Strahlenschutz und das ewige LNT-Modell

Quantenwelt

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, neue Blogideen vor dem Schreiben auf Twitter anzukündigen. Dadurch kann ich schon vorher herausfinden, wo das Interesse potentieller Leserinnen und Leser liegt. Als ich das Thema Strahlenschutz angesprochen habe, fragte mich Rainer Klute von der Piratenpartei, wie lange sich das LNT-Modell denn noch halten würde. Meine Antwort lautete: Ewig.

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Ein paar nützliche Bücher zum Strahlenschutz.

Über die Abschätzung der Folgen radioaktiver (genauer: ionisierender) Strahlung habe ich in einem früheren Beitrag berichtet. Dort habe ich auch schon einige Hinweise darauf gegeben, dass es gar nicht so einfach ist, die Strahlung richtig zu messen und die Messung zu interpretieren. Für betrieblichen Strahlenschutz kommen wir aber nicht um eine gute Abschätzung für die Belastung von Angestellten durch Strahlung herum. Deshalb ist ein Modell notwendig, mit dem Risiken abgeschätzt werden können.

Für relativ geringe Strahlungsmengen ist das Krebsrisiko die entscheidende Größe. Radioaktive Strahlung kann Krebs auslösen. Dabei kommt es ganz wesentlich darauf an, welches Gewebe betroffen ist und welche Art von Strahlung, Alpha, Beta oder Gamma, relevant ist. Gerade bei Alpha-Strahlung ist es ein erheblicher Unterschied, ob es um die Strahlung radioaktiver Stoffe in der Umwelt geht oder ob radioaktive Elemente eingeatmet, gegessen oder getrunken werden. Von außen ist diese Strahlungsart meist harmlos, im Körper richtet sie den größten Schaden von allen an.

All diese Details werden wissenschaftlich untersucht, sind aber für den praktischen Strahlenschutz zu komplex. Hier muss mit Abschätzungen gearbeitet werden, die das Risiko eher über- als unterschätzen. Better safe than sorry. Die Daten für diese Abschätzungen kommen zum großen Teil aus der Lebensspanne-Studie der Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki.

Aus diesen Langzeitstuden kommt heraus, dass das Risiko, an Krebs zu sterben, bei Strahlendosen im Bereich einiger Sievert etwa linear ansteigt. Und zwar pro Sievert um ungefähr fünf Prozentpunkte. Ohne Strahlenbelastung liegt die Wahrscheinlichkeit in den Industrieländern an Krebs zu sterben bei etwa ein Viertel, das sind 25%. Mit zwei Sievert Strahlenbelastung liegt sie bei etwa 35% (25%+2*5%) und bei drei Sievert bei etwa 40% (25+3*5%). Diese Abschätzung ist mit hoher Unsicherheit verbunden und stark altersabhängig. Da Krebs lange braucht um sich zu manifestieren, ist das Risiko für ältere Menschen geringer.

Berufliche Strahlenexpositionen sind per Verordnung begrenzt. Und zwar für offiziell beruflich strahlenexponierte Menschen auf 20 Millisievert pro Kalenderjahr und 400 Millisievert im Berufsleben und für alle nicht überwachten Personen auf 1 Millisievert pro Jahr. Rechnerisch ergibt eine Dosis von 20 Millisievert eine Steigerung des Risikos an Krebs zu erkranken um 0,1%, also auf etwa 25,1%. Dieses 0.1%-ige Risiko an eine beruflich bedingte Gefahr zu sterben sieht der Gesetzgeber als maximal zulässiges Berufsrisiko an. Es entspricht ungefähr der Gefahr von Bergleuten, bei einem Unfall ums Leben zu kommen. Es geht also im betrieblichen Strahlenschutz um ein Risiko, dem sich Fachleute im Rahmen ihrer Arbeit aussetzen.

Aber woher wissen wir, ob diese Abschätzungen korrekt sind? In meinen Beiträgen zu Gender warne ich davor, aus statistischen Erhebungen kleiner Differenzen auf irgendwas zu schließen, und hier lasse ich es einfach so durchgehen? Nein, natürlich nicht. Die Abschätzung zu kleinen Dosen folgt unter der Annahme, dass die Gefährlichkeit von Strahlung auch bei kleinen Dosen linear mit der Dosis ist.  Und unter der Annahme, dass es keine Schwelle gibt, dass also bereits die geringe Menge von wenigen Milli- oder gar Mikrosievert Schaden anrichtet. Diese Annahmen werden als LNT-Modell bezeichnet (engl. Linear No Threshold) Das LNT-Modell ist eine ziemlich grobe Vereinfachung.

Das LNT-Modell nimmt zum Beispiel nicht an, dass es einen Unterschied macht, ob die Strahlung in einer Portion oder über einen langen Zeitraum verteilt auftritt. Nach der Strahlenschutzverordnung ist es unerheblich, ob eine Person über das Jahr verteilt ein paar Millisievert aufnimmt oder auf einem Schlag. Es kommt auf die Gesamtmenge pro Kalenderjahr an. Der Natur dagegen ist das fast sicher nicht egal. Es ist vermutlich gefährlicher, die Strahlung auf einen Schlag abzubekommen. (Und natürlich kümmert sich die Natur nicht um Kalenderjahre.) Aber nach dem Grundsatz, Schäden lieber zu überschätzen als zu verharmlosen, ist diese Vereinfachung in Ordnung.

Schwieriger ist die Annahme, dass die Risiken auch bei geringen Dosen linear zunehmen, dass also zwei Millisievert doppelt so schlimm sind wie ein Millisievert. Das ist auf dem ersten Blick eine gerechtfertigte Annahme, weil es sich um statistisch seltene Ereignisse handelt. Schon bei geringer Dosis werden viele, viele Strahlenquanten von Körper absorbiert, aber mit geringer Wahrscheinlichkeit wird nur eine einzige Zelle zu einer Krebszelle mutieren. Solche seltenen statistischen Ereignisse nehmen linear mit ihrer Ursache zu, weil die verursachenden Ereignisse voneinander unabhängig sind. Ebenso, wie die Wahrscheinlichkeit, im Lotto zu gewinnen mit der Anzahl der Spiele linear zunimmt.*

Es ist aber durchaus möglich, dass kleine Strahlungsmengen die Zellen zu Reaktionen anregen, die sie für Strahlenschäden unanfälliger machen. Dabei könnte es sich um die Aktivierung zellinterner Abwehrmechanismen oder des Immunsystems handeln. Tatsächlich gibt es einige Wissenschaftler, die davon ausgehen, dass genau das der Fall ist. Die sogenannte Hormesis-Hypothese besagt, dass geringe Bestrahlung sogar das Krebsrisiko senken könnte. Es gibt darauf ein paar experimentelle Hinweise in Zellkulturen und Tiermodellen. Aber selbstverständlich ist es nicht möglich, diese Hypothese an Menschen zu testen.

