Wenn sich 1000 Astronom*innen virtuell treffen – EAS Tag 2: Afrika

Heute steht Tag 2 der grossen Online Konferenz an. Wieder gibt es eine Vielzahl von Parallelsessions, doch interessiert mich vor allem eines heute: Astronomie in Afrika. Das hat auch persönliche Gründe, war ich letztes Jahr am Radioteleskop in Ghana zu Besuch, welches Astronom*Innen für das SKA ausbildet.

Afrika hat historisch gesehen schon eine lange Tradition in der Astronomie. Das Cape Observatorium in Südafrika wurde 1827 von der britischen Kolonialmacht errichtet und war eines der ersten Teleskope in der südlichen Hemisphäre. Die Briten haben diese Einrichtung als wichtiges Symbol des “zweiten britischen Reiches” betrachtet. Das Observatorium wurde dazumal ausschliesslich von westlichen Wissenschaftlern verwendet. Wir sehen, Astronomie und Kolonialismus hat eine lange, wie auch unrühmliche Vergangenheit – welche auch heute, 200 Jahre später – noch hoch aktuell ist und zum Beispiel zu den legitimen Demonstrationen auf Hawai’i führte, wo die indigene Bevölkerung gegen die Baupläne eines neuen Riesenteleskops kämpft.

Doch es hat sich auch einiges geändert in der Geschichte der Wissenschaft. Südafrika ist heute eines der führenden Länder in der Astronomie und bildet eine Vielzahl afrikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus, welche sich ihren Platz auf der internationalen Bühne verdient haben.

Das Cape Observatorium.
Das historische Cape Observatorium in Südafrika. Bild: public domain.

Auch wird der nächste Quantensprung in der Astronomie in Afrika stattfinden. Mit dem Square Kilometer Array (SKA) wird in Südafrika das grösste Radioteleskop der Welt konstruiert. Das SKA wird nicht nur die Astronomie revolutionieren, es stellt auch einen wesentlichen Beitrag für die Entwicklung von Afrika dar.

Das DARA Projekt, welches für Development in Africa with Radio Astronomy steht, also übersetzt Entwicklung in Afrika mit Radio Astronomie heisst, setzt sich dafür ein, dass Afrika in Technik und Bildung investiert – und zwar von den afrikanischen Ländern selbst ausgehend. Das SKA wird eine Vielzahl von Berufsgruppen benötigen, von Konstruktionsspezialisten, Informatikerinnen, administrativem Personal, Wissenschaftlern und vielen weiteren. Wären früher diese Spezialisten aus dem Westen eingeflogen worden, bildet Afrika sie heute selber aus. Wir können uns dies am Beispiel Ghana veranschaulichen.

Um junge Astronom*Innen auszubilden, werden in Afrika derzeit alte Kommunikationsschüsseln identifiziert und für astronomische Zwecke ausgebaut. So auch in Kutunse, einem Vorort der ghanaischen Hauptstadt Accra. Diese 32-Meter Kommunikationsschüssel stand seit Jahrzehnten brach. In Zusammenarbeit mit Südafrika wurde das benötigte Geld investiert, um diese Anlage wieder tüchtig zu machen. Das benötigte unter anderem Ingenieure, welche den Parabolspiegel, die Röhren und Stützen reparierten und für die astronomischen Zwecke aufrüsteten. Das brachte Techniker und Astronomen zusammen. Einige dieser Techniker bekamen später Anstellungen bei der ghanaischen Energiebehörde, da Ghana erst kürzlich Öl gefunden hat und nun dringend Ingenieure benötigt, welche die Röhren herstellen können.

Das Kutunse Observatorium mit dem 32 Meter Radioteleskop in Ghana während den Bauarbeiten. Bild: SKA SA.

Am Kutunse Observatorium wird von der DARA jedes Jahr eine mehrwöchige Schulung für afrikanische Studierende angeboten. Diese wird unter anderem von James Okwe Chibueze geleitet, welcher heute eine Professur in Südafrika hält und wissenschaftlicher Leiter im SKA ist. Prof. Chibueze hat eine internationale Karriere hinter sich. Ursprünglich aus Nigeria hat er lange Zeit in Japan geforscht. Sein Spezialgebiet ist Charakterisierung von MASERs, das sind astrophysikalische Lasers im Mikrowellenbereich. Er war auch mit-verantwortlich für die Restaurierung des Kutunse Teleskops und pendelt regelmässig zwischen Südafrika und Ghana, um die Leute vor Ort wissenschaftlich zu beraten.

Die Konstruktion des Kutunse Observatoriums blieb natürlich in Ghana nicht unbemerkt und hat grosses Interesse für die Astronomie und somit auch für die Wissenschaft ausgelöst. In Accra gibt es ein Planetarium, und zwar das einzige Planetarium in ganz Westafrika, welches als Bildungseinrichtung Schulklassen in ganz Ghana Zugang zur Astronomie ermöglicht. Der Enthusiasmus der Mitarbeitenden dort hat mich persönlich berührt. Einer der Helfer, mit dem ich gesprochen habe – hauptberuflich Näher – hat erst im Erwachsenenalter Lesen und Schreiben gelernt, dies, um seine Faszination für den Himmel zu verwirklichen (in Ghana ist die Schule eigentlich obligatorisch und somit ist Lesen und Schreiben im Curriculum vorhanden, aber nicht jede Familie kann sich das Leisten). Es ist kein Mythos, dass sich die Faszination Astronomie direkt in Bildung umschlägt. Das Planetarium selbst wurde von einem Arzt privat gestiftet, wird aber heute über Eintritte und Spenden finanziert.

