Wir sind uns einig, dass wir uns uneinig sind

Psychologieblog

– „,Geboren werden heißt, in Konflikte zu geraten’, hab ich letztens irgendwo gelesen.“
– „Sehe ich nicht so.“
– „Ist aber so.“

 

Wir alle haben Konflikte mit unseren Mitmenschen (und mit uns selbst). Soziale Konflikte entstehen immer dann, wenn unterschiedliche Bedürfnisse, Interessen und Vorstellungen aufeinanderprallen und für den Moment unvereinbar erscheinen. Sie sind alltäglich und menschlich. In Seminaren bestätigen in der Regel alle Teilnehmer, dass keiner gerne in einen Konflikt gerät. Aber auf den Vorschlag hin, alle Konflikte hier und heute abzuschaffen, schaue ich in nachdenkliche Gesichter. Wo wären wir ohne Auseinandersetzung und Streit? Ohne Konflikte wären Veränderung, Weiterentwicklung und Fortschritt unmöglich und unser Leben würde zum Stillstand kommen. Sie beinhalten eine Alarmfunktion und weisen auf bestehende Probleme hin. Sie setzen Energien frei, regen Interesse und Neugierde an und verhindern Stagnation. Sie lösen persönliche sowie gesellschaftliche Veränderungen aus und können Handlungsspielräume erweitern.[i]

Dass Menschen die Welt unterschiedlich betrachten, beschreiben und bewerten, ist bekannt. Gäbe es nur eine einzige Wahrheit, könne man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen, wusste schon Pablo Picasso.[ii] Wir sehen unsere Umwelt eben nicht objektiv wie eine Kamera, sondern in höchstem Maße subjektiv. Wahrnehmung ist ein aktiver Prozess, der der Interpretation unterliegt. Unser Gehirn wird ständig mit großen Datenmengen konfrontiert, vieles davon ist sinnlos oder auch widersprüchlich. Aus dieser Flut von Sinneseindrücken setzt unser Gehirn eine oder mehrere mögliche Repräsentationen der Wirklichkeit zusammen. Aus der Fülle möglicher Deutungen muss es die plausibelste auswählen und allzu Ungewöhnliches verwerfen. Deshalb können wir beispielsweise auch dann Sätze verstehen, w nn der T xt lück nhaft ist oder die Buchstabenreihenfolge enifcah vretaucsht wrude. Zudem sehen wir, was wir zu sehen erwarten. Und diese Erwartung ist nicht nur von unserer Umgebung beeinflusst, sondern auch von unseren Werten und Erfahrungen, unserem Wissen und unserer Stimmung. Jeder von uns hat seine individuelle Vorstellung von der Welt. Das Konfliktpotenzial, das sich allein durch die Verschiedenheit der Wahrnehmung und der daraus abgeleiteten Annahmen über die Welt ergibt, ist riesig. Gerade in Konfliktsituationen wird deutlich, wie verschieden ein und derselbe Sachverhalt von den Beteiligten interpretiert und bewertet wird.

Da Konflikte alltäglich und notwendig sind, brauchen wir nicht nach einem durchweg harmonischen und konfliktfreien Alltag streben. Auseinandersetzungen, Kontroversen und Streit gehören zum Leben dazu. Der Versuch, jeglichen Konflikt zu vermeiden, muss scheitern, denn ein Leben ohne Konflikte bedeutet, wie gesagt, Stillstand. Jede Entscheidung setzt einen Konflikt voraus, der gelöst werden muss. Konflikte sind besser als ihr Ruf.

Wer in einen Konflikt verwickelt ist, regiert aufgrund unserer unterschiedlichen Wahrnehmung nicht auf dieselben „Tatsachen“, konstruiert nicht dieselben Erklärungen und bewertet sie verschieden. Wenn wir diese Gegebenheiten im Blick behalten, können wir gelassener mit Konflikten umgehen. Wir müssen uns nicht mehr darum streiten, wie die Wirklichkeit wirklich ist. Wir können toleranter gegenüber den Wirklichkeiten anderer sein, denn diese haben die gleiche Berechtigung wie unsere eigene. Damit brauchen wir Meinungsverschiedenheiten und unterschiedliche Vorstellungen und Auffassungen von der Welt nicht als Angriff auf unser persönliches Erleben zu interpretieren. Differenzen im Denken, Fühlen und Wollen können, müssen aber nicht zu Konflikten führen. Es kommt darauf an, wie wir mit unseren Unterschiedlichkeiten umgehen. Dieses bewusste Wissen kann helfen, im Konfliktfall nicht dem Impuls nachzugeben, übereilt zu reagieren. Handeln Sie vorerst gar nicht, dann können Sie in Ruhe überlegen, was eigentlich Ihr aktuelles Ziel ist. Und wahrscheinlich trägt das sogar maßgeblich zur Konfliktlösung bei.

 

Das ist ein Beitrag aus meinem Buch: „Das kleine Handbuch für mehr Gelassenheit im Alltag“, (2013), Freiburg im Breisgau: Kreuz Verlag.