Weil ein Test nicht möglich ist, verbietet es bereits das Gebot der Vorsicht, im Strahlenschutz von einer Hormesis-Theorie auszugehen. Es gibt aber ein weiteres Argument, warum solch eine Theorie wertlos für den Strahlenschutz ist: Die nicht berufsbedingte Strahlenbelastung.

Ich habe die Ursachen für natürliche und zivilisatorische Strahlenbelastung schon in einem früheren Beitrag behandelt. Durchschnittlich sind wir alle etwa 2 Millisievert natürlicher Radioaktivität und ungefähr derselben Menge künstlicher Radioaktivität und Röntgenstrahlung ausgesetzt. Die Belastung schwankt aber stark von Individuum zu Individuum und von Jahr zu Jahr. In einem Jahr mit vielen Flugreisen oder mehreren Röntgenuntersuchungen nehmen wir mehr Strahlung auf als in anderen Jahren. Wohnen wir im Erzgebirge, so sind wir einer stärkeren Belastung ausgesetzt als in der Niedersächsischen Tiefebene. Und wer an die positive Wirkung geringer Strahlendosen glaubt, kann sich freiwillig zu einer Kur in eine Radongrotte begeben.

All diese persönlichen Strahlenbelastungen werden vom beruflichen Strahlenschutz nicht erfasst. Privat eingegangene Risiken gehen dem Arbeitgeber schlicht nichts an. Damit aber weiß der oder die Strahlenschutzbeauftragte nicht, zu welchem Grundniveau die beruflich bedingte Bestrahlung hinzukommt. Es ist also nicht möglich, für die Angestellten eine  Gesamtstrahlungsmenge zu ermitteln. Nur das zusätzliche Risiko kann eingeschätzt werden. Und das geht tatsächlich nur im LNT-Modell.

Nur in diesem Modell ergeben 2 Millisievert berufsbedingte Belastung zusätzlich zu 2 Millisievert natürliche Belastung dasselbe zusätzliche Risiko wie zusätzlich zu, sagen wir, 5 Millisievert. Das LNT-Modell ist auf der sicheren Seite, denn es gibt keine Anzeichen, dass kleine Strahlungsmengen relativ schädlicher sein könnten als große. Im beruflichen Strahlenschutz ist es gewollt, Risiken zu hoch einzuschätzen. Das LNT-Modell ist leicht anwendbar und erfüllt diese Bedingung. Es gibt keinen Weg an diesem Modell vorbei.

Anmerkungen:

*Diese Näherung gilt nur für sehr unwahrscheinliche Ereignisse. Beim Würfeln funktioniert es offenbar nicht, denn die Wahrscheinlichkeit, eine sechs zu würfeln liegt bei etwa 16,7%, die Wahrscheinlichkeit, mit sieben Würfen eine Sechs zu werfen, liegt nicht bei 116,9%.

 

 

Joachim Schulz

Veröffentlicht von

www.quantenwelt.de/

Joachim Schulz ist Gruppenleiter für Probenumgebung an der European XFEL GmbH in Schenefeld bei Hamburg. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann in der Quantenoptik, in der er die Wechselwirkung einzelner Atome mit Laserfeldern untersucht hat. Sie führte ihn unter anderem zur Atomphysik mit Synchrotronstrahlung und Clusterphysik mit Freie-Elektronen Lasern. Vier Jahre hat er am Centre for Free-Electron Laser Science (CFEL) in Hamburg Experimente zur kohärenten Röntgenbeugung an Biomolekülen geplant, aufgebaut und durchgeführt. In seiner Freizeit schreibt er zum Beispiel hier im Blog oder an seiner Homepage "Joachims Quantenwelt".

41 Kommentare

  1. LNT als Alleinstelllungsmerkmal?

    Die Annahme beliebig kleine Strahlendosen seien immer noch schädlich, auch wenn klinisch dieser Schaden nicht nachgewiesen werden kann machen ionisierende Strahlen zu etwas ganz besonderem mit nichts anderem vergleichbaren – und ich behaupte zu Unrecht. Zum LNT-Modell gehört folgendes ikonische Bild der Strahlenwirkung: Ionisierende Strahlung – auch radioaktive Strahlung genannt – ist vergleichbar mit der Wirkung eines Maschinengewehrs dass in die Menge schiesst. Egal ob viele oder wenige Schüsse abgegeben werden, jeder Schuss kann jemanden verletzten oder töten.
    Bei chemische Schadstoffen bemüht man dieses Bild nie – obwohl es Hinweise gibt, dass es genau so treffend wäre. Wie man in Bezug auf “radioaktive Strahlung” für immer und ewig das LNT-Modell beibehalten will obwohl es etwas behauptetwas sich gar nie überprüfen lässt, so will man chemischen Noxen für immer und ewig als Kriterium für die Schädlichkeit die nachgewiesene klinische Wirkung mit Erhöhung der Morbidität oder gar Letalität beibehalten.

    Hier nun ein Beispiel das zeigt wie fragwürdig das ist: Acrylamid
    (Zitat)“Acrylamid greift zum einen direkt die DNA an, zum anderen wird es von Leberenzymen in Glycidamid umgesetzt. Diesem reaktiven Stoff wird eine starke genotoxische Wirkung zugeschrieben. Acrylamid wie auch Glycidamid bilden Verbindungen mit Aminosäuren und Nukleinbasen und können so die Struktur und Funktion von beispielsweise der DNA und des Hämoglobin verändern. Im Tierversuch wurde die Weitergabe der erbgutverändernden Wirkung auch an Tochtergenerationen beobachtet. Beim Menschen fehlen bislang einstimmige Ergebnisse. Die Einordnung als krebserregend basiert auf Laborversuchen. Neuere Studien fanden kein erhöhtes Krebsrisiko”.
    Ein klassischer Fall wo – wie üblich – bei chemischen Substanzen nur die nachgewiesene Morbidität und Mortalität zählt nicht aber Tier-Versuche, die die Genotoxität nachweisen. Würde man nach der LNT-Regel urteilen, die für radioaktive Stoffe gilt, käme man zu einem ganz anderen Schluss, denn es ist nachgewiesen,
    1) dass ein erhöhter Acrylamid-Spiegel im Blut die genverändernden Wirkungen hat und
    2) dass (Zitat) “Einer Studie der Medizinischen Hochschule Hannover zufolge wurde nur bei Personen, die mehrmals pro Woche Pommes frites oder Kartoffelchips essen, ein erhöhter Acrylamidspiegel im Blut festgestellt.”
    Immerhin gilt Acrylamid folgendes Gefährlichkeitsmerkmal “Acrylamid ist eingestuft als potenziell krebserzeugend[12], erbgutverändernd, giftig, reizend, sensibilisierend und fortpflanzungsgefährdend.[13] Es hat die UN-Nummer 2074.” Doch Konsequenzen hat das nicht, denn allein die klinischen Versuche, die keine erhöhte Krebsgefährdung nachwiesen zählen am Schluss.