Auch in Ostafrika schreitet die Entwicklung der Astronomie voran. Zum Beispiel wurde in Äthiopien in den letzten zehn Jahren ein Departement für Astronomie aufgebaut, mit dem Ziel, internationale Topforschung zu betreiben. Heute gibt es die ersten lokalen Master und Ph.D. Studierenden, welche wissenschaftlich publizieren. Unter anderem haben Beyoro-Amado et al. (2019, MNRAS) den detailreichsten morphologischen Katalog des Galaxienhaufens Cl0024.0+1652 erstellt.

Profilbilder der Wissenschaftler aus Äthiopien.
Die Gruppe von Mirjana Povic in Äthiopien. Bild: Povic.

Ein weiteres Ziel Äthiopien mit diesem Institut ist es, einen eigenen Satelliten zu konstruieren und ins All zu schiessen. Der Satellit soll Wasserverläufe beobachten, damit Dürren vorhergesagt und somit passend reagiert werden kann.

Viele afrikanische Länder haben das Potential der Astronomie erkannt, um ihre Infrastruktur aufzubauen. Denn Astronomie bedeutet nicht nur, durch ein Teleskop zu schauen, sondern enthält Kernkompetenzen wie Mathematik, Physik, Chemie und Biologie, Datenanalyse und Datenspeicherung, Technik und Kommunikation und vieles mehr. Und Afrika hat im Umkehrschluss viel der Welt-Gemeinde zu bieten, was in der Astronomie heiss begehrt ist: hoch motivierte Leute und einen wahrhaft dunklen Himmel.

Oliver Müller

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Studiert habe ich Physik an der Universität Basel. Eigentlich mit dem Ziel, Lehrer zu werden, bin ich doch noch in der Wissenschaft hängen geblieben. An der gleichen Uni habe ich dann als Letzter im Fach Astronomie promoviert, kurz darauf wurde die Astronomie geschlossen. Zurzeit arbeite ich mit einem Forschungsstipendium des Schweizerischen Nationalfonds an der Universität Strasbourg. In meiner Forschung verwende ich verschiedene optische Teleskope, wie etwa das Very Large Telescope. Mein Arbeitsfeld ist die extragalaktische Astronomie, vorallem die kleinsten Galaxien im Universum – die Zwerggalaxien – begeistern mich seit Jahren. Dies, da sie das beste Labor für die Erforschung der Dunklen Materie und alternative Gravitationstheorien darstellen.

1 Kommentar

  1. Astronomie: Von der Vermessung des Himmels zur Vermessung der Welt
    Ja, Astronomie steht oft am Anfang eines Prozesses, in der Messung, Reproduzierbarkeit, Instrumentenbau, physikalische Erkenntnis und Theoriebildung aufblühen und die übrige wissenschaftlich/technische Entwicklung befruchten. Das gilt schon für die Maya-Kultur (Maya-Kalender) und erst recht für das Zeitalter, das mit Galileo Galilei begann und das geprägt war durch die Verbindung von Beobachtung/Experiment und Theorie – also für das empirische Zeitalter in dem wir immer noch leben.
    Mit Astronomie beginnt quasi die Vermessung des Himmels und die wird dann bald darauf zur Vermessung der Welt (Daniel Kehlmann).

    Wer also über Astronomie in Afrika betrieben durch Afrikaner berichtet, der berichtet über einen Kontinent, der nun nicht mehr von anderen vermessen und aufgeteilt wird, sondern der den Himmel und die Welt selbst zu vermessen beginnt.

    Afrika als immer noch dunkler Kontinent?
    Wer etwa in Spiegel online oder NZZ online die Suchanfrage Afrika eingibt, der findet auch aktuell und heute noch vor allem Dinge zu Kolonalismus, Rassismus, vergangenem und brandaktuellem Despotismus, Krankheit, Kinderarbeit, Analphabetismus, Armut und Krieg – vor allem wenn es um die subsaharischen Gebiete Afrikas geht.
    Quasi auf der positiven Seite findet man dann in den Berichten des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), dass Afrika – verglichen mit dem Rest der Welt – kaum Treibhausgase ausstösst und in den Projektionen/Szenarien des IPCC bleibt das auch im Jahre 2050 oder 2070 immer noch so.

    Doch da täuschen sich möglicherweise und hoffentlich die meisten: Afrika und die Subsahara kann in 30 oder 50 Jahren viel weiter, autonomer und dynamischer sein als heute und dazu passt gerade die sich entwickelnde Astronomie in verschiedenen afrikanischen Ländern.

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