[i] Berkel, K. (1999, 6. Auflage): „Konflikttraining. Konflikte verstehen, analysieren, bewältigen“, Heidelberg: Sauer Verlag.

[ii] aus: Peter Schifferli (Hrsg., 1957): „Pablo Picasso. Wort und Bekenntnis. Die gesammelten Dichtungen und Zeugnisse“. Frankfurt am Main: Ullstein Verlag.

Katja Schwab

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

12 Kommentare

  1. Sich darüber einig werden zu können in einer Frage uneinig zu sein, ist in der Tat eine wertvolle Abstraktion oder eine soziale Errungenschaft.
    Danke für diesen Beitrag aus Ihrem Buch,
    MFG
    Dr. W

  2. “Ohne Konflikte wären Veränderung, Weiterentwicklung und Fortschritt unmöglich und unser Leben würde zum Stillstand kommen.”

    Wenn man die INTRIGANTEN wirtschaftlichen und sozialen Konflikte (“gut & böse”, arm & reich, Gewinner & Verlierer, “Entwicklungshilfe” & “soziale Errungenschaften”) global betrachtet, dann ist der bewußtseinsbetäubende Zynismus und die ignorante Arroganz der westlichen Welt im nun “gesunden” Konkurrenzdenken des “freiheitlichen” Wettbewerbs um … doch besonders deutlich – die Globalisierung der “Dienstleistungsgesellschaft”, mit Veränderungen die den Stillstand der “Dritten Welt” als Fortschritt für nun alle weiterentwickelt, im gleichbleibend Verhältnis von 1:5 der Weltbevölkerung!? 🙁

    Die destruktiven Konflikte dieser Welt- und “Werteordnung” im “Recht des Stärkeren”, sind bezeichnend für unseren geistigen Stillstand, seit der “Vertreibung aus dem Paradies” (geistiger Evolutionssprung), mit hierarchieschem, teils systemrational-LOGISCH brutal-eskalierendem Egoismus des “Individualbewußtseins”, wo längst konstruktive Konflikte die Möglichkeiten eines geistig-heilenden Selbst- und Massenbewußtseins mit wirklich-wahrhaftige Vernunft zweifelsfrei menschenwürdig gestalten sollten.

  3. “Geboren werden heißt, in Konflikte zu geraten’, hab ich letztens irgendwo gelesen.“

    Und weil das im Kreislauf dieser hierarchisch-menschenverachtenden Realität immer so war und ist, predigen unsere zeitgeistlichen “Geistlichen”, ebenso leichtfertig-kapitulativ zum System, daß wir unsere Vernunft möglichst frühzeitig auf den Tod vorbereiten, ANSTATT auf ein wirklich-wahrhaftiges Zusammenleben OHNE … – so erschafft man funktionale Soldaten für alle wettbewerbsbedingten …losigkeiten 😉

  4. Indem man weniger bewertet und Wertungen abgibt entstehen weniger Konfliktsituationen. Da ein mensch immer nur sich selbst ändern kann und nie andere nutzt es wenig den “dicken von nebenan” zu bewerten und sich über ihn Gedanken zu machen. Es wäre weitaus sinnvoller wenn man sich selbst ändert anstatt mit ihm über seine Probleme zu reden. Denn wenn ich aufhöre ihn zu bewerten und ändern zu wollen dann wird er ein Mensch wie jeder andere auch.

    Und wenn man dann schon nicht mit bewerten aufhören kann was es durchaus geben soll :))) dann hat man noch die Möglichkeit etwas neutral zu bewerten, das wäre der Mittelweg und vorrübergehend wären wir uns einig, dass wir uns einig sind bis wir eine andere Lösung gefunden haben die uns beiden besser gefällt.

    • Ich denke, das Problem liegt eher darin, dass sich viele Leute, die “bewerten” oder kritisieren oder streiten sich nicht wirklich der tieferen Bedeutung dessen was sie tun bewusst sind. Sie tun es aus einem Antrieb heraus, vergessen aber darüber nachzudenken und es richtig einzuordnen.
      Der Ratschlag weniger zu bewerten oder Wertungen abzugeben ist zudem schwer an andere vermittelbar und kann selber wieder zu Streit und zu Konflikten führen. Auch das Unterdrücken von Regungen, sich kiritisch zu äussern kann sich negativ auswirken. Nehmen wir als Beispiel einen Mann, der seine Freundin kritisiert, weil sie ein Kleidungsstück mit Pelz gekauft hat, was er angesichts des damit verbundenen Tierelends für unverzeihbar hält. Gemäss ihrem Ratschlag sollte er einen Konflikt vermeiden indem er seine Freundin nicht darauf anspricht. Doch das kann falsch sein, wenn es ihn innerlich so stark beschäftigt, dass er es einfach nicht ignorieren kann.

      • Ich denke, das Problem liegt eher darin, dass sich viele Leute, die “bewerten” oder kritisieren oder streiten sich nicht wirklich der tieferen Bedeutung dessen was sie tun bewusst sind.

        Jenau. Die Bedeutung des Lebens ist von anderen, außer von Ihnen, noch weitgehend unerkannt.