    Warum sollten nicht auch in Bezug auf Radioaktivität die “klinischen” Resultate zählen. Teilweise – und das ist inkonsistent – wird das auch so gehandhabt. So gibt es selbst in Deutschland grosse geographische Unterschiede was die natürliche Radioaktivität betrifft – wie übrigens auch in anderen Ländern. Doch es konnte nie nachgewiesen werden, dass ein erhöhter Wert “natürlicher” Radioaktivität irgendwelche negativen Folgen hat. Dementsprechend wird auch niemanden empfohlen aus bestimmten Gegenden Deutschlands wegzuziehen. Wenn man aber an das “Linear no treshold”-Modell glauben würde, könnte man bestimmte Gegenden Deutschlands als sicherer und andere als weniger sicher bezeichnen.

    Doch selbst wenn man das LNT-Modell aufrechterhält, muss man sich bewusst sein oder bleiben, dass geringe Dosen an Radioaktivität unbedeutend werden, sobald man sie mit anderen Gefahren vergleicht. So hat die gesamte in Japan freigesetzte Radioaktivität durch den Fukushima-Unfall selbst nach LNT-Modell weniger Auswirkungen als eine Änderung des Zigarettenkonsums eines Rauchers in Japan um eine halbe Zigarette.Das heisst die Zahl der nach LNT berechneten zusätzlichen Toten (z.B. in Folge von Krebs) ist kleiner als die Zahl der zu erwartenden Toten, wenn im japanischen Durchschnitt eine halbe Zigarette pro Raucher und Tag mehr geraucht wird.

    • (a) Von welcher Zahl von Toten reden wir denn hier – bei Fukushima und bei den Rauchern? Rauchen ist ja ein Großrisiko für die Gesundheit.

      (b) Der Vergleich hinkt, denn man darf nicht den entscheidenden Unterschied vergessen zwischen Risiken, die jemand freiwillig auf sich nimmt, und aufgezwungenen Risiken. Ich würde zum Beispiel niemals eine halbe Zigarette täglich rauchen, und kann mich auch frei dagegen entscheiden. Das ist in Ordnung. Andere rauchen – und entweder bringt ihnen das so viel Freude, dass sie das Risiko dafür in Kauf nehmen, oder sie sind einfach schwach und süchtig. Bewohner von Fukushima hatten aber wenig Möglichkeiten außer Wegziehen, sich gegen das Strahlenrisiko zu wehren.

      Ich fahre gerne Ski und nehme das damit verbundene Risiko gern und wissend auf mich. Ich würde jederzeit für das Recht kämpfen, dass der Einzelne sich frei für ein solches Risiko entscheiden kann. Ich würde aber auch jederzeit dafür kämpfen, anderen nicht solche Risiken aufzuzwingen, wenn es doch Alternativen wie die Erneuerbaren Energien gibt.

  2. Strahlenschutz ist Arbeitsschutz

    @Martin Holzherr,

    Sie vergleichen hier Dinge, die nichts miteinander zu tun haben. Betrieblicher Strahlenschutz ist Arbeitsschutz und hier haben Vergleiche mit externen Risiken nichts zu suchen. Es ist nicht zulässig, das durch die Arbeit hinzunehmende Risiko gegen Freizeitrisiken, etwa durch den Verzehr frittierter Kartoffeln, aufzurechnen.

    Würden Sie es für richtig halten, einem Freizeitskifahrer bei der Arbeit auf der Leiter die Sicherungen zu verweigern, weil er sich in seiner Freizeit freiwillig einer weitaus größeren Gefahr aussetzt?

  3. Evakuieren oder nicht?

    Bleibt die Frage, wie im Katastrophenfall sinnvoll zu verfahren ist – siehe Fukushima. Da stehen ja Belastungen durch Strahlung den Belastungen durch die Evakuierung einander gegenüber. Es muß ja nicht notwendigerweise so chaotisch zugehen wie bei der Evakuierung des Krankenhauses von Futaba, die zu zwei Dutzend Toten geführt hat. Aber es ist doch abwägen, welche Belastung das geringere Übel für die betroffenen Menschen darstellt.

  4. @Rainer Klute

    Das ist eine gute Frage, die zwar auch nicht den betrieblichen Strahlenschutz berührt, die ich aber anfangs tatsächlich auch in diesem Beitrag ansprechen wollte. Mir ist dabei nur aufgefallen, dass er dann zu umfangreich und unübersichtlich würde.

    Nur kurz, weil ich dazu evtl später mehr und fundierter schreiben möchte:
    Ich denke, dass wir auch bei der Einordnung von der Evakuierung um Fukushima nicht um das LNT-Modell herum kommen. Die Hormesis-Theorie gibt uns ja keinen Grenzwert. Selbst wenn es einen Grenzwert gibt, unterhalb dem Strahlung unschädlich ist, kennen wir ihn nicht. Es bleibt uns also auch hier nichts anderes übrig, als vorsichtig abzuschätzen.

    Nach allem was ich gehört und gelesen habe, liegt die Kontamination im größten Teil der evakuierten Gebiete in einem Bereich, in dem das Leben dort mit Einschränkungen vertretbar wäre. Wünschenswert wäre wohl eine gute Aufklärung, so dass die Menschen selbst entscheiden können, was für sie das geringere Übel ist.

  5. LNT-Modell

    „Sie vergleichen hier Dinge, die nichts miteinander zu tun haben. Betrieblicher Strahlenschutz ist Arbeitsschutz und hier haben Vergleiche mit externen Risiken nichts zu suchen. Es ist nicht zulässig, das durch die Arbeit hinzunehmende Risiko gegen Freizeitrisiken, etwa durch den Verzehr frittierter Kartoffeln, aufzurechnen.“
    Das Problem ist nur, dass das LNT-Modell ja nicht nur für den betrieblichen Arbeitsschutz angewandt wird, sondern trotz seiner groben und wie ich meine unzulässigen Vereinfachung auch auf das tägliche Leben in der Abschätzung des Umgangs mit ionisierender Strahlung. Die unreflektierte Anwendung des in unserer Gesellschaft nicht nur bei diesem Thema zelebrierten Vorsorgeprinzips führt möglicherweise zu mehr Schäden als das Prinzip vorgibt zu vermeiden. Ein Beispiel wurde hier schon angesprochen: Die Evakuierung um Fukushima. Ein Beispiel aus Deutschland ist der hype um die Radonbelastung in Wohnungen insbesondere in Sachsen: http://www.medienservice.sachsen.de/…news/162095
    http://www.freiepresse.de/…en-artikel8025089.php
    Die EU ist offenbar dabei, auf der Grundlage des LNT-Modells verbindliche Grenzwerte vorzuschreiben. Hier werden gerade unter Anwendung des LNT-Modells Menschen verunsichert und möglicherweise zu irrationalen Handlungen bewegt, obwohl es keine epidemiologischen Hinweise auf eine höhere Krebsrate durch die natürliche Belastung gibt. Wenn diese Panikmache weiter um sich greift, werden ganze Landstriche darunter leiden.
    Und noch ein eher emotionaler Einwand: Um an die Ewigkeit und Alternativlosigkeit von Modellen zu glauben, bin ich schon zu alt.

