Patriotismus

Psychologieblog

„Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört.“ Willi Brandt in einer Rede vor dem Schöneberger Rathaus am 10.11.89

Anläßlich des vorvorgestern vor 18 Jahren stattgefundenden Mauerfalls erscheint hier ein kleiner Kommentar zum deutschen Nationalgefühl, über das ich in einer Spiegelausgabe gestolpert bin. Damals, im Trubel der fallenden Mauer bekam die Aussage „Ich bin Deutscher“ eine neue Konnotation. „Deutschsein“ war nun irgendwie besser, echter, größer und überhaupt. Das war jedenfalls mein persönlicher Eindruck – als Zehnjährige.

In meinen postpubertären Jahren stand die Frage nach der Existenz eines europäischen Gefühls stärker im Raum als nach dem Deutschtum. Anfang des Jahres brachte der Spiegel eine deutsch-historische Spezialausgabe: “Die Erfindung der Deutschen. Wie wir wurden, was wir sind“. Die darin enthaltenen Umfrageergebnisse sind hinsichtlich des deutschen Patriotismus durchaus interessant.

47 Prozent der Befragten betrachten die deutsche Geschichte mit positiven Gefühlen. Mit 36 Prozent fast genauso viele mit negativen Gefühlen. 14 Prozent hatten spontan mit „sowohl als auch“ geantwortet. Auf das Szenario: “Angenommen, Deutschland würde in einen Krieg verwickelt und auf deutschem Boden militärisch angegriffen. Wären Sie dann bereit, zur Verteidigung Deutschlands Ihr Leben oder das ihrer Angehörigen einzusetzen?“ reagierte mit 47 Prozent knapp die Mehrheit bejahend, während 42 Prozent verneinten.

Wie auch immer, über den Patriotismus der Deutschen darf, warum auch immer, seit der Fußballweltmeisterschaft wieder hemmungslos spekuliert werden ohne dass man sich verdächtig macht. „Die Deutschen, so schien es, waren endlich angekommen in ihrem Nationalstaat.“ resümiert Fischer. Doch nur kurz können sie sich in der Sicherheit der neuen Attitüde „ich-bin-deutsch-und-das-ist-gut-so“ ausruhen. Denn die nächste politische und damit menschliche Umwälzung steht an: „Sind wir noch Deutsche oder schon Europäer?“ Wer Patriotismus im Kern für eine düstere Leidenschaft  hält, wird sich vielleicht der Idee hingeben, dass sich die einzelnen Nationen in einem vereinten Europa verlieren.

"Der Nationalstaat kann es nicht mehr, und die Europäische Union kann es noch nicht.“ (1)

Das ist – auf eine spezielle Art und Weise – immer wieder eine interessante Debatte für den Stammtisch, das erste Kennenlernen oder den politischen Small Talk: die Frage nach der in Deutschland vorherrschenden gefühlten Gruppenzugehörigkeit. Fühlt sich der Weltbürger nicht eher als Europäer? Oder passt das eigene Nationalgefühl eher zum Bundesbürger? Ende 2006 sah sich der mit 65 Prozent Großteil der Befragten als „Deutscher“, 28 Prozent entschieden sich für „Europäer“, während 6 Prozent spontan „Beides“ antworteten.

Joschka Fischer, der mit seinem Essay das Schlusswort der Spiegel-Herausgabe schreibt und dem ich es auch hier überlassen möchte:“Die Nation wird auch im 21. Jahrhundert vor allem eines sein, nämlich Heimat.“

Quelle: Spiegel Special Geschichte: "Die Erfindung der Deutschen", 1/2007

(1) Zitat aus Essay von Joschka Fischer: "Wachstum oder Niedergang" in s.o. 

Katja Schwab

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

3 Kommentare

  1. Immer wieder ein seltsames Thema. Ich selbst bin von der Wichtigkeit und Notwendigkeit einer Patriotismus-Diskussion irgendwie nicht überzeugt. Mir gefällt die Staatsform und ich finde es toll, was hier in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg aufgebaut wurde. Ich ‘fühle’ mich weder als Deutscher, noch Europäer, noch Weltbürger oder was auch immer. Es fällt mir schwer zu einem solchen ‘Gebilde’ eine emotionale Bindung aufzubauen. Stolz darauf echte Freunde zu haben. Das sollte genügen.

  2. Mir ist der Patriotismus wichtig, auch schon vor der WM2006 und dem Mauerfall. Auf die Jahre 1933 bis 1945 bin ich natürlich alles andere als stolz. Aber diese Zeit auf eine typische deutsche Eigenart zurückzuführen, das ist mir zu einfach. Deutsch heißt ja nicht gleich Rassenwahn.

    Das Land in dem ich aufwuchs ist Heimat und auch ein Stück Identität. Europa hingegen ist mir zu abstrakt. Ich kenne es zu wenig. So etwas wie ein Nationalgefühl war schon längst überfällig. Wenn man dies für überflüssig hält, wozu will man dann noch verschiedene Staaten aufrecht erhalten? Käme das uns Menschen entgegen, wo wir doch auch Orientierung suchen? Ein Stückweit ist dazu das Nationalgefühl durchaus geeignet.

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