Digitale Kinderwelten

Schon seit fast zwei Stunden dringt kein Laut durch die Tür, obwohl sich dahinter eigentlich Ihr lebensfrohes und aktives Kind befinden müsste. Eine ungewöhnliche Stille hat sich wie ein dichter Nebel in Ihrem Zuhause ausgebreitet, die manchmal nur durch leises Klicken der Tastatur oder ein verhaltenes Kichern unterbrochen wird. Blaues Licht sickert durch den Türspalt und verliert sich langsam in der Dunkelheit. Sie spähen durch den Spalt, sehen aber nur den Hinterkopf Ihres Kindes, weil es ununterbrochen auf den Monitor starrt. Es scheint in einer Parallelwelt zu sein, unerreichbar für die Reize unserer irdischen Welt. Was – fragen Sie sich – macht es da?

Facebook, Twitter, YouTube, WhatsApp, Skype, Dropbox, ICQ – das sind nur einige Vertreter der neuen Vernetzungsmöglichkeiten im Internet. Jede Woche entstehen neue Web-Applikationen. Was heute noch angesagt war, ist morgen schon out. Die Veränderung durch den digitalen Fortschritt ist ein hochaktuelles und brisantes Thema unserer Gesellschaft und wird kontrovers diskutiert. Während einige Bücher vor den negativen Einflüssen der digitalen Medien auf das kindliche Gehirn warnen,[i] plädieren andere Stimmen für einen entspannten Umgang mit den neuen Möglichkeiten.[ii]

Während die Jungen mit digitaler Technologie aufwachsen, entwickeln die Älteren erst vergleichsweise spät einen Bezug zum Netz. Um den Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen zu verdeutlichen, haben sich die Bezeichnungen „Digital Natives“ (nach 1965 geboren) und „Digital Immigrants“ (vor 1965 geboren) herausgebildet. Das heißt, wenn Sie sich mit den oben genannten Netzwerken auskennen, sind Sie wahrscheinlich jünger als 47 Jahre. Diese beiden Gruppen unterscheiden sich nicht nur in der Häufigkeit der Techniknutzung, sondern auch in der Art des Gebrauchs. Während sich viele der Älteren immer noch mit dem E-Mail-Programm auf ihrem PC herumärgern, kommuniziert die jüngere Generation gekonnt via Tablet und Smartphone und erledigt gleichzeitig mit Hilfe von Google die Hausaufgaben.

Eltern kommen da kaum mehr mit. Ihre Kinder haben sie mit ihrem Wissen über das Internet und seine Möglichkeiten längst abgehängt. Mit diesem fehlenden Wissen geht Unsicherheit einher: Was macht mein Kind da? Begibt es sich in Gefahr? „Meine Mutter weiß über das Internet nur so viel, wie sie damals über meinen frühen Zigarettenkonsum im Gebüsch beim Hallenbad wusste: Sie tut es und es ist ungesund“, schreibt eine Bloggerin. Was wir nicht kennen, finden wir in der Regel nicht gut. Deshalb stehen viele Eltern den so genannten neuen Medien mit Skepsis oder Ablehnung gegenüber und wollen mit diesem „neumodischen Schnick Schnack“ nichts zu tun haben. Solche Vorbehalte haben jedoch weniger mit dem Internet an sich zu tun, sondern sind vielmehr Teil einer kulturpessimistischen Tradition. Bereits 370 vor Christus warnt Platon in seinem Werk „Phaidros“: „Wer die Schrift gelernt haben wird, in dessen Seele wird zugleich mit ihr viel Vergesslichkeit kommen, denn er wird das Gedächtnis vernachlässigen. (…)“.[iii] Dieses Argument spielt auch heute eine gewichtige Rolle in der Debatte um die Nutzung von Suchmaschinen oder Navigationsgeräten. Mit dem Aufkommen von Kurznachrichten (SMS, Twitter) wurde sich um die Verrohung der Sprache, die Reduktion der Ausdrucksvielfalt und den Verlust von Rechtschreibfertigkeiten gesorgt. Auch als 1869 die Postkarte offiziell eingeführt wurde, befürchteten viele den Untergang der Schriftsprache. Wenn eine neue Technik mit Denken, Schreiben oder Lesen zu tun, dann verändert sie bestimmt unsere Denk-, Schreib- und Lesetechniken zum Negativen. Das ist die Hauptthese, vertreten unter anderem von dem Hirnforscher Manfred Spitzer, der eine allgemeine digitale Demenz befürchtet.[iv]