  6. Hormesis

    Natürlich darf man mit Menschen nicht experimentieren. Dennoch haben wir hier Daten. Feinendegen zitiert in http://www.energie-fakten.de/pdf/hormesis.pdf auf Seite 12 beispielsweise eine Untersuchung an Arbeitern in kanadischen Kernkraftwerken. Hier ist das Krebsrisiko von Personen mit einer Dosis zwischen 1 und 49 mSv signifikant niedriger als bei Personen mit weniger als 1 mSv. Oberhalb von 100 mSv nehme das Risiko wieder zu.

    Ich meine, gerade im Umgang mit Strahlenunfällen sind solche Zahlen von Bedeutung, um bei Gegenmaßnahmen nicht über das Ziel hinauszuschießen und mehr Schaden als Nutzen anzurichten.

  7. LNT => betrieblicher Strahlenschutz?

    Das Linear no treshold – Modell wird nicht nur im betrieblichen Strahlenschutz angewendet sondern findet regelmässig Anwendung, wenn es darum geht die Folgen einer Freisetzung von radioaktiven Substanzen abzuschätzen.
    Dazu liest man in der Wikipedia:
    “The linear no-threshold model is used to extrapolate the expected number of extra deaths caused by exposure to environmental radiation, and it therefore has a great impact on public policy. The model is used to translate any radiation release, like that from a “dirty bomb”, into a number of lives lost, while any reduction in radiation exposure, for example as a consequence of radon detection, is translated into a number of lives saved. When the doses are very low, at natural background levels, in the absence of evidence, the model predicts via extrapolation, new cancers only in a very small fraction of the population, but for a large population, the number of lives is extrapolated into hundreds or thousands, and this can sway public policy.”

    Deshalb liest man dann zum Windscale Unfall in Sellafields, die zusätzlichen Krebsfälle durch die freigesetzte Radioaktivität beliefen sich auf 200 bis 240. Für Tschernobyl schätzt die WHO 9000 zusätzlichen Krebsfälle in den umgebenden Ländern durch die freigesetzte Radioaktivität (Zitat Wikipedia: ” The WHO’s prediction of 9000 future cancer deaths in surrounding countries[125] is based on the Linear no-threshold model (LNT)”) und die Union of Concerned Scientists kommt gar auf 27,000 Krebsfälle, die weltweit durch die von Tschernobyl freigesetzte Radioaktivität verursacht wurden.

    Übrigens kommt man mit den gleichen Annahmen, die auf 27’000 zusätzliche Krebsfälle für Tschernobyl kommen auf eine noch höhere Zahl von Krebsfällen durch Flugreisen seit Beginn der Zivilluftära, denn jeder Fluggast erhält über die Höhenstrahlung etwas “radioaktive” Strahlung.

    Besonders problematisch wird das LNT-Modell, wenn die freigesetzte Radioaktivität kleiner ist als die natürliche Radioaktivität (background radiaton). Es liefert dann nämlich trotzdem zusätzliche Fälle von Krebs etc. Das ist auch der Grund, dass die Union of Concerned Scientists auf eine so hohe Zahl von zusätzlich durch den Tschernobyl-Fallout ausgelösten Krebsfällen weltweit kommt. Die meisten der berechneten zusätzlichen 27’000 Krebsfälle war überhaupt nie einer signifikant erhöhten Radioaktivität ausgesetzt verglichen mit der Hintergrundsstrahlung in der sie leben. Die zusätzliche Radioaktivitä, der sie ausgesetzt waren bewegte sich also im Bereich von Promille oder Prozent der Umgebungsstrahlung. Hätten die gleichen Personen den Wohnort gewechselt, hätte das unter Umständen eine viel stärkere Zusatzbelastung durch die höhere natürliche Strahlung des neuen Wohnorts bedeuten können.

  8. @Martin Holzherr: Thema

    “Das Linear no treshold – Modell wird nicht nur im betrieblichen Strahlenschutz “

    Stimmt. Aber hier ist eben betrieblicher Strahlenschutz das Thema. Man kann natürlich über alles diskutieren, aber ich finde das wenig hilfreich, alles zu vermischen.

  9. Beschränkung

    Joachim:
    „Ich denke, dass wir auch bei der Einordnung von der Evakuierung um Fukushima nicht um das LNT-Modell herum kommen.“
    “Das Linear no treshold – Modell wird nicht nur im betrieblichen Strahlenschutz ” Stimmt. Aber hier ist eben betrieblicher Strahlenschutz das Thema. Man kann natürlich über alles diskutieren, aber ich finde das wenig hilfreich, alles zu vermischen.”
    Ja, was denn nun ? Erst die Bemerkung, dass auch auf anderen Gebieten das LNT-Modell anwendbar ist und dann die Beschränkung der Diskussion auf den Arbeitsschutz ? Besser kann man eine Diskussion zu einem eigenen Blogeintrag nicht abwürgen. Aber vielleicht liegt das daran, dass analog zu den Grenzwertfestsetzungen von Umweltkontaminanten auch beim LNT-Modell eher politische als wissenschaftliche Kriterien herangezogen werden. Eben der alles bestimmende Vorsorgegedanke. Und darüber eine wissenschaftsbasierte Diskussion zu führen, ist halt nicht möglich.

  10. In Tchernobyl hat man Nager untersucht, die in den “roten Wäldern” leben und festgestellt, dass sie genau die selbe Lebensspanne und Weise haben, als irgendwo anders auf der Welt. Insgesamt kommen diese Mäuse fast unbeeindruckt mit der Strahlungsbelastung zurecht. Zudem hat man Labornager in diese Landschaft verbracht. Eine Gruppe wurde radioaktiv bestrahlt, die andere nicht. Nach der eingehenden Untersuchung scheinen die Nager, welche vorher radioaktiv bestrahlt wurden, die Zeit in dem verseuchten Wald besser überstanden zu haben, als die sozusagen “unvorbereiteten”. Es war die Rede von einem verbesserten körperlichen System, was irgendwie “freie Radikale” (?) zielgerichteter bekämpft, weil sie vorher mit niedriger Dosis bestrahlt wurden.

