit dem möchte ich das Zusammenleben ausprobieren. Das habe ich auch erlebt. In meinem Leben gab es nur sehr wenige Frauen/Mädchen, die diese Ansprüche erfüllt haben. Aber irgend wann habe ich die Richtige getroffen und sie ist meine Frau geworden. Und ich habe mir niemals verboten, zu Lieben. Es gab auch viel mehr Versuche, zu testen, ob ein Mädchen für mein Herz taugt. Und so ein Versuch hat nie im Bett angefangen, sondern immer beim ganz normalen Umgang mit einander. Auch dabei fühlt man deutlich, ob man zu einander paßt oder nicht. Ob man auf einander zu gehen möchte, oder nicht.

    Es steht mir nicht zu, hier irgend etwas zu beurteilen. So möchte ich das hier auch nicht verstanden wissen. Der Zölibat ist ein Dogma der katholischen Kirche, was diese Kirche von ihren Priestern abverlangt. Die Priester sollen so tun, als wären sie mit Gott verheiratet. Ist Gott eine Frau ? Ob das den Priestern Befriedigung bringt, fragt die Kirche nicht. Aber offensichtlich funktioniert der Zölibat schon in der katholischen Kirche nicht, denn es gibt genügend katholische Priester, die mit ihrer “Haushälterin” Kinder haben (natürlich nicht offiziell). Ich wollte hier nur zeigen, daß der Zölibat ein Anachronismus ist, der nicht in unsere Zeit paßt.

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