Während wir warten …

Psychologieblog

„Herzlich willkommen. Leider sind im Augenblick alle Leitungen belegt. Bitte haben Sie ein wenig Geduld. Wir sind gleich für Sie da.“

„Meine Damen und Herren, unser Zug hat auf Grund von Bauarbeiten eine Verspätung von etwa zwanzig Minuten. Über die Anschlussmöglichkeiten in Musterstadt werden wir Sie rechtzeitig informieren.“

„Bitte haben Sie einen Moment Geduld. Ihr Anliegen ist uns wichtig, bleiben Sie in der Leitung, Sie werden so schnell wie möglich verbunden. Bitte warten Sie noch einen Augenblick, der nächste freie Mitarbeiter ist sofort für Sie da.“

„Staumeldung auf der A 100, Stadtring, wegen eines Unfalls zwischen Wexstraße und Kurfürstendamm. Bitte umfahren Sie diesen Bereich weiträumig.“

„Bitte warten Sie anschließend im Wartebereich, bis Sie aufgerufen werden. Die Wartezeit kann etwas länger dauern. Haben Sie bitte Geduld.“

 

Ob im Stau, in Ämtern, an der Kasse, in der Kantine oder am Telefon – wir müssen warten und uns in Geduld üben. Eine Tugend, die nur wenige von uns beherrschen. Laut Aristoteles liegt jede Tugend als „Mitte“ zwischen zwei Extremen.[i] Damit legt Aristoteles einen Grundstein, der für vieles im Leben gilt. Wenn wir die Balance halten beziehungsweise unsere Mitte finden, sind wir auf der sicheren Seite. Und trotzdem fällt es uns bei alltäglichen Unannehmlichkeiten und Ärgernissen häufig schwer, im Gleichgewicht zu bleiben.

Frustrierende und entnervende Vorkommnisse wie die oben geschilderten werden in der Stressforschung als kleine Stressoren des Alltags, so genannte daily hassles bezeichnet. Alltagswidrigkeiten können vor allem dann zu einem echten Stressfaktor werden, wenn sie als negativ empfunden und bewertet werden. Dabei „helfen“ uns unsere individuellen Stressverstärker. Einer der häufigsten ist Ungeduld. Wir können es nur schwer ertragen zu warten, vor allem, wenn wir keine Verzögerungen eingeplant haben. Sprechen wir alltäglichen Ärgernissen noch eine subjektive Bedeutung zu, wie zum Beispiel „Immer passiert mir so was“ oder „Ich bin eben ein Pechvogel“, werden sie zu so genannten zentralen hassles und stehen in engem Zusammenhang mit dem Auftreten psychosomatischer Symptome.[ii]

Geduld geht auf das urgermanische ga-thuldis zurück mit der indogermanischen Verbwurzel tol beziehungsweise tla, was so viel wie tragen oder eben ertragen bedeutet. Und tatsächlich müssen wir immer wieder kleine Unterbrechungen und Störungen unseres Tagesablaufs ertragen. Ob sich der Stau auflöst, ob die Bahn sich verspätet oder wir schneller in einer Warteschlange aufrücken können, liegt außerhalb unseres Einflussbereichs. Die eigene Macht- und Hilflosigkeit irritiert und ärgert uns. Wir sind angespannt, nervös, gereizt und genervt, trommeln mit den Fingern auf dem Lenkrad herum, wippen mit den Füßen und steigern uns immer weiter in unsere Erregung hinein.