    Gleichzeitig aber stellt man fest, dass die Nager eine besondere Spezies sein müssen. Denn Vögel zum Beispiel zeigen in den Verseuchten gebieten Tchernobyls erheblich mehr Mutationen und leben kürzer, als unter normalen Bedingungen.

    Interessant war die Aussage, dass der am meisten kontaminier Bereich durch den GAU etwa 30 cm unter der Erdoberfläche sei und einige Pflanzen sehr hohe Belastungen in den Blättern aufwiesen. Dass sich Mäuse in genau der Tiefe normalerweise eingraben, macht einen sonderbaren Eindruck. Sie leben theoretisch genau in dem höchst belasteten Strahlungsbereich und weisen so ziemlich keine deutliche Veränderung oder Unregelmässigkeiten auf.

  11. Ich kenne Menschen, die ihr Leben damit verbracht haben, Kernkraftwerke zu bauen und zu warten/Reparieren. Einer von denen scheint eine Leukemie zu entwickeln – neben den anderen vielen scheinbaren Alterskrankheiten, wie Diabetis… etwa. Man muß da jetzt nicht zwangsläufig einen Zusammenhang feststellen, liegt aber doch nahe.

    Mir kommt dabei auch in den Sinn, wie man eigendlich die Belastung am Arbeitsplatz tatsächlich erfassen will, wenn etwa besonders Alpha-Strahler eingeatmet werden. Eine solche Belastung wird nicht erfasst, weil sie nicht einfach gemessen werden kann – ohne dass man in den Körper eindringen müsste (was ja schlecht geht, wenn der Mensch noch lebt).

  12. @torben hoffmeister: Misverständnis

    Sorry, das ist falsch rübergekommen. Dass hier nur betrieblicher Strahlenschutz Thema ist, ist die Begründung dafür, dass in meinem Beitrag nichts zu Fukushima oder Umweltradioaktivität vorkommt. Dieses Themen plane ich für einen weiteren Blogbeitrag.

    Selbstverständlich können Sie darüber in den Komentaren diskutieren, aber es fehlt eben nicht in meinem Beitrag, weil es dort nicht Thema ist.

    Und nein: Im Betrieblichen Strahlenschutz wird das LNT-Modell nicht aus politischen Gründen verwendet, sondern weil es als einziges praktikabel ist und weil es dort gewollt ist, die Schäden eher zu überschätzen. Bei der Fukushima-Katastrophe ist es etwas anders, weil es dort um eine möglichst realistische Einschätzung geht. Auch dort haben wir nichts besseres als das LNT-Modell, aber wir müssen beachten, dass es sich um eine worst-case-Abschätzung handelt.

    Also bitte diskutieren Sie das hier, wenn Sie möchten, aber haben Sie Verständnis, wenn ich nicht hier sondern in einem neuen Blogbeitrag darauf eingehen werde.

  13. @chris

    Das mit den Nagern und Vögeln um Tschernobyl ist interessant. Ich werde dazu mal demnächst recherchieren, wenn ich Zeit finde.

    “Mir kommt dabei auch in den Sinn, wie man eigendlich die Belastung am Arbeitsplatz tatsächlich erfassen will, wenn etwa besonders Alpha-Strahler eingeatmet werden. “
    Das wird tatsächlich abgeschätzt. Bevor ein Betrieb die Erlaubnis bekommt, in Bereichen zu Arbeiten, in denen das vorkommt, muss der oder die Strahlenschutzbeauftragte einen Plan vorlegen, wie die Belastung der Mitarbeiter zu minimieren und die Dosis abzuschätzen ist. Es geht in erster Linie darum, abzuschätzen, ob das Überschreiten einer Jahresdosis von einen Millisievert zu erwarten ist. Kann man das ausschließen, so sind keine weiteren Maßnahmen nötig. Sonst mass man im Einzelfall sehen, was zu tun ist.

    Kontamination mit inkorporierten Alphastrahlern lässt sich oft mit Stuhl- oder Urinproben nachweisen. Eventuell käme wohl auch eine Blutprobe in Frage. Bei Gamma- und Beta-Strahlern lässt sich eine Ganzkörpermessung der Kontamination durchführen.

    Es hängt immer stark von den beteiligten Isotopen ab, die man aber im betrieblichen Bereich meist gut kennt.

  14. @Rainer Klute

    “Hier ist das Krebsrisiko von Personen mit einer Dosis zwischen 1 und 49 mSv signifikant niedriger als bei Personen mit weniger als 1 mSv. Oberhalb von 100 mSv nehme das Risiko wieder zu.”

    Grundsätzlich stimme ich zu. Nur sind die Befunde einfach zu unsicher, um sie zu verallgemeinern.

    Ein paar offensichtliche Fragen wären:

    1)Wirkt hier ein Effekt auf alle Individuen etwa gleich oder spielen individuelle Einflüsse, wie Alter, allegmeiner Gesundheitszustand, Neigung zu Allergien, eine Rolle? Mitarbeiter eines Kernkraftwerkes sind nicht unbedingt eine repräsentative Stichprobe.

    2)Wirken alle Strahlungsarten etwa gleich? Die Mitarbeiter eines Kernkraftwerkes werden einer anderen Zusammensetzung von Strahlung ausgesetzt sein als die Einwohner der Fukushima-Gegend.

    3)Ist es sicher, dass die Bestrahlung der einzige oder zumindest wesentliche in Betracht kommende Faktor ist?

    Mit der LNT-These ist man immerhin auf der sicheren Seite. Man kann ein maximales Risiko abschätzen. Das tatsächliche dürfte geringer sein.

  15. Evakuieren oder nicht?

    @Joachim: Berechtigte Fragen! Nun, in 10 bis 30 Jahren werden wir »dank« Fukushima sicherlich mehr wissen.

    Bis dahin brauchen wir für Notstände vernünftige Verfahren, die verschiedenen Risiken durch Evakuieren bzw. Nichtevakuieren gegeneinander abzuwägen. Da spielen auch Ängste – begründet oder nicht – eine Rolle, die zu psychischen Krankheiten führen können.

  16. @ Joachim 27.09.2012, 08:59

    “Das wird tatsächlich abgeschätzt.”

    -> Das ist schon ziemlich ernüchternd. Aber was will man sonst machen…?

    Eine besonders große Gefahr sehe ich eigendlich nicht direkt. Kernkraftwerke sind zwar keine “Reinräume”, aber die Brennstäbe sind ja auch nicht der Atmosphäre ausgesetzt (denke ich), sondern im Moderator (Wasser) gelagert, was einer eventuellen Staubentstehung entgegenwirken müsste.

