Mathe und Informatik in Entwicklungsländern

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Versuch einer Aufklärung
Quantensprung

Das “hot topic” des HLF14 “Wie Mathematik und Informatik die weitere wirtschaftliche Entwicklung von Schwellenländern fördern könnten” machte heute deutlich, wie vergleichsweise jung die Informatik und Mathematik als Forschungsgegenstand in einzelnen Entwicklungsländern sind. So ist beispielsweise Mathematik in manchen Ländern anscheinend noch eine junge Wissenschaft. Diesen Eindruck vermittelte Peter Benner vom Max-Planck Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme, Magdeburg, der die erste Abteilung für Mathematik an der Escuela Politécnica Nacional in Ecuador vorstellte. Sie war erst im Jahr 1975 gegründet worden.

Noch bis 2003 gab es schließlich keine mathematische Forschung in Ecuador, aber immerhin 150 Mathematiker mit Masterabschluss. Schließlich entstand in Kooperation mit der TU Berlin, an der Benner zu jener Zeit noch war, über den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) die Idee, ein Doktorandenprogramm in angewandter Mathematik aufzustellen.

Hermann Mena war der erste Ecuadorianische Mathematiker, der im Rahmen dieses Programms promovierte. Mena erinnert sich an die Anfänge seiner Doktorarbeit: “Wir suchten nach einem Thema, das die Allgemeinheit wirklich interessiert.” Was die Gemüter in Ecuador zu Beginn des neuen Jahrtausends wirklich bewegte, war ein Rechtsstreit zwischen den Staaten Ecuador und Kolumbien wegen eines bestimmten Unkrautvernichtungsmittels (Glyphosat), das auf kolumbianischer Seite nahe der Grenze recht großzügig per Flugzeug versprüht wurde. Das hat zwar die Koka-Pflanzen in Kolumbien effektiv vernichtet, war auf ecuadorianischer Seite aber wegen seiner potenziellen weiteren (Neben)-Wirkungen auf Flora, Fauna und Mensch unerwünscht.

Hermann Mena    Credit: hlff / Flemming
Hermann Mena Credit: hlff / Flemming

Weil das Thema politisch hoch brisant war, haben Mena und Benner nicht einen konkreten Nachweis gesucht, sondern für definierte Grenzabschnitte verschiedene Szenarien untersucht und per Computerprogramm die Ausbreitung des Unkrautvernichtungsmittels simuliert. Ergebnis: Ja, unter bestimmten Bedingungen war eine Verbreitung des Mittels auch in Ecuador möglich. Ein Puzzlestein für die weiteren Verhandlungen mit Kolumbien (mehr zum Projekt). In Folge dieser mathematischen internationalen Kooperation sind inzwischen viele mehr entstanden und inzwischen gibt es in Ecuador an drei Hochschulen Fakultäten für Mathematik und das Land zählt seit 2014 auch zur International Mathematical Union (full membership application).

Die Länderberichte weiterer begeisterter Wissenschaftler – Adamou Ibrahim aus Niger; Pheakdey Nguonphan aus Kambodscha – klangen da viel ernüchternder. Mathematik werde etwa primär nur als Fach verstanden, das man in der Schule lehre, aber nicht an Universitäten als eigenständige Forschungsgebiete. Es herrsche großer Mangel an Lehrmaterial wie Lehrpersonal. Um überhaupt Interesse zu schaffen und Aufmerksamkeit für ihre Fachgebiete zu erreichen, behelfen sie sich einfacher Mittel, wie Mathe-Quiz-Aufgabe in Zeitschriften, Mathe-Olympiaden oder Informatikfestivals.

Wie sehr Mathematik und Informatik wirtschaftlichen Aufschwung unterstützen können, belegte umgekehrt P J Narayanan vom International Institute of Information Technology im indischen Hyderabad. Er berichtete von mehreren Millionen professionellen Informatikern in Indien, von sehr gut bezahlten Arbeitsplätzen, die Menschen ihre Würde geben. Dank der Informatik sei es seinem Land gelungen, Respekt zu gewinnen. “Wir sind von Schlangenbeschwörern zu Python Programmieren mutiert.” Narayanan möchte aber noch mehr erreichen. Er beklagt, dass Informatiker in seinem Land sozusagen dem Mammon in die großen Unternehmen folgen (Google, Facebook, Twitter, Yahoo, Microsoft…) und sich in die Heerschar der weltweit verteilternProgrammierer einreihen. Deshalb fehle es an wissenschaftlichem Nachwuchs – allerdings bei weitem nicht so dramatisch wie in anderen Ländern.

Die Forschung stärken und die Lehre verbessern, könnten nun explizit das Internet mit seiner offenen Lehrstruktur. Dies war Konsens in der abschließenden Diskussionsrunde. Massive Open Online Courses (MOOCs), die kostenfrei heute von renommierten Universitäten wie kleinen Unternehmen angeboten werden und weitere Online-Lehrmodelle könnten zumindest für erste Schritte wirklich helfen.

Hot Topic Panel from left credit: hlff / Kreutzer
Hot Topic Panel from left Pheakdey Nguophan; Amadou Ibrahim; Peter Benner; Hermann Mena; Ingrid Daubechies; Mohammad Kaykobad; P J Narayanan; Vint Cerf
credit: hlff / Kreutzer

Dieser Beitrag erschien zuerst im offiziellen Blog des Heidelberg Laureate Forums 2014, bei dem 24 Abel-, Fields-, Turing- und Nevanlinna Laureaten mit 200 Nachwuchswissenschaftlern aus der Mathematik und Informatik eine Woche gemeinsam diskutiert haben. Der Titel und Text wurden etwas geändert.

Beatrice Lugger

Veröffentlicht von

Beatrice Lugger ist Diplom-Chemikerin mit Schwerpunkt Ökologische Chemie. Neugierde und die Freude daran, Wissen zu vermitteln, machten aus ihr eine Wissenschaftsjournalistin. Sie absolvierte Praktika bei der ,Süddeutschen Zeitung' und ,Natur', volontierte bei der ,Politischen Ökologie' und blieb dort ein paar Jahre als Redakteurin. Seither ist sie freie Wissenschaftsjournalistin und schreibt für diverse deutsche Medien. Sie war am Aufbau von netdoktor.de beteiligt, hat die deutschen ScienceBlogs.de als Managing Editor gestartet und war viele Jahre Associated Social Media Manager der Lindauer Nobelpreisträgertagung, des Nobel Week Dialogue in 2012/2013 und seit 2013 berät sie das Heidelberg Laureate Forum. Kommunikation über Wissenschaft, deren neue Erkenntnisse, Wert und Rolle in der Gesellschaft, kann aus ihrer Sicht über viele Wege gefördert werden, von Open Access bis hin zu Dialogen von Forschern mit Bürgern auf Augenhöhe. Seit 2012 ist sie am Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation, NaWik - und seit 2015 dessen Wissenschaftliche Direktorin. Sie twittert als @BLugger.

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