Es dauert derzeit schätzungsweise 10 bis 15 Jahre, bis eine Neuerung die vorhersehbare Kritik hinter sich gelassen hat.[v] Das Interessante am Missfallen gegenüber neuen Entwicklungen ist, dass dieser stark vom Lebensalter und weniger vom Gegenstand der Kritik abhängt: „Alles, was es schon gibt, wenn du auf die Welt kommst, ist normal und üblich und gehört zum selbstverständlichen Funktionieren der Welt dazu. Alles, was zwischen deinem 15. und 35. Lebensjahr erfunden wird, ist neu, aufregend und revolutionär und kann dir vielleicht zu einer beruflichen Laufbahn verhelfen. Alles, was nach deinem 35. Lebensjahr erfunden wird, richtet sich gegen die natürliche Ordnung der Dinge“, schrieb der britische Schriftsteller Douglas Adams.[vi]

So fremd vielen Eltern das digitale Treiben ihrer Kinder ist, so sehr sind diese von den Möglichkeiten des Internets fasziniert. Wer älter als zwölf Jahre ist und keinen Facebook-Account hat, setzt quasi seine soziale Existenz aufs Spiel. Das soziale Leben, wie beispielsweise Neuigkeiten austauschen, Treffen vereinbaren, mit Freunden schwatzen, findet heute zu einem Großteil in Online-Communitys statt. Soziale Netzwerke werden neben Suchmaschinen und Videoportalen von 78 Prozent der 12- bis 19-Jährigen mehrmals pro Woche genutzt. 57 Prozent besuchen sogar täglich die eigenen oder fremden Profile im Netzwerk.[vii] Die Mehrzahl der 7- bis 10-Jährigen nutzt bereits den Internet-Zugang im Elternhaus, bei den 15- bis 17-Jährigen sind es fast alle. Selbst in der Gruppe der 4- bis 6-Jährigen hat bereits jedes fünfte Kind Internet-Erfahrung. Wir können den digitalen Fortschritt nicht aufhalten, deshalb ist es besser, sich mit den Änderungen auseinanderzusetzen, anstatt die Augen zu verschließen. Auch wenn viele Kinder den Umgang mit Smartphone und Laptop besser als ihre Eltern beherrschen, bedeutet das noch lange nicht, dass sie über genügend Medienkompetenz verfügen. Es ist Aufgabe der Eltern, ihren Kindern beizubringen, wie sie sich vor Gefahren schützen können – sowohl offline als auch online. So wie Sie dafür Sorge tragen, dass Ihr Kind nicht im Dunklen allein in zwielichtigen Gegenden unterwegs ist, können Sie auch darauf achten, dass es im Internet nicht in düstere Ecken gerät. Eine hundertprozentige Kontrolle gibt es nicht, deshalb müssen wir mit unseren Kindern im Gespräch bleiben und uns für ihre digitale Welt interessieren. Kinder erzählen und erklären uns mit Begeisterung, was sie beschäftigt und was sie entdeckt haben. Dadurch haben wir die Chance, uns mit den Inhalten auseinanderzusetzen, können in anschließenden Gesprächen mit anderen Eltern das Für und Wider ausloten und durch gezielte Grenzsetzung potenzielle Gefahren abwenden.

Stellen Sie sich vor, Ihr Kind erzählt überschäumend von einem Budenbau im Wald mit seinen Freunden. Bei aller Freude über die Begeisterungsfähigkeit und Kreativität werden Sie auch wissen wollen, wie unfangreich und sicher der Bau geplant ist und welche Gefahrenquellen möglicherweise entstehen können, die Ihre Kinder aufgrund ihres Alters noch nicht überblicken können. Wenn wir hier aus Angst vor möglichen Verletzungen und eigener Überforderung sofort ein Verbot aussprechen, nehmen wir dem Kind die Freude am Bau und gehen das Risiko ein, dass es seine künftigen Aktivitäten vor uns geheim hält. So erfahren wir möglicherweise nicht, dass der Freund ein Lagerfeuer in der Bude vorbereitet hat.

So wie wir unsere Kinder bei der Eroberung der realen Welt anregen, fördern und unterstützen, so sollten wir sie auch bei ihrem Weg durch den digitalen Raum begleiten. Fehlt uns das Know-how, sind wir gefordert, uns Hilfe und Unterstützung zu holen. Je besser wir das Internet als wichtigen Kulturraum für unsere Kinder kennen, umso besser können wir reale Risiken einschätzen und handhaben – und gelassener mit dem Thema umgehen.

Das ist ein Beitrag aus meinem Buch: „Das kleine Handbuch für mehr Gelassenheit im Alltag“, (2013), Freiburg im Breisgau: Kreuz Verlag.