    Das meine ich – Ganzkörpermessung, wie sie in Filmen oder Dokus zu sehen sind, machen bei Alphastrahlern keinen Sinn. Das aber tägliche Stuhl- und Urinproben (oder gar Blutproben) entnommen werden, ist mir noch nie zu Ohren gekommen. Würde denn eine Kontamination bei einer Routineuntersuchung ohne besonderem Augenmerk auf Strahlung überjaupt auffallen (können)? Heisst: Sind Kliniken und Labors im Alltag überhaupt (technisch) in der Lage Radioaktivität nachzuweisen?

  17. @ Rainer Klute Evakuieren oder nicht?
    27.09.2012, 10:09

    “@Joachim: Berechtigte Fragen! Nun, in 10 bis 30 Jahren werden wir »dank« Fukushima sicherlich mehr wissen.”

    -> Das hätten wir allerdings auch schon durch Tschernobyl wissen können. Ein Fukushima hat es dazu nicht benötigt.

  18. Evakuieren oder nicht?

    @chris: Leider haben die Russen bei Tschernobyl eine ziemliche Geheimniskrämerei betrieben, so daß wir heute nur eine lückenhafte Datenbasis haben, was Spekulationen über die Opferzahlen ermöglicht – je nach Interessenlage in die eine oder andere Richtung.

    Das sieht bei Fukushima entschieden besser aus!

  19. @cris

    Nein, in Standard-Stuhlproben wird wohl nicht auf Kontamination mit Alpha-Emittern getestet. Aber in Kernkraftwerken, vor allem beim Rückbau, kommt es schon mal vor, dass der oder die Strahlenschutzbeauftragte gezielte Untersuchungen anordnet. Beispielsweise, wenn ein Mitarbeiter bei Arbeiten, bei denen kontaminierter Staub auftreten kann, seine Gesichtsmaske vergessen hat. Oder wenn einfach bei der täglichen äußerlichen Kontaminationsmessung eine Belastung von Hände und Gesicht festgestellt wurde.

  20. @Rainer Klute

    Das Problem bei der Analyse von Fukushima-Einwohnern wird es sein, die aufgenommene Dosis richtig einzuschätzen und festzuhalten. Man wird nicht jede einzelne Person auf Schritt und Tritt beobachten können um festzustellen, welche Isotope in welchen Konzentrationen inkorporiert wurden und welcher externen Betrahlung die Menschen ausgesetzt waren.

    Die Anstrengung werden die Verantwortlichen auch eher darauf legen, Kontamination und Strahlenbelastung weitestgehend zu vermeiden und so gering wie möglich zu halten.

  21. Eine obere Schranke ist kein “Grenzwert”

    Ich habe verstanden, dass das LNT-Modell eine Art Heuristik bedeutet, um auf der sicheren Seite zu bleiben. Ich habe verstanden, dass dies im Arbeitsschutz aus eben diesem Grunde zur rechtlichen NORM erhoben wird.

    Mir fehlt aber das Verständnis dafür, dass man die so gewonnenen Abschätzungen als tatsächlich zu erwartende Prognosen durchgehen lässt. In der politischen Diskussion wird das LNT-Modell nämlich – geeignet kalibriert – in Tote umgerechnet, die tatsächlich zu ERWARTEN sind.

    Das ist doch nicht redlich.

  22. @Hans-Jürgen Steffens

    Volle Zustimmung!

    Das ist der Grund, warum ich mich in diesem Beitrag erstmal auf Arbeitsschutz konzentriert habe. Dort macht die Definition einer oberen Schranke des Risikos sinn, weil es nicht darum geht, das Risiko mit anderen zu vergleichen. Arbeitgeber dürfen betriebliche Risiken nicht mit außerbetrieblichen Risiken relativieren. Raucher haben dasselbe recht auf Schutz von Feinstaub wie Nichtraucher.

    In anderen Fällen, wie Evakuierungsentscheidungen nach Katastrophen, sieht es ganz anders aus. Ich finde es wichtig, hier zu unterscheiden.

  23. @ Hans-Jürgen Steffens Eine obere Schranke ist kein “Grenzwert”
    02.10.2012, 23:54

    -> Mit dem Grenzwert ist es ja auch so, dass der ebenso an die unvermeidlichen Belastungen angepasst wird. Tschernobyl wäre eine solche unvermeidliche Belastung – ebenso, wie die an einem Arbeitsplatz nicht (zu einem angemessenene Aufwand!) vermeidbaren Belastungen.

    Das irgendwo Tote zu erwarten sind, kann ich nirgendswo vernehmen. Die meisten statistiken weisen keine strahlenbedingte Sterberate auf. Die meisten sind doch irgendwie an Herzversagen, Schlaganfälle und sonstiges Organversagen gestorben. Dasss da Radioaktivität eine Belastung gewesen war, ist sicher in keiner Diagnose irgendwann festgehalten worden. Wie wir oben lesen durften, sind dazu unsere Kliniken und niedergelassenen Ärzte technisch überhaupt nicht in der Lage – geschweige denn, dass ihnen dazu überhaupt ein Anlass zur Annahme bestünde.

    Interessanterweise hört man viel über Zellschäden und Krebs, wenn es um radioaktive Kontamination geht, aber was sie für das Nervensystem bedeutet, kann man nirgendwo erfahren. Es ist leider nicht zu erwarten, das Radioaktivität nicht neuronal Wirksam sei. Da nützt dann sicher auch kein Grenzwert oder eine obere Grenze einer heuristisch erhobenen Maximalbelastung.

  24. @chris

    “Es ist leider nicht zu erwarten, das Radioaktivität nicht neuronal Wirksam sei.”

    Doch, genau das ist zu erwarten. Oder anders herum: Es gibt meines Wissens keinen plausiblen Mechanismus, wie Strahlung bei den hier relevanten Dosisleistungen “neuronal wirksam” sein könnte.

  25. @ Joachim

    -> Was die Dosis betrifft, ist, wenn eine hohe Dosis wirksam sei, auch eine niedrige Dosis wirksam. Wie Einflussreich die dan nist, sei eine andere Frage.

    Dass der dazu notwendig zu beschreibende Mechanismus nicht bekannt ist, ist natürlich kein hinreichender Beweis, dass sich hier nichts bedingen würde. Dazu ist die derzeitige Wissenschaft leider noch erheblich zu wenig Potent, als dass sie wohl dies alles erklären würde können. Wir haben in der historischen Erkenntnis über die Wissenschfaten und ihre Thesen/Theorien schon viel unzureichendes oder gar falsches also solches erklären müssen.

  26. @chris: Dosis facit velenum

    Für chemische Substanzen wird ganz klar erwartet, dass kleinere Dosen keine Schadenswirkung haben (siehe Titelspruch). Für radioaktive Kontaminationn jedoch wird keine Grenzdosis angenommen, obwohl nicht einzusehen ist, weshalb eine andere Situation vorliegt als bei chemischen Substanzen. Auch sie hinterfragen diese Annahme der ganz unterschiedlichen Wirkung von Chemie versus Radioaktivität nicht, wenn sie schreiben: “Was die Dosis betrifft, ist, wenn eine hohe Dosis wirksam sei, auch eine niedrige Dosis wirksam. Wie Einflussreich die dan nist, sei eine andere Frage.”