Hinter dem ganzen Ärger steckt die Überzeugung, dass Warten vertane Zeit sei, die wir anders viel besser zu nutzen wüssten. Wir wollen unsere Zeit auf keinen Fall vergeuden oder sinnlos verstreichen lassen. Schließlich gibt es doch noch so viel zu tun und zu erledigen. „Zeit ist Geld.“ Dieses geflügelte Wort von Benjamin Franklin ist zwar schon über zwei Jahrhunderte alt, hat aber trotzdem nicht an Aktualität eingebüßt. Langfristig glücklich macht uns eine solche Einstellung allerdings nicht, ergab eine Studie von Sanford DeVoe, Professor an der kanadischen Rotman School of Management, und seinem Doktoranden Julian House. Die Zeit-ist-Geld-Einstellung führe dazu, dass die Menschen den ökonomischen Wert der Zeit optimieren wollen. Dadurch vernachlässigen sie die nicht-messbaren Vorteile jener Erfahrungen, die ihnen eigentlich Freude bereiten.[iii] Es liegt in unserer Hand, ob wir Wartezeiten sinnvoll nutzen oder nicht. Wartezeit ist vielleicht gar keine verschwendete Zeit, sondern zusätzliche Zeit, die wir geschenkt bekommen. „Warten zu müssen ist eine freundliche Einladung zu einer kleinen Meditation“, lautet ein Aphorismus von Andreas König. Oder zu einem Gespräch mit dem Beifahrer. Oder um den Podcast endlich mal in Ruhe zu hören. Es gibt viele Möglichkeiten, Wartezeiten zu nutzen, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Wer Zeit als monetäres Gut interpretiert, wird blind für die schönen Dinge des Lebens. Wenn wir Wartezeiten als willkommene Pausen im temporeichen Leben betrachten, in denen wir innehalten, aus dem Fenster schauen, die Menschen beobachten, die Welt im Hier und Jetzt wahrnehmen können, werden wir geduldiger. Und diese Geduld ermöglicht uns den Genuss der flüchtigen Stunde.

Das charakteristische Merkmal von Ungeduld ist, dass wir uns schwer damit tun, zu warten: Warten an der Haltestelle, warten auf eine Lieferung, warten auf eine Verabredung, warten in der Schlange, warten, bis die Kartoffeln gar sind, warten auf Zusagen, warten auf Ergebnisse, warten auf die Liebe, warten auf Wunder, warten auf bessere Zeiten. Warten ist ein zentraler Bestandteil unseres Lebens. Wir warten nicht nur auf die Auflösung des Staus, um weiter zu fahren, sondern auch darauf, dass sich unsere Wünsche und Vorstellungen unmittelbar erfüllen und wir unsere Ziele schnell erreichen, um im Leben weiter zu kommen. Wir wollen alles sofort haben und die Zwischenfälle, die uns widerfahren, betrachten wir als unerwünschte Störung.

Der Schriftsteller Heinrich Spoerl erzählt die Geschichte eines jungen, ungeduldigen Bauern, der sich wie die meisten von uns schlecht aufs Warten versteht.[iv] Er wollte nicht das, was er hatte, sondern das, was er nicht hatte. All sein Streben und Sehnen, alle Gedanken und Gefühle richteten sich auf den Zeitpunkt, an dem er endlich seine Liebste treffen würde. Ein kleines Männlein gab ihm einen Zauberknopf, den er immer dann drehen solle, wenn ihm die Zeit zu langsam vergehe. Der junge Bursche drehte den Knopf und schon lächelte ihn seine Liebste an. Und wieder drehte er den Knopf und schon feierten sie Hochzeit. Schnell kam der Wunsch nach einem neuem Haus, nach Kindern und anderem Neuem, das er nicht erwarten konnte. So drehte er immer wieder am Zauberknopf. Ehe er es sichs versah, war er ein alter Mann und der Tod nah. Sein Leben war wie im Flug an ihm vorbeigerauscht – er wünschte sich sehnlichst seine Lebenszeit zurück. Richten wir unsere gesamte Aufmerksamkeit ausschließlich auf das Ziel in der Zukunft, übersehen wir die vielen schönen Dinge am Wegesrand in der Gegenwart.

