Superdienstag und Wissenschaftsdebatte

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… aber nicht einfacher
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Gestern war der so genannte “Superdienstag”, an dem die Parteigänger (Parteimitgliedschaft im deutschen Sinne ist hierzulande nicht üblich) in zwei Dutzend Staaten aufgefordert waren, den Präsidentschaftskandidaten ihrer Partei – Demokraten oder Republikaner – zu wählen.  Der Medienrummel dazu fand vor allem im Fernsehen statt; Plakate habe ich nirgends gesehen, bis auf die dezent verhaltenen offiziellen Hinweise vor dem benachbarten Wahllokal, einer Schule in der Nähe unserer Wohnung (s.u. und, ja, wir leben in einer Gegend, in der die Nationalitäten und Herkunftsländer bunt gemischt sind).Wahlhinweis in Queens, New York City Das Begleitschild (in etwa: “Loitering and electioneering prohibited” – “Herumlungern und aktive Wahlwerbung verboten”) habe ich leider nicht aufgenommen.

Der Superdienstag selbst war rückblickend eher enttäuschend – anstatt dass es eine klare Entscheidung über die jeweiligen Spitzenkandidaten gegeben hätte (was vielfach vermutet worden war), hat sich am Kandidatenfeld nicht viel geändert.  Für die Mehrheit der New Yorker war der letzte Sonntag viel aufregender. Da ist nämlich dem hiesigen American Football-Team, den Giants, ein Überraschungssieg über die New England Patriots gelungen, und das in der Superbowl, dem krönenden Endspiel der Footballsaison.  (Ob die Herzinfarktrate sich in New York City am Sonntag verdoppelt hat, wie man im Analogieschluss zur Fußball-WM 2006 vermuten könnte, ist mir nicht bekannt.)

Ist man deutsche Verhältnisse gewohnt, dann ist das Vorwahl-Spektakel eher befremdlich.  Einerseits scheint es ja durchaus vernünftig, die Bürger an der Kandidatenauswahl zu beteiligen (und würde auch mancher Parteienkritik einigen Wind aus den Segeln nehmen). Andererseits: führt das zu fundierter öffentlicher Meinungsbildung, oder eher zu einer Realityshow wie American Idol (dem US-Äquivalent von “Deutschland sucht den Superstar”)? Zum Teil ganz sicher Letzteres, siehe die Vielzahl der Sendungen und Artikel zu Hillary’s (New-Hampshire-Vorwahl-entscheidenden?) Tränen. Zum Teil aber eben auch Ersteres: gelingt es, in der Vorwahlzeit hinreichend viel öffentliches Interesse (und natürlich Medieninteresse!) für ein bestimmtes Thema zu erzeugen, dann stehen die Chancen gut, dass sich auch die Kandidaten dazu äußern – und das kann, bei aller Skepsis gegenüber Wahlversprechen, viel wert sein.  Eine wichtige Rolle spielen hierbei die vielen öffentlichen (und im Fernsehen übertragenen) Debatten.

Wie steht es etwa mit den Kandidaten und der Wissenschaft? Aus öffentlichen Äußerungen lässt sich ablesen, dass die Meinungen der Kandidaten zu Klimawandel, Stammzellforschung und, wir sind schließlich in den USA, der Rolle der Schöpfungslehre im Schulunterricht durchaus auseinandergehen. Vielfach wäre es hochinteressant, zu konkreten Aussagen oder bestimmten Themen direkt noch einmal nachfragen zu können.  Diese Gelegenheit möchten die Unterzeichner der Petition für eine Science Debate 2008 herbeiführen: eine öffentliche Debatte der Kandidaten, die ganz im Zeichen von Wissenschaft und Technologie steht.  Die Unterstützung für die Kampagne wächst – vor zwei Tagen hat sich die US-Akademie der Wissenschaften dem Aufruf angeschlossen.  Ob die Kandidaten sich auf solch eine Wissenschaftsdebatte einlassen, ist derzeit aber noch völlig offen.

Markus Pössel

Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

4 Kommentare

  1. *Der Medienrummel dazu fand vor allem im Fernsehen statt*
    Wie man’s nimmt. Bei den Vorwahlen sind vor allem die lokalen Aktivisten entscheidend, die von Haus zu Haus gehen oder Wählerlisten abtelefonieren. Die allgemeinen Beteiligung ist gerade bei den Vorwahlen so gering, dass derjenige gewinnt, der seine Leute am effektivsten in die Wahllokale gescheucht bekommt.

    Da kann ne gute GOTV-Operation über Sieg oder Niederlage entscheiden.

  2. @(nicht-Daniel) Fischer: Keine Frage, freiwillige Helfer sind sehr wichtig. Besonders interessant fand ich dabei öffentliche Kundgebungen, die damit enden, dass alle Anwesenden eingeladen werden, mit ins Call Center zu kommen und Anrufe für ihren Kandidaten zu tätigen. Medienrummel würde ich das aber nicht unbedingt nennen (obwohl das Telefon natürlich strenggenommen ein Medium ist).

    @Daniel Fischer: Das habe ich auch gelesen. Allerdings habe ich den Eindruck, dass es sich der Autor zum Teil zu einfach macht – etwa mit der übertrieben komplizierten Beispielfrage.

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