  27. Wirkungsschwelle

    Wer meinen Beitrag aufmerksam gelesen hat, wird merken, dass ich eine Schwelle in der Wirksamkeit von Strahlung durchaus für plausibel halte. Nur eben nicht für Relevant für den betrieblichen Strahlenschutz.

    Es gibt aber andere Wirkungen als das Krebsrisiko, für die Schwellen bekannt sind und berücksichtigt werden. So liegt die Grenze für die Hautdosis bei 500 MSv, weil bekannt ist, dass bis zu diesem Wert nicht mit Hautverbrennungen (ähnlich dem Sonnenbrand) zu rechnen ist. Allgemein sind für deterministische Strahlenwirkungen Schwellwerte bekannt und werden berücksichtigt.

    Neurologische Störungen sind beispielsweise zu erwarten, wenn die Ionendosis lokal so hoch ist, dass Aktionspotentiale der Neuronen überschritten werden können. Dann kann radioaktive Strahlung tatsächlich unkontrollierte Muskelkontraktionen auslösen. Aber das tritt eben erst bei extrem hohen Dosisleistungen auf.

  28. @ Joachim

    Wie hoch ist eine “extrem hohe” Dosisleistung bei einem einzelnen Neuron? Jede Wette, dass uns die Dosis dazu nicht besonders hoch vorkommt, wenn man sie tatsächlich eindeutig beschreiben könnte (oder würde). All zu groß nämlich ist die energetische Leistung eines Neurons nicht, dass dazu eine (irgendwie) “verhältnismässig” hohe Ionisierungsleistung notwendig ist.

    Elektro-chemisch ist diese Leistungsfähigkeit von Neuronen doch auch vom PH-Wert im Körper/Organ abhängig…!? (was aber jetzt eine andere Problematik anspricht).

    Ganz blauäugig könnte man hinsichtlich der Schwellwerte der Leistung an den Neuronen und Nervenverbindungen auch annehmen, dass Radioaktivität möglicheriwese sogar positiv auf die Entwicklung der Komplaxität und quantitativer Verknüpfung wirkt…!? (Da es ja eine Mindestaktivität/Intensität an Energie/Leistung zur Bildung von neuronalen Verknüpfungen bedarf).

    Wie oben schon erwähnt, scheint es Ergebnisse zu geben, die eben sogar positive Wirkungen von Radioaktivität auf den Organismus möglich erscheinen lassen (Nager in stark kontaminierten Landschaften).

    Ich will hier auch nicht von “Störungen” sprechen, sondern von “Wirkung”, damit hier erstmal keine Bewertung hinsichtlich einer positiv/negativ Hemisphäre entsteht, sondern überhaupt davon gesprochen werden kann, dass es einen Einfluß gibt.

  29. @chris

    Ich habe gerade mal in den oben abgebildeten Buch von Vogt und Schultz nachgeschlagen:

    Schäden den Nervensystems (Krämpfe, Zittern, Bewegungsstörungen,..) treten bei kurzzeitiger Bestrahlung mit etwa 50Gy auf.

  30. @ Martin Holzherr @chris: Dosis facit velenum
    04.10.2012, 13:43

    -> Schon richtig. Ich habe nicht eindeutig zwischen chemischer und radioaktiver Wirkung unterschieden. Ich will hier auch keinen Einfluß vorab ausschliessen, obwohl wi rhier natürlich über Radioaktivität sprechen. Fakt ist aber auch, dass bestimmte radioaktive Elemente natürlich auch nur in einer jeweils bestimmten chemischen Eigenschaft exstieren und so also im Zweifel sogar zwei Faktoren zu beachten seien. Die chemischen Eigenschaften von Plutonium sind nahezu eigenartig und wenn Plutonium zerfällt, hat es eine andere chemische Eigenschaft, weil es auch ein anderer Stoff sei, der da beim Zerfall entsteht.

    So ganz zu trennen sind also die chemischen Eigenschaften von den radioaktiven eben nicht, da sie meist nur in einem Element zuammen vorkommen. Und ob nun bei einem radioaktivem Element die chemische Wirkung bedeutender sei, ist deswegen nur eine Randerkenntis. natürlich nicht, wenn man ausschliesslich auf die radioaktive Wirkung von Elementen eingehen will – wie es der Beitrag eigendlich wollte.

  31. @chris:radioactivity & natural processes

    Hier geht es um Radioaktivitätspegel in der Grössenordnung der natürlichen Radioaktivität, das scheinen sie noch nicht realisiert zu haben.

    Es gibt keinerlei Anzeichen, dass Bewohner von Schwarwzaldgegenden, die ihr Haus auf “radioaktives Erz” gebaut haben psychische Störungen oder Anzeichen einer anderen neuronalen Aktivität haben.

    Es gibt Gegenden wie Ramsar in Persien oder an der Westküste des indischen Bundesstaates Kerala, die haben eine “natürliche” Hintergrundsstrahlung, die 20 bis 50 Mal höher liegt als im Durchschnitt in Deutschland. Die Menschen an der Westküste von Kerala bei Karunagappally sind einer Hintergrundstrahlung von bis zu 70 mGy/Jahr ausgesetzt, zeigen aber keine veränderte Gehirnaktivität oder neuronale Probleme und sie werden sogar überdurchschnittlich alt für indische Verhältnisse.

    Kürzlich las ich einen Bericht über das Auslösen von Aktionspotentialen in Nervenzellen. Und dort gibt es das Problem der spontan ausgelösten Aktionspotentiale. Übrigens ganz unabhängig von Radioaktivität. Die Natur hat dieses Problem durch verschiedene Mechanismen gelöst. Man kann ziemlich sicher sein, dass eine Verdoppelung oder auch Verzehnfachung der natürlichen Hintergrundstrahlung bei diesem Problem überhaupt keine Rolle spielt.

  32. Joachim @chris
    04.10.2012, 14:33

    “Schäden den Nervensystems (Krämpfe, Zittern, Bewegungsstörungen,..) treten bei kurzzeitiger Bestrahlung mit etwa 50Gy auf.”

    -> Sind de Symptome bei der Strahlungsleistung dauerhaft vorhanden oder nur während der Bestrahlung?

    Ausserdem soll eine solche Dosis (50 Gy) schon tödlich für den Menschen sein (Wikipedia_Strahlendosis).
    Kann eine solche Strahlendosis auch partiel eingebracht oder erreicht werden? Etwa nur im Gehirn…

  33. @chris: Strahlung oder Radionuklide

    @chris: 04.10.2012, 14:37

    Die Wirkungen von Radionukliden im Körper ist sicherlich sehr spannend, seien es radiologische oder biochemische Wirkungen und seien es Wirkungen der Substanz selbst oder ihrer Zerfallsprodukte. Aber wir kämen damit doch ein bißchen weit weg vom ursprünglichen Thema des betrieblichen Strahlenschutzes.