In der Geschichte war es der Zauber in Form eines magischen Knopfes, der die Dinge im Sinne des jungen Bauern vorantrieb. In der Realität verleitet uns Ungeduld dazu, unsere Angelegenheiten zu schnell vorantreiben zu wollen. Wenn wir ungeduldig sind, erwarten wir, dass die Dinge einfacher und zügiger zu lösen sind, als es tatsächlich der Fall ist. Diese Erwartung ist irrational. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Die Kunst ist vielmehr, Grenzen zu akzeptieren und das Warten zu lernen. Denn „wer für kleine Dinge keine Geduld aufbringt, wird bei großen Vorhaben scheitern“, wusste bereits Konfuzius.

 

Das ist ein Beitrag aus meinem Buch: „Das kleine Handbuch für mehr Gelassenheit im Alltag“, (2013), Freiburg im Breisgau: Kreuz Verlag.


[i] Aristoteles (2002, 5. Auflage): „Die Nikomachische Ethik“, Aus dem Griechischen und mit einer Einführung und Erläuterungen versehen von Olof Gigon, München: dtv, S. 141.

[ii] z.B. Monroe, Scott M., Imhoff, Donald F., Wise, Beverly D. & Harris, Joyce E. (1983): „Prediction of psychological symptoms under high-risk psychosocial circumstances: Life events, social support, and symptom specificity“, in: Journal of Abnormal Psychology, Vol 92(3), 338-350.

[iii] DeVoe, S. E. & House, J. (2011): „Time, money, and happiness: How does putting a price on time affect our ability to smell the roses?“, in: Journal of Experimental Social Psychology.

[iv] Spoerl, H. (1943): „Der Mann der nicht warten wollte“, in: Marburger Zeitung, Jahrgang 83, Nr. 121/122, 1./2. Mai 1943, S. 8.

Katja Schwab

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

9 Kommentare

  1. Eben meine Sichtweise auf diesen Gedanken:

    Ob sich der Stau auflöst, ob die Bahn sich verspätet oder wir schneller in einer Warteschlange aufrücken können, liegt außerhalb unseres Einflussbereichs. Die eigene Macht- und Hilflosigkeit irritiert und ärgert uns.

    Man kann die Sachen auch auf dem Band liegen lassen und gehen, wenn es nicht schnell genug geht und keine andere Kasse verfügbar ist; oder man kann einfach in ein anderes Restaurant gehen, wenn man nicht bedient wird (habe ich erst am Montag in Amsterdam gemacht), man kann unter bestimmten Umständen eine Behörde verklagen, wenn sie eine Entscheidung nicht innerhalb einer angemessenen Zeit fällt, oder man kann beim Zugausfall auch ein Taxi nehmen und zum Flughafen fahren, wenn man sonst seinen Flieger verpassen würde, und der Bahn danach die Rechnung schicken.

    Zugegeben, vielleicht ist das nicht der beste Weg zu Gelassenheit; aber Beschwerdebriefe kann man auch gelassen schreiben. Der Vorteil ist aber: Wenn genügend Menschen sich wehren, dann werden womöglich strukturelle Maßnahmen ergriffen, um diese Probleme in der Zukunft nach Möglichkeit zu vermeiden; ansonsten geht es ewig so weiter.

    Vielleicht müssen wir zusammen eine Fortsetzung schreiben? 😉

  2. “Ich habe mich oft gefragt, ob nicht gerade die Tage, die wir gezwungen sind, müßig zu sein, diejenigen sind, die wir in tiefster Tätigkeit verbringen? Ob nicht unser Handeln selbst, wenn es später kommt, nur der letzte Nachklang einer großen Bewegung ist, die in untätigen Tagen in uns geschieht? Jedenfalls ist es sehr wichtig, mit Vertrauen müßig zu sein, mit Hingabe, womöglich mit Freude.” (Rainer Maria Rilke)

  3. “Wir wollen unsere Zeit auf keinen Fall vergeuden oder sinnlos verstreichen lassen.”