        Ansonsten bleibt es natürlich schon ein wichtiges zivilisatorisches Merkmal anderer Meinung als der andere sein zu dürfen ohne sich seiner gesellschaftlichen Position und der Position anderer fortlaufend gewahr sein zu müssen, ohne bspw. mit direkter Konditionierung rechnen zu müssen.
        Das ist alles andere als selbstverständlich, hier prohibitiv wirkende minderwertige Gesellschaftsyssteme gibt es auch heute noch en masse.

        MFG
        Dr. W

      • @Holzherr

        🙂 weil es hier mal wieder so schön paßt:

        “Ich habe mich oft gefragt, ob nicht gerade die Tage, die wir gezwungen sind, müßig zu sein, diejenigen sind, die wir in tiefster Tätigkeit verbringen? Ob nicht unser Handeln selbst, wenn es später kommt, nur der letzte Nachklang einer großen Bewegung ist, die in untätigen Tagen in uns geschieht?
        Jedenfalls ist es sehr wichtig, mit Vertrauen müßig zu sein, mit Hingabe, womöglich mit Freude.” (Rainer Maria Rilke)

        Doch leider: ;-(

        “Nicht Mangel an Geist, sondern ein Geist*, der sich ununterbrochen selbst gegenwärtig ist, eine Ausgeglichenheit gegen die nichts und niemand ankommt. Die Menschen reden, die Karawane zieht vorüber: Die Dummheit erkennt man an jenem ruhigen Fortschreiten eines Wesens, das Worte von aussen weder ablenken noch berühren können. Sie ist nicht das Gegenteil der Intelligenz, sondern jene Form der Intellektualität, die alles auf ihr eigenes Maß zurechtstutzt und jeden Anfang in einem vertrauten Vorgang auflöst. Der Dummheit ist nichts menschliches jemals fremd; die macht – über die Lächerlichkeit hinaus – ihre unerschütterliche Kraft und ihre mögliche Grausamkeit aus.” (Alain Finkielkraut) *Zeitgeist / “Individualbewußtsein”

    • “Indem man weniger bewertet und Wertungen abgibt entstehen weniger Konfliktsituationen.”

      Ich wiederhole es gern: die URSACHE aller Konfliktsituationen unseres GEBILDETEN “Zusammenlebens” in der Realität der materialistischen UNWAHRHEIT von Ausbeutung und Unterdrückung, ist der nun “freiheitliche” Wettbewerb um …, dieser Welt- und “Werteordnung” im “Recht des Stärkeren” – eine neutrale / selbstkritische Bewertung von sich selbst und einzelnen Menschen, ist eh so blödsinnig, zynisch-ignorant und arrogant wie das “Individualbewußtsein” logisch brutal-egoisierend eskaliert, in der Hierarchie von und zu materialistischer “Absicherung”!?

      Wir sind alle im SELBEN Maß durchströmt vom Geist der “Gott”, für die GEMEINSAME Entwicklung von Vernunftbegabung (egal wo sie nun her kommt) zu geistig-heilendem Selbst- und Massenbewußtsein (“Zentralbewußtsein” / Friede, Freude, Eierkuchen, “wie im Himmel all so auf Erden”) – stände hinter der Schöpfung nur eine illusionäre Sinnhaftigkeit von zufälliger Einmaligkeit, wie es nicht nur die Wissenschaft propagiert, dann wäre jede moralisierende Kommunikation nur intrigant-heuchlerischer Humbug, und wir sollten besser jeden Konflikt in Totalitarität ausleben!? 🙁

      Und jetzt bitte KEINE Bewertung(en), sondern “so” oder “so” konstruktive Gedanken 😉

      • KEINE … – Ach ja, das wird schwierig, denn ich greife, mit meinem Text, ein, über die systemrational-gebildete Suppenkaspermentalität, bis in die Tiefen des Unterbewußtsein, manifestiertes Weltbild seit der “Vertreibung aus dem Paradies” (geistiger Evolutionssprung, leider nur in den geistigen Stillstand) an 😉

  5. Da er nicht weiss wie oder woran das Tier gestorben ist, sollte er darüber nicht vorschnell urteilen. Und da er nicht herausfinden kann wie genau dieses Tier gestorben ist müsste er es neutral bewerten denn eine andere Möglichkeit bietet sich ihm nicht an wenn er einige Zeit darüber nachdenkt. Da seine Freundin über das Kleidungsstück glücklich ist kann er sich für sie freuen. Realistisch betrachtet hätte er damit keinen Grund mehr sich zu ärgern.

  6. Ein schöner Text, toll und anschaulich geschrieben!
    Konfliktwahrnehmung ist aber nur eine Seite der Medallie. Wenn es um Interessen (“Ich will das letzte Stück Kuchen!”) oder zentrale Werte geht, kann man trotz Toleranz schon einmal die Gelassenheit verlieren 😉

  7. Bereits unsere Sinne reagieren nur auf Reizunterschiede. Gleichbleibende Reize werden ignoriert (Habituation, Adaption) oder erst gar nicht wahr genommen

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