  34. @ Joachim

    -> Allein aufgrund der Hintergrundstrahlung kann man nicht hinreichend auf die Strahlenbelastung schliessen. Es ist ein Unterschied, ob wir von ausserhalb des Körpers bestrahlt werden oder die Strahlenquelle im Körper sich befindet. Eine höhere Hintergrundstrahlung könnte zwar eine größere Gefahr für die Aufnahme der radioaktiven Elemente darstellen und besonders in freier Natur begünstigen, kann aber nicht proportional hochgerechnet werden, sodas man hierbei “unbedingt” eine Korrellation von Hintergrundstrahlung und psychischen verhaltensweisen oder neuronalen “Störungen” schliessen kann – zumindest nicht, wenn man nur “berechnet und sich am Menschen das Verhalten anschaut.

    Sonderbar auch, dass man psychische Störungen etwa aus europäischer Sicht bei Indern erkennen will können. Gibt es da nicht noch erhebliche Kulturell bedingte Unterschiede, die vorher herrausgerechner werden müssten? Dass sie nachgwiesenermaßen keine veränderte Gehinraktivität aufzeigen, sei vielleicht aber schon ein kleiner Hinweis auf eine gewisse Unbedenklichkeit. Andererseits habe ich noch kein besonderes vertrauen in die wirkliche Brauchbarkeit der technischen Möglichkeiten Gehirnaktivität detailreich genug darzustellen, um vielleicht tatsächlich bestehende Unterschiede zu erkennen (welche derzeit noch dahingehend gerechtfertigt werden, dass sie individueller Natur seien und nicht aufgrund besonderer Einflüsse auf den Organisus)…

    @ Rainer K.

    -> Sollten sich bestimmte Wirkungen noch herrausstellen, dann sind wir sicher nicht zu weit vom betrieblichen Strahlenschutz entfernt – der dann ja in dem sich ergebenen Sinne an die Begebenheiten anpassen müsste.
    Sicher aber sei erstmal mit dem derzeitigen Strahlenschutz insofern genüge getan, dass man sich darum gedanken machte und (vielleicht) sehr sinnvolle Abschätzungen der Gefahren getroffen hat.

  35. @chris: Missverständnis Backgroundradiat

    Hintergrundstrahlung umfasst auch die Bestrahlung von innen. Jeder Mensch wird – unter anderem – durch Kalium 40, also ein Variante des lebensnotwendigen Elements Kaliums bestrahlt. Diese “innere” Bestrahlung zählt man zur Hintergrundstrahlung dazu.
    Auch die Bewohner von Ramsar (Iran) erhalten wohl einen Teil der Strahlendosis, die sie abbekommen über das getrunkene Radium-226, welches eben nicht nur in den dortigen heissen Quellen (übrigens eine Touristenattraktion) vorkommt, sondern auch im normalen Trinkwasser.

    Sie schreiben: “Allein aufgrund der Hintergrundstrahlung kann man nicht hinreichend auf die Strahlenbelastung schliessen. Es ist ein Unterschied, ob wir von ausserhalb des Körpers bestrahlt werden oder die Strahlenquelle im Körper sich befindet.” und scheinen damit anzunehmen, der Ausdruck “Hintergrundstrahlung” bedeute, dass die Strahlung vom Hintergrund, also von aussen kommt. Dem ist aber nicht so. Hintergrundstahlung misst die Summe aller Strahlungsquellen.

  36. @Chris, 04.10.2012, 14:48

    Bei 50 Gy Bestrahlung gibt es quasi keine dauerhaften Schaeden mehr. Die toedliche Dosis (wie immer man sie definiert) liegt AFAIR bei wenigen Gray (bzw. Sievert).

  37. Ah, erst lesen…

    Anyway. Fuer Maeusetests o.ae. kann man die Strahlung sicherlich ausrichten, allerdings ist das eine Experimentierumgebung. Fuer alle praktischen Zwecke kannst du derartige Dosen vernachlaessigen. Da musst du dich schon anstrengen, um das abzubekommen, selbst wenn du in einem Kernkraftwerk o.ae. arbeitest.

  38. Freies Assoziieren

    Ja, 50 Sv Ganzkörperbestrahlung ist mit Sicherheit nach wenigen Stunden bis Tagen tödlich. Ob man 50 Sv Organdosis überleben kann, weiß ich nicht. Vermutlich nicht ohne bleibende Schäden.

    Was mögliche Effekte ganz schwacher Strahlungsfelder betrifft, bin ich dafür, dass wir vernünftig bleiben. Wenn Einflüsse weder beobachtet werden noch ein plausibler Wirkungsmechanismus bekannt ist, dann können wir aufgrund solcher ausgedachter Risiken auch keine Konsequenzen ziehen. Andernfalls müsste man auch die Höchstgeschwindigkeit von Schnellzügen auf 15km/h begrenzen, falls es doch irgendwelche Langzeitfolgen des Geschwindigkeitsrausches gibt, wie zum Beginn des Eisenbahnzeitalters befürchtet.

  39. Die Aussage, dass die Hormesis-Hypothese

    am Menschen nicht zu “Testen wäre” ist blanker unsinn: Es gibt z.b. Studien aus dem Medizinischen Bereich die genau solche Daten liefern(z.b. Canadian Flouroskopie) aber aauch auswertungen von Hiroshima bei denen die direkte Neutronenstrahlung ausgeklammert wurde(Sichtkontakt zum Feuerball) liefern klare Hinweise auf eine Schwelle(oder Hormesis). Ausch Therapeutisch wurde dieser Effekt schon eingesetzt. Eine der Umfangreichsten Recherchen dazu hat vermutlich der Amerikanische Physik UND Mediziner Myron Polycove zusammengetragen(googeln hilft). 🙂

  40. Die Aussage, dass die Hormesis-Hypothese

    nicht am Menschen überprüfbar wäre ist blanker Unsinn. Sutiden aus dem Medizinischen Bereich(z.b. Canadian Fluoroskopy) belegen das Gegenteil. Auch Manche Auswertungen von Hiroshima/Nagasaki(solche bei denen Neutronenbestrahlung/direkter Sichkontakt zum Feuerball) ausgeklammert wurden legen die existenz einer Schwelle(oder Hormesis) nahe. Auch Tehrapeutisch wurde dieser Effekt schon eingestzt. Eine der Umfangreichsten Datensammungen zu diesem Thema wurde vom amerikanischen Physiker UND Mediziner Myron Polycove zusammengetragen. -googeln hilft. 😉

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