    Und doch verschwenden wir sie, in JEDEM Fall, fortwährend auf’s “Neue”, für die Sinnhaftigkeit von zufälliger Einmaligkeit, in dem wir unsere materialistisch-bedingte Bewußtseinsbetäubung stets dem kreislaufenden Zeitgeist des geistigen Stillstandes seit der “Vertreibung aus dem Paradies” (Evolutionssprung / Mutation) reformistisch anpassen – GLEICHERMAßEN unbearbeitete und somit leicht MANIPULIERBARE Glaubens- / Bewußtseinsschwäche in Angst, Gewalt und “Individualbewußtsein”, im nun “gesunden” Konkurrenzdenken des “freiheitlichen” Wettbewerbs um …, mit von Staat & Kirchen systemrational-GEBILDETER Suppenkaspermentalität auf Sündenbocksuche 😉 da wundert doch nichts!?

  4. Ein guter Artikel, in dem sich jeder ein wenig erkennen kann. Ja, keiner möchte gern warten. Spricht das aber nicht auch dafür, dass man sich im Leben nicht allein in Geduld und Gelassenheit üben sollte sondern die Ausdauer wird eben auch abverlangt. Hier könnte man dann wieder sagen: “Die Ausdauer ist das Maskottchen für das Leben.” Liebe Grüße

  5. “Wir wollen unsere Zeit auf keinen Fall vergeuden oder sinnlos verstreichen lassen”, behaupten Sie, Frau Schwab.
    Wenn das tatsächlich so wäre, gäbe es keine Unterhaltungsindustrie. Niemand würde sich stundenlang anschauen, wie zwei Jungs in kurzen weißen Hosen einen Filzball hin- und herprallen lassen, oder wie brüllende Autos im Kreis herumfahren. Ganz zu schweigen von all dem sinnlosen Zeug, das im Fernsehen/Kino/Internet sonst noch Zuschauer findet, oder von all den anderen Tätigkeiten, die nur dazu dienen, Zeit totzuschlagen. Und von denen gibt es viele.
    Der springende Punkt ist, daß der Mensch selbst entscheiden will, wann er Zeit vergeudet oder sinnlos verstreichen läßt. Wenn er diese Entscheidung nicht selbst getroffen hat, wenn ihm solche Phasen von außen aufgezwungen werden, dann zeigt er Ärger, Wut und Übersprungreaktionen. Aber eben erst dann.
    Wenn es dem Menschen tatächlich ein Bedürfnis wäre, “Zeit auf keinen Fall zu vergeuden oder sinnlos verstreichen lassen”, sähe unsere Welt anders aus …

  6. Ob Zeit als verschwendet oder vergeudet erlebt bzw. bewertet wird, kann natürlich nur subjektiv entschieden werden. Der Zeitbegriff hängt eng mit dem Phänomen des Planens zusammen und insofern stimme ich zu, dass der springende Punkt darin liegt, dass der Mensch vor allem dann ungeduldig wird, wenn er in seiner Planung gestört wird.

  7. Es gibt viele Möglichkeiten, Wartezeiten zu nutzen, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

    Es ist gut Toleranz oder Geduld zu üben, wenn dies angebracht ist. Es ist besser nicht in Situationen zu geraten, in denen beides zur Gewohnheit wird. Es ist noch besser Abhilfe zu schaffen, um Lösungen herbeizuführen, die keine besondere Toleranz oder Geduld erfordern, zumindest nicht regelmäßig. Geduld ist eine Tugend, geduldig sein zu müssen vermeidenswert.

    MFG
    Dr. W

  8. @Stephan

    Sorry, habe zu spät gesehen, dass dein Kommentar vom Spamfilter gefressen wurde. Dabei freue ich mich doch ganz besonders über Anregungen von Blognachbarn. Gelassen Beschwerdebriefe zu schreiben ist dann aber schon die hohe Kunst für Fortgeschrittene, oder?

  9. “… um diese Probleme in der Zukunft nach Möglichkeit zu vermeiden; ansonsten geht es ewig so weiter.”

    – so sprechen die Kinder / die glücklichen Sklaven der Globalisierung der “Dienstleistungsgesellschaft” 🙁

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