[i] Small, G. & Vorgan, G. (2009): „iBrain – Wie die neue Medienwelt Gehirn und Seele unserer Kinder verändert“, Stuttgart: Kreuz Verlag. Oder: Spitzer, M. (2012): „Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“, München: Droemer Knaur Verlag.

[ii] Haeusler, J. & Haeusler, T. (2012): „Netzgemüse. Aufzucht und Pflege der Generation Internet“, München: Wilhelm Goldmann Verlag.

[iii] Platon: „Phaidros“, in: „Gastmahl/Phaidros/Phaidon“ (1978), Wiesbaden: VMA Verlag, S. 143.

[iv] Spitzer, M. (2012): „Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“, München: Droemer Knaur Verlag.

[v] Merkur, Heft 727 (12/2009): „Standardsituationen der Technologiekritik” von Passig, K.

[vi] zitiert nach: Haeusler, J. & Haeusler, T. (2012): „Netzgemüse. Aufzucht und Pflege der Generation Internet“, München: Wilhelm Goldmann Verlag, S. 7.

[vii] Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hrsg., 2012): „Jugend, Information, (Multi-) Media: Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland“, Stuttgart.

Veröffentlicht von

Katja Schwab ist Diplom-Psychologin, Kommunikations- und Verhaltenstrainerin, systemische Körperpsychotherapeutin und zur Zeit in Ausbildung zur tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wir können den digitalen Fortschritt nicht aufhalten, deshalb ist es besser, sich mit den Änderungen auseinanderzusetzen, anstatt die Augen zu verschließen.

    Wir wollen den zeitgenössischen netzwerkbasierten Austausch unterstützen und gerade dabei auch die Kinder.
    ‘Düstere Ecken’ und ‘zwielichtige Gegenden’ sind im Web selten und Kinder haben oft ein gutes Gespür dafür, wenn Perverslinge “am Start” sind.
    Es gibt hier ganz primär den guten Rat nicht unter voller Namens- und Adressnennung “am Start” zu sein.
    MFG
    Dr. W

    • Ja, das Pseudonym ist der allerwichtigste Grundsatz. Genau wie der Grundsatz keine Fotos hoch zu laden, oder nur Fotos, auf denen man nicht eindeutig erkennbar ist. Kindern kann man solche Grundsätze mit Sicherheit noch sehr gut beibringen, bei Jugendlichen wird es schwieriger – wenn die beste Freundin hübsche (“geshoppte”) Fotos von sich hochlädt, dann werden die meisten von sich auch Fotos hochladen wollen. Vielleicht ist eine Sensibilisierung der Kinder daher umso wichtiger, damit diese als Jugendliche genug “Denkkraft” in diesem Bereich haben.

      Ich glaube auch noch an das Gute im Menschen und denke auch das wirklich “Düstere Ecken” (im Sinne von könnte physisch gefährlich werden”) selten sind. Überschwemmenden Berichten von Pädophilie usw. mag ich in der Häufigkeit nicht so recht glauben (meiner Meinung nach versuchen diese etwas als “normal” darzustellen, was nicht “normal” ist).

      Insofern das Internet gefährlich sein könnte, weil es schonungslos alles zeigt, was es in der Realität geben kann (inkl. Pornos) denke ich, dass man Kinder und Jugendliche da nicht dahingehend unterschätzen darf, als dass man ihnen eine totale Hilflosigkeit unterstellt. Meine Meinung ist, dass wenn Kinder und Jugendliche psychisch gesund sind (was leider alles zum allergrößten Teil vom Elternhaus abhängt), diese auch von sich aus nicht durch solche Dinge Schaden nehmen (ich hoffe jedenfalls, dass ich damit Recht habe).

      Der dritte Punkt wäre evtl. noch eine psychische Gefährlichkeit durch Beeinflussung im Sinne zB. von (politischer) Meinungsmache etc.. Ich denke das das Fernsehen hier 100 x schlimmer und gefährlicher ist. Andere Beeinflussung durch Gruppenzwang etc. könnte evtl. wieder nur durch bestimmten Grundsätzen (s.o.) in der Kindheit vorgebeugt werden.

      Mein Fazit ist, dass leider wieder mal den Eltern die größte Rolle dabei zukommt, ihren Kindern eine vernunftbezogene Denkweise zum Thema Internet beizubringen. Leider bekommen die Eltern eine immer größere (und damit verantwortungsvollere) Aufgabe in der Erziehung, je komplexer die Welt wird und umso mehr man den Kindern, die das alles nicht von sich aus kennen und verstehen können, die Welt erklären muss. Die Schule kann eine solche Aufgabe nicht mehr erfüllen und ich persönlich würde es ihr, auch wenn sie es behaupten würde (!), nicht zutrauen.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben