Non, je ne regrette rien!

"Reu' um Geschehnes ist verlorne Arbeit." Christian Dietrich Grabbe

Neuere Forschungserkenntnisse widersprechen diesem Zitat. Viele würden dieser Aussage sicher zustimmen und Reue als Zeitverschwendung abtun.

Dabei spielt das unangenehme Gefühl der Reue eine wichtige Rolle bei Lernprozessen und somit Erkenntnisgewinn.

Was wäre, wenn …

Gedanken dieser Art werden als kontrafaktisches Denken bezeichnet. Hierbei gibt es zwei Arten: den Aufwärtsvergleich und den Abwärtsvergleich.

Aufwärts vergleichen wir, wenn eine gegebene Situation mit einer hypothetisch besseren Situation, die uns wünschenswerter oder angenehmer erscheint, verglichen wird. Diese Art des sozialen Vergleichs trägt leider kaum etwas zur Steigerung unseres Wohlbefindens bei. Das klassische Beispiel wäre der dauerhafte Ärger beim Blick aus dem Fenster auf das schönere, größere Nachbarhaus.

Es hätte schlimmer kommen können …

Viel besser bekommt uns ein kontrafaktischer Abwärtsvergleich. Hier wird die Ausgangslage mit hypothetisch schlechteren Alternativen verglichen, was unsere Gefühlslage eher aufhellt.

Antagonistisches Denken

Ein grundlegendes Prinzip des Denkens zeigt sich im so genannten Kontrasteffekt. Ein amerikanisches Forscherteam um Medvec von der Cornell University hat entdeckt, dass Gewinner der Bronzemedaille glücklicher sind als die stolzen Gewinner der Silbermedaille. Die Zweiten konzentrieren sich eher auf den Spitzenplatz: "Beinahe hätte ich Gold gewonnen.", während sich die Drittplatzierten zufrieden darin sonnen überhaupt das Siegertreppchen erklommen zu haben: "Beinahe wäre ich nur Vierter geworden."

"Es ist besser zu handeln und dann zu bereuen, als zu bereuen, nicht gehandelt zu haben." Mellin de Saint-Gelais

Psychologische Studien unterstützen die Aussage, dass wir nicht die Dinge bereuen, die wir tun, sondern nur die Dinge, die wir nicht getan haben. Wir haben scheinbar für eine ausgeführte Handlung sehr viel leichter eine sinnvolle Erklärung parat als für eine unterlassende Handlung. Das Gehirn konzentriert sich auf aktuelle Geschehnisse und registriert nicht vorhandene Dinge eher am Rande.

Entgegen der weitläufigen Annahme, dass es Freiheit und somit Glück bringt, wenn man sich Alternativen offen hält, weisen neuere Untersuchungen darauf hin, dass man mit Entscheidungen, die wir noch ändern können, unglücklicher ist, als mit einem unveränderlichen Beschluss. "Erkennen zu müssen, dass ein Geschäft abgeschlossen ist, bringt das Grübeln darüber zum Erliegen."

Kontrafaktisches Denken ist eine Schlüsselkomponente des stillen und effektiven Gehirnsystems, das es uns ermöglicht, die Realität zu begreifen, aus Fehlern zu lernen, voranzukommen und unsere Lebensumstände zu verbessern.

Quelle: Psychologie Heute, Märzausgabe 2007, "Ach, hätte ich doch …"

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

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