Kick it like Einstein: ¡Viva Chile, mierda!

BLOG: Promotion mit Interferenzen

Auf dem Weg zum Profi-Astronomen
Promotion mit Interferenzen
 
Chile ist ein Land der Gegensätze. Klimatisch reicht es vom ewigen Eis der Antarktis bis in die (normalerweise) trockene Steinwüste Atacama im Norden. Es ist über 4000 Kilometer lang, aber nur 180 Kilometer breit. Es beherbergt die modernsten Teleskope der Welt, von denen die meisten Chilenen aber höchstens wissen, dass es sie gibt. (Aber sie sind mächtig stolz darauf!)
 
Chile als Land der Naturwunder: Auf über 4000 Meter gelegen, wirkt die Laguna Miscanti wie von einer anderen Welt
 
 
Das El-Tatio-Geysirfeld, ebenfalls über 4000 Meter hoch gelegen, gehört zu den größten Geysirfeldern der Welt: Jeder 10. Geysir der Welt befindet sich hier. Es wird besonders gerne im Morgengrauen besucht, wo die Geysire aktiv werden und der heiße Wasserdampf eindrucksvoll in der kalten Luft kondensiert.
 
Chile gilt als das fortschrittlichste Land Südamerikas, mit der geringsten Analphabetenrate des Kontinents, der geringsten Kriminalität und der modernsten Infrastruktur. Mein chilenischer Freund und Kollege Maximiliano Moyano war sehr verwundert, als er in Deutschland wochenlang auf einen DSL-Anschluss warten musste; in Chile ginge das innerhalb weniger Tage.
 
 
 Nicht nur die Astronomie hat sich seit den 60er Jahren weiterentwickelt. Rechts: Eine ESO-Expedition um eine sehr gute Beobachtungsstätte in Chile zu finden (1963) (Bild: ESO); links: Die ALMA-Antennentransporter gehören wohl zu dem schwersten Gerät, das jemals über 5000 Meter herumgekurvt ist.
Chile ist aber vor allem das Land der Astronomie. Seitdem die ESO 1964 den Berg La Silla kaufte, um für die ersten Teleskope einen Standort zu finden, wuchs nicht nur die europäische Astronomie in Chile ungebremst. Mittlerweile pflegt die ESO bekannterweise auch den Standort Cerro Paranal, wo das VLT(I) und VISTA (und irgendwann vielleicht auch noch VST) untergebracht sind. Vom Paranal aus sieht man wiederum den Cerro Armazones, wo in einigen Jahren das E-ELT, das 42m-Riesenteleskop der ESO, gebaut werden soll. Außerdem ist die ESO aktiv auf dem Llano de Chajnantor, einem über 5000 Meter hohen Plateau an der bolivianisch-argentinischen Grenze, aber noch in Chile. Dort steht das Radioteleskop APEX, und ALMA wird dort gerade von einer Kooperation aus Japanern, US-Amerikanern und Europäern gebaut.
 
 
 Auf über 5000 Metern steht das Radioteleskop Atacama Pathfinder Experiment (APEX). Als ich es vor gut zwei Jahren besuchte, merkte ich deutlich die Höhe: Um zwei kleine Treppen vom Boden zum Instrumenten-Raum des Teleskops zurückzulegen, musste ich die eine oder andere Atempause einlegen.
 
Nicht weit von APEX entfernt, wird gerade ALMA gebaut, ein Riesen-Interferometer aus 66 "Antennen". Hier: Blick vom noch leeren ALMA-Kontrollgebäude auf 5200 Metern auf die Hochebene, wo ALMA entsteht (Mai 2008).
Denn nicht nur die Europäer haben Chile für sich entdeckt. Weitere Teleskope von internationalem Rang sind etwa das 8m-"Gemini South"-Teleskop  (der nördliche Bruder steht auf Hawaii), die beiden 6.5m-Magellan-Teleskope des Las-Campanas-Observatoriums und das Cerro Tololo Inter-American Observatory. Es muss also in Chile irgendetwas geben, was die ganze Welt dorthin treibt!
 
 Ist es der Pisco sour? Der chilenische Nationaldrink aus Weinbrand, Limetten, Zucker und rohem Ei erfreut sich in jeder Runde großer Beliebtheit.
Es sind nicht nur die vielen wolkenfreien Nächte pro Jahr, die Abgeschiedenheit in der Atacama-Wüste und das vielleicht beste Seeing der Welt. Für Infrarot-Instrumente (z.B. am VLT) und für die sub-mm-Astronomie (ALMA) ist vor allem eine möglichst geringe Wassersäule (engl.: "precipitable water vapour", PWV) über dem Teleskop von Bedeutung, da Wasser Infrarot- und sub-mm-Strahlung sehr effizient absorbiert. In guten Nächten hat man am VLT PWVs von unter 2mm und für die ALMA-Site gibt die ESO ein typisches PWV von sogar nur 1mm an. Zum Vergleich: Bei 20° Celsius und 50% Luftfeuchtigkeit sind bereits in einem Kubikmeter Luft etwa 9 ml Wasser vorhanden.
 
 Wenn Infrarot-Astronomen mal mehr als ein paar Tage am VLT sind und nicht nur die Vollmond-Nächte sehen, zeigt sich ihnen ein fantastisch dunkler Himmel über dem Cerro Paranal. Hier: 30 Sekunden mit einer Canon-Spiegelreflexkamera belichtet und etwas nachbearbeitet, damit man das Bild besser erkennen kann. Der Schatten im Vordergrund ist eines der "Unit Telescopes". Außerdem ist eine Satellitenspur durch die Milchstraße erkennbar.
Aber betreiben die Chilenen auch selbst Astronomie? An den verschiedenen Universitäten des Landes (etwa der Uníversidad de Chile oder der Uníversidad Católica, beide in Santiago) gibt es oft international bedeutende Astronomie-Abteilungen. Dazu gibt es einen regen internationalen Austausch. Max etwa ist, wie ich, in der International Max-Planck Research School for Astronomy and Cosmic Physics. Er zeigte mir gestern als Reaktion auf die Frage, wie international die chilenische Astronomie ist, stolz eine E-Mail seines Diplom-Betreuers an ehemalige Kollegen: Die meisten der Doktoranden auf der Empfängerliste hatten Adressen am MIT, in Cambridge, an der University of Texas, an verschiedenen MPIs und anderen sehr guten Instituten der Welt.
Wenn sie später einmal nach Chile zurückkehren und eine der begehrten "Académicos"-Stellen an einer chilenischen Uni ergattern, steht den Astronomen dort die gesamte Vielfalt der chilenischen Teleskope offen. Denn als Zugeständnis an die Landnutzung müssen alle astronomischen Observatorien chilenischen Astronomen einen festen Teil der Beobachtungszeit überlassen.

Leonard Burtscher

Veröffentlicht von

www.ileo.de

Nach dem Studium der Physik in Würzburg und Edinburgh, habe ich mich in meiner Diplomarbeit mit der Theorie von Blazar-Spektren beschäftigt. Zur Doktorarbeit bin ich dann im Herbst 2007 nach Heidelberg ans Max-Planck-Institut für Astronomie gewechselt. Von dort aus bin ich mehrere Male ans VLT nach Chile gefahren, um mithilfe von Interferometrie im thermischen Infrarot die staubigen Zentren von aktiven Galaxien zu untersuchen. In dieser Zeit habe ich auch den Blog begonnen -- daher der Name... Seit Anfang 2012 bin ich als Postdoc am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching im Norden von München. Dort beschäftige ich mich weiterhin mit Aktiven Galaxien und bin außerdem an dem Instrumentenprojekt GRAVITY beteiligt, das ab 2015 jeweils vier der Teleskope am VLT zusammenschalten soll.

5 Kommentare

  1. el pisco es peruano…

    “Ist es der Pisco sour? Der chilenische Nationaldrink” – Sag das aber keinem Peruaner! Der wird dir dann entrüstet erklären, dass der Pisco Sour selbstredend das *peruanische* Nationalgetränk ist, ursprünglich aus Peru stammt und von den Chilenen (wie auch die Atacama selbst) geklaut wurde!

  2. TOLLER ARTIKEL!
    Hach, Chile selbst ist toll!

    Danke dafür! (aber rohes Ei im Pisco Sour? Entweder ich war jedes Mal zu betrunken um das zu bemerken oder wir haben den wirklich immer ohne Ei getrunken. ;))

  3. Pisco Sour

    Hallo Josephine,
    danke für Deinen Kommentar. Ich hätte ja nicht gedacht, dass der Pisco sour solche Reaktionen auslöst! 😉
    Grüße, Leo

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