Stephen J. Gould (1941-2002)

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… aber nicht einfacher
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Wes das Herz voll ist, des fließt die Tastatur über? Bei einer beträchtlichen Anzahl von Autoren scheint stattdessen disziplinierte Regelmäßigkeit, das Abarbeiten eines selbst gesetzten Pensums pro Tag, ohne Ausnahme strikt durchgehalten, Teil des Erfolgsrezepts zu sein – von Anthony Trollope über Graham Greene bis zu Cory Doctorow. Ob auf diese Weise nun “Schreibmuskeln” in Übung oder Blockaden in Schach gehalten werden: was zählt, ist die Regelmäßigkeit. Und doch ist da immer noch ein Sicherheitsnetz, denn bevor der solchermaßen in geduldigem Tag-um-Tagewerk geschaffene Roman veröffentlicht wird, bleibt Zeit für die üblichen Revisionen. Die Königsdisziplin, das ist das Metier der Regelmäßig-Schreiber, deren Texte dann auch gleich in dem unerbittlichen Rhythmus, den periodisch wiederkehrende Kolumnen vorgeben, veröffentlicht werden. Und ein Ehrenplatz in dieser Disziplin gebührt Stephen J. Gould, der für das Magazin Natural History von Januar 1974 bis Januar 2001 eine monatliche Kolumne namens “This view of life” schrieb, exakt 300 Essays insgesamt. alt

Benannt ist die Kolumne nach den Worten, mit denen Charles Darwin die Originalausgabe von On the origin of species beschloss: “There is grandeur in this view of life, with its several powers, having been originally breathed into a few forms or into one; and that, whilst this planet has gone cycling on according to the fixed law of gravity, from so simple a beginning endless forms most beautiful and most wonderful have been, and are being, evolved.” (Leicht geändert nach dieser Übersetzung einer späteren Ausgabe: “Es ist wahrlich eine grossartige Ansicht, dass das Leben mit all seinen Fähigkeiten urspünglich nur einigen wenigen oder gar nur einer einzigen Form eingehaucht wurde, und dass sich, während unser Planet den strengen Gesetzen der Schwerkraft folgend im Kreise läuft, aus so einfachem Anfang eine endlose Reihe schönster und wunderbarster Wesen entwickelt hat und noch entwickelt.”)

Die Evolutionstheorie spielt in Goulds Essays denn auch die Hauptrolle. Ihre besondere Faszinationskraft beziehen die Essays aber daraus, wie Gould sein Thema angeht. Angehende Journalisten bekommen es standardmäßig beigebracht: Personalisierung erzeugt Aufmerksamkeit! Der Leser will keine dröge Wissenschaft lesen; bringt die Menschen, die mit dieser Wissenschaft zu tun haben, ins Spiel! Nun ist Personalisierung ein weites Spektrum. In der populärwissenschaftlichen Trivialliteratur begegnet sie uns in Form holzschnittartiger Entdeckungsgeschichten und immer wieder erzählten, aber damit nicht unbedingt richtigen Anekdoten über Newton, Einstein und Co. 

Was Gould in vielen seiner Essays macht, ist das genaue Gegenteil. Oft sind seine Protagonisten außerhalb (teils auch innerhalb) der Fachkreise unbekannte Nebenfiguren der Wissenschaftsgeschichte. Kommen die großen Köpfe wie Darwin oder Cuvier vor, dann präsentiert Gould mit Vorliebe unbekannte Seiten. Anekdoten oder Legenden nimmt Gould sich gerne vor, um zu zeigen, dass die Wirklichkeit ungleich vielschichtiger und spannender ist, und immer wieder zeigt er ungewöhnliche Querverbindungen auf, sei es zwischen verschiedenen Personen, seien es Rückverbindungen zu seinem Kernthema Evolution.

Gould führt uns von Konrad Lorenz und dem Kindchenschema zur “Evolution” des gezeichneten Aussehens von Mickey Mouse, hinterfragt die Rolle der Darwinfinken für Darwins Entwicklung seiner Ideen, nimmt Paul Broca und die Frage aufs Korn, wie die weit verbreiteten Haltungen zu den geistigen Einschränkungen des weiblichen Geschlechts zustandekamen, analysiert anhand der Überlebenszahlen für seine eigene Krebserkrankung die Bedeutung statistischer Größen und zeigt Verbindungen zwischen einer zeitgenössischen Beschreibung des damals achtjährigen Mozart und Anti-Evolutionsargumenten von Georges Cuvier auf. 

Wiederkehrende Themen, die Gould besonders beschäftigt haben, reichen von Baseball bis zur Allmählichkeit oder Plötzlichkeit evolutionären Wandels (bei letzterem waren und sind Goulds Ansichten unter seinen Fachkollegen durchaus umstritten), von Intelligenzquotienten und Eugenik bis hin zu den Schnecken, auf die er als Paläontologe spezialisiert war. Auch mit dem Kreationismus hat sich Gould kritisch auseinandergesetzt und, allgemeiner, mit der Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Religion (letztere sind für ihn “Non-Overlapping Magisteria”, etwa: nicht-überlappende Erklärungsbereiche).

All das weitgehend als Nebenjob, obschon natürlich eng mit seinem Arbeitsgebiet verknüpft: Hauptamtlich war Gould Professor an der Universität Harvard und einer der Kuratoren des dortigen Museums für vergleichende Zoologie. 

Dreihundert Essays in ununterbrochener Folge. Was das bedeutet, kann ich, der ich Goulds Texte zudem nur in Buchform kenne, zumindest halbwegs ermessen, seit ich mich in diesem Blog bemühe, auf ähnlichen Zeitskalen regelmäßig Texte mit deutlich bescheidenerem Anspruch einzustellen. (Um eine Kollegin zu zitieren: “Blog ist hungrig! Blog will gefüttert werden!”.) 

Heute vor 9 Jahren ist Stephen J. Gould im Alter von 60 Jahren an Krebs gestorben. Wer seine Essays noch nicht kennt, dem seien sie wärmstens empfohlen.

Die Essays sind in Büchern gesammelt und wie immer am besten in der Originalsprache zu lesen, aber auch auf deutsch erhältlich; die folgende Liste der Sammelbände und weiterer allgemein verständlicher Bücher habe ich leicht verändert aus dem deutschen Wikipedia-Eintrag zu Gould übernommen:

  • Ever Since Darwin (1977) (dt. Darwin nach Darwin: Naturgeschichtliche Reflexionen) ISBN 0-393-30818-9
  • The Panda’s Thumb (1980) (dt. Der Daumen des Panda) ISBN 0-393-30819-7
  • The Mismeasure of Man(1981) (dt. Der falsch vermessene Mensch) ISBN 0-393-31425-1
  • Hen’s Teeth and Horse’s Toes (1983) (dt. Wie das Zebra zu seinen Streifen kommt) ISBN 0-393-31103-1
  • The Flamingo’s Smile (1985) (dt. Das Lächeln des Flamingos. Betrachtungen zur Naturgeschichte) ISBN 0-393-30375-6
  • Time’s Arrow, Time’s Cycle (1987) (dt. Die Entdeckung der Tiefenzeit. Zeitpfeil und Zeitzyklus in der Geschichte unserer Erde) ISBN 0-674-89199-6
  • An Urchin in the Storm: Essays about Books and Ideas (1987) ISBN 0-393-30537-6
  • Wonderful Life: The Burgess Shale and the Nature of History (1989) (dt. Zufall Mensch. Das Wunder des Lebens als Spiel der Natur) ISBN 0-393-30700-X
  • Bully for Brontosaurus (1991) (dt. Bravo, Brontosaurus. Die verschlungenen Wege der Naturgeschichte) ISBN 0-09-989350-9
  • Finders, Keepers: Eight Collectors (1992)
  • Eight Little Piggies (1993) ISBN 0-393-31139-2
  • Dinosaur in a Haystack (1995) (dt. Ein Dinosaurier im Heuhaufen. Streifzüge durch die Naturgeschichte) ISBN 0-517-88824-6
  • Full House: The Spread of Excellence From Plato to Darwin (1996) (dt. Illusion Fortschritt. Die vielfältigen Wege der Evolution) ISBN 0-609-80140-6
  • Questioning the Millennium: A Rationalist’s Guide to a Precisely Arbitrary Countdown (1997) (dt. Der Jahrtausend-Zahlenzauber. Durch die Scheinwelt numerischer Ordnungen)
  • Leonardo’s Mountain of Clams and the Diet of Worms (1998) ISBN 0-609-80475-8
  • Rocks of Ages: Science and Religion in the Fullness of Life (1999) ISBN 0-345-43009-3
  • The Lying Stones of Marrakech (2000) (dt. Die Lügensteine von Marrakesch. Vorletzte Erkundungen der Naturgeschichte) ISBN 0-609-80755-2
  • Crossing Over: Where Art and Science Meet (2000) ISBN 0-609-80586-X
  • The Structure of Evolutionary Theory (2002) ISBN 0-674-00613-5
  • I Have Landed: The End of a Beginning in Natural History (2002) (dt. Das Ende vom Anfang der Naturgeschichte) ISBN 0-609-60143-1
  • The Hedgehog, the Fox, and the Magister’s Pox (2003) ISBN 0-609-60140-7

 

 

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Markus Pössel hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal Einstein Online. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum World Science Festival in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das Haus der Astronomie leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Pössel bloggt, ist Autor/Koautor mehrerer Bücher, und schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.

1 Kommentar

  1. Danke!

    Danke für das Darwin-Zitat und Ihre Übersetzung, ich habs gespeichert und werde es bei Gelegenheit (d.h. wenn ich mal eine Idee für eine Bildserie realisiere, zu der mir noch die Kamera fehlt) verlinkt guttenplaggen